Wo die Theater-Bomben dröhnen

21. April 2022. Grell gellen die Schreie und die Sirenen schlagen an, zwischendurch flüstert charismatisch der Tugendterrorist: Oliver Frljić und vier Spielerinnen setzen mit "Dantons Tod / Iphigenie" am Gorki Theater ein Fanal gegen den Krieg.

Von Elena Philipp

21. April 2022. "In den finsteren Zeiten", so beginnt die Frage nach der Kunst im Krieg, "Wird da auch gesungen werden?" Ja, versichert Vidina Popov mit Brecht: "Da wird auch gesungen werden. Von den finsteren Zeiten." Fester Blick ins Publikum, Black. Für seinen Gesang von den dunklen Dingen, "Dantons Tod / Iphigenie", hat Oliver Frljić sich Euripides und Georg Büchner ausgeschaut und sie im ersten Teil seiner "Kriegstrilogie" am Berliner Gorki mit Brecht gelesen. Vorn an der Rampe der kargen weißen Vorderbühne stehen kleine grüne Büsten von Büchner, Brecht und Heiner Müller, den Autoren dieser geplanten Trilogie, mit der das Gorki und sein Hausregisseur prompt auf den Angriffskriegs gegen die Ukraine reagieren.

Warum soll eine Idee nicht vernichten dürfen?

Auftritt Kenda Hmeidan vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang. Selbstsicher schlendernd, verschwörerisch lächelnd. Rot umrandete Augen, grau geschminkter Mund, in modischem Military-Look. Mit goldenem Osterhasen unterm Arm, und mit leise lullender Stimme: Grausamer als die Natur sei der Wohlfahrtsausschuss nicht, nein. Vernichte die Natur doch Tausende durch Seuchen, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, erklärt sie mit entspannter Grazie – und tritt wie nebenbei dem Schokoladenhasen den Kopf vom Rumpf. "Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik, vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt?", gibt nun Çiğdem Teke in der Rolle des Revolutionsradikalen zu bedenken. Eine Umgestaltung der menschlichen moralischen Natur verlange Blut, die alte verdorbene Generation müsse aufgerieben werden, übernimmt Yanina Cerón, die St. Justs Zeilen mit erhobener Stimme ins Publikum skandiert. Und dafür dienten die Guillotine und der Krieg. – Bam!

DantonsTod Iphigenie 1 Ute LangkafelHeute ein:e König:in, morgen ohne Kopf: Vidina Popov, Çiğdem Teke, Kenda Hmeidan, Yanina Cerón © Ute Langkafel MAIFOTO

Wie gemeißelt klingen Büchners Sätze. "Dantons Tod", entstanden 1835, knapp vierzig Jahre nach den Schrecken der jakobinischen Terrorherrschaft, ist spezifisch für die zeithistorische Periode, die Büchner sich im akribischen Quellenstudium erschlossen hat. Das "Guillotinenthermometer" muss auf Betriebstemperatur gehalten werden, der Terror dient als Ersatzbefriedigung, um die Bürger von Hunger und Armut abzulenken: Drei Spielerinnen umkreisen die vierte, die sich in ein Stofftuch schnäuzt. Ein Schnupftuch, das muss ein Aristokrat sein! "An die Laterne!", rufen Yanina Cerón, Kenda Hmeidan und Vidina Popov und legen ihrem großäugig verschreckten Opfer Çiğdem Teke die Schlinge um den Hals.

Kollektive und individuelle Kriegsopfer

Büchners Drama zur Französischen Revolution ist zugleich eine überzeitliche Parabel auf Macht und Herrschaft, die einzelne erhebt, andere stürzt – und für die breite Bevölkerung wenig ändert. "Unser Leben ist Mord durch Arbeit", kritzelte Kenda Hmeidan zu Beginn mit Kreide auf den Eisernen Vorhang. Manche hängen oder verlieren den Kopf, andere baumeln sechzig Jahre am Strick – das ist eine gallige Moral von "Dantons Tod". Und erneut bemüht Frljić Brecht: "Bei den Besiegten das niedere Volk / Hungerte. Bei den Siegern / Hungerte das niedere Volk auch", zitiert Çiğdem Teke aus den "Gedichten gegen den Krieg". Als Klytaimestra hatte sie eben mit Yanina Ceróns Agamemnon über den Tod von Iphigenie verhandelt. Eiserner auf, weiße Raumtiefe, hinten, dicht an die zwei Stoffbahnen gedrängt, stehen die Spielerinnen: "Du opferst hin dein Kind – was willst du dabei beten? / Um welchen Segen flehn, als Mörder deiner Tochter?"

Diese eine Szene ist aus Euripides' Tragödie geblieben, eingefügt in die frei montierte Abfolge von Büchner-Material. Mehrfach wird der "Iphigenie"-Schnipsel wiederholt, klagt Klytaimestra ihren Mann des Kindsmords an, während Kenda Hmeidans zwischen ihnen eingeklemmte, von ihnen zu Boden gedrückte Iphigenie verzweifelt und immer schriller schreit: "Lieber in Schande leben als bewundert sterben". Bis sich Vidina Popovs Iphigenie ihrem Schicksal hingibt, sich freiwillig opfert für die Freiheit der Griechen – "Sterben will ich, das ist mein Entschluss" – und so den Konflikt auflöst, in den ihr Vater durch den Orakelspruch geraten ist. Friedlich klingt dieser Entscheid allerdings nicht: Nach anfänglichem Schlachtenlärm im Hintergrund heulen nun die Luftschutzsirenen und die Bühne ist in flackerndes Licht getaucht.

Es regnet Blut

Akustisch holt Frljić den Krieg ins Theater: Sirenen, Panzerketten, Detonationen, Geschosse aller Art ertönen. Als in der letzten Szene eine Bombe direkt über dem Zuschauerraum zu explodieren scheint, denkt man unweigerlich an das Theater in Mariupol, in dem Mitte März 300 Zivilist:innen umkamen. Wie der Krieg gegen die Ukraine überhaupt die Folie ist, auf der Frljićs Inszenierung zu lesen ist.

DantonsTod Iphigenie 3Ute LangkafelHerrscherliebe: Vidina Popov © Ute Langkafel MAIFOTO

Grell und deutlich ist sein Fanal, überzeichnet in Komik wie Tragik – Frljić eben: Grimassen schneiden die vier Spielerinnen, mimen rammelnde Hasen zwischen den großen grünen Revolutionärsbüsten, die sie als Terreur-Opfer umstürzen, zwischen denen sie Basketball spielen oder mit denen sie ein höfisches Tänzchen wagen. Klappern mit ihren Zähne, rhythmisch wie eine beinerne Todesdrohung, als Danton und drei seiner Mitstreiter verhaftet sind. Blut schwappt über die weißen Stoffbahnen im Bühnenhintergrund und sickert über den weißen Bühnenboden; Regen aus der Sprinkleranlage färbt die helle Kleidung der vier Spielerinnen erdbeerrot. Deutlich ist da die auf den frackähnlich zusammengenähten Jeans- und Ballonseidejacken und den langen Unterhosen aufgedruckten Schrift zu lesen: Égalité, Terreur, Fatalisme, Sacrifice – Schlagwort-Theater, das sich in die Köpfe mal einzuschmeicheln, mal einzuhämmern sucht.

Von Lach- zu Gewehrsalven

Am Ende sitzen die vier auf weißen Stühlen im blutigen Bühnenbild, rote Kronen schief auf den Köpfen, und lesen aus Dantons Verteidigungsreden vor dem Revolutionstribunal. Er trage das "Genie der Freiheit" auf seiner Stirn? Gellendes Lachen, mit abgespreizten Fingern wie eine dekadente Teegesellschaft. Freiheit? Brüllendes Gelächter. Bis sie stumm werden, den Blick unverwandt ins Publikum gerichtet. Bach läuft im seelenlosen Dauerloop, als sinnentleertes Signum der Zivilisation. Zynische Lachgeräusche ertönen vom Band und wie unwillkürlich zucken dann die Schultern der Spielerinnen, nurmehr Marionetten. Ein endloses Bild – bis das Gelächter zu Maschinengewehrsalven wird und die Körper von den Stühlen rutschen wie durchsiebt. Der Krieg – noch ist er für uns bloß Theater.

Dantons Tod / Iphigenie
nach Georg Büchner und Euripides
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Dramaturgie: Johannes Kirsten, Simon Meienreis.
Mit: Yanina Cerón, Kenda Hmeidan, Vidina Popov, Çiğdem Teke.
Premiere am 20. April 2022
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (21.4.2022) war es eine Geduldsprobe. "Es ist mehr oder weniger egal, ob Iphigenie für Segelwind sterben muss oder die Revolution ihre Kinder frisst. Alles geschieht in der Tonlage eingebimster Künstlichkeit, mal albern, mal exaltiert, meistens pathetisch, aber immer mit leichter Panik in den Augen, bei der man über Textsicherheit nachdenkt, statt über die gesprochenen Worte." Frljić habe einen leblosen Theaterabend aus allgemeingültigen Versatzstücken zusammengesetzt.

Die Inszenierung bringe die Sprache Büchners in einer Weise zu Gehör, die auch ihre poetische Kraft spüren lasse, so Katrin Bettina Müller von der taz (21.4.2022). Und weiter: “Es ist diese Ambivalenz, die die Inszenierung stark macht, in jedem Satz das Schreckliche der Absicht sichtbar werden zu lassen, aber auch seine verführerische Kraft.“ Zum Schluss schreibt Müller: "Vielleicht ist das der Moment, in dem einem bewusst wird, welch Privileg es ist, in einem Land ohne Krieg ins Theater gehen zu können."

 

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Kommentare

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#1 Dantons Tod / Iphigenie, Berlin: Was für ein ReinfallHelgor 2022-10-03 22:27
Georg Büchners Texte sind excellent. Iphigenie hat im Titel des Stückes nichts verloren, so wenig kommt darin vor. Die Inszenierung ist so dermaßen schwach und langatmig, die Dramaturgen mussten alle Urlaub gehabt haben. Das Stück, von grellem Geschreie und überzeichnet alberner Komik durchzogen, endet in einem 13 Minuten andauernden Klangerlebnis aus Maschinengewehren und Bomben, während die SchauspielerInnen einem ausdruckslos ins Gesicht starren. Nur ab und an werden sie von künstlich eingespieltem Gelächter geschüttelt. 13 Minuten lang. Das Stück endet somit nach 1h und ca. 5 Minuten deutlich zu spät. Der Erlösung durch den Vorhang folgt die Wut auf die vergeudete Zeit im sonst brillanten Gorki Repertoire.

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