Schweine in der Umlaufbahn

21. Mai 2022. In "Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!" hatte Elfriede Jelinek im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Verschwörungserzählungen beschrieben. Nun schiebt sie mit "Was ich sagen wollte" einen Text über den Aufstieg und Fall von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz hinterher – uraufgeführt von Stefan Bachmann am Schauspiel Frankfurt.

Von Natascha Pflaumbaum

21. Mai 2022. Alpenbar und Aprés Ski, Odysseus und Circe, Corona und Tönnies und mittendrin steht Sebastian Kurz mit Haarhelm, ohne dass man ihn je zu sehen bekommt. In "Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen! Was ich sagen wollte" verwebt Elfriede Jelinek Texte aus der Odyssee mit Phrasen der Corona-Pandemie sowie Texten und Bildern von Oskar Panizza, Martin Heidegger, René Girard und dem Fotografen Lois Hechenblaikner zu genialisch polyphonen Textskulpturen. Wie sie auf der Suche nach Wahrheit literarische Fäden spinnt, diese an Wirklichkeiten knotet, um so ein einziges großes Narrativ über die Beziehung von Pandemie und Populismus zu bauen, ist eine geistreiche und inspirierende Analyse der Gegenwart.

Zur Schlachtung bereit

"Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!" hatte bereits Karin Beier in Hamburg ur-, Frank Castorf in Wien österreichisch erstaufgeführt. Dass Stefan Bachmanns Inszenierung am Schauspiel Frankfurt selbst als Uraufführung gelabelt wird, liegt an Jelineks Zusätzen: "Was ich sagen wollte" erzählt von Aufstieg und Fall des "Helden" Sebastian Kurz.

Laerm BlindesSehen 1 ThomasAurin uFrontal-schweinisch an der Rampe: Heiko Raulin, Heidi Ecks, Christina Geiße, Agnes Kammerer, Susanne-Marie Wrage, Melanie Straub © Thomas Aurin

Alles beginnt mit einem rappenden Schweine-Ballett. Vier Schweine skandieren kurze Text-Messages. Rhythmisch, metrisch, manchmal gegen die Satzmelodie. "Diese Krankheit ist eine Lüge." "Wir wissen, wer sie verbreitet." "Wir kennen diejenigen, die dahinterstecken." Die Schweine kreisen in Slow Motion auf einem riesigen Ringlicht der Drehbühne und zeigen ihre fetten, mit Nummern und Trennlinien zur Schlachtung ausgewiesenen Schweinekörper mit ziemlicher Lust an sich selbst. Musiker Sven Kaiser gibt mit trockenen Schlaghölzern live vom Bühnenrand den Takt vor.

Superspreader-Event bei Circe

Allmählich baut sich so die erste große Textwelle im Jelinek’schen Stil auf: monoton intonierte Phrasen, abgegriffene Sprachmuster, platte Floskeln. Bekannte Zitate der Corona-Verschwörungstheoretiker:innen verheddern sich unfreiwillig in Kalauern, bremsen sich in Assoziationswortkaskaden inhaltlich selbst aus. Jelineks Montagetechnik, die Klänge, Silben, Wörter lustvoll akkumuliert, um vor allem Konnotationen auf semantischen Meta-Ebenen explodieren zu lassen, zündet hier über knapp zwei Stunden aber ganz gewaltig.

Worum geht es? Um die Corona-Pandemie und Narrative der Verschwörungstheorien. Hier geht es um die Wahrheit, ihre Quellen und vor allem die Suche danach. Dass Elfriede Jelinek ausgerechnet Homer und die "Odyssee" intertextuell auf den Plan ruft, kann man gut und gerne platt als Selbstbeschreibung einer Blinden lesen, die sich mäandernd auf ihre Wahrheit-Odyssee begibt. Wie sie aber das Gastmahl in Circes Palast in die Après-Ski-Parties in Österreich überblendet, also die initialen Superspreader-Events der erste Corona-Welle, ist intellektuell vielleicht ein bisschen schamlos, aber doch genial. Die Wirklichkeit folgt eben doch immer einem klassischen Narrativ!

Vom "andren Gott"

Die neuen Texte kreisen um den österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der wie ein Elefant im Raum steht, aber nie genannt wird. Ihn beschreibt Jelinek als den "jungen Helden", den "andren Gott" – den Inbegriff des typischen Populisten, der sich selbst mit einem Zaubertrank rettet, während er die anderen opfert. Man kann noch gar nicht absehen, wie Jelineks Analyse der Corona-Gegenwart einmal in 20, 30 Jahren wirken wird: Hier ist sie Literatin und Chronistin gleichermaßen.

Laerm BlindesSehen 2 ThomasAurin uGriechische Helden? Alles Toren? © Thomas Aurin

In diesem Stück gibt es keine Figuren. Es gibt keine Dialoge. Hier spricht der Text selbst als Körper. Er rollt wie eine Welle über uns hinweg. Die Gestalten, die ihn transportieren, also, die Schweine, sind wichtig, weil sie auf den Text erst bühnentauglich machen, ihn dynamisieren und musikalisieren. Nur: sie verkörpern ihn eben nicht. Sie tragen ihn face-to-face am Bühnenrand vor, machen genau den Lärm, der ablenkt vom Wichtigen.

Wie viele andere Texte von Elfriede Jelinek ist auch dieser auf ein sehr klares Metrum gesetzt, das in seiner Höchstform anspruchsvoll in Form des schwingenden Hexameters daherkommt, aber von Regisseur Stefan Bachmann häufig auch triolisch intoniert wird. Man hört unfassbar gerne zu, weil Musiker Sven Kaiser Klavier-Klangflächen als Betten darunter legt, dann wieder Textstellen synthetisch dramatisiert und illustriert. Jelineks Text muss orchestriert werden. Stefan Bachmann kann das so gut!

Vieles zündet

Die sieben Spieler*innen schaffen es, dem sperrigen Textunikum in seiner Panta-rhei-Haftigkeit eine Struktur, Grenzen, aber vor allem einen über zwei Stunden tragenden Ton zu geben. Diesem Text als Tönnies-Schweine Gestalt zu verleihen, ist an Ironie nicht zu überbieten. Weil die Allegorie der Schweine so trägt, bleiben sie auch den ganzen Abend Schweine: mal mit Tütü und Spitzenschuhen, mal mit Kürasse und Helm, wenn sie in das Spiel der Odyssee eintauchen, mal Popcorn fressend, wenn sie ihre ganze schweinige Gier zum Ausdruck bringen, mal mit Knickerbocker und Weste, wenn am Ende das Österreichische allzu sehr in ihnen aufbricht. Immer und immer wieder marschieren sie im Kreis, sitzen sie rum, grunzen sie quiekend, und scheuern einander ihre fetten Rücken auf diesem schmalen überdimensionalen Ringlicht, das sich elegisch in einer Unendlichkeitsschleife dreht.

Es zündet so Vieles in dieser Produktion: die absolut ästhetische minimalistische Drehbühne von Olaf Altmann, das fantastische Lichtdesign von Frank Kraus, der Soundtrack von Sven Kaiser, die lustvolle Plapperhaftigkeit des Textes und die stimmliche Orchestrierung durch Stefan Bachmann. Vor allem aber ist es die Klugheit dieses Textes, an der man sich richtig abarbeiten muss.

 

Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen! Was ich sagen wollte (UA)
von Elfriede Jelinek
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes, Komposition und chorische Einstudierung: Sven Kaiser, Choreografie/ Körperarbeit: Sabina Perry, Dramaturgie: Julia Weinreich , Licht: Frank Kraus.
Mit: Heidi Ecks, Christina Geiße, Agnes Kammerer, Andreas Meyer, Heiko Raulin, Melanie Straub, Susanna Maria Wrage, Sven Kaiser (Live-Musik).
Premiere am 20. Mai 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Bachmann ist ein Jelinek-Spezialist, und man erlebt hier wieder, wie sagenhaft gut er sich in den vorliegenden Textkoloss, die vorliegenden Textkolosse eingegroovt hat", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.5.22). Der pausenlos dargebotene Abend wirke "atem- und geradezu besinnungslos", lobt die Kritikerin. In "musiktheaterhafter Qualität und Ausfeilung" ströme er "aus den Mündern" der Spielenden heraus.

"Die mittlerweile fast schon klassische Jelinek-Legierung" (also "Bereits im Zustand der beginnenden Verwesung befindlicher Tagessprachmüll wird vermengt mit Kalauern, klassischen Zitaten, wilden Assoziationen und Pointen und sodann gehärtet mit dem Metall des Metrums"), findet Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.5.2022) in diesem Abend vor. Jedoch könne die Inszenierung vor allem ob des Textes nicht mitreißen: "Das Publikum folgt dem Geschehen konzentriert, respektvoll, wirkt aber auch leicht belämmert. Vielleicht ist es schlicht unmöglich, zwei Stunden lang Jelineks wilden Assoziationsbocksprüngen zu folgen, vielleicht trägt auch die dominierende Frontalansprache dazu bei, dass der Eindruck entsteht, dass diese Schweinchen an einer zu kurzen Leine laufen. Dabei ist es wohl weniger die Regisseursleine, die hier hinderlich wirkt, sondern die Autorinnenleine."

Michael Kluger von der Frankfurter Neuen Presse (23.5.2022) stellt sich Elfriede Jelinek als "Clemens Tönnies des Theaters" vor mit ihrem "Wurstgulasch aus Kalauern, Phrasen, Zitaten und Geistesblitzen", eine "blubbernde Fleischbrühe", in der "alles zerrinnt und zerfließt im Einerlei". Hier sei "gar nichts hellseherisch. Im Gegenteil: Man sehnt sich nach einem einzigen klaren, analytischen, stringenten Satz, der eine Erkenntnis stiftet."

Björn Hayer von "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (20.5.2022) hat in Frankfurt eine ganz "ukromische und gallige" Inszenierung gesehen, die zeige: "Alles dreht sich im Kreis". Sie greife die "Musikalität" von Jelineks Sprache auf und zeige "Bilder der Dekadenz", wobei Bachmann stets der "Sprache Raum" lasse.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Lärm. Blindes Sehen ..., Frankfurt: KostümeJanine 2022-05-21 09:50
Warum liebe TheaterkritikerInnen werden die Kostümbildnerinnen nicht namentlich genannt? So eine entscheide Setzung und sie bleiben unerwähnt…Leider kein Einzelfall in Theaterkritiken, dass Kostümbilder beschrieben werden, ohne die künstlerisch Verantwortlichen zu nennen. Da besteht dringender Handlungsbedarf!!!!
#2 Lärm. Blindes Sehen ..., Frankfurt: Kostüme und "Setzung"Luchino Visconti 2022-05-21 19:08
Das stimmt, ist im deutsprachigen Theater allerdings nichts Neues. Da hat man sich noch nie oder nur selten für das Kostümbild interessiert, zudem fehlt meistens jegliche Beurteilungskompetenz. Das ist im englischen oder französischen Sprachraum völlig anders. Sicher ist das auch eine Sache der entsprechenden Kultur. Die Beziehung zur Mode ist auch jeweils ganz anders und im deutschen Sprachraum ziemlich banal, weil sie nur selten als Teil von Kunst und Kultur gesehen wird. In Großbritannien, USA, Frankreich, Italien kennt man große Kostümbildner, in Deutschland dagegen? Die große Moidele Bickel z. B. hätte ein Star sein müssen - war aber höchstens Eingeweihten und Leuten aus der Szene ein Begriff, obwohl die Größten der Großen sie engagierten, Stein und Grüber ebenso wie Chéreau und Haneke. Und welcher deutschsprachige Kritiker hat schon kundig über ihre Designs geschrieben?

Nachsatz: Ich habe ein Problem mit dem Wort "Setzung", weil ich mit dem derzeit angesagten dramaturgisch-theaterwissenschaftlichen Vokabular nicht vertraut bin und auch im Netz dazu noch keine Erklärung gefunden habe. Was ist damit gemeint? Danke!
#3 Lärm. Blindes Sehen ..., Frankfurt: RascheCopy cat 2022-05-21 19:18
Drehbühne … im Kreis marschieren … Musiker geben live vom Bühnenrand den Takt vor! Klingt sehr nach Rasche …
#4 Lärm. Blindes Sehen ..., Frankfurt: GrossartigGustav Peter Wöhler 2022-06-02 22:21
Ich war lange nicht mehr so begeistert von einem Theaterabend. Bravo an die SchauspielerInnen und das grossartige Gesamtkonzept. Und Ja ! Die Kostüme !

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