Unrechtsgefühle aus der Windmaschine

von Anne Peter

Berlin, 2. Dezember 2008. "Dies Bißchen Leben – dürft ich es hinhauchen in ein leises schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! – Dies Blümchen Jugend – wär es ein Veilchen, und Er träte drauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben!" Wie bitte? Kann man diese selbstverleugnenden, recht anachronistisch anmutenden Sätze Luisens, jener Luise Miller aus Schillers "Kabale und Liebe", diesmal inszeniert von Falk Richter, hier und heute wirklich mit dem allerernstesten Brustton der Überzeugung dahinseufzen? Man möchte meinen, das sei – so als Frau von heute – schlechterdings unmöglich. Aber nein! – nicht so an der Schaubühne.

Spiel der coolen Oberfläche

Lea Draeger, mit aufgelöstem Wallehaar, haucht und zärtelt mit hell bebender Stimme die süßesten Worte über ihren Ferdinand in eine unbestimmte Ferne über der Zuschauerschar, ganz eingefühlt in diese über zweihundert Jahre entfernte Sturm-und-Drang-Seele. Dazu steckt sie, eingekleidet ins Heute, in grauen Bügelfaltenhosen zur grauen Strickjacke und steht auf einer Bühne, die mehr nach Edelrockkonzert als nach Bürgerstube aussieht.

Entsprechend sind an mehreren Stellen Mikros postiert, die sich die Schauspieler in bestimmten Momenten schnappen, um einige ihrer Sätze – welche, scheint ziemlich beliebig, die wichtigsten etwa? – dorthinein zu sagen. Auf die vertikal schmal geschnittene Leinwand rechter Hand werden farbverkehrte Videos projiziert. Alles vom Look her sehr cool, sehr glatt – und leider nicht nur der Ansicht nach auch sehr oberflächlich.

An den Reglern hochgetunt

Da die Schauspieler in dieser auf nicht mal zwei Stunden zusammen gestrichenen Fast-Forward-Fassung kaum Gelegenheit haben, ihre Figuren emotional zu erspielen – obwohl ihnen offenbar größtmögliche Einfühlintensität nahegelegt ist (siehe oben) und sie sich somit im Hauruck-Verfahren hochtunen müssen –, wird dem Gefühl über weite Strecken aus der Box nachgeholfen. Richters Stamm-Bühnenmusiker Paul Lemp sitzt links in der Ecke und grundiert das Geschehen atmosphärisch live per E-Bass.

Freilich, man ist hier im Hause Miller, Musiklehrer Miller, und insofern macht auch die Dekoration des linken Bühnenrandes mit fünf streng frisierten Cellistinnen in schwarzseidenen Abendkleidern irgendwie Sinn, die dem Ganzen einen bisweilen bedrohlich aufdräuenden 3/4-Takt unterlegen. Später darf Schaubühnen-Jungspund Stefan Stern als egozentrisch-überspannter Ferdinand, der sich – ups – auch mit Lady Milford engumschlungen über den Plexiglasboden wälzt, kaum hat Luise sich auf ihre familiären Pflichten besonnen und zaghaft dazu angesetzt, sich vom Geliebten loszusagen, beinahe volksbühnenreif ein solches Miller-Cello kurz und klein treten.

Lärm im Haus des Musiklehrers Miller

Vorher wurde feste umarmt, hektisch geknutscht und leinwandgroß Zunge um Zunge geschlungen. Aber natürlich ist das heftige Branden der ersten Liebe nur die eine Seite der Geschichte, die ohne ihre andere nicht so grausig enden müsste. Und natürlich darf bei Falk Richter auch die politische Dimension des Schiller'schen Aufruhr-Dramas nicht zu kurz kommen.

So pocht er auf das Fortbestehen gewisser Standesunterschiede und darauf, dass auch heute noch keineswegs ausschließlich das Herz, sondern allzu oft die Karrierelogik die Heirat bestimmt. Nur machen sich die feinen Unterschiede eben nicht mehr an Adelstiteln oder Ahnenreihen fest, sondern daran, ob jemand Maßanzug, wie Jörg Hartmanns smarter Präsident, oder großgeratenes Cord-Jackett trägt, wie der hängeschultrige Miller Kay Bartholomäus Schulzes.

Standesunterschiede heute?

Das ist in Maßen plausibel – nicht allerdings, die beiden (auch hier) ganz auf ihr eigenes Glück fixierten Liebenden vordergründig zu Revolutionsausschreiern zu machen, die gegen Anfang gemeinsam das Fallen der Schranken skandieren. Um außerdem das Unrechtsausmaß im Herzogtum anzudeuten, steigen etwa beim ersten Auftritt Lady Milfords, des mächtigen Mannes Mätresse (erotisch, kratzbürstig, inbrünstig, aber letztlich wohl unterfordert: Judith Rosmair), auf der Leinwand Militärhubschrauber in den Himmel oder jagen bei ihrem zweiten Cowboy-Schatten durchs Bild.

Zwei, drei Zaunpfahl-Winke und wir wissen, wer hier mit dem "Herzog" gemeint ist. Und wenn die geläuterte Milford der Macht entsagt, die Mikros umwirft und den Inhalt ihrer Schatulle unters Volk verteilen lassen will, wird endlich die Windmaschine in der Rückwand angeworfen, und dem Publikums-Volk der frische Revoluzzer-Wind so richtig krass um die Ohren geblasen – ein Effekt, mehr nicht. Das alles tut zwar furchtbar brisant und politisch, buchstabiert aber weiter kaum Zusammenhänge aus. Und muss überdies mit einer Frontfrau leben, die gern das zertretene Blümelein unter dem Stiefel ihres Herren wär.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Falk Richter, Bühne: Alex Harb, Kostüme: Bernd Skodzig, Musik: Paul Lemp, Video: Sebastien Dupouey.
Mit: Jörg Hartmann, Stefan Stern, Judith Rosmair, Robert Beyer, Kay Bartholomäus Schulze, Steffi Kühnert, Lea Draeger, Erhard Marggraf. Musiker: Paul Lemp, Dina Bolshakova, Zoé Cartier, Eva Freitag, Urte Reich, Susanne Wohlleber.

www.schaubuehne.de

 

Mehr über Falk Richter: Im Januar 2008 inszenierte er an der Berliner Schaubühne Tschechows Kirschgarten und im November 2007 dort sein eigenes Stück Im Ausnahmezustand.

 

Kritikenrundschau

"Wir machen es kurz, weil es so hohl war", beginnt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (4.12.) seine Kritik. Falk Richter habe eine Pathospumpe installiert, "er hätte auch jedes andere Stück nehmen können, denn es interessiert ihn offenbar allein die pneumatische Funktionstüchtigkeit seiner Apparatur". Eingespant seien zwei "hoffnungsvolle, bemitleidenswerte Schauspieler, Lea Draeger und Stefan Stern", sie schreien sich an und fallen im Erregungs- und Leidensfuror übereinander her. "Mit einer Frischluftkur ist bei diesem uneffektiven Einfühlextremsport nichts getan - oder wozu soll die bühnenbildbestimmende Windmaschine gut sein, die kurz vor Schluss, als alle anderen Mittel längst verschossen sind, dem Zuschauer auch noch auf meteorologischer Ebene den Marsch bläst." Das neurotische Gebaren in lackmeierisches Farblicht zu tauchen genüge dem Regisseur nicht, "er kremt es zusätzlich mit einem schmalzfetten, live eingespielten Soundtrack ein", und die fünf Cellistinnen "übergießen das Ganze mit schlagsahnigem Herzrasenschrummeln".

Auch Irene Bazinger ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.12.) alles andere als zufrieden. Die aufwendigen Effekte des Abends dienen keineswegs, Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" gründlich auszuleuchten, sondern würden "das Drama bequem, weich gezeichnet und gefühlig-schwammig verdunkeln: Humbug statt Hum." Am Anfang tragen alle heutige Garderobe, später geht's zurück in die Schiller-Zeit mit Reifrock und samtenen Kniebundhosen "- das sieht zwar hübsch aus, ist aber sonst für nichts gut." Warum sich Falk Richter für "Kabale und Liebe" interessiert habe, "bleibt sein Geheimnis, das selbst fünf streng nach hinten frisierte Cellistinnen in schwarzen Kleidchen nicht lüften können". Sie steuern quälend einfältige Minimal Music als Stimmungsverstärker bei, "so wird Richters fauler Regiezauber erst recht zu Emotionalkitsch der gröberen Sorte - und erweist sich, wie es bei Schiller einmal heißt, ganz und gar als eine 'hohle Haselnuss.'"

"Die politische Ebene gesellschaftlicher In- und Exklusion wird zwar plakativ, aber wirkungsmächtig behandelt", würdigt Christine Wahl im Tagesspiegel (4.12.). Richter gebe eine Antwort, wie man das Stück auf die Bühne bringen kann: "als Pop-Melodram für die MTV-Generation." Kaum ein Satz bleibe ohne musikalische Untermalung, "je mehr Schmackes Bass und Cello in die Verse puschen, desto stärker glaubt sich der Redner sein Revoluzzer-Pathos selbst." Wenn die geläuterte Lady allen höfischen Intrigen entsagt, bläst der Ventilator die Frisuren auf den Zuschauerköpfen gefühlte fünf Minuten lang ordentlich durcheinander: "Sturm (und Drang) ist nur noch mit technischem Höchstaufwand machbar." Man kann das mögen oder nicht, schreibt Wahl, aber fest stehe: "Mit dem Schachzug des musikalischen Melodrams befreit sich Richter von den lästigen Legitimationszwängen des Realismus. Er schafft eine Brücke zwischen Schiller und, sagen wir, Bushido und muss seine Figuren nicht als gestrig denunzieren."

"Kabale und Liebe" nehme in den Spielplan, "wer auf den Besuch von Schulklassen spekuliert", schreibt Peter Laudenbach zu Falk Richters Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (5.12.). "Also bietet Richter der Zielgruppe möglichst deutliche Identifikationsangebote und macht aus dem Sturm-und-Drang-Reißer über Strecken eine Art Rockkonzert-Installation." Trotzdem hätte Richters "Ausstellen leerlaufender Gefühlsbehauptungen und rebellischer Gesten … in eine schön bösartige Demontage der Aufgeregtheiten des Stücks und seines jugendlichen Helden münden können, wenn Richter nicht sein Wille zur Zielgruppe dazwischengekommen wäre. Kurz bevor die Lächerlichkeit all der übergroßen Posen das Stück zur Implosion bringt, schwemmen der klebrige Soundtrack und das schmückende Video alle Irritationen weg." Indem die Unterschiede zwischen Adel und Bürgertum eingeebnet würden, verschwinde zudem "die gesellschaftliche Voraussetzung. Übrig bleibt der Kontrast zwischen gefühlsberauschten Jungen und grauen Alten und damit die konsequente Entpolitisierung des Stoffes."

Wer "Kabale und Liebe" inszeniere, der müsse "zuallererst ein Verhältnis zur elektrisch aufgeladenen Sprache dieses Stückes finden", meint Matthias Heine in der Welt (5.12.). Bei Falk Richter aber sprächen die Figuren Schillers "Kraftsätze (wenn sie nicht ohnehin gestrichen sind wie gefühlte 80 Prozent des Originaltextes) mit einer gewollt verhuschten Beiläufigkeit, als wäre dies ein 'Tatort'-Skript". Paradoxerweise werde aber Schillers Sprache "durch den aufgesetzten Gestus der Gegenwärtigkeit … eher unverständlicher. Nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Schauspieler: Ihnen sitzt der Text so ungemütlich wie eine Jacke, die unter den Armen kneift, weshalb sie ständig nervös und zappelig wirken." Stattdessen gebe es "viel zu viel äußerliches Getue", "viel Gerenne" und "leere Kraftmeierei".

 

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