Ich hörte Schritte

10. September 2022. Ein "Phantombild" zeichnet Regisseurin Marie Schleef zusammen mit der Performerin Kristin Steffen auf dieser Bühne: Eine Wohnung, durch die ein "Stranger" geistert, wird zur Welt ihrer Bewohnerin. Ganz ohne Worte verdichtet die Protagonistin Bilder zu einer suggestiven Masse. Sinnlich und besonders ist der Spuk.

Von Martin Krumbholz

10. September 2022. Marie Schleef sitzt mitten im Publikum, Reihe 3. Ziemlich ungewöhnlich für eine regieführende Person bei einer Premiere (Ältere sind nicht so abgebrüht), aber vielleicht, wahrscheinlich, bestimmt sogar erwartet sie Wendungen und Entwicklungen, die gar nicht geplant waren, die den Grusel an diesem kurzen Ein-Personen-plus-Statisterie-Abend (der kein Monolog, kein Monodrama ist, denn es wird nicht gesprochen) sozusagen noch ins unvorstellbar Gruselige und Fantastische hinausbefördern. Was wir im Depot 2 zu sehen bekommen, ein "Phantombild", wie es sich nennt, beruht auf einem kurzen, in einer Zeitung abgedruckten Text der Autorin Amber Dawn, der wiederum auf eine wahre Begebenheit zurückgeht; aber das ist so nebensächlich, dass es im Programmheft kaum erwähnt wird.

"Strange" ist das Schlüsselwort

Das "Ich" des Titels ist eine junge Frau von zwanzig Jahren, die in den USA in eine Wohnung einzieht, in der es spukt. Der "Stranger" ist das unsichtbare Wesen, das diesen "Spuk" verursacht, seine Identität wird nie enthüllt, es hinterlässt allerdings, heißt es, einen Schlafsack, ein Buch und etwas zu essen auf dem Dachboden. Das kann man glauben oder nicht: Interessant sind nicht die Realitätspartikel, die spärlich gestreut sind, sondern die Phantombilder, die sich im Kopf der Protagonistin und also in unseren Köpfen herausbilden und zu einer suggestiven Masse verdichten. "Strange" ist das Schlüsselwort: fremd, seltsam, ungewöhnlich.

Emotionale Bilder

Wir sehen einen großen Kaktus, einen Mond, der auch als Projektionsfläche dient, ein Portikus-artiges Haus, das nur mit Vorhängen, also eigentlich gar nicht gegen die Außenwelt abgeschirmt ist. Wenn Kristin Steffen, die Protagonistin, sich im Inneren des Hauses auf einen zweiten, kleineren Kaktus setzt und das Gesicht sich vor Schmerz verzerrt, ist klar, dass hier keine realen Vorgänge abgebildet werden. So etwas würde niemand tun. Vielmehr bewegen sich die sichtbaren Vorgänge auf einer metaphorischen Ebene, die mit den eher banalen, als Übertitel projizierten Sätzen des Zeitungsartikels kontrastieren. "Ich hörte weiterhin Schritte": Dergleichen könnte man in einem seriösen Prosatext kaum stehenlassen. Die Herkunft der Vorlage aus einem fast trivialen Erlebnistext ist nicht zu übersehen. Umso beeindruckender ist die Performance von Kristin Steffen, die keine wirklichen Vorgänge vergegenwärtigt, sondern eher ihre Erinnerung daran in dichte emotionale Bilder übersetzt.

Stranger3 805 AnnemoneTaakeLeben mit Kaktus und ominösen Gestalten: Kristin Steffen © Annemone Taake

Bei alldem hat der Grusel keinen niederschmetternden, depressiven Touch. Im Gegenteil, es herrscht ein lebensbejahender Humor, und so ist es eben nur folgerichtig, wenn sich irgendwann eine Tür nach draußen öffnet und ganz beiläufig der reale Vollmond am verhangenen Kölner Abendhimmel aufleuchtet. Auf dem künstlichen Mond des Bühnenbildes (Ausstattung: Lina Oanh Nguyen) sind derweil lustige Animationen zu sehen (Seong Ji Jang), die einzelne Vorgänge illustrieren und bewusst ins Banale verfremden. Die superminimalistische, anfangs fast dumpfe Musik erweitert sich zu komplexeren Tönen. Und schließlich sind da die ominösen Gestalten, die auftauchen, seltsame Blicke werfen und wieder ins Nichts verschwinden.

Sie kommen und schauen

Etwa ein Fahrradfahrer, ein Mädchen, das ein Eis am Stiel lutscht und den Stiel in der Kaktuserde vergräbt, ein Mann mit Rollator, der lang auf eine Taschenuhr schaut, ein anderer Mann mit einer Kehrschaufel, der die kastanienroten Stirnhaare auffegt, die Steffen sich plötzlich abgeschnitten hat. Keiner von ihnen betritt das Haus, obwohl es ein Leichtes wäre. Sie kommen und schauen, als wollten sie die fragile junge Frau mit ihren Blicken entblößen. Und Steffen schaut entgeistert zurück. Die Blickachsen sind entscheidend. Je länger du in den Abgrund schaust, desto drängender schaut der Abgrund zurück, hat Karl Kraus es nicht so ähnlich formuliert? 

Stranger2 805 AnnemoneTaakeEindringling mit schwerer Munition © Annemone Taake

Die Gefühlsschwankungen der Protagonistin Kristin Steffen stehen im Mittelpunkt dieser sinnlichen Performance. Sie scheint durchaus mit uns zu kommunizieren, oft lächelt sie wissend, als wollte sie uns zu verstehen geben, das sei zwar alles nur ein obskurer Scherz, aber – wer weiß? Dass das Ich der Erzählung sich am Schluss an die Polizei wendet und ein Trupp schwer Munitionierter die Szene stürmt, natürlich vollkommen ergebnislos, ist fast ein bisschen ernüchternd. Aber vermutlich ist auch dieser Vorgang nicht "real", sondern Teil des Phantombildes. Wo würde schon die Polizei eingreifen, wenn eine einsame junge Frau hemmungslos rumspinnt und sich ihren sonderbaren Hirngespinsten hingibt?

 

Once I Lived with a Stranger. Ein Phantombild
von Marie Schleef
Uraufführung
Regie: Marie Schleef, Bühne & Kostüme: Lina Oanh Nguyen, Animation & Bühne: Seong Ji Jang, Komposition & Sound Design: Nguyen + Transitory, Media Operator: Ruben Müller, Licht: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Sarah Lorenz, Körpertraining Statisterie: Arzu Erdem-Gallinger.
Mit Kristin Steffen.
Premiere am 9. September 2022
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause 

www.schauspiel.koeln


Kritikenrundschau

"Dieser Abend könnte düstere Bedrohlichkeit verströmen. Doch immer wieder schleicht sich die die bis ins Extrem verlangsamten Bewegungen unfreiwillige Komik ein," schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (12.9.2022). Kristin Steffen, Hill zufolge eine "Spezialistin für oft quirrlige, leicht fiebrige Figuren, zieht in den Bann mit dem gekonnten Ausloten von Wahn und Wirklichkeit." Das im Durchschnitt sehr junge Premierenpublikum zollte Hill zufolge "begeisterten und durchaus verdienten Applaus."

"Spannung erzeugt hauptsächlich das an- und abschwellend, aber stetig pulsierende Bassklopfen des Sounddesigns," schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (12.9.2022). Das strapaziere im Verein mit den Zeitlupenbewegungen von Kristin Steffen gewaltig die Nerven der Zuschauer, die allerdings selbst ihrer Stimme beraubt aus Sicht des Kritikers eine Meisterin darin bleibt, Anspannung und Nervosität auszustrahlen, dabei doch stets den Schalk aufblitzen zu lassen." Doch insgesamt ist der Abend für diesen Kritiker für einen Spielzeitauftakt zu dünn geraten.

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