Luise rennt

2. Oktober 2022. Das Mecklenburgische Staatstheater eröffnet eine neue Spielstätte: die M*Halle. Sie verzaubert mit rauem Charme, bringt aber auch technische Schwierigkeiten mit sich. Steffi Kühnert inszeniert Schillers Trauerspiel als kalte Welt in provisorischer Umgebung und mit starken Schauspielleistungen.

Von Georg Kasch

2. Oktober 2022. Der berüchtigte Brief also, Herzstück von Wurms Kabale, in dem Luise so tut, als liebe sie Kalb, um ihren Vater zu retten. Noch während sie ihn diktiert bekommt, ahnt sie, dass er ihr Todesurteil werden wird. Schließlich will sie ihn nicht loslassen, als Wurm danach greift. Erst ist es ein kleines Tauziehen, dann klammert sie sich mit aller Macht daran. Da muss Wurm schon jeden ihrer Finger einzeln lösen, um zu kriegen, was er will.

Luise ist in Steffi Kühnerts Inszenierung von Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" überhaupt eine, die nicht so schnell loslässt. Nur stemmt sie sich – ganz körperlich übrigens, so herrlich widerständig muss man erst mal stehen können wie Clara Wolfram – vergeblich gegen eine Welt, in der alle glauben, auf sie zugreifen zu können. Schiller hatte in seinem Trauerspiel vom Bürgers- und vom Adelskind, deren Liebe an Standesdünkel und Hofintrigen scheitert (und ein wenig auch an sich selbst), mit Willkürherrschaft und ihren Folgen abgerechnet.

Kalte Welt

Kühnert hingegen zeichnet eine kalte Gesellschaft, in der sich Wege kreuzen, ohne dass sich Menschen wirklich begegneten, in der Einflusssphären und Besitz wichtiger sind als das Glück des Einzelnen. Und in der nicht mehr Stände, sondern Klassen die Unterschiede markieren: Millers wohnen in der Platte, von Walter fährt Porsche und macht seine Machtgeschäfte mit Wurm im Spa ab.

Dass diese Welt so kalt wirkt, hat auch mit der neuen Spielstätte des Mecklenburgischen Staatstheaters zu tun, die die Inszenierung eröffnet: die M*Halle. Die neuen Flächen in einer ehemaligen Druckerei am Rande des Schweriner Plattenbauviertels Großer Dreesch, die das bisherige E-Werk während dessen Renovierung für mindestens sieben Jahre ersetzen, sind enorm und besitzen einen rauen Charme.

Kabale und Liebe 01 805 Silke Winkler uOscar Hoppe und Marco Dyrlich auf der Bühne von Joachim Hamster Damm in der alten Druckerei © Silke Winkler

Der scheint auch Bühnenbildner Joachim Hamster Damm beeindruckt zu haben. Fast nichts stellt er in den hohen, tiefen Raum: eine Reihe Klappstühle hinten, als wäre das Leben ein Wartesaal. Eine Straßenlaterne weiter vorn. Links ein Plattenspieler. Der Rest ist ready made: eine Budenluke, eine Empore, Treppen und Gänge, auf und in die die Kamera den Spielenden folgt. Was hier passiert, wird auf die Bühnenrückwand übertragen.

Dass man in diesen Momenten dank Tonangel plötzlich alles versteht, macht das größte Problem des neuen Spielorts deutlich: die Akustik. Leise Töne haben es schwer, zu üppig geöffnete Emotionsventile aber auch. Wer hier brüllt, hat schon verloren. Nur vier Monate hatte das Theater für den Umbau, vieles wirkt noch provisorisch – vermutlich braucht's noch eine Weile, bis Ensemble und Technik die richtige Balance finden für Lautstärken und Akzente.

Auch wahrscheinlich, dass zukünftige Inszenierungen nicht mehr derart demonstrieren müssen, was alles in diesem Raum steckt. Running Gags wie den über den nicht funktionierenden Aufzug, die bei den Proben noch witzig gewesen sein mögen, jetzt aber den Erzählfluss stören, kann man sich dann ebenso sparen wie das viele Treppengerenne und bedeutungsvolle Auf- und Abtritte über die Publikumstribüne.

Unschuld ohne Naivität

Diese Raumanpassungsschwierigkeiten sind deshalb so bedauerlich, weil Kühnert und ihre Kostümbildnerin Julia Kneusels einen genauen Blick für die Figuren besitzen. Am stärksten fällt das bei Luise auf, die zum ersten Aufritt dynamisch durch die Straßen des Dreeschs angerannt kommt, zunächst aber noch ziemlich oft am Handgelenk über die Bühne gezerrt wird. Schnell gewinnt Clara Wolfram in ihrem Do-it-yourself-Häkeloberteil an Format. Schon in ihrem Zögern angesichts Ferdinands Liebesschwüre ahnt man, dass sie mehr von der Welt und ihren Politiken weiß als Ferdinand. Großartig, wie es Wolfram gelingt, Unschuld zu spielen, ohne im Mindesten naiv zu sein, wie sie Gefühle sehr fein dosiert und in der Sterbeszene pathosfrei wegsackt.

Till Timmermanns Ferdinand hingegen ist ganz Gefühl und nicht nur sein Anzug eine Nummer zu groß. Wenn Ferdinand sich hochtourig im Gefühl suhlt, peitscht Timmermann Stimme und Hände hoch in nimmermüder Eskalationsspirale. Passt natürlich hervorragend zur These, dass Luise die Clevere von beiden ist. Und klar, Wurm ist keine Liebes-Alternative, auch wenn Oscar Hoppe eine Verletztheit durchblicken lässt, die den Typen spannend macht. Da würde Jochen Fahrs Kammerdiener eher zu Luise passen: In wenigen Sätzen und Gesten umreißt er einen, der so schwer an den Folgen politischer Willkür trägt, dass sie sich in seinen Körper gefressen haben. Man glaubt ihm jedes Wort.

Feinabstimmung

Was nicht immer für alle gilt. Marko Dyrlichs Von-Walter-Proll bohrt Autoritätszeichen in die Luft wie ein hysterischer Pate. Antje Trautmanns Lady Milford lockt und zirzt die Karikatur einer alternden Diva. Die Millers – Sebastian Reck und Katrin Heinrich – leben im Dauerclinch einer Vorabendserienehe. Gut möglich natürlich, dass auch hier Vergröberungen entstanden sind beim Versuch, den neuen Raum zu füllen. Der Theatersaal ist jetzt eröffnet und szenisch vermessen. Die Feinabstimmung steht noch aus.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Steffi Kühnert, Bühne und Video: Joachim Hamster Damm, Kostüme: Julia Kneusels, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Clara Wolfram, Till Timmermann, Sebastian Reck, Katrin Heinrich, Marko Dyrlich, Oscar Hoppe, Antje Trautmann, Vincent Heppner und Jochen Fahr.
Premiere am 1. Oktober 2022
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

"Starker Start in der M*Halle", konstatiert Manfred Zelt in der Schweriner Volkszeitung (4.10.2022). Eng an Schillers Text zeige Kühnert einen privaten Konflikt als gesellschaftlichen Kasus. "In quasi musikalischem Rhythmus entwickelt sie anschwellende Dynamik, vom Aufwallen der Gefühle hin zu Täuschung, Verzweiflung und tödlichem Irrtum." Statt modischer Regie-Kapriolen gebe es erzählende Situationen und die Präsenz der Schauspieler.

Ähnlich angetan äußert sich Werner Geske in der Ostseezeitung (4.10.2022). Kühnert lege die Inszenierung sehr heutig an, begebe sich sogar ins Milieu des Großen Dreesch, verzichte auf historische Kostüme. "So ist der Fokus vor allem auf den Inhalt des Stückes gerichtet". Auch Geske lobt die Schauspieler, vor allem Clara Wolfram und Till Timmermann "rühren mit ihrem intensiven Spiel an und vermögen, den Konflikt zwischen ihrer Liebe und dem Establishment überzeugend darzustellen".

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