Nabelschau im Holzkabuff

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Dezember 2008. Am Anfang ist Dunkelheit. Dahinein schlägt ein Herz, atmet ein Mensch. Die Klangkulisse steigert sich zu einem wilden Rhythmus, der an das Rattern eines Presslufthammers erinnert. So ohrenbetäubend beginnt in Hamburg Jette Steckels Inszenierung von Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." im Thalia in der Gaußstraße. Plenzdorf adaptierte in den 70er Jahren Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von 1774, um die Geschichte eines Jugendlichen in der DDR zu erzählen. Die 1982 geborene Regisseurin Steckel adaptierte nun die Adaption, um eine Geschichte von heute zu erzählen. Und das ist ihr gelungen.

Edgar Wibeau. Wir lernen ihn durch einen Zeitungsartikel kennen, den das Ensemble hochhält: "Edgar Wibeau ist tot", steht da. Seine Geschichte wird also in einer Rückblende erzählt – angestoßen von seinem Vater. Der hat seinen Jungen verlassen, als der fünf Jahre alt war. Nun versucht Papi, ein bisschen spät, seinen Sohn kennen zu lernen, indem er Menschen befragt, die Edgar nahestanden.

Goethe aus dem Klo gefischt

In der Gaußstraße steht Vater Wibeau (Markus Graf) mit seiner Ex-Frau (Anna Steffens) unter dem Ortsschild von Mittenberg. Das genügt, um die Leere des Städtchens zu skizzieren, aus der Edgar (Ole Lagerpusch) zu entfliehen suchte. Er ging mit seinem besten Freund Willi (Daniel Hoevels) nach Berlin. Dort wollten sich die beiden als Künstler etablieren. Doch bedauerlicherweise wurde ihr Talent an der Kunsthochschule nicht erkannt. Willi kehrte daraufhin heim. Edgar blieb in Berlin, nistete sich in einer Gartenlaube ein und schickte seinem Freund besprochene Kassetten, "so merkwürdige Texte – so geschwollen" (O-Ton Mutter Wibeau). Was Mama nicht weiß: Der Junge hat Goethes "Werther" entdeckt und sich darin wiedergefunden.

Bei Steckel fischt Ole Lagerpusch das Goethe-Werk aus der Kloschüssel. Falsche Ehrfurcht vor alten Dichtern kennt die junge Regisseurin nicht. Ihre Adaption der Adaption hat vor allem Humor. Und das bekommt der Geschichte gut. Edgar also lässt die Hosen runter, setzt sich auf die Schüssel und schmökert in der Reclam-Ausgabe des Briefromans. Er hat zwar keine Ahnung, was er da liest, denn "das Titelblatt ging flöten", aber er merkt sogleich, dass dieser Werther auch so ein Nabelbeschauer ist wie er selbst. Prompt verbrüdert sich Edgar mit dem literarischen Kumpel und schickt seinem Freund Willi fortan besagte Kassetten mit Goethe-Zitaten.

Einfach nur ein bisschen faul

Das Kreisen um sich selbst ist das zeitlos Aktuelle an der Geschichte. Zur symbolischen Verdeutlichung hat Florian Lösche eine Drehbühne entworfen. Darauf installiert Edgar eine praktikable Behausung: Aus grauen Brettern baut er nach und nach einen Kasten. Der wird im Laufe des Abends zum Zeichen für Edgars zunehmende Isolation. Ein klares Bild, das die Inszenierung wesentlich mitträgt.

Den Rest besorgen die Schauspieler: Anna Steffens, Yuri Englert, Markus Graf und Daniel Hoevels in diversen Nebenrollen, Katrin Wichmann und Ole Lagerpusch in den Hauptrollen. Letzterer findet als Edgar eine faszinierende Mischung aus wahnsinnigem Genie und sympathischem Jungen. Den lässt er raushängen, als er die Kindergärtnerin Charlie trifft, in die er sich ebenso unglücklich verliebt wie Goethes Werther in Lotte. Wie das literarische Vorbild ist auch die moderne Charlotte vergeben – an den spießigen Dieter (Yuri Englert), den sie heiraten wird. Katrin Wichmann spielt die begehrte Frau mit hinreißender Selbstverständlichkeit. Ihre Charlie fühlt sich zwar zu Edgar hingezogen, erkennt aber klar, dass der Junge ein "Idiot" ist, der "überhaupt nicht malen" kann und im Grunde einfach nur "ein bisschen faul" ist.

Egoistisch, passiv, von heute

Edgar krankt an dem Virus, nicht erwachsen werden zu wollen und findet dafür Bestätigung in Goethes Roman. Trotzig wie ein Kind beharrt er auf dem Habitus des verkannten Genies, gefällt er sich wie Werther in der Rolle des unglücklich Verliebten. Diese Passivität macht Edgar zu einer Figur von heute, der jeglicher Antrieb zur Tat fehlt. Hinzu kommt ein ausgewachsener Egoismus, der ebenfalls unserem Zeitgeist entspricht. All das hat Jette Steckel in Plenzdorfs Text entdeckt und klug umgesetzt. Manchmal blitzt die Idee hinter einer Szene zu deutlich hervor – mehr gibt's an dieser Inszenierung aber nicht zu meckern.

Auf den Punkt gebracht ist das Schlussbild: Edgar hat sich in seiner Hütte eingebaut. Auf der Außenwand lesen wir den Text, den er innen schreibt: "Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt." Nach diesem Goethe-Zitat fallen alle vier Wände des Kastens laut lärmend um. Edgar liegt tot da. Er ist an einem Stromschlag gestorben. Erwischt hat ihn der beim Basteln eines Farbspritzgeräts. Statt Bildender Künstler ist Edgar nämlich Anstreicher geworden. Das wahre Leben kann manchmal ganz schön unpoetisch sein.


Die neuen Leiden des jungen W.
von Ulrich Plenzdorf
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur. Mit: Ole Lagerpusch, Katrin Wichmann, Yuri Englert, Daniel Hoevels, Markus Graf, Anna Steffens

www.thalia-theater.de


Zuletzt sahen wir von Jette Steckel Albert Camus' Caligula am Deutschen Theater Berlin (September 2008) und die Uraufführung Philipp Löhles Die Kaperer am Schauspielhaus Wien (März 2008).

 

Kritikenrundschau

"Raffiniert, fantasievoll, bewusst arm an Mitteln, aber poetisch schön", schreibt ein mit MN kürzelnder Rezensent in der Welt (16.12.) Es gefällt besonders, wie Jette Steckel den von Plenzdorf angewandten Kunstgriff vertieft, "Edgar als Spiegelung von Goethes Werther zu begreifen und ihn dessen Texte je nach Gemütslage sprechen zu lassen". Gedanken, durch Video-Projektionen förmlich sichtbar gemacht im sich bis zur totalen Identifikation mit Werther auflösenden Gesicht des großartigen Ole Lagerpusch, sieht MN sich "weiter zu Seelenzuständen" verdichten. Hinreißend seien auch die Schattenspiele, "bei denen sich die Hände von Edgar und seiner angebeteten Charlotte (Katrin Wichmann spielt sie als wunderbar nüchterne Träumerin) zart berühren. Doch in Wirklichkeit greifen sie aneinander vorbei."

Lutz Wendler vom Hamburger Abendblatt (16.12.) ist ebenfalls begeistert. Jette Steckels "fantastische Inszenierung" lasse das Stück vielschichtig und zeitlos werden, dass es auch die ganz neuen Leiden zeige. Was 1973, als Plenzdorfs Roman heraus kam, zugleich als moderne Klassikeradaption und flapsige Systemkritik verstanden wurde, die Goethes romantisch-tragischen Werther mit der Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus konfrontierte, sei in Steckels Weiterentwicklung nun ein Stück über jugendliches Lebensgefühl geworden, das "sich den Zwängen der Erwachsenenwelt verweigert und notwendig scheitert". Wendler lobt auch das hervorragende Ensemble und die Musik, freut sich an vielen plausiblen, oft komischen Einfällen, vor allem aber an "nachwirkenden Bildern".

 

 
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