Im hohen Ton ein Heute suchen

von Anne Peter

Berlin, 18. Dezember 2008. Jan Bosse macht Ernst. Nicht nur vom Stoff her, große Tragödie: Antigonae, Hölderlin, sondern auch im Spiel: quasi ironiefrei der Raum, der den Zuschauer ganz in Schwarz empfängt. Schwarz ausgeschlagen die Theaterwände, schwarz die schicken Kostüme der staatsmännisch auftretenden Königsfamilie. Es herrscht Trauer in Theben, das soeben einen blutigen Angriff überstanden hat. Auf der Bühne türmen sich massenhaft hingeworfene Klamotten, symbolisch die Toten vertretend. Solche Kleider-Leichen sind auch über die Sitzreihen im Zuschauerraum verteilt. Das Publikum wird also mitten hineingesetzt in diese Post-Kriegs-Landschaft. Und auch später immer wieder als Volkes Stimme angespielt, beschimpft, bekniet.

Auferstanden aus Stoffbergen

Polyneikes ist mit Verbündeten gegen seine Heimatstadt gezogen, in der Bruder Eteokles herrscht und aus der er selbst vertrieben wurde. Sophokles' "Antigone" setzt ein, als sich die beiden Söhne des Ödipus bereits gegenseitig niedergemetzelt haben. Doch nur einer, Freund Eteokles, darf ordentlich bestattet werden; der andere, Feind Polyneikes, soll unbestattet ein Fraß für Hunde und Vögel sein. So will es der Ödipus-Schwager und frisch eingesetzte Neu-Herrscher Kreon, wider dessen Gebot Antigone ihren Bruder bestattet. Dafür lässt sie der Vater ihres Bräutigams Haimon lebendig in einer Felsenhöhle begraben.

In rotgedimmtem Licht wühlt sich zu Anfang jener Skandal-machende Tote in der Gestalt Sebastian Rudolphs aus den Stoffbergen zur Auferstehung heraus: Polyneikes. Oder hier auch: Hyperion, der Briefromanheld Hölderlins, der mit den Griechen gegen die Türken in den Befreiungskampf zieht. Regisseur Bosse und seine Dramaturgin Andrea Koschwitz verschmelzen die beiden für ihre "Antigonae/Hyperion" betitelte Inszenierung am Maxim Gorki Theater zu einer Rebellionsfigur, die fanatisch schwärmend in Richtung Terrorismus schwankt.

Vage aktualitätsbezogen baumelt ihm die soldatische Erkennungsmarke am Hals, um ihn her erhebt sich alsbald ein Gefallenenchor, und Haimon geht als Kriegsversehrter an Krücken. Während der Chor stumm bleibt, leiht Hyperion dem geschmähten Polyneikes seine Worte. So ist "Hyperion" weniger eine Hälfte des Theaterabends (an dem vor allem Hölderlins "Antigone"-Übersetzung gespielt wird), als vielmehr der per Romanbruchstücken daher kommende Rechtfertigungsgehilfe des Polyneikes. Was der unerhörten Tat Antigones wiederum zusätzliche psychologische Plausibilität, auf die man es hier allenthalben abgesehen hat, verleiht: Antigone treibt weniger das göttliche Bestattungsgebot als überbordende Bruderliebe an.

Tragödie privat

Und diese ist bei Anja Schneider, die zur Edelseele auch zopfverschnörkelte Edelfrisur trägt, vollkommen heiß und innig. Sie kniet sich, den Bruderleib umkosend nieder, sobald dieser aus dem Kleiderwust zu ihr gesprochen. "Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich", lautet ihr zentraler Satz und die Textfassung dichtet dem Geschwisterpaar gar noch einen – wenig überzeugenden – Liebeswortwechsel zwischen Hyperion und seiner angebeteten Diotima an.

 

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Bosse macht Antigone also nicht primär zur Revolutionsfigur, sondern lässt Schneider unter Verzweiflungs-Brauen jede Menge hehre Privat-Gefühle ausstrahlen. Überhaupt erscheinen die Labdakiden-Sprößlinge, zu denen auch noch Schwester Ismene zählt – die fulminant desperat auf Gräbern tanzende Britta Hammelstein –, als eine Art Kuschelgemeinschaft, in der immer wieder die Stirnen gegeneinander gepresst, die Arme umeinander geschlungen und heftige Küsse auf die blutsverwandten Münder gedrückt werden.

Selbst mit Kreon verkehrt man körperlich herzlich. Der will zunächst auch gar nicht glauben, dass ausgerechnet seine Wunsch-Schwiegertochter sich plötzlich zur Rebellin aufschwingt. Dem Vernunft-Politiker leiht Ronald Kukulies, der für Bosse schon den grundsympathisch-bodenständigen Albert im gefeierten Theatertreffen-"Werther" gab, seine unverwechselbare Pragmatiker-Gestalt und -Stimme, mit der er bewundernswerter Weise selbst die hochtönend vertrackten Hölderlin-Verse mundgerecht hinzubiegen weiß.

Komisch im Gewissensbissigen

Wie alle anderen unterliegt auch er Bosses Vermenschlichungstendenz, die alle Beteiligten so weit als möglich gefühlig und in ihren Motiven uns heutigen, untragischen Menschen verständlich zu machen sucht. So rutscht Kukulies aus staatsmännischem Schlips-und-Kragen-Gestus am Mikro-bewehrten Rednerpult immer mehr ins Gewissensbissige, bis schließlich Rudolph als schwarz maskierter Teiresias und gleichsam personifiziertes Schlechtgewissen sich auf dem Rücken des Gebeutelten festkrallt.

Zwar erwirkt dieses Innerlichkeitsspiel, das Bosse seinen durchweg hochengagierten Darstellern verordnet, streckenweise durchaus Intensität, allzu oft wird es jedoch auch unfreiwillig komisch. So dass man Bosse letztlich dann doch wieder in den von ihm so oft schon glücklich bespielten Raum der freiwilligen Komik zurückwünscht. Lieber nicht ganz so ernst machen.

 

Antigonae/ Hyperion
von Sophokles/ Hölderlin
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Anja Schneider, Ronald Kukulies, Britta Hammelstein, Leon Ulrich, Max Simonischek, Ruth Reinecke, Sebastian Rudolph.

www.gorki.de


Zuletzt besprachen wir von Jan Bosse: die Wiener Aufführung von Wer hat Angst vor Virgina Woolfe? im Oktober 2008; sein Romantik-Projekt z. B. Der gestiefelte Kater im September 2008 in Zürich; seine Inszenierung der Theateradaption von Anna Karenina im Mai 2008 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

 

Kritikenrundschau

In der Montage der "Antigone" mit dem "Hyperion", in der sich der Regie-Ironiker Jan Bosse am Berliner Gorki-Theaeter als schroffer Pathetiker versuche, wirke alles "wie Pathos aus zweiter Hand: Recycelter Tiefsinn, Bedeutungsschwere vom Dramaturgen-Grabbeltisch", meint Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (22.12.). Der "Hyperion" schrumpfe "zu pathetischen Stoßseufzern. Die antike Tragödie regrediert zu Betroffenheitskitsch." Der Chortext werde "gnadenlos psychologisiert und aus der enormen Abstraktionshöhe auf etwas diffus Gefühliges runtergedimmt". Und "je betroffener der Antigone-Darstellerin Anja Schneider ihre Auftritte geraten, desto kleiner und banaler wird ihre Figur: Keine Tragödin, sondern ein Girlie mit Stimmungstiefs." Schließlich denunziere die Inszenierung Kreon, statt ihn ins Recht zu setzen. Der einzige überzeugende Schauspieler des Abends sei Sebastian Rudolph, der seinem Hyperion/Polyneikes "Dringlichkeit und gedankliche Schärfe" gebe, "aber leider irrlichtert er dabei wie ein Fremdkörper durch diese gedanklich konfuse, szenisch beliebige Inszenierung".


Große Sympathie und intellektuelles Vergnügen bekundet in der Welt (20.12.) Matthias Heine für bzw. mit diesem Abend, wenngleich ihm Jan Bossse und sein Team dabei auch zunehmend wie Kinder "einer eher flachpfeifigen Epoche" vorkommen, die auf den Hochpfaden dieses ungeheuren Sprachgebirges wandeln, lediglich ausgerüstet "mit geistigen Sommerlatschen und einem kurzärmeligen Intellekt". Dramaturgisch geht an diesem Abend für ihn vieles nicht auf. Trotzdem hört er herausgefordert zu, findet auf Grund ihrer "fast puristischen Sprachfixiertheit" den Abend Gotscheffs viel gelobter "Perser"-Inszenierung sogar ein bißchenn ähnlich. "Aber ohne die Eitelkeit, die Gotscheff seinen Darstellern durchgehen lässt". Lob also für die Schauspieler, besonders Anja Schneider und Roland Kukulies. Nur Sebastian Rudolph als Polyneikes erscheint Heine mitunter etwas übertrieben.

Wenig mehr als Respekt mag Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (20.12) dieser Inszenierung nicht zollen, und drückt auch sein Unverständnis darüber aus, dass sich Jan Bosse mit seiner Textfassung ein derart "karstiges, schrundiges Textgelände" geschaffen hat, "das seinem bisherigen Theaterverständnis keine Chance lässt" und ihn zur völligen Ironiefreiheit verdonnert. So kommt es für Pilz unweigerlich dazu, dass sich Bosse und sein Team im von ihnen höchstselbst errichteten Gedankengebirge verlaufen. Aber auch darstellerisch funktioniert für ihn manches nicht. Antigonaes Zerren am Leichnahm von Bruder Polyneikes gerät für ihn beispielsweise  zum schwerern "Horror-Kitsch", Sebastian Rudolph ist aus seiner Sicht mit dieser Rolle ohnehin überfordert. Oft kann Pilz regelrecht sehen, "wie die Szenen wackeln, wie unsicher die Regiehand ist". Die Spielweise gerät für ihn so "schlichterweise in fades Veräußerlichungsgewässer - jede Geste hat einzig Bebilderungsgründe".

Zwar findet Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (20.12.) den Versuch von Jan Bosse und seiner Dramaturgin Andrea Koschwitz, Hölderlin und Sophokles zu "interpolieren", durchaus "kühn" und zunächst auch spannend. Im Verlauf des Abends hat er aber zunehmend den Eindruck, die Schauspieler müssten sich aus dem Konzept ebenso herausarbeiten, wie aus den "wildwuchernden Kleiderhaufen" des Bühnenbildes und ihren "seltsamen Assoziationen" – Otten muß an Auschwitz denken. Schwerer wiegt für ihn noch, dass sich die Schauspieler dem Tragödienton verweigern, weshalb er beispielsweise Roland Kukulies den König von Anfang an nicht abnehmen kann. Was die Sache für ihn schließlich scheitern läßt ist die Tatsache, dass durch die politisch zugespitze Aktualisierung des Stoffs auf unsere postheroischen Zeiten "die Essenz der Vorlagen" für ihn in Gefahr gerät. "Nehmen wir an, Theben sei heute: Wer würde eine Utopie überhaupt nur annehmen, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen derart dekadent wären, wie Bosse sie vorführt? Wer hörte jemand wie Kreon noch zu? Und wer würde den Konflikt, den er mit Haemon und Antigonae ausficht, ernsthaft als existenziell begreifen?"

"Titel, Theben, Temperamente" überschreibt der Berliner Tagesspiegel (20.12.) bissig Christine Wahls enttäuschte Kritik. Schon das Bühnenbild erinnert sie weniger an ein thebanisches Schlachtfeld als einen "Räumungsverkauf in der Textilabteilung bei Woolworth". Normalerweise schätzt sie Jan Bosse als intelligenten Exegeten klasssischer Stoffe. Doch diesmal geht seine Lesart für sie nicht auf. Statt das Politische in dem antiken Drama zu fokussieren, psychologisiere er den Stoff und landet aus Wahls Sicht so "in der Banalität des Privaten". Das liegt ihrer Ansicht nach jedoch nicht allein am Konzept, sondern auch daran, dass die Schauspieler fast unisono den Tragödienton nicht bewältigen. Ständig hat die Kritikerin das Gefühl, "man könnte sich auch in einem hübschen Gegenwartsstück befinden, wo die Heldin mitfühlend die Stirn in Falten legt, weil der Kumpel gerade ein bisschen Beziehungsstress mit seiner Freundin hat." Und die Heldin heißt immerhin Antigone.

"Ernst gemeintes Sprachtheater, das sich den hohen Ton von heute aus erschließt. Wie selten! Wie schön!" jubelt dagenen Joachim Lange in der Wiener Zeitung (20.12.), dem die Idee, das alte Sophokles-Stück mit den Augen seines Übersetzers Hölderlin zu lesen, um den "freiheitsliebenden Briefromanhelden" und "den rebellierenden Königssohn" zu Brüdern im Geiste zu machen, durchaus eingeleuchtet hat. Auch das Bühnenbild findet er stimmig: "alles ist Schwarz – und mit Kleidern übersät. Auch die Sitzreihen: Zeichen von gelebtem Leben, dem niemand entkommen kann". Und die Schauspieler erst: Sebastian Rudolph als Polyneikes, "der mit einem sprachlichen Crescendo die Grenze zwischen den Sphären des Todes und des Lebens überschreitet", Anja Schneider, die Lange als Antigone berührt. Und Roland Kuklies pragmatischer Kreon.

Auch Eberhard Spreng vom Deutschlandradio (20.12.) findet Jan Bosses "riskantes Rendezvous von Antigone und Hyperion, einer antiken Tragödie und einem klassisch-romantischen Briefroman" eher gelungen, eine aus seiner Sicht "überraschende, morbid-idealistische Liebesgeschichte", die vom Wahnsinn des Krieges und der Zeit danach" erzählt, dem Gorki-Publikum "endlich einmal einen sehr ernsthaften, und vor allem sehr ernstzunehmenden Abend" bescherte.

In der Berliner taz (20.12.) bespricht Simone Kaempf die Inszenierung, für die Hölderlins romantischer Schatten schwer auf dem Abend lastet, statt frisches Licht auf Sophokles' Tragödie und den darin verhandelten Konflikt zu werfen. Bosse lasse die dunkle, wuchtige "Antigonae"-Übersetzung von Hölderlin spielen: "Mit den dräuenden Sätzen wenden sich die Schauspieler nach vorn und sprechen monologisch-dringlich ins Publikum. Sie treten auch von beiden Zuschauergängen auf, um mehr Nähe zu suchen. Und man ist auf der Hut, ob sie nicht gleich auf Zuschauersitze klettern." Trotzdem geht dieser Versuch für Simone Kaempf nicht auf, die sie sich fragt, zu wem Anja Schneiders Antigone eigentlich spricht, wenn sie am Ende ruft: 'Seht, ihr Vaterlandsbürger, den letzten Weg mich gehen'?"

 
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