Männliches Identitätsgeschacher

7. Januar 2023. Ist das Gefühl eine untrügliche Instanz, um einen Menschen zu erkennen? Oder täuscht es uns gerade bei den Nächststehenden? In seinem Identitätsverwirrungsspiel stellt Heinrich von Kleist diese Fragen mit philosophischer Konsequenz. Elina Finkel inszeniert es zwischen Tiefsinn und Gelächter – mit einer Frau von heute im Zentrum. 

Von Gerhard Preußer

7. Januar 2023. Identität, A=A, die logische, die Gleichheit mit sich selbst, ist das Thema von Heinrich von Kleists "Amphitryon". Nicht die psychologische Identität, nicht die mühsam durch soziale Interaktion erworbene Bestimmung der Eigenart als Person, sondern die Einmaligkeit jedes Menschen, die allein dadurch gesichert ist, dass er sich seiner selbst bewusst ist. Aus einer philosophischen Spekulation – was passiert, wenn zwei absolut gleiche Personen eine dritte treffen? – hat Kleist ein Lustspiel gemacht, immer auf der Kippe zwischen Tiefsinn und Gelächter.

Ist das Gefühl eine untrügliche Instanz, um einen Menschen zu erkennen? Oder kann uns unser Gefühl auch betrügen? Und das aus der Sicht einer Frau. Die Dienerin Charis (Marion Bordat) sagt den viel belachten Satz: "Einen Mann greift man im Finstern“ – heißt, auch ohne Licht weiß man, mit wem man es im Bett zu tun hat. Aber genau das passiert Alkmene (Stefanie Rösner): Sie meint, es zu wissen, und weiß es doch nicht und kann es nicht wissen. Jupiter, der Gott (Tim Knapper) in Gestalt des Menschen Amphitryon – und sie vergnügen sich in der längsten Nacht – doch kann nur glauben, er sei der echte Amphitryon, der Gatte (Torsten Borm).

Personalverdoppelung mit Spiegel

Auf dem Theater ist Identität nur eine Äußerlichkeit: ein buntes Hemd, genauer: zwei bunte Hemden mit gleicher, farbenfroher Musterung schaffen die Gleichheit der Person. So bei Sosias und Merkur wie bei Amphitryon und Jupiter in der Aachener Inszenierung von Elina Finkel. Und bei der Personalverdopplung hilft dann noch ein Spiegel (Bühne und Kostüme: Vesna Hiltmann).

Amphitryon2 805 Wil van Iersel uAuf der Kippe zwischen Tiefsinn und Gelächter: Stefanie Rösner und Tim Knapper als Alkmene und Jupiter © Wil van Iersel

Verwirrung entsteht, wenn Alkmene Jupiter versichert, dass sie nur Amphitryon liebe, weil sie glaubt, er sei Amphitryon, während Jupiter darauf besteht, sie müsse unterscheiden zwischen ihm und Amphitryon, während wiederum sie nur verstehen kann, er wolle eine Versicherung ihrer Liebe zu ihm als Amphitryon. Wer war bei Alkmene in der Nacht? "Ich, seis wer es wolle", sagt Jupiter. Und: "Er, Jupiter, sag ich." Die Personalpronomen wirbeln durcheinander. Der gedankliche Nachvollzug dieser Verwicklungen überfordert nicht nur die Protagonistin, sondern auch das Publikum.

Verfolgungsjagden treppauf und trappab

Was bleibt in diesem Wischwasch, in dieser Gehirnverrückung, diesem Quidproquo, in dieser Welt als "Dudelsack", ist die Komödie. Darauf setzt die Inszenierung. Komödienelemente immer wieder: Sosias (Tonio Schneider) und sein Doppelgänger Merkur (Ognjen Koldzic) klatschen sich ab. Zwischen den Szenen tönt sinnreich ausgewählte Popmusik. Verfolgungsjagden gibt es treppauf, treppab. Als Alkmene entdeckt, dass auf dem Diadem, das Jupiter-Amphitryon ihr geschenkt hat, nicht das Initial A eingraviert ist, sondern ein J, wirft sie allen anderen Schmuck von sich. Alle Preziosen schmückt ein A, schließlich entledigt sie sich ihres Schlüpfers, auch mit A signiert. So treu ist sie.

Amphitryon3 805 Wil van Iersel uGleiche Hemden, gleiche Person? Torsten Borm und Ognjen Koldzic auf Vesna Hiltmanns Bühne © Wil van Iersel

Diese Alkmene ist eine Frau von heute, ohrfeigt Jupiter und geht davon im Mantel, wenn ihr unterstellt wird, sie habe ihren Mann betrogen. Jupiter aber ist ein beleidigter Liebhaber-Gott, der Alkmene ärgerliche Vorwürfe macht, sie bete ihn nicht an, sondern nur Amphitryon. Charis bringt tatsächlich den Kohlkopf, nachdem Sosias verlangt (aber kalt und ungekocht). Merkur tanzt zu dem alten Schlager "Parole, parole". Ist alle Identitätsstreiterei nicht nur ein Streit um Worte? Alkmene überprüft die Echtheit der beiden Amphitryen körperlich: Ohr am Herzschlag, Nase am Achselschweiß und Haut an Haut. Beim großen Showdown zwischen dem Echtmenschen und dem Betrügergott gibt es viel Geschrei. So schwindet die Differenz zwischen leichter Form und schwerem Sinn.

Nachhallendes Schweigen

Am Ende verkündet Jupiter die künftige Geburt von Herakles, dem Halbgott. Alkmene, die ihn gebären soll, steht stumm da, sieht geradeaus, schüttelt den Kopf, erst ungläubig, dann froh, dann ärgerlich, dann nickend, dann "Ach": Zustimmung zugleich vorenthaltend und gewährend. Absurd ist, was die Männer da mit ihr veranstalten. Das nachhallende Schweigen bleibt für eine Sekunde, in der man bedenken kann, dass männliches Identitätsgeschacher lächerlich ist und folgenschwer ist, dass Reflexion nichts taugt, dass Mensch und Gott nicht zu verbinden sind, nicht Individualität und Allgemeinheit.

Dann toben die Sosiase, rutschen das Treppengeländer herunter, und die Komödie hat uns wieder. Die Rückwand mit dem Gemälde, das zwei sich gegenseitig malende, optisch gleiche antike Männer zeigt, öffnet sich, und wir sehen uns selbst, das Publikum gespiegelt, aber unscharf und verzerrt: ein wenig Selbsterkenntnis.

 

Amphitryon
von Heinrich von Kleist
Regie: Elina Finkel, Bühne und Kostüme: Vesna Hiltmann, Dramaturgie: David Schnaegelberger, Licht: Dirk Sarach-Craig.
Mit: Tim Knapper, Ognjen Koldzic, Torsten Borm, Stefanie Rösner, Tonio Schneider, Marion Bordat.
Premiere am 6. Januar 2023 
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theateraachen.de

Kritikenrundschau

Die Regisseurin Elina Finkel und ihr Team ließen es mit ihrer "Amphitryon"-Version "knallen", schreibt Kristina Toussaint in den Aachener Nachrichten (€, 9.1.23). Inszenierung und Ensemble gelinge es "hervorragend", das Material so zu verpacken und mit einigen Kniffen zu versehen, dass die Aufmerksamkeit immer wieder mit gut zündenden Pointen belohnt wird, findet die Kritikerin.

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