Ratten auf dem sinkenden Schiff Theben

von André Mumot

Hannover, 28. Februar 2009. Nein, die Familienähnlichkeit lässt sich nicht leugnen. Ödipus ist hier ganz das Kind seiner Mutter und Ehefrau. Das liegt nicht nur an der offenbar vererbten kräftigen Statur und den identisch roten Haaren. Besonders ähnlich sind sich die beiden, weil sie demselben Geschlecht angehören. Iokaste wird an diesem Abend mit wuscheliger Milva-Perücke von Sascha Nathan gespielt. Das mag im ersten Augenblick etwas irritierend wirken, passt dafür aber prima zum effeminierten Onkel Kreon, den Torsten Ranft als zickige Bilderbuch-Tucke gibt. Man kichert im Rang. Und manch einer, womöglich auch der Regisseur, nickt vielleicht mit dem Kopf und denkt: geschlechtliche Hemmungslosigkeit und Patchwork-Familien – das ist die Großstadt.

Wilfried Minks ist ein Altmeister des Bühnenbilds, und wenn er Regie führt, dreht sich dementsprechend alles um den Raum. 2008 hat er im Schauspielhaus Hannover Molières "Menschenfeind" in einem großen Aquarium angesiedelt – den "Oedipus" des Sophokles sperrt er nun ins urbane Rattenloch.

Menschen in Hochhaus-Siedlungen
Die mit der Nachtbildkamera gefilmten Nagetiere sind gleich zu Beginn auf den zahlreichen Flachbildschirmen zu sehen, die Unheil verkündend überall auf der Bühne herumstehen und zum Teil auch im Saal hängen. Zudem bildet eine nach vorn gekippte Spiegelwand den Hintergrund, sodass sich ein Teil der Zuschauer beim Zuschauen beobachten kann. Vor allem aber fängt der Spiegel die Illustration auf dem Boden ein: eine deprimierende Hochhauslandschaft aus trostlosem Beton und leeren Fenstern.

Es ist eine enge Welt, und so können die Schauspieler eigentlich nur auf schmalen Wegen von hinten oder von der Seite auftreten und um die Fernseher herumspazieren, fuchtelnd Monologe sprechen und wieder abgehen. Das tun sie auch, allerdings ziemlich gehetzt, denn ihre Zeit ist begrenzt. Nur 75 Minuten dauert dieser Abend, und so ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass er als Sprechtheater kaum funktioniert – nicht nur Zwischentöne meidet, sondern alles Ungewisse, alle Ruhe.

Tragödie Modenschau
Auch der Chor ertönt ganz selbstgewiss und stramm als einheitlich gefilmte Gesichterparade und löst damit auf den Monitoren die Ratten ab. Sehr eloquent (um nicht zu sagen: geschwätzig) sind aber vor allem die Kostüme von Ina Peichl, und so kommt einem die Tragödie mitunter wie eine Modenschau vor, die ihre Models denunziert. Ödipus (Christoph Franken) trägt dicken Schmuck und Angeber-Pelzmantel, Kreon verzichtet nicht aufs Augen-Make-Up und stolziert in einer schwarz-weiß karierten Fashion-Sünde über die Bühne.

Der Bote aus Korinth (ebenfalls Torsten Ranft) sorgt dann nicht nur mit sächsischem Dialekt für allzu billige Lacher, sondern zudem mit durchsichtigem Kunststoffhemd und Rennfahrerhose. Der blinde Seher (nochmals Sascha Nathan) tritt schließlich mit aufgemalter Zahnlücke auf, mit doppelter Augenklappe über dem kahlen Kopf, mit Ethno-Ketten und eng geschnürten Lederriemen auf dem nackten Arm und sieht überhaupt Dennis Hopper in "Waterworld" frappierend ähnlich. Ein Film, der ja bekanntlich auch sehr zivilisationskritisch ist.

Klischeebild der verkommenden Großstadt
Die drei Schauspieler, die die wesentlichen Rollen untereinander aufteilen, bemühen sich redlich darum, inmitten dieser ganz auf Äußerlichkeiten bezogenen Travestie menschlich wahrhaftige Momente unterzubringen. Christoph Franken bekommt aber erst dann wirklich Gelegenheit dazu, als seine Erfolgspolitiker-Tage beendet sind und er sich büßerisch das Augenlicht genommen hat. Seine Blendung wird effektvoll ins Publikum übertragen, indem Minks ihn blutüberströmt und halb nackt zwischen derart grelle Neonröhren stellt, dass man ihn kaum erkennen kann. Außerdem hat er sich wund gespuckt, geschwitzt und geschrieen, und seine Stimme ist nur noch ein anrührend heiseres Quietschen. Mit diesem großen Aufritt verlässt er dann das dekadente Theben - längst ein sinkendes Schiff –, das noch einmal von Torsten Ranfts Kreon repräsentiert wird.

Nicht vom König handelt diese letztlich anteilnahmslose, moralisch eilfertige Inszenierung, nicht vom Schicksal, nicht von Menschen, sondern bloß von einem bösen Ort. Mit der hipp-verderbten, sexuell ambivalenten, gotteslästerlichen Metropole rekapituliert Minks schlicht das unangenehm gestrig anmutende Klischeebild einer verkommenen Großstadt und ihrer Bewohner. Ach, der Ödipus, der kann schon froh sein, dass er da endlich raus ist. Auf dem Land ist ja die Luft auch sehr viel besser. Das hat der Spießer in uns schon immer gewusst.


Oedipus
von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme
Regie und Bühne: Wilfried Minks, Kostüm: Ina Peichl, Musik: Bert Wrede, Video: Alexander Grasseck, Stefan Corinth.
Mit: Christoph Franken, Sascha Nathan, Torsten Ranft, Holger Bülow, Matthias Buss, Moritz Dürr, Bernd Geiling, Wolf List, Marcel Metten, Wolfgang Michalek, Günter Schaupp.

www.schauspielhannover.de

Mehr über Wilfried Minks? Im April 2008 hat er in Hannover Molières Menschenfeind inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Wilfried Minks erzähle den "Oedipus" in Hannover "straff, konzentriert, ohne Regiemätzchen, stark auf die Sprache setzend", meint Rainer Wagner in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (2.3. 2009). Christoph Franken als Oedipus beginne dabei "eher schnöselig und ist vielleicht doch ein bisschen zu sehr der naive Junge, der stets das Gute will und doch das Böse schafft." Später schleiche sich Theatralik ein: "Franken vertraut auf seinen Bauch und sein Bauchgefühl, aber dieser hochbegabte Schauspieler sollte darauf achten, dieses Stilmittel nicht überzustrapazieren." Dass der Bote aus Korinth "dezent sächseln" darf, wirke "eher wie ein augenzwinkernder Hinweis des alten Theaterhasen Wilfried Minks, dass auch ein 79-Jähriger noch die Tricks der Effekthascherei kennt." Alles in allem sah der Rezensent einen "spannend erzählten Krimi aus der Antike, der gar nicht antik wirkt".

 

 
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