Häschen im Wunderland

von Sarah Heppekausen

  Mülheim an der Ruhr, 20. März 2009. Im plüschigen Hasenkostüm sitzt Martin Bross auf der Bühne. Mümmelt an einer Möhre, die seine lederbehandschuhten Finger halten, während die Nachrichten mit Meldungen über Brandanschläge auf heimische Geschäfte und über die Ankunft von Superhelden eingespielt werden. Cut.

Dann blickt der Zuschauer auf eine weiße, leicht angeschrägte Bühnenfläche: Papierene Stellwände werden eingeschoben. Viel schräger noch als die Bühne (Gralf-Edzard Habben) sind die Figuren, die um den niedrigen Tisch in der Mitte hocken. Eine Mutter im gestreiften, engen Minikleid mit Puffärmeln groß wie Micky-Maus-Ohren. Ein Vater als Austin-Powers-Verschnitt im grasgrünen Anzug und mit schwarzer Brille. Eine Tochter im wehenden Tüllrock über silbernen Leggings, sie hat etwas von einer Manga-Figur. Ein Sohn in lila Sportjacke über türkisfarbener Jeans (Kostüme Manuel Kirchner).

Postideologische Leere mit Knall-Finale

Das traute Heim der Familie gleicht in seinem kühlen Schwarz-Weiß-Ambiente eher einer hippen Sushi-Bar denn einem (spieß-)bürgerlichen Einfamilienhaus. Regisseur Thomaspeter Goergen hat in seiner Uraufführung von Ewald Palmetshofers "Helden" den Vorschlag des Autors ernst genommen und die Szenerie hollywoodesk überhöht. Aber nicht nur die damit angesprochenen Sequenzen des Nachrichtensprechers, sondern die gesamte Inszenierung bekommt im Mülheimer Theater an der Ruhr einen Comic-Stil verpasst.

Palmetshofer, im vergangenen Jahr mit "hamlet ist tot. keine schwerkraft" zu den Mülheimer Stücken eingeladen und von "Theater heute" zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, diagnostiziert auch in "Helden" eine postideologische Leere der Zeit, stellt große Fragen nach Liebe, Identität und Terrorismus. Aus den Fängen ihrer ach so liberalen Eltern bleibt für die Geschwister David und Judith nur die Flucht in den real werdenden Heldenmythos. Als super sexy Spiderman und geile Catwoman werfen sie des Nachts Molotowcocktails in Einkaufshäuser. Und zum großen Knall-Finale sogar in die Wellness-Therme, in der ihre ahnungslosen Eltern spontanen Abenteuer-Urlaub machen wollten. Nur so entkommen David und Judith der drohenden Durchsichtigkeit des Ichs in eine Art revolutionäre Lebendigkeit.

Kunstnummern und Phrasendrescher
Mit der eindeutigen Setzung als irrwitziger Comic-Streifen, mit grellem Licht und harten Schnitten beginnt der Abend vielversprechend. Petra von der Beek als gnadenlos optimistische Mutter Doris setzt die Doppelbödigkeit von Palmetshofers Sprache einerseits als rhythmische Kunstnummer und andererseits im alltagstauglichen Umgangston hier unübertroffen um. Sie lässt ihre Sätze abbrechen, wiederholt Worte und drischt Phrasen mit einer Selbstverständlichkeit, die auch jeder Ellipse noch eine glaubwürdige Berechtigung verleiht. Nicht weniger konsequent, wenn auch seltener komisch ist Albana Agajs Judith. Die zittert und bebt permanent in einer nervösen Rastlosigkeit wie eine tickende Bombe. Sie explodiert allerdings am Schluss ganz leise und stirbt überhaupt gar keinen pompösen Heldentod.

Der David des Fabio Menéndez schwankt unentschieden zwischen der lethargischen Haltung eines am Alltagsgeschehen desinteressierten Philosophie-Studenten und plötzlich lautstark kommunizierten Wutausbrüchen. Während David von seinen sozialen Netzwerken erzählt, zeigt er demonstrativ auf die Netze, die entlang der Bühnenwände gespannt sind. Hier nimmt die Regie die Zeichenhaftigkeit eines Comics dann doch zu genau. Gravierender aber ist die Entscheidung, Judiths Freund Paul, einen Bankangestellten, mit einer Frau zu besetzen. Simone Thoma spielt einen Mann, vielleicht auch einen Metrosexuellen, hält lässig die Hände in den Hosentaschen und spricht mit gedämpfter Stimme. Die anfänglich und vor allem bei Doris und Judith so gelungene Typenbesetzung verwässert hier zur Unentschlossenheit.

Fiktion vs. Wahrheit
Aber noch einmal zurück zum Hasen. Zu dem in Mülheim befremdlicherweise der Nachrichtensprecher mutiert ist. Der heißt laut Programmheft Swarovski, wie das österreichische Kristall-Unternehmen, und trägt passenderweise Glitzersteinchen auf seinem Bauch. Er könnte auch eine Anspielung auf das Thema sexueller Sehnsüchte sein, schließlich trägt auch David ein kleines Häschen wie einen Playboy-Anstecker auf der Brust. Oder aber er führt die Zuschauer gleich zu Beginn so wie Alice hinab ins Wunderland. Ins bunte Reich der Comic-Helden. Denn Thomaspeter Goergen setzt an diesem Abend ganz auf Fiktion. Die ist auch schön anzusehen. Wenngleich die Wahrheit, die sich im Stück erschreckend gut mit der Fiktion vermischt, auf der Bühne leider oft verwischt wird.

 

Helden (UA)
von Ewald Palmetshofer
Regie: Thomaspeter Goergen, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüm: Manuel Kirchner.
Mit: Fabio Menéndez, Albana Agaj, Petra von der Beek, Klaus Herzog, Simone Thoma, Martin Bross.

www.theater-an-der-ruhr.de

 

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Kritikenrundschau

Für die Uraufführung von Ewald Palmetshofers "Helden" habe Gralf-Edzard Habben "eine zauberwahre, gute, schöne Bühne eingerichtet", meint Jens Dirksen in der Neuen Ruhr Zeitung (23.3.2009). Das Stück sei "dem Terror des real existierenden Kapitalismus auf der Spur". Mit dem "Siegeszug der Alles-ist-Markt-Gesellschaft" sei alles eins geworden, "selbst die bürgerlichen Terroristen schwafeln im Managersprech von 'Coaching', von 'Ressourcen', von 'Netzwerken'". Palmetshofer würden selbst die "Wörter zum Satzbrei", ähnlich wie bei Ödön von Horvath – "Volkstheater des 21. Jahrhunderts also, das die Wurschtigkeit des Denkens in Phrasenbrocken zur Kenntlichkeit entstellt". In der Mülheimer Uraufführung stünden dann aber "lauter Comic-Figuren auf der Bühne", "keine sprachverbogenen Sozialcharaktere, sondern Abziehbilder, die Text aufsagen". Mit diesem "unnötigen Verfremdungseffekt" unterlaufe Regisseur Thomaspeter Goergen den "zeitkritischen Entlarvungs-Effekt des Stücks – als gehe es nur um die allmähliche Comicisierung der Welt und nicht um unsere ur-eigene Wortwirklichkeit". Auch der "Running Gag in Gestalt einer Mischung aus Osterhase und Bugs Bunny" sei "eine weitere Verdoppelung nur, die sich über den psychologischen Kern des Stückes schiebt".

Für Dennis Vollmer von der Westfälischen Allgemeinen Zeitung (22.3.2009) ist dieser "feiste Hase", der "am Ende mit Wollust das Gehirn von Protagonistin Judith verschlingt" ein "groteskes Schock-Bild": "Die Imagination frisst ihre Kinder". Die Paten: Lewis Carroll, Jacques Lacan und Slavoj Zizek. Selbst das Politische werde hier zur "Oberfläche, in der die Protagonisten Judith und David sich selbst erkennen wollen wie das Kleinkind im Spiegel. Die Ich-Werdung endet in der Zerstörung." Dies sei "ein vielschichtiges Stück über den paradoxen, zerstörerischen Gesellschaftszustand: Wahre Identität kann nur in einer Maske ausgedrückt werden". Der Hasen ziehe sich dabei als "Symbolfigur für das Imaginäre wie ein roter Faden durch das Stück". Das möge plakativ wirken, bringe aber einen Palmetshofer'schen Schlüsselsatz auf den Punkt: "Das politische Begehren ist das Begehren des Politischen."

Natürlich gehe es in "Helden" um die "Unmöglichkeit heldenhaften Verhaltens", so Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (23.3.2009). Palmetshofer führe das "ethisch-gesellschaftliche Dilemma der Kinder der 68er (...) in seinen familiären Rahmen zurück", wobei seine Kunstsprache "weit über das Milieustück" hinausweise. Irgendwie sehnten sich hier alle nach Paul, "dem Vollintegrierten", den Simone Thoma "in einer Hosenrolle mit entsprechender Grandezza" spiele – eine "Kunstfigur", genau wie das Elternpaar. Sowohl Bühne als auch Kostüme betonten "die Zeichenhaftigkeit dieser Welt. Alles ist Floskel, ist zweidimensionales Comic", "das zumindest wird an diesem Abend schön deutlich und auch sehr komisch herausgearbeitet". Was Goergens "überlegte doch allzu zahme Inszenierung" hingegen unterspiele, sei "die ganz reale Verzweiflung, die sich in einigen wuchtigen Monologen Raum macht" und die hier nur Albana Agajs Judith vermittelt: "hypernervös zuckt sie über die Bühne, hat die tickende Bombe schauspielerisch grandios verinnerlicht".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.3.2009) resümiert Andreas Rossmann, Ewald Palmetshofer hätte mit "Helden" "ein Theaterstück über die Kinder der antiautoritären Erziehung geschrieben: junge Leute, die ein diffuses Ungenügen am Leben spüren, aber nicht einmal formulieren können, was sie so anödet, aber heraustreten wollen aus den Verhältnissen, und zwar sofort, heroisch und Knall auf Fall." Wobei das "in einer musikalischen Stummelsprache geschliffene Schauspiel" "bei allem abgedrehten Aktionismus" durchaus "originell" sei. Die "prägnante" Inszenierung von Thomaspeter Goergen schütze es zusätzlich vor "Milieulastigkeit", und es werde so "leicht" gespielt, dass es "viel von seinem bedeutungshubernden Ballast verliert". Der Hase übrigens sei ein "Playboy im Wortsinn": "Spielfigur, Pausenclown und Realismusbrecher."

 
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