Otto Normal-Nazis schleichendes Gift

von Ute Grundmann

Weimar, 23. April 2009. "Goethe, hilf!" So fleht der Archivar angesichts des zerbombten Dichterhauses in Weimar. Doch gegen die Kriegsfolgen kann auch der Dichterfürst nicht helfen, so sehr er – und Schiller – in der Klassikerstadt auch für alles Gute und Edle herhalten müssen. Doch mit dem Herbeiflehen des großen Vorbilds zeigt der Archivar auch seine kleinkrämerische Seele: Des Dichters Schreibtisch hat er vor der Zerstörung bewahrt, weil im zerbombten Haus nur eine Kopie stand, angefertigt von einem Tischler im KZ Buchenwald.

So wie hier bleibt einem manches Mal das Lachen im Halse stecken bei den Szenen, die Autorin Tine Rahel Völcker, Regisseurin Nora Schlocker und vier junge Schauspieler zum Thema "Weimar" entwickelt und ins Foyer III des Deutschen Nationaltheaters gebracht haben. Die Kleinstadt Weimar und die großen Geister, Klassikerverehrung und Modernefeindlichkeit, aber auch Fragen zu (wiederaufgekommenem) Nationalgefühl, zu Politik und Deutschtümelei müssen in die zwei Stunden passen, die dieser erste Teil des Projektes dauert. Ein zweiter Teil soll im Herbst folgen.

Parforceritt durch die Geschichte

Zunächst aber geht es um die Jahre von der Kaiserzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dafür wurden sechs Figuren teils erfunden, teils an historische Vorbilder angelehnt. Da sind der Goethe-Archivar Hans Wahl (so hieß ein ehemaliger Direktor des Goethe-Nationalmuseums) und der Kunstförderer (Harry Graf) Kessler, beide von Philipp Engelhardt gespielt. Da sind die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler und die Schauspielerin Lena, beide von Xenia Noetzelmann dargestellt. Da ist der spätere DDR-Staats-Dichter (Johannes R.) Becher, und schließlich Severus, dem damaligen Theater-Intendanten Hans Severus Ziegler nachempfunden.

Diese Figuren prallen im schmalen, niedrigen Foyer III auf einem leicht gekippten Laufsteg (Bühne: Jessica Rockstroh) in immer neuen Konstellationen aufeinander. Da hält Schauspielerin Lena dem Dichter vor, er sei stolz, was Becher mit "Sie sind deutsch" kontert. Mit dem Mäzen Kessler (mit blonder Perücke und Pelzstola als Klischee ausstaffiert) streitet Becher, ob er die Schlossbediensteten zum Streik angestiftet hat – und lässt sich, der revolutionäre Dichter, vom gräflichen Förderer unterstützen. Solche Schlaglichter auf Zeitstimmungen und Dispute ergeben weniger ein Theaterstück als eine Kette von Assoziationen, einen Parforceritt durch die Geschichte. Anfangs wird man schwer warm mit den Figuren, kommen die Texte parabelhaft, auch papieren daher.

Doch dann schälen sich Charaktere heraus: Florian Jahr spielt Becher als erfolglosen Dichter mit Revolutionsattitüde, die aber brennenden Ehrgeiz und Eitelkeit nicht überdecken kann. Auch die Malerin (Xenia Noetzelmann) kämpft für eine neue Ordnung, ihren Platz in einer Männergesellschaft nämlich, landet in der Zwangsjacke, wird von den Nazis sterilisiert, dann vergast.

Ein brüllender Kulturpolizist

Die unheimlichste Figur aber ist Severus, gespielt von Philipp Oehme. Leise schleicht er sich ins Stück, als von der Großstadt angewiderter Berliner, der in Weimar Ruhe und seine neue Ordnung finden will. Dem Goethe-Archivar dient er sich ebenso an, wie er diesen in seinen Bann zieht, langsam ändert sich sein Vokabular zur Kenntlichkeit, er will Becher als völkischen Schriftsteller vereinnahmen. Wie ein schleichendes Gift zieht dieser Otto Normal-Nazi seine Kreise, auch als Kulturpolizist, bis er beim Brüllen angekommen ist.

Nicht alles ist so stimmig und stringent wie diese Figur, manches wird auch nur zaghaft angetippt (zweimal ist vom Besuch "im Buchenwald" die Rede), nicht alles ist ohne Hintergrundinformationen verständlich. Aber auf die Fortsetzung, den zweiten Teil des Projektes, kann man gespannt sein.


(K)EI(N)LAND – Studie zur Deutschen Seele 1, UA
von Tine Rahel Völcker und Nora Schlocker
Regie: Nora Schlocker, Ausstattung: Jessica Rockstroh, Dramaturgie: Susanne Winnacker. Mit: Xenia Noetzelmann, Philipp Engelhardt, Florian Jahr, Philipp Oehme.

www.nationaltheater-weimar.de

 

Weitere Weimarer Inszenierungen der Hausregisseurin Nora Schlocker: Franz Grillparzers Medea, Ljubko Dereschs Die Anbetung der Eidechse und Ferenc Molnárs Liliom. Von Tine Rahel Völcker wurde zuletzt Albertz in Wilhelmshaven uraufgeführt, und das Centraltheater Leipzig brachte eine Reprise von Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen.

 

Kritikenrundschau

In der Thüringer Landeszeitung (25.4.) schreibt Wolfgang Hirsch: In dieser Stückentwicklung setze sich "eine Generation junger Erwachsener beispielgebend mit jenen drei Jahrzehnten" zwischen 1917 und 1945 auseinander, die in "unserem schwierigen Prozess nationaler Selbstverortung alles überlagern". Als "reizenden Modellort" wähle Völcker "die Kulturstadt Weimar", ihre "prototypischen Figuren" forme sie "historischen Persönlichkeiten von Kunstschaffenden und -funktionären nach". Die "fatalen Brüche zu Ende des Kaiserreichs", die "herrschende Orientierungslosigkeit und Untergangsstimmung", wie "die Sehnsucht nach neuen Utopien" zeichne Völcker "atmosphärisch dicht". Auf der prekär angeschrägten Bühne hätten die Darsteller "per se schweren Stand". Sie "wanken, krümmen sich am Boden, tasten sich vorsichtig, ziellos voran. In simultanen Arrangements verkörpern sie extreme Positionen." Trotzdem blieben in "Völckers äußerst handlungsarmem Bekenntnisstück, das sich aus einer losen Bilderfolge mühsam zusammenfügt, sämtliche Figuren bloß Papiertiger", gelänge es Nora Schlocker nicht, sie "als Menschen zu skizzieren". Es glückten ihr "einige wunderbare Stimmungsmomente" voll "abgründiger Melancholie oder fiebriger Erregtheit". Der Wunsch, Tempo und Aktion zu provozieren, berge allerdings die Gefahr, "ins unfreiwillig Komische abzugleiten". Das "Geschichts-Experiment" Tine Rahel Völckers sei trotz "allen gutmenschlichen Wollens" als Drama "eher gescheitert". "Recht grob" werde Historie auf "unzureichendem Reflexionsniveau fiktionalisiert", und "das stilistische Gefälle zwischen heutiger Umgangssprache und der prallen Poesie Bechers" falle doch sehr ungut auf. Dennoch: "die Suche einer jungen deutschen (Künstler-)Generation nach Selbstverortung in der Zeit" sei "ungeheuer spannend, instruktiv".

In seiner Kritik in der Thüringer Allgemeinen (25.4.) schreibt Henryk Goldberg (hier gehts nur zum Anriss der Kritik in der online-Ausgabe): (K)EI(N)LAND sei kein Stück im klassischen Sinne. Es handele sich um "fiktive Porträts, die historische Personen als Material nutzen", um "Impressionen über deutsches Denken und deutsche Verstrickung", und vor allem um "Weimar-Furor". Und so wie Weimar "der deutsche Symbolort" sei für "das Ungetrennte, das Ungeschiedene von Geist und Gas", so seien die Figuren "Symbole, Metaphern dafür". Nora Schlocker und ihre vier Schauspieler Xenia Noetzelmann, Philipp Engelhardt, Florian Jahr und Philipp Oehme allerdings verwandelten den Text in zwei Stunden "überwiegend intensives Theater". Das habe, "bei aller Verblasenheit, allem Vagabundieren mancher Sentenzen", eine "ästhetische und intellektuelle Höhe". Goldberg hebt noch einmal die Qualität der Inszenierung hervor, die entsteht, weil Nora Schlocker es mit "ihrer Truppe" aus seiner Sicht gelingt, den Figuren Untertext zu schaffen und sie zu anderen in Beziehung zu setzen. "So entsteht eine Spannung, eine Intensität, eine Ernsthaftigkeit, die das eigentlich bezwingende an diesem Abend ist."

 

 
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