Kein Sommernachtstraum

von Ralph Gambihler

Weimar, 20. Juni 2009. Der Berliner Schauspieler, Dramaturg und Autor Jörg-Michael Koerbl ist schnell bei der Sache, wenn es darum geht, seine Stücke apokalyptisch einzufärben. In seiner Ossi-Wessi-Einheits-Farce "Neues Deutschland" von 1999 zum Beispiel. Da lautet der erste Satz: "Die Menschen rennen durch die Stadt wie vor dem Weltuntergang."

Nun, ein Jahrzehnt später, gibt es wieder ein neues (eigentlich altes) Koerbl-Stück: "Gefährliche Menschen", eine Groteske über drei Paare im Wald der Selbstzerfleischung, und abermals ist der erste Satz ein Steilpass in den Abgrund. "Ich glaube fest an eine allgemeine Katastrophe, seit längerem", sagt der Bestsellerautor Bernhard in beschwörendem Tonfall, während er den Seitensprung mit der Schauspielerin Franziska in etwas konkretere Bahnen lenkt. Wobei der Herr Schriftsteller alles andere als freudig erregt ist, denn er glaubt wirklich fest "an eine Katastrophe gleich welcher Art. Ich sehe sie auf uns zukommen, auf mich. Sie nähert sich wie Land dem verirrten Schiff, wohin es sich auch wenden mag." Welche Regie wollte da noch ein Gewehr an die Wand hängen?

Gut geölter Weltekel

Die Idee, ein ungespieltes Stück aus dem letzten DDR-Jahrzehnt (Koerbl, 1950 in Stendal geboren, schrieb "Gefährliche Menschen" 1983/84) auszugraben, um darin vielleicht auch neuere Untergänge zu spiegeln, klingt reizvoll. Zumal der gesellschaftliche Kontext praktischerweise unscharf bleibt. Man muss schon genau hinhören, um dieser "Komödie" (Untertitel) anzumerken, dass sie in sozialistischen Umständen verfasst wurde. Eher erinnern Koerbls Figuren, diese in Zynismus badenden Kulturmenschen mit ihrem gut geölten Weltekel, an ein saturiertes Künstlertum aus Hamburg-München-Berlin.

Die Katastrophe beginnt mit einer peinlichen Überraschung. Bernhard, der Romancier in der Schaffenskrise, hat sich, auf ungestörte Zweisamkeit hoffend, mit der jüngeren Mimin Franziska in sein Wochenendhaus im Wald zurückgezogen. Natürlich wird nichts aus dem Seitensprung. Ahnungslos platzt die familiäre Mischpoke samt Anhang in das heimliche Rendez-vous: Bernhards Frau Eva und der Dramatiker Max, mit dem Eva ins Bett geht, Bernhards 18jähriger Sohn Georg und dessen neue Freundin Antonia, außerdem Doktor Schirmer, der gern schwadronierende Freund und Lektor der beiden Autoren. Klassische Zutaten also für ein Eifersuchtsdrama.

Im Wald der kalten Exzentrik

Darauf legt es Koerbl aber gar nicht an. Der Boulevard verletzter Gefühle ist ihm zu klein. Er will größere, letzte Dinge. Er will ein Endspiel von Unglück und Zerstörungslaune und Irrewerden – und verhebt sich. Näher bei Bunuels Würgeengeln als bei Albees Ehehölle oder O'Neills langer Nacht ist dieser Kampf- und Krampfabend angelegt. Es dröhnt in Koerbls Septett, das viel Selbsthass und viel Lebensekel in einem Wald der kalten Egozentrik versammelt. Die Spirale der menschlichen Verheerungen wird zwei lange Stunden nach unten gedreht. Irgendwann ist Bernhard soweit, in der Krise die Chance eines Neubeginns auszurufen. Gehoben bleibt aber eigentlich nur der Alkoholspiegel, großzügiger Bierbüchsenversorgung sei Dank.

Es ist ein grelles, dunkles, bedeutungsschwangeres Bild vom Verlust der Träume und vom Ende der Gefühle unter Künstlern, das Koerbl zeichnet. Die Regie (Claudia Meyer) erkennt in dieser Anti-Komödie – die "Komödie" muss man sich trotz mancher Witzigkeiten in Anführungszeichen denken – das Drama von Verlorenen und Entfremdeten. Sie setzt den Darstellern Tiermasken auf: einen Schweinskopf, einen Affenkopf, einen Giraffenkopf usw. Die Masken werden je nach innerer Verfassung auf- und abgenommen. Der Habitus folgt tendenziell der äußeren Erscheinung. Wenn zum Beispiel Eva (Irina Wron) ihr Gesicht hinter der Affenmaske verbirgt, weil sie offenbar keine humane Ausdrucksform mehr findet, bewegt sie sich auch ziemlich äffisch. Das Schwein Franziska (Ulrike Knobloch) ist auf allen Vieren unterwegs. So in der Art.

Prost! Auf nichts!

Besonders hintergründig wirkt die Vertierung der Figuren nicht, eher hat es etwas Plakatives, Aufgesetztes.Die Tragödie dieser Verirrten spielt in einem Wald aus silbrig glänzenden Röhren. Kein Ast und kein Blatt hängen an den technoiden Baum-Zombies von Claudia Meyer und Nicola Schmid. Nicht einmal Becketts letztes Blättchen darf einen Hoffnungsschimmer in Koerbls letztlich flache Sommernachtsanstrengung werfen. Manchmal verschwindet der Wald auch hinter einer weißen Plastikplane, auf der dann mit Videoprojektionen großes Theater angetäuscht wird. Bis zur nächsten Bierbüchse: "Prost! Auf nichts!"

Die Sache endet blutig. Sohnemann Georg (Nico Delpy), der düster umwölkte Jungdichter, und seine Freundin Antonia (Maria Burchard) verabschieden sich per Selbstmord aus dem libidinös-psychotischen Treiben der Eltern. Mit Hohn und aggressiver Verachtung haben sie den Selbstverlust verfolgt, den Koerbl an seinen älteren Figuren durchspielt. In der Schlussszene fahren blutüberströmte Leichen der Liebenden kurz aus der Unterbühne. Man kann ihren Entschluss irgendwie verstehen.

 

Gefährliche Menschen (UA)
Komödie in vier Akten
von Jörg-Michael Koerbl
Regie: Claudia Meyer, Bühne: Claudia Meyer, Nicola Schmid, Kostüme: Andrea Schelling, Video: Bahadir Hamdemir. Mit: Marie Burchard, Ulrike Knobloch, Irina Wrona, Nico Delpy, Andreas Schröders, Markus Fennert, Stephan Szász.

www.nationaltheater-weimar.de

 

 

Kritikenrundschau

Jörg-Michael Koerbl habe "Gefährliche Menschen" 1983 in der DDR geschrieben, das aber merke man kaum, meint Henryk Goldberg in der Thüringischen Allgemeinen (22.6.): "Einsame Menschen, tote Seelen", die sich "in dem Weltschmerz-Schlamm suhlen, den sie selbst produzieren. Dieses Stück wäre auf einer DDR-Bühne zur allgemeinen kulturpolitischen Katastrophe geworden – für die Bühne. Und zwar genau deshalb, weil DDR konkret nicht vorkommt, weil, sozusagen, nur der allgemeine Mensch in der allgemeinen Welt vorkommt." Mit "angestrengtem Kunstwillen" mache jedoch Claudia Meyer in ihrer Weimarer Uraufführung das Stück kaputt: "ein Konversationsstück als solches inszenieren, das mag sie nicht. Sie setzt ihren Schauspielern sprechende Tiermasken auf, den Affen zum Beispiel, das Schwein." So seien die Figuren jedoch alle "so ziemlich auserzählt, noch ehe sie etwas zu erzählen haben. Das aber stiftet Verdruss nicht nur für die Figuren: Wir wissen alles über diese toten Seelen nach einer Viertelstunde, der Rest ist totes Theater."

In der Thüringischen Landeszeitung (22.6.) wird Frank Quilitzsch ziemlich deutlich: "Diese Inszenierung ist eine einzige Katastrophe – für den Autor, dessen Text verhunzt wird, für die Schauspieler, die zu bedauernswerten Faxenmachern degradiert werden, und fürs Publikum, dem für gutes Geld zwei Stunden Kunstgenuss vorenthalten wird." Die "späte und eher zufällige Entdeckung" des Stücks sei immerhin "ein Glücksfall". Koerbls "ehrlicher, poetisch dichter und – man vergesse nicht die Entstehungszeit – mutiger Text" zeige "die kleinen und großen Lebenslügen von Menschen, die sich in den Alkohol- und Sexrausch flüchten, weil sie sich selbst und einander nicht mehr ertragen. Die ihrer Sehnsucht auf die Kehle treten, weil sie keine Visionen mehr haben." Claudia Meyers Regie biete aber nur "hampelnde, haspelnde, zappelnde Schauspieler mit Tiermasken" auf, "die in künstlich-theatralischer Tonlage deklamieren, wackelige Live-Videoübertragungen, Bierbüchsenwürfe und sinnloses Luftballongeknalle. Fast bis unter den Schnürboden wird dieses Spiel getrieben, das modern scheinen möchte und doch eher geistlos wirkt." Koerbls Text brauche "solch modischen Schnickschnack nicht." Die Inszenierung sei "fahrlässig, eitel, ignorant". Das Stück habe "eine zweite Chance verdient".

Hartmut Krug resümiert im Deutschlandfunk (25.6.): "Es ist ein geschwätziges Stück mit wenig Witz, aber viel tieferer Bedeutung. Das seinen Figuren keinen Freiraum gibt: Nichts wird entwickelt, nichts angedeutet, sondern alles erbarmungslos erklärt." Es sei kein origineller, sondern ein epigonales, vor allem aber ein spannungsloses Stück. Dessen Protagonisten, da sie Künstler sind, besonders leiden. "Zwar entlarvt Koerbl den Selbstbetrug seiner Künstlerfiguren, doch zugleich feiert er den Künstler als das besondere, wichtige Wesen." Und: "Statt den schmalen Text spielerisch zu verorten und zu konzentrieren, bläst die Regisseurin Claudia Meyer ihn mit enormer Kunstanstrengung auf. Damit beerdigt sie ihn vollends."

Am 23.6. meldet die Thüringische Landeszeitung, dass "sich gestern der Autor zu Wort" gemeldet habe und "in seiner an mehrere Zeitungsredaktionen verbreiteten Stellungnahme die Regisseurin" verteidigt habe. "Hiermit", schreibt Jörg-Michael Koerbl, "protestiert ein Autor gegen die Kritik. Am Tag meiner Uraufführung hat in Jena eine Frau ihr Baby erstochen mit einem Messer und sich danach von einer Brücke gestürzt. Das habe ich im Radio gehört. In meinem Stück schlitzen sich zwei Liebende auf und das Stück erzählt, warum. Ich habe die Inszenierung gesehen, die diesen Albtraum auf die Bühne gebracht hat, und lag danach im Bett. Und dann kommen Zeitungskritiker. Und behaupten, den Autor verstanden zu haben, aber nicht die Inszenierung, und da sagt Euch der Autor, Ihr habt diese wunderbare Aufführung nicht gesehen und nicht die Schauspieler. Schert Euch an Eure Schreibtische und schert Euch von unseren Selbstmorden weg, und drittens dürft Ihr auf Euren Ärschen sitzen bleiben. Lasst mich mit den Schauspielern allein. Lasst meine Freunde ins Theater kommen, die ihre Kinder nicht schlitzen. Wir werden die Welt spielen ohne Euch!"

 

 

 
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