Alles wird kleiner

von Christiane Enkeler

Bochum, 2. Oktober 2009. Drei Töchter hat König Lear, dreimal verlangt er Liebesbekundungen, um sein Land unter ihnen zu verteilen und abzudanken. Klaus Weiss geht als alternder Lear souverän vom kühlen Schlaf- und Krankenzimmer zum Wohnzimmer nach hinten. Dort wartet im warmen Licht, in dunkler, nobler Kleidung bereits die Familie. Man unterhält sich gedämpft, lacht an den passenden Stellen.

Und die beiden älteren Schwestern, Goneril und Regan, geben ein halbes Hauskonzert als Lobhudelei. Die jüngste legt erst mal die Beine auf den Stuhl, dampft dann ab ins Schlafzimmer, das man sich hier als Pubertätsbude vorstellen kann, und lässt sich platt auf die Kissen fallen. Was fällt ihr ein? "Nichts."

Hier wird sich beherrscht

Bei diesem ganzen Theater will sie nicht mitmachen. Der Vater wird sie enterben, aus dem Handgelenk heraus, mit einer Autorität, die aus bequemem Fatalismus besteht: "Alles weg". Kent ermahnt seinen Vorgesetzten: "Komm wieder auf den Teppich." Zum Dank wird auch er verstoßen.

Elmar Goerden erzählt Shakespeares "König Lear" als Familiendrama der besseren Gesellschaft auf der einen und als eines der Autorität auf der anderen Seite – zumindest liegen da die Schwerpunkte bis zur Pause. Um "Natur", die bei Shakespeare eine große Rolle spielt oder besser: mehrere, geht es hier nur als gesellschaftliche Ordnung, an der nicht zu rütteln ist. Hier wird sich beherrscht, aus den dunklen Bühnenquadern gibt es kein Entrinnen.

Auch der Lear-Vertraute Gloster verstößt den Sohn, der ihm Gutes will, und lässt sich vom anderen, von Edmund, blenden, metaphorisch und im Wortsinn. Michael Lippold spielt den Intriganten aalglatt, ganz anders also als Kathrin Wehlisch in Karin Beiers letzte Woche zur Premiere gekommenen Kölner Lear-Inszenierung – sie hat den Intriganten als ein von der Wildnis ausgerotztes Wesen über die Bühne gejagt. Bei Goerden puhlt sich Edmund die Essensreste zwischen den Zähnen hervor und hebt noch den geringsten Papierschnipsel von der Bühne auf. 

Hier ist man geerdet

Damit bildet er den schlüssigsten Part dieser Inszenierung, zusammen mit Marco Massafra als Edgar, der seiner Figur eine nachvollziehbare Entwicklung und ein Geheimnis gönnt: vom zurückgezogenen, entscheidungsunfähigen Intellektuellen zum kurz entschlossenen, kalten Mörder, der daran endgültig wahnsinnig wird.

Edgar ist einer der Bürgen für die Aussage, auf die sich die Inszenierung gegen Ende verlagert, wenn Albany sagt: "Die Last von dieser trüben Zeit müssen wir tragen; und nicht, was man erwartet, nein: was wir fühlen, sagen." Die Anfangsaussage wiederholt sich also: bitte authentisch sein.

Die Inszenierung ist, gefördert durch die ständig anwesende, pragmatisch-praktische Figur des Curan, so geerdet, dass die Darsteller lange Zeit keine großen Sprünge machen können. Die Konflikte werden kleiner, alltäglicher. Am Anfang wird ein bisschen viel betreten geguckt und sich aneinander geklammert. Von Weitem erinnert dieser Abend an Vorabend-Serien über fiktive Clan-Dynastien. Goneril lässt sich von einer knisternden Papiertüte provozieren; ihr Vater wiederum ohrfeigt kraftlos ihren Bediensteten, der sich noch im nächsten Auftritt ein Kühlpäckchen an die Wange hält.

Und hier ist man unscharf

Es fällt schwer, das ernst zu nehmen, vor allem weil die Autorität des Königs so schwer nachzuvollziehen ist: Wenn ihn ein freches Grinsen aufregt, warum nicht das Sprechen mit vollem Mund? Es entstehen kurz berührende Momente mit Lear, wenn er ernste Diskussionen führen will und nicht merkt, dass er gleichzeitig in Unterwäsche da steht. Oder wenn er plötzlich dumpfen Blickes seinen Wahnsinn wahrzunehmen scheint. Glaubhaft auch das Sterben Lears an gebrochenem Herzen.

Über weite Strecken aber bleibt die Figur, gerade in ihrer Autorität, nicht nachvollziehbar oder unscharf. Unberechenbar wirkt sie dann nämlich nicht. Was sucht Kent, wenn er ihm nachläuft? Lears Autorität besteht aus Willkür und Gefühlskälte, diese Kälte allerdings, Licht-unterstützt, fällt früh auf. Woher der Mann all den Frost nimmt, wird im dunklen Bühnenbild aufgesogen – es sei denn, man sieht Edmund als Parallelfigur, der hier sein "Edmund war geliebt" als dem Tod Geweihter mit vollkommener Contenance hervorbringt.

Der erste Teil des Abends verläppert in Alltaglichkeit: Der schlimme Sturm bleibt statisch, die wilde Nacht sind wir, das Publikum – über uns geht dann das Licht an. Im zweiten Teil, endlich, ist ordentlich was los, bevor alle Figuren sterben (bis auf drei). Veronika Nickl als Goneril und Evamaria Salcher als Regan dürfen aufdrehen und sich buchstäblich in den Haaren liegen. Insgesamt aber fehlen dem Abend in den einzelnen Themen Mehrdimensionalität und Tiefe.


König Lear
von William Shakespeare.
Aus dem Englischen von Werner Buhss / Fassung von Elmar Goerden
Regie: Elmar Goerden, Bühne: Silvia Merlo, Ulf Stengl, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Dramaturgie: Christopher Hanf.
Mit: Klaus Weiss, Veronika Nickl, Martin Bretschneider, Maximilian Strestik, Evamaria Salcher, Klaus Lehmann, Elisabeth Hart, Manfred Böll, Michael Lippold, Marco Massafra, Benno Ifland, Sven Walser.

www.schauspielhausbochum.de

 

 

Mehr von Elmar Goerden? Im April 2009 hat er mit Work, Sex and Politics drei Stücke von David Mamet, im Oktober 2008 Shakespeares Kaufmann von Venedig und im April 2008 Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald inszeniert. Und im November 2008 hat Christian Rakow Elmar Goerden zum Interview getroffen.

 

Kritikenrundschau

Arnold Hohmann, der Elmar Goerdens "Lear" mit Karin Beiers Version in Köln vergleicht, schreibt auf dem Internetpotal Der Westen (4.10.), dass in Bochum ein 'Lear' zu besichtigen sei, "der nicht die Apokalypse zeigen will, sondern den Weg zu ihr – Eifersucht, Geilheit, Gier und nicht zuletzt die Verachtung des Alters. Wer Köln nicht mehr versteht, weil er das Stück nicht parat hat, in Bochum erhält er dankbare Transparenz." Elmar Goerden suche "die Vernichtung nicht im Äußeren, sondern verlegt den Wahnsinn nach innen." Die "Zerstörungskraft des Bösen" finde "vorwiegend in gediegen eingerichteten Räumen statt. Hier wacht der geblendete Gloucester plötzlich sehend wieder auf, geht glücksstrahlend ins Bad und kommt schreiend mit blutigen Augenhöhlen wieder zum Vorschein. Was man Alptraum wähnte, ist scheußliche Realität. Und wie Klaus Weiss hier seinen Lear verzweifelt sich stemmen lässt gegen die Unordnung in seinem Kopf, umso ungehinderter reifen die Psychopathen in der jüngeren Generation heran."


Vor allem im ersten Teil schaffe Elmar Goerden "eine sehr dichte, packende Stimmung, konzentriert sich auf die Familiengeschichte, bevor sich später das Familien- zum Weltendrama ausweitet", meint Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (5.10.). "Bis in die kleinen Rollen kann er sich auf ein starkes Ensemble stützen. Michael Lippold als eiskalter Bastard Edward und Marco Massafra als sein weltfremder Bruder Edgar, der später nackt und verrückt als Tom durch die Welt irrt, seien als Beispiel genannt."

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Dieser Lear kenne kein Gefühl, schreibt Stefan Keim in der Westfalenpost (6.10.). Goerden inszeniere das Shakespeares Tragödie "ganz aus heutiger Sicht" als "psychologisches Bürgerdrama", und Klaus Weiss zeige Lear "als Herrscher, der an seine Befehlsgewalt so gewöhnt ist, dass er sie als selbstverständlich voraussetzt". Sobald er "sein Amt nicht mehr bekleidet und ihm niemand mehr gehorcht, steht er hilflos da und kommt mit dieser Situation nicht klar. Die Parallelen zu gestürzten Wirtschaftsbossen sind so eindeutig, dass die Aufführung keine zeigefingerhafte Aktualisierung braucht." Auch errege dieser Lear kein Mitleid, "mit seiner gefühlskalten Art hat er die Generation geprägt, die ihn nun demütigt und in den Wahnsinn treibt". Lobend erwähnt keim Michael Lippold, der den Bastard Edmund als skrupellosen, karrieristischen, aber auch "faszinierenden Intriganten" spiele. "Leider erreichen nicht alle Schauspieler diese Intensität", und auch Goerdens Inszenierung lasse "nach starkem Beginn nach", verzettele sich "in einer Vielfalt von Einfällen und Spielebenen, die sich nicht immer erschließen".


"Das Königsdrama als krimidüsteres Kammerspiel, als Haustyrannentragödie, als Familienerbfolgekrieg: die Heide im Heim; der Wahn in den eigenen vier Wänden; das Unwetter im Unterstand. Geht das?", fragt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.10.) und antwortet: "Es geht, aber nur ganz schief." An Gloster lasse es sich am deutlichsten ablesen: Zunächst sitzt er am Telefon, und gibt den Ehevermittler für Cordelia, was Lear, hätte der nur ein Handy, auch selbst regeln könnte. "Aber so weit in der Gegenwart angekommen ist die Aufführung, die zwischendurch einen Helm, ein Schwert oder eine elisabethanische Weise wie Relikte einer fernen Zeit mit sich schleppt, noch nicht." Das schaffe sie erst später, wenn Lear in einem weißen Trainingsanzug herumirrt. "Mit dem Absatz von Regans Stilettos wird Gloster geblendet, und sein vermeintlicher Sturz vom Felsen erfolgt von der Bettkante. Elmar Goerdens Inszenierung findet darin ihr Bild: ein großer Fallhöhenschwindel." Fazit: "Mit 'König Lear' eröffnet Elmar Goerden seine letzte Spielzeit - und den Zuschauern, dass sein Versprechen, noch einmal voll durchzustarten, leichter gesagt als getan war."



 
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