Die Stehpulte des Stemanns

von Katrin Ullmann

Hamburg, 3. Oktober 2009. Groß und Gelb wie der Mond ist er. Gleitet langsam vom Schnürboden hinab und verharrt mittig und zentral: Der Lautsprecher, das ist schnell klar, spielt die Hauptrolle an diesem Abend. Gegeben wird Lessings "Nathan der Weise" – am Hamburgischen Thalia Theater. Den Grund dafür gibt Intendant Joachim Lux: Er will Gotthold Ephraim Lessing, seine Stücke, seine "Hamburgische Dramaturgie" – kurz: seinen Einfluss – stärker ins Bewusstsein heben. Denn: "Lessing ist der Aufreger, der Stachel (nicht nur) in unserer Stadt."

Doch von stacheliger Aufregung fehlt an diesem Abend jede Spur. Nicolas Stemann hat sich für die Regie von "Nathan der Weise" gemeldet – bereits nach den ersten Minuten allerdings fragt man sich, warum.

Das Toleranzdiskutierstück im Synchronstudio

Vor einer dunklen, weitgehend leeren Fläche, auf der Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt nicht mehr als ein Klavier, ein Mischpult, Mikrofone und weiße Kerzen duldet, hängt ein altmodischer Lautsprecher, der die ersten Szenen des Dramas wiedergibt. Später kommen die Darsteller hinzu, zumindest deren Stimmen. Das heißt: Die Schauspieler befinden sich im schummrigen Bühnenhintergrund und lesen an Stehpulten aus ihren Textbüchern. Sicherlich tun sie dies mit einer gewissen Professionalität, aber sie tun dies fast den ganzen Abend lang.

Was zunächst als charmante 50er-Jahre-Tonstudioästhetik durchgehen und den Zuschauer zu einem nachsichtigen "Da hat jemand Lessings Toleranzdiskutierstück ganz trocken und direkt auf den Punkt gebracht" hinreißen mag, setzt sich im Laufe des Abends als recht ideendünner und fürchterlich statischer Abend unerbittlich fort. Fast die gesamten zweieinhalb Stunden lang klebt Stemann seine Schauspieler an ihre Stehpulte und lässt sie Text lesen. Das ist weder cool noch schick.

Denn diese – stark nach Probebühne riechende – Grundsituation ist so statisch, dass die Atmosphäre in einem Synchronsprecherstudio einer Kriegenburg'schen Inszenierungsüberdosis gleichen muss. Ja, liest man später im Programmheft, Stemann möchte Lessings Text vor allem "hörbar machen" und ihn "zum Klingen bringen." Das Stück soll erst einmal "von sich selbst erzählen können" ohne Inhalt, Interpretation oder Aktualisierung.

Goldbarrenballett und Mikrophonsex

Doch in dieser, nennen wir es wohlwollend: radikalen Reduktion wird Lessings Stück um Toleranz und Menschlichkeit, dieses handlungsarme, aber umso thesenlastigere Debattierstück zum überaus inhaltsleeren Hörstück im Halbdunkel. Dass die Lesepulte im Laufe des Abends in Richtung Bühnenrampe gerückt werden, dass Videos eingespielt und ein harmloses Goldbarrenballett gegeben wird, dass Maja Schöne – vorübergehend in der Rolle der Recha – eigentlich ihren Retter, den Tempelherrn, aber tatsächlich ihr Mikrofon fiebrig anseufzt und ansext, und Sebastian Rudolph als Nathan die Ringparabel überzeugend zögerlich erzählt, hilft leider wenig.

Stattdessen wird man den ganzen Abend lang das Gefühl nicht los, dass den Schauspielern der Text mehr aus Versehen passiert. Auch die Sprachbrocken, die aus Elfriede Jelineks Sekundärdrama Abraumhalde offenbar unbedingt mit einfließen mussten, verweisen eher plump auf eine scheinbar zeitgemäße Sinn- und Gottsuche, auf gelebte Intoleranz, islamistische Paradiesvorstellungen und grob geratene Schmerzensmadonnen, als dass sie dem Lessing'schen Drama eine weitere Dimension verliehen.

Im Ergebnis hat Nicolas Stemann – Aus Protest? Aus Mangel an Ideen? Aus tiefer Liebe zur Lessing'schen Sprache? Aus innerer Not? – ein "Nathan"-Hörspiel auf die Bühne gebracht. Ein schrecklich langatmiges noch dazu. Eine Kritik desselben sei gerne den Kollegen aus der Hörspielredaktion anvertraut.


Nathan der Weise
von Gotthold Ephraim Lessing
mit dem Sekundärdrama "Abraumhalde" von Elfriede Jelinek
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüm: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann, Licht: Paulus Vogt. Mit: Christoph Bantzer, Philipp Hochmair, Felix Knopp, Katharina Matz, Sebastian Rudolph, Birte Shnölnk, Maja Schöne, Patrycia Ziolkowska.

www.thalia-theater.de


Mehr lesen über Nicolas Stemann? Am Schauspiel Köln kam im April 2009 seine Uraufführung von Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns heraus, die jetzt vom Thalia Theater übernommen wurde. Mit Schillers Räubern befasste sich Stemann 2008 auf den Salzburger Festspielen. Friedrich Schiller lieferte auch die Basis für Elfriede Jelineks RAF-Stück Ulrike Maria Stuart, das 2007 zum Theatertreffen eingeladen war.

 

Kritikenrundschau

In seiner "Nathan"-Inszenierung konfrontiere Nicolas Stemann Lessings dramatisches Gedicht "mit geldgierigen Kriegstreibern im Namen ihres Gottes: eine höhnische Satire auf das Scheitern der Utopie von der Menschlichkeit", so Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (5.10.). Stemann lasse Jelineks "Abraumhalde" und Lessings Text stark gekürzt in einer "Collage aus Stimmenkonzert, Performance, Kaspertheater und Live-Video aufeinanderknallen". Das Theater sei ihm dabei Mittel, zu zeigen, "wie die Dinge laufen, und nicht, wie sein sollten. Schon deshalb ist Stemann das Illusionstheater in Kostüm und Maske ein Gräuel. Es taugt ihm bestenfalls als ironisches Zitat". So nehme er sich zunächst das Lessing-Stück "als 'Lesestoff' wie für ein Hörspiel vor". Er markiere einen "Krieg um das Gold – den eigentlichen Gott". Die Schauspieler probierten "Figuren-Haltungen" aus, stellten den Text infrage und wechselten die Rollen. Der Regisseur und seine Spieler "klittern nicht die Kluft zwischen Lessings Wunschthematik und unserer Wirklichkeit", sondern verschärften die Widersprüche noch.

Auch Heiko Kammerhoff von der Hamburger Morgenpost (5.10.) sieht "die hehre Lessingsche Botschaft der Toleranz zwischen Christentum, Judentum und Islam (...) hart auf den Prüfstein gestellt: Ist sie denn – siehe Nahost – von der Wirklichkeit nicht schon längst abgemurkst worden?" Jelinek bringe in ihrem Kommentar eine "zweifelnde, desillusionierte Stimme wie ein Störfeuer" ein. "Miteinander verwoben ergeben die beiden Ebenen eine clevere, wenngleich etwas statische und kopflastige Inszenierung, die ihre Grundlage – den 'Nathan' – selbst hinterfragt." Stemanns Theater sei, "wenn's auch nicht jedem schmeckt", "Theater total – experimentell und facettenreich".

In der Süddeutschen Zeitung (6.10.) charakterisiert Christine Dössel Jelineks "Abraumhalde" als "zynischen, die Versöhnungsutopie des Stückes zornig aushebelnden Kommentar". Dem "märchenhaften Harmonieschluss des 'Nathan'" setze Jelinek "einen assoziativen Sprachspuk aus dem Menschheitsfamiliengrab entgegen". Jelinek hätte sich gewünscht, ihren Text als Hintergrund einer Aktionskunst der Art Paul McCarthys inszeniert zu sehen. Diesem Wunsch komme Stemann erst am Ende des Abends entgegen, wenn "die Schauspieler auf einer Riesen-Thorarolle Jelineks Textfetzenmittels Live-Video und Pappmasken als ekstatisches Glaubenskampf-Tohuwabohu in der 'Nathan'-Stück einbrechen lassen." Bis dahin "horcht" er den Lessingschen Text auf offener Bühne bloß aus, indem er ihn hörspielartig sprechen lasse. Das sei "ein bisschen spröde", aber vielleicht könne man "Lessings vernunftsoptimistisches Verbrüderungsmärchen mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts" wirklich nicht mehr "'spielen'". In jedem Fall leuchte er in dieser Sprech-Fassung "sämtliche Widersprüche" des Textes glasklar aus.

Für Ulrich Weinzierl in der Welt (6.10.) "gerieten die pausenlosen 120 Minuten hinreißend". Nicolas Stemann "gab dem Abend Struktur, Melodie und Rhythmus". "Ungemein differenziert" hätten die Schauspieler "an Stehpulten ihre Rollensätze ins Mikrofon" gesprochen, auf Holzhammer-Zeichen wie den "üblichen Nazi-Judenstern" sei verzichtet, und Jelineks Text, der "auf den Optimismus des späten 18. Jahrhunderts mit Radikalpessimismus" aus dem 21. Jahrhundert antworte, genau in den Kontext eingepasst worden. Gerade diejenigen, die Jelinek sprächen, "schlüpften" in historische Kostüme. Dazu die "Riesenköpfe aus Papiermaschee". "Ist das nicht alles plump und peinlich? Im Gegenteil: Der Hexensabbat, der die Realität des Terrors auf die uneingelösten Hoffnungen der Vergangenheit hetzt, wirkt beklemmend und beschwingt zugleich."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (6.10.) hat Irene Bazinger nach Hamburg geschickt. Diese fand, dass Nicolas Stemann, der gern als "intellektuell-politischer" Regisseur auftrete, von seiner Aufgabe, im Bewusstsein der fortgesetzt "unfriedlichen Koexistenz der unterschiedlichen Konfessionen" von Lessings Utopie zu erzählen, "überrascht bis überfordert" gewirkt habe. Weit davon, das Stück "erst einmal sich selber erzählen" zu lassen, wie er behauptet hatte, teile er "vor allem mit, wie er selbst 'Nathan den Weisen' mit bemüht bedeutsamen Gesten nicht erzählt". Als "routinierter Jelinek-Uraufführer" werfe er dabei "wieder seinen eitlen Assoziationsgenerator" an und lasse mit Masken und Maschinenpistolen herumfuchteln. Ansonsten werde nicht gespielt, sondern zwischen schwarzen Wänden immerzu nur gesprochen oder posiert – "belanglos, uninteressant und ziellos". Das Ensemble zeige "seinen fatalen Abstand zu einem Werk, an das es nicht herankommt, und die traurige Ratlosigkeit einer Inszenierung, die bereits an dessen verbaler Oberfläche scheitert – von den Tiefenschichten ganz zu schweigen".

Ein bisschen gerettet hat Stemann den Start von Lux, schreibt Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (8.10.). Denn der Regisseur bescherte dem Thalia zwei Erfolge an einem Wochenende, erst "Die Kontrakte des Kaufmanns" aus Köln, am Tag darauf den "Nathan", "gepimpt mit einem Einschub von - eben Jelinek." Es beginne denkbar schlicht. Unter der Decke leuchten ein paar flauschige Engelsflügel, "ansonsten ist die leere Bühne dominiert von einem hängenden Lautsprecher." Lange bleiben die Schauspieler hinter den Mikros, "es geht um Inhalte, die Basis der Verständigung: Hört doch erstmal zu." Kaum hat Sebastian Rudolph angesetzt, um die berühmte Ringparabel vorzutragen, bricht die zweite Ebene ins Drama ein. "Eine zweite Recha und eine zweite Daja in historisierenden Kostümen treten auf und unterbrechen die Rede mit Jelineks 'Abraumhalde'. Es geht u.a. um die vielen Jungfrauen, die den Dschihad-Kämpfern versprochen werden." Und "bald gewinnt das Irrationale auch auf der Bildebene: Jelineks Text wird zur Hintergrundmusik."

 

 
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