An der Oberfläche zugrunde gehen

von Sarah Heppekausen

Bochum, 1. November 2009. Als Familienvater Beverly das Haus verlässt, um nie mehr wieder zu kommen, um sich im See zu ertränken, öffnet er die Tür und läuft mitten durch sein Gesicht. Die hintere Bühnenwand ist eine haushohe Leinwand. Eine Nahaufnahme zeigt Beverlys Antlitz, wie er sich verzweifelt durch die Haare fährt, mit seinen Händen die Augen verdeckt. Beverly im Live-Format geht nun daumengroß durch dieses Bild, als gehe er an der Oberflächlichkeit zugrunde. An der Oberflächlichkeit der Welt, seiner Familie, seiner Ehe, gegen die auch seine Poesie nichts mehr ausrichten kann. Im Bochumer Schauspielhaus verlässt der traurige Held (Heiner Stadelmann) das sinkende Schiff auf eindrucksvolle Weise, sein Bild bleibt noch lange in Erinnerung.

Eigentlich aber gehört der Abend den Frauen, in Tracy Letts' preisgekrönter Familientragödie genauso wie in Markus Dietz' Bochumer Inszenierung des Broadway-Hits. Mechthild Großmann als Beverlys tablettensüchtige Ehefrau Violet zieht gleich zu Beginn alle Aufmerksamkeit auf sich. Ihr basstiefes Brummen unter der Bettdecke, ein kurzes Aufbäumen ihres Oberkörpers, um sich eine Zigarette anzuzünden und ihre knarrende Stimme, die hier sucht- und mundhöhlenkrebsbedingt vor allem unverständliche Worte auslallt, lenken den Zuschauerblick in der ersten Szene immer wieder in die obere Etage der Bühne, obwohl sich die dialogisierte Handlung im unteren Bereich abspielt.

Mimösen-Mysterium und Mutter-Monster

Die großartige Schauspielerin, die schon Ende der 1970er Jahre unter Peter Zadek in Bochum spielte, ist mit ihrer markanten Stimme, die naturgemäß etwas Verruchtes mit sich bringt, eine Idealbesetzung für die bösartige Familienmutter. Wenn Violet ihre Töchter, die samt Anhang zur Trauerfeier zusammen gekommen sind, verbal attackiert, wird Mechthild Großmann zum gnadenlosen Biest. Wenn sie – die immer wieder unter geistigen Verwirrungen leidet – vom "Mimösen-Mysteriösen" ihres Gatten spricht, klingt das bei Großmann nicht nur komisch, sondern vor allem glaubwürdig.

Violet ist bei Großmann nicht nur das Gift spritzende Mutter-Monster, sie ist auch Opfer: bemitleidenswert in ihrer Hilflosigkeit, schützenswert in ihrer körperlichen Unbeholfenheit. Mit Barbara (vor allem im zweiten Teil hervorragend: Katja Uffelmann) tauscht sie nicht nur regelmäßig die Rollen – die Mutter wird in Gestik und Mimik zur Tochter, die Tochter zur tonangebenden Mutter –, sondern am Ende sogar die Tablettendose.

Wie schon, den Kritiken zufolge, die deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie von Burkhard C. Kosminski in Mannheim 2008 und die gerade neu herausgekommene Version von Alvis Hermanis in Wien ist auch der dreieinhalbstündige Abend in Bochum ein Fest der Schauspieler. Die verheddern sich sprachlich und körperlich im Suff, lieben, streiten und verletzen sich auf höchstem tragikomischen Familientreff-Niveau und sorgen so für größtmögliche Unterhaltung.

Der Sitcom-Falle entgangen

Markus Dietz lässt Pointen spielen, tappt aber glücklicherweise nicht in die Sitcom-Falle. In vielerlei Hinsicht erinnert Letts psychorealistisches Familiendrama an Fernseh-Soaps, in denen ein Trauma nach dem nächsten durchgekaut wird. Aber schon die überschaubare Bühne von Mayke Hegger durchbricht ein durchgehend naturalistisches Spiel der Illusion. Zimmer und Stockwerke sind zwar erkennbar, aber technisch nur angedeutet. Meist reicht ein Möbelstück (bester Mief aus den 70ern), um einen Raum zu markieren. Das Bett, in dem Violet ihren Rausch ausschläft, die Lampe für das Lesezimmer. Die Bücher- und Flaschenstapel verschwinden nach Beverlys Selbstmord, schließlich will Violet sich "vermindern".

Leider fällt mit den Folien, die die Töchter von den Fenstern ihres Elternhauses entfernen, damit Violet endlich mal wieder Tageslicht sieht, auch die sie symbolisierende Leinwand im Bühnenhintergrund. Die zweidimensionalen Großaufnahmen brachten erstaunlich viel Tiefe ins (Gesamt-)Bild. Die aus dem Off kommenden Gestalten, deren Unterhaltung per Kamera ins Innere des Hauses übertragen wurde, oder die eingefrorenen Porträts – mal humorvoll, mal tragisch zeigen diese Bilder die Familienmitglieder in ungewohnter Brüchigkeit. Und offenbaren damit eine Schwäche des Stücks: Dem Drama fehlt es an Vision, am Blick für Un- und Tiefenschärfen. Hier wird zuviel geredet, totgeredet. Zum Glück lassen die Schauspieler sich Zeit für Einblicke.

Eine Familie (August: Osage County)
von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel
Regie: Markus Dietz, Bühne: Mayke Hegger, Kostüme: Ines Nadler, Musik: Ole Schmidt, Video: Oliver Iserloh, Licht: Andreas Bartsch, Dramaturgie: Dietmar Böck.
Mit: Heiner Stadelmann, Mechthild Großmann, Katja Uffelmann, Stefan Schießleder, Marina Frenk, Christine Schönfeld, Tessa Mittelstaedt, Manuela Alphons, Thomas Anzenhofer, Oliver Möller, Neda Rahmanian, Bernd Rademacher, Alexander Maria Schmidt.

www.schauspielhausbochum.de

 

Mehr Nachtkritiken zu Tracy Letts' Eine Familie im Archiv: Am 31. Oktober 2008 fand in Mannheim die deutschsprachige Erstaufführung durch Burkhard C. Kosminski statt, die auch für das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2009 nominiert war. Am 31. Oktober 2009 inszenierte wiederum Alvis Hermanis am Wiener Burgtheater die österreichische Erstaufführung. Und am gleichen Tag wie Markus Dietz in Bochum richtete auch Elias Perrig in Basel das Familientreffen aus.

 

Kritikenrundschau

Auf Der Westen (3.9.), dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung schreibt Arnold Hohmann über Tracy Letts' "voluminösen Schlagabtausch": Letts hole sich die Bausteine für seinen "veritablen Dreieinhalbstünder" bei Tennessee Williams und Eugene O'Neill und schmecke mit Tschechow ab. Was da "vor, während und nach dem Leichenschmaus zu Tage gefördert und welch großes Aggressionspotenzial abgebaut wird, das lässt an Hass, Inzest und Bösartigkeit nichts zu wünschen übrig." Man kenne das "zur Genüge", die Seifenopern des Fernsehens lebten davon. Mechthild Grossmann lasse "lustvoll" die "kranke Vettel heraushängen", verliere im "Drogengedämmer" nicht selten "die klare Sprache", schmecke aber selbst dann noch "jedes Wort auf Pointe oder Effekt ab". In Bochum "wird sie damit sehr schnell zum Publikumsliebling". Weil eindeutig zu viel geredet werde, sei man "gelegentlich dankbar für die Videoeinspielungen, bei denen die Kamera aus nächster Nähe die stummen Gesichter des Ehepaares Weston präsentiert". Die wahre Dimension ihres Leidens sei ihnen zumindest hier "in jeder Pore anzumerken".

 

 
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