Pralle Welt als Gerichtsverhandlung 

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 5. Dezember 2009. Das Urteil "unschuldig" trifft natürlich auf niemanden in Dea Lohers gleichnamigem Stück zu. Tröstlich ist wenig, was da erzählt wird über die "Unzuverlässigkeit der Welt". Und auch wie es erzählt wird, ist weder einfach noch eindeutig.

Dea Loher fragt nicht nach Schuld und Sühne, sie diagnostiziert krass und scharf ein gesellschaftliches Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. In drastischen Wirklichkeits-Bruchstücken zeigt sie, wie Menschen aneinander vorbei leben: Loher richtet ein Fernglas auf zwei Menschen am Meer, illegale schwarze Emigranten, die eine Ertrinkende nicht retten, weil sie ihre Entdeckung fürchten. Sie schwenkt weiter zu einer Philosophin, die ihren Weltveränderungsentwurf aus Frust über die Unzulänglichkeit aller systematischen Erkenntnis verbrennt.

Selbstmörder überall
Loher nimmt eine Frau ins Visier, die sich als Mutter von Mördern und Amokläufern bei den Angehörigen der Opfer ausgibt, sie blickt wieder zurück zu den Emigranten, die gerade eine Tüte mit Geld im Müll finden (eine Belohnung Gottes für den nicht verhinderten Selbstmord?) und einer blinden Stripperin begegnen. Sie fokussiert die Schaulustigen vor einer Autobahnbrücke. Dort sowie am Strand und auf dem asbestverseuchten, leer stehenden Hochhaus: überall Selbstmörder …  Schließlich Franz, der Leichenwäscher aus Berufung, der seine verführerische Frau Rosa sogar auf dem Seziertisch übersieht, zwischen den nackten Leichen der beiden Selbstmörder, die er liebevoll kämmt und wäscht.

Es sind Versatzstücke, Nahaufnahmen aus dem prallen Leben, von der Autorin skurril, witzig, grotesk, verquer zugespitzt und komprimiert. Man kann diese Szenen als realistische Short Cuts begreifen. Aber natürlich auch, wie Maik  Priebe, als Beckett hoch drei.

Ein bühnengroßer Sandkasten, von Neonröhren beleuchtet, ein blauer Prospekt für die Szenen am Meer (Bühne: Annette Meyer), 15 Stühle. Regisseur Maik Priebe, der in diesem Jahr den Kurt-Hübner-Preis für Nachwuchsregisseure erhalten hat, setzt auf die genaue Geometrie konsequenter Abstraktion. Als ginge es wirklich um die Frage "Schuldig oder nicht schuldig?", sitzen die Figuren in wechselnden Arrangements auf den Stühlen, meist voneinander abgewandt, und sprechen ihre Texte wie Zeugen in einem imaginären Gerichtsprozess. Und der nicht beschäftigte Teil des Ensembles harrt als Schöffen am Rand.

Hörbild-Charakter
Ein Sandkasten als Spielfläche. Aber sie spielen nicht! Dabei erfinden sich Dea Lohers Figuren doch ständig neu. Adelheid Bräu darf zwar in unterschiedlichen Rollen als verschiedene Opfer eines Amoklaufs sprachlich brillieren, szenisch aber nur etwas träge die Stühle wechseln. Politisch frustriert doziert die Philosophin Ella für den Zuschauerraum. Was soll eine glänzende Schauspielerin wie Victoria Voss außer kunstvoll stilisiertem Lachen oder Schluchzen da spielen?

Loher reizt die Möglichkeiten des Erzählens in alle Extreme aus. Situative Dialoge im Hier und Jetzt durchkreuzen sich mit Erinnerungsprosa, literarisch-poetische Passagen prallen auf kabarettistische Pointen, dialektgefärbt-makabres Philosophieren über das Pro und Contra zweier Selbstmorde kontrastiert mit zarten Gefühlen einer vielleicht tatsächlich hoffungsvollen Liebe.

Maik Priebes Konzeption aber nivelliert die Kontraste dieser heterogenen  Sprachhaltungen und sieht bei aller genau choreographierten Form meist dieselbe Brennschärfe vor. Selten zoomt er so nahe an die Figuren heran, dass sie für einen Moment an realistischer Schärfe gewinnen. Sabine Wackernagel gelingt dies in ihrem sarkastischen Umgang mit ihrer fortschreitenden Beinamputation. Auch Lucia Knäpper greift mit ihrer Nummer eines sich über den Selbstmörder auf der Autobahnbrücke empörenden Autofahrers zu wohltuend drastischen Tönen. Julia Maronde als blindes Mädchen fordert ihr Liebesglück illusionslos und unterläuft damit immer wieder den Hörbild-Charakter der Aufführung.

Monokel statt Fliegenauge
In der Schlussszene sitzen alle in einer Reihe mit dem Gesicht zum Zuschauerraum und sprechen die Erwartungen, ob das blinde Mädchen nach der Operation nun sehend geworden ist, und ihre Lebensend-Träume wie Synchronsprecher in einem Tonstudio. Emotionen, zu denen es keinen Film gibt. Nicht einmal im Kopf. Denn man hat Distanz zu wahren zu Lohers Aberwitz. Leider.

Das Facettenauge der Fliege mit ihren 6000 Einzelansichten auf Mikroausschnitte der Welt wird von Dea Loher nicht zufällig zitiert. Es ist ihre Methode in "Unschuld", die Welt zu beschreiben. Die Inszenierung hat das Monokel eines unbeteiligten Staatsanwalts vorgezogen. Und so bleibt leider nur eine Ahnung davon, welche Sprengkraft und welcher infame Sarkasmus in Dea Lohers großartigem Theaterstück steckt.


Unschuld
von Dea Loher
Inszenierung: Maik Priebe, Bühne: Annette Meyer, Kostüme: Katharina Meintke, Musik: Andreas Dziuk.
Mit: Adelheid Bräu, Lucia Knäpper, Julia Maronde, Louise Nowitzki, Victoria Voss, Sabine Wackernagel, Luisa Zimmermann, Johannes Aichinger, János Kapitány, Stefan Leonhardsberger, Ralf Lichtenberg, Anselm Nüßl, Toni Schatz, Marcus Staab Poncet.

www.theater.ingolstadt.de

 

Mehr zu Dea Loher finden Sie etwa auf nachtkritik-stuecke08.de.

Kritikenrundschau

Das Stück "Unschuld" der mit dem Marieluise-Fleißer-Preis 2009 der Stadt Ingolstadt ausgezeichneten Autorin Dea Loher sei ein "Reigen melancholischer, kleiner Geschichten von kleinen Menschen, mit allem, was Leben ausmacht: Angst und Zuversicht, Trauer und Hoffnung, Güte und Bosheit, Versagen, Schuld, Hass, Obsessionen, Tod. Ins Surreale gehoben, manchmal tragikomisch, die Sprache poesievoll, in der lakonischen Manier an die Fleißer erinnernd", schreibt Friedrich Kraft im Donaukurier (7.12.). Der Regisseur Maik Priebe habe für seine Ingolstädter Inszenierung "auch noch auf die spärlichen bildhaften Elemente in den Regieanweisungen der Autorin verzichtet, die Chorpartien solistisch besetzt und die Verrätselung" weitergetrieben. Das ergebe "keine einfache Kost": "Hohes Niveau, gedankliche Tiefe – eine Herausforderung für das Publikum".

 
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