Die Geister, die wir rufen

von Sabine Leucht

München, 3. März 2010. Da ist man glatt der llusion aufgesessen, das Mensch-Maschine-Thema wäre der Aufreger der Achtziger gewesen, der über die historische Anthropologie in die Theaterwissenschaft gesickert und dort diskursiv befriedet worden war. Und eigentlich dachte man auch, die Angst vor der Überrumpelung der humanen durch die Künstliche Intelligenz sei mit der Einsicht vom Tisch gefegt worden, dass Rechenleistung und Bewusstsein zwei verschiedene Paar Stiefel sind.

Doch Pustekuchen! Es gibt sie noch, die Menschen, die Rechnern Neugier und Kreativität zutrauen und fragen, ob es ethisch vertretbar ist, Maschinen mit Selbstbewusstsein abzuschalten. Chris Kondek und die Journalistin und Dramaturgin Christiane Kühl haben diese Leute mit der Kamera besucht und erzählen lassen. Leute wie den Briten Kevin Warwick etwa, der es für die Pflicht des Menschen hält, sich mittels implantierter Maschinenintelligenz zu einem höheren Wesen zu tunen.

Putzig-trashige Sinnbilder der Apokalypse

Die Abstecher in die Welten des Transhumanen sind nur ein Teil des Theaterabends im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele, der sich inhaltlich mit der Zukunft befasst und formal das Sammelsurium hervorkehrt, das bei der Frage nach dem Übermorgen aus Forscherzimmern, Bücherschränken und der allgemeinen Gerüchteküche gequollen ist. "Übermorgen ist zweifelhaft // 2012" breitet dieses Sammelsurium auf einer Bühne aus, die mit einem Spiegelkabinett, einer halfpipeartigen Greenbox, zwei Schreibtischen, mehreren Leinwänden und einer Konstruktion, die in etwa die Form eines liegenden Ovals hat, ordentlich zugerümpelt ist. Letztere sieht mit ihren Neonröhren im Inneren und dem hellen Holz ziemlich stylisch aus. Vor allem, wenn das Licht flackert und jemand darin bellt, tanzt oder einen gepflegten Kaffee trinkt.

Links sitzt die Schauspielerin Lena Lauzemis an einem Technikpult, wo sie eine Modellstadt zu blutigem Mus zerquetscht oder ein Auto in eine Erdspalte fallen lässt. Diese halb putzigen, halb trashigen Sinnbilder der Apokalypse erscheinen zentral auf der größten Leinwand, auf der Lauzemis wenig später mit ihren Kollegen René Dumont und Walter Hess vor unterschiedlichen Horrorszenarien aus alten Filmen die Flucht ergreifen.

Assoziative Bastelarbeit mit Overkill-Qualitäten

Chris Kondek, der als Videokünstler seit zwei Jahrzehnten den Theaterarbeiten unterschiedlicher Regisseure emotional und poetisch grundierte Metaebenen schenkt, öffnet hier viele seiner Bilder für die Akteure, die mal real und mal nur scheinbar mit dem Vorgefertigten interagieren. Wie 2004, bei Kondeks Debüt als Regisseur mit dem Börsenspiel "Dead Cat Bounce", ist die Fragilität des "Realen" wieder Thema, allerdings überwiegt diesmal der Fake-Charakter schon dadurch, dass (statt einiger Techniker nebst Kondek und Kühl selbst) Schauspieler auf der Bühne stehen – und durch die größere Varietät und künstlerische Brillanz der Filme.

Einerseits führen einige Spielszenen den Abend über das reine Infotainment hinaus und liefern ironische Kommentare der O-Interviews von meist verschrobenen Wissenschaftern, Mystikern und Zweiflern. Und dennoch: Ob es der Überhang des Artifiziellen ist, der das Projekt beschwert, die scheinbare Linearität einer in Wahrheit extrem assoziativen Bastelarbeit oder schlicht der Informations-Overkill: Vieles von dem, was emsig gesammelt wurde, rauscht allenfalls halb verstanden vorbei.

Die Zukunft kommt in Sprüngen

Man kann nicht recht folgen, schaut aber gerne zu, wenn ein euphorisierter Walter Hess die Zeitrechnung der Maya erläutert, die am 21. Dezember 2012 endet, und die Kollegen zur Illustration drei liebevoll gestaltete Scheiben miteinander verzahnen und drehen. Man freut sich, dass Theater einmal schnell auf aktuelle Ereignisse reagiert und heute schon weiß, dass das jüngste Beben in Chile die Erdachse um 7,6 cm verschoben hat. Man schätzt es zu erfahren, dass die Nasa für das Jahr 2012 Sonnenstürme voraussagt und sich unser Bewusstsein eventuell schon deshalb erweitern könnte. Und man findet auch die dem Abend zugrunde liegende These plausibel, dass die Zukunft nicht als Verlängerung des Heute und schon gar nicht auf leisen Sohlen kommen wird, sondern in großen Sprüngen, als was und wohin unterwegs auch immer.

Vielleicht ist es dieses "Wie-, was- und wohin-auch-Immer", worum es Kondek und Kühl gegangen ist, nachdem ihnen ihr Zukunfts-Material immer den "Neuen Menschen" gezeigt hat, wenn der auch mal nur als Hardware, als Software oder als Partikelchen des kosmischen Ganzen überlebte. Das Wie-auch-Immer ist seiner Natur nach unübersichtlich. Es hat Platz für Angst, Zweifel, prima Ideen und eigentlich fast alles – nur für gedankliche Zuspitzung nicht.

 

Übermorgen ist Zweifelhaft // 2012
Regie und Video: Chris Kondek, Dramaturgie und Texte: Christiane Kühl, Bühne und Kostüme: Sonja Füsti, Musik: Daniel Dorsch, Licht: Jan-Christof Haas.
Mit: Lena Lauzemis, René Dumont und Walter Hess.

www.muenchner-kammerspiele.de


Mehr lesen über die Arbeiten von Chris Kondek im nachtkritik-Archiv: Im April 2008 zeigte er im Berliner HAU die Geldhandel-Performance Loan Shark. Die Ende 2008 in Zürich gezeigte Produktion Stuff bediente sich wiederum der Alchemie, um Geld aus dem Nichts zu zaubern. Und seine Video-Arbeiten veredelten unter anderem die Inszenierungen von Stefan Pucher und Armin Petras.

Kritikenrundschau

Chris Kondek entwerfe im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele einen vergnüglichen, mitunter geistreichen Weltuntergangsabend, bei welchem ihm die überaus ironiebegabten Schauspieler Dumont, Lena Lauzemis, Walter Hess und seine Lebensgefährtin und Dramaturgin Christiane Kühl beiseite stehen, so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (5.3.2010). "Übermorgen ist zweifelhaft//2012" sei hochaktuell - gerade hat das Beben in Chile die Erdachse verschoben, und der alte Kalender der Mayas sagt für Ende 2012 das Weltenende voraus. "Was danach kommen könnte, zeigt Kondeks multimediales, zwischen Selbstgebasteltem und professionell Bebildertem schwankenes Knallkopf-Theater: Schwarze Löcher höhlen die Erde aus, der Mensch kommt der Entwicklung seiner Maschinen nicht mehr hinterher, Roboter machen den Menschen zum Sklaven." Fazit: "Ängstliche Menschen sehen sich danach bestätigt, skeptische lächeln."

Die Gedankenspiele in Kondeks/Kühls Inszenierung machten Spaß, so Michael Schleicher im Münchner Merkur (5.3.2010), "weil es selbst bei Nicht-Naturwissenschaftlern das Hirn kitzelt". Es sei "ein dichter Abend" "voller Wissen, Theorien, Vermutungen und Hirngespinste", der viele Fragen aufwerfe und kaum Antworten gebe, "zwar nicht langweilt, der aber ob seiner Wissenschaftlichkeit auch selten wirklich berührt". Kondek lote hier "die Grenze zwischen Video, Vortrag und Performance aus". Das alles wirke "in etwa so, als treffe 'Die Sendung mit der Maus' (ARD) auf 'Galileo Mystery' (ProSieben) sowie 'Quarks & Co' (WDR)" und zeuge von einer "immensen Recherchearbeit", die Kondek und Kühl geleistet hätten. Der erste Teil zehre überdies von Kondeks "herrlich schrägen Video-Einspielungen, die die Texte entweder verstärken oder entlarven". "Ohne eine gewisse Bereitschaft zur intellektuellen Achterbahnfahrt" werde man allerdings "wenig Vergnügen an diesem Abend haben".

Hier würden "die teils unheimlichen Perspektiven" auf die Zukunft "als witziges Infotainment" gezeigt, schreibt Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (5.3.2010). Sonja Füstis Bühne sei dabei "halb Labor, halb TV-Studio", und Lauzemis zeige "an ihrem Technik-Tisch auch das Herstellen der Effekte". Die "Interviews mit manchmal reichlich skurrilen Zukunftsforschern" würden von den Schauspielern weitergesponnen oder ironisch kommentiert, Kondek und Kühl vermittelten die Informationen spielerisch. Fazit: "Ein amüsanter und anregender Abend, nicht ohne leichten Frankenstein-Grusel."

 
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