Erst einmal aufräumen, Freunde!

von Christian Rakow

Berlin, 16. April 2010. Die Steuerlast ruht auf den Schultern der politisch unmündigen Bürger und Bauern; derweil der Adel mit der Staatskorvette in die Zahlungsunfähigkeit schippert. Wo Brot zur Mangelware wird und Kuchen keine Abhilfe schafft, ertönt alsbald der Beat der Straße, den die Jakobiner um Danton und Robespierre in der revolutionären Nationalversammlung zu konzertieren wissen. So war das in Frankreich um 1789.

1835, als Georg Büchner seine Revolutionärstragödie "Dantons Tod" im langen Schatten des Wiener Kongresses und zu Hochzeiten des frühindustriellen Pauperismus verfasste, hallte jener Beat der Straße noch hinreichend vernehmbar. Aber heute? Da flackern mitunter schon mal Lebensmittel-Bilder aus der Überflussgesellschaft auf den Videoschirmen im Gorki Theater. Und Kathi Angerer trägt in der Rolle des Robespierre auf einem menschenleeren Hinterhof ein dünnes Transparent: "Die Tugend muss durch den Schrecken herrschen."

Das Revolutionsdrama als Farce

Wenigstens Danton weiß, wo sein Feind steckt: "Die Tugendhaften sind mir so was von zuwider. Die kennen nur Kaffee ohne Koffein, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Sex ohne Sex. Sie haben keinen Rhythmus, sie haben keinen Beat." Eben! Wenn die Diätetik der entwickelten Konsumgesellschaft regiert, fehlt der Beat. Auch der der Unterschichten.

Regisseur Sebastian Baumgarten ist beileibe nicht der erste, der erkannt hat, dass man Revolutionsdramen derzeit allenfalls als Farce inszenieren kann. Sein besonderes Verdienst an diesem Abend liegt eher in dem Beweis, dass auch mit einem an sich espritvollen Ensemble eine solche Farce nicht automatisch glühen muss. Lose verteilt er die Rollen Dantons und seiner Mitstreiter auf eine Viererbande um Philipp Hauß, Anne Müller, Michael Klammer und Johann Jürgens. Deren wesentliches Problem liegt im Gebrauch der Pronomen: Wir/Er/Ich – oh, nein, nicht ICH, nicht zu individualistisch! Wenn es brenzlig wird, fängt Jürgens' Punchingball-Charakter an zu stottern.

Wir sind alle lebendig Begrabene

In einer grottigen Punk-Höhle jenseits der Kanalisation hausen sie (Bühne: Thilo Reuther), und Stiefel, Westen, Fracks, gelegentlich Perücken tragen sie (Kostüme: Tabea Braun). Es wirkt, als sei Madame Tussauds' Kabinett lebendig geworden (was immerhin eine gewisse Nähe zur Guillotine bedeutet). Garantiert gilt in diesem Setting nicht, was die Bande (und das Programmheft) als Motiv der Situation ausgibt: "Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation gelangt." Ach wo. "Erst einmal aufräumen, Freunde!", denkt man da (und in etwa so wird das Kathi Angerers Robespierre ihnen dann auch sagen, mit dem Ton der jungen Mutter, die durchs Kinderzimmer fegt.) "Wir sind alle lebendig Begrabene."

Im Sinne dieses Diktums gräbt Angerer für die Deklamationen ihres Robespierre so tief in der Mottenkiste, dass man sich nicht wundern müsste, wenn sie gleich noch ein paar Skelettreste mit bergen würde. Natürlich ist dieser pseudopathetische Ausdruck genauso auf Augenzwinkern angelegt wie die beliebig wechselnden Spielweisen der Akteure, die munter prickelnden französischen Akzente, das Hauchen und Röhren der Dantoneros. Gemächlich ruckeln die Szenen in einer schroff aktualisierten Spielfassung entlang des Büchner-Plots.

Im trüben Licht der Dekonstruktion

Themenbereiche wie Macht, Arbeit oder Sexualität werden dabei beflissen als "Schulungen" angekündigt. Damit wir die Kanten des Textes nicht zu sehr zu spüren kriegen, seifen uns Celloklänge und andere Filmmusiken unablässig ein, gekrönt durch einen Soundtrack zwischen T.Rex' "Children of the Revolution" (wer hätte es nicht erwartet!) und Spandau Ballets "Gold". Geschichte, so Baumgartens These, kommt heute nur noch in morgendlichen "Kalenderblättern" im Radio vor. Entsprechend liest Anja Schneider mit bewundernswertem Gleichmut immer wieder fade Infotexte über 1789 live ins Mikro.

Dann folgt der Höhepunkt: Künstlerische Aktionen, ja! Aber Terror, nein! So belehrt ein per Video projizierter Künstlerkopf auf der Rückwand den eigensinnigen Robespierre. Anschließend kippt die Wand um, und wir erleben auf einer nunmehr hell beleuchteten Holztreppe die berüchtigten Konventreden von Robespierre und St. Just. Und zwar als Schäferidyll! "Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen, der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt", räsoniert Wilhelm Eilers als gemütlicher St. Just in Fellweste, während vom Band Schafe blöken.

Fürwahr, an diesem Punkt der kolossalen Umwertung des Erhabenen in luftigste Albernheit funkelt ein einziges Mal so etwas wie die abstruse Kraft der Farce. Schnell aber werden wir vom Chor der kreuz und quer plappernden Dantongenossenschaft zurück ins trübe Licht der Dekonstruktion gezerrt. Und die Marionettenshow der ausgedienten Barrikadenkämpfer steuert ihrem Ende in einem schwarz-weißen Stummfilm entgegen.

 

Dantons Tod
von Georg Büchner
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Andrew Pekler, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Carmen Wolfram, Ludwig Haugk.
Mit: Kathi Angerer, Anne Müller, Anja Schneider, Ursula Werner, Wilhelm Eilers, Philipp Hauß, Johann Jürgens, Michael Klammer.

www.gorki.de

 

Andere Dantons inszenierte dieser Tage unter anderem Laurent Chétouane im Januar 2010 am Kölner Schauspielhaus oder Matthias Thieme im Theater Plauen-Zwickau, Oktober 2009. Mehr zu Sebastian Baumgarten im nachtkritik-Archiv.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=Kte5iC5CeSQ&feature=channel}

 

Kritikenrundschau

Zerknirscht bespricht Volker Corsten den Abend in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (18.4.2010): Feste Rollen gebe es nicht, zwei Schauspieler etwa teilten sich die Danton-Reste, ein anderer übernehme dessen Entourage. Den Spruch des Tages verkünde das Radio: "Talking about Revolution". Und das mache "der müde Haufen, zu dem die Realität der Straße kaum vordringt", dann auch ausgiebig, wobei Baumgartens Botschaft laute: "Weniger labern, mehr tun, das hätte den Menschen schon geholfen." Doch all dies kann den Kritiker nicht für den Abend erwärmen, auch die viele eingespielte Musik, Revolutionsfilmschnipsel oder die Graffity-Parodie der Londoner Künstlergruppe Caliper Boy nicht. Dass es auch aufregender geht, deutet aus seiner Sicht allein Kathrin Angerer an. "Die Schauspielerin, einst Frank Castorfs ewige Hauptdarstellerin an der Volksbühne, spielt den Rest-Robespierre in ihrer ureigenen Trotzkopfmanier. Als einen kleinen Napoleon voller Zweifel ('Ist das schwierig!'), der sich letztlich aber immer für Terror und Diktatur, also für sich entscheidet." Wer sie sehe und sich erinnern könne, der werde an so einem Abend vor allem eines: wehmütig.

In seinem "Bestreben, eher Büchner-Kommentar als Inszenierung" zu sein, erinnert der Abend Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (18.4.2010) eher an ein "Brainstorming für germanistische Seminararbeiten". Und das trete, so der Eindruck der Kritikerin, trotz "ambitionierter Seitwärtssprünge" gern mal auf der Stelle. Ein thematischer Schlenker hier, ein Thesen-Step da und "zu alledem jede Menge Revolutionspop und Flachbildschirm-Impressionen". Insgesamt bleibe den Schauspielern seltsam wenig Raum in Sebastian Baumgartens zusehends ermüdender Assoziationsmaschine. Auch die Lektion des Abends, dass die Revolution am ehesten in Pop, Trash und Histotainment überlebt hat, findet die Kritikerin nicht wirklich überraschend.

Baumgarten nehme das Drama "als Material" und arrangiere damit "eine ausgefranste Diskutiererei über Daseinsverbesserung durch Revolution", schreibt Reinhard Wengierek in der Welt (19.4.2010). Dass es in der "Danton-WG" auch um "Gott und die so wenig göttliche Konstruktion der menschlichen Schöpfung geht" käme wenigstens andeutungsweise zur Sprache: "ein Rest von Ehrfurcht der Regie vor dem Autor". Den hätte Baumgarten allerdings nicht genutzt, um aus dem "poetisch so überwältigend starken Büchner-Text" eine "konzentrierte, klar verständliche Debatte am runden Tisch zu basteln". Stattdessen "zerschnippelte" er das Original "innovationsgierig" und bekomme "das mit allerhand Fremdtexten, Musik und Trallala aufgeschäumte Puzzle" dann nicht wieder zusammen. Baumgartens Problem sei "ein Zuviel an mehr oder weniger triftigen Ideen". "Wer das Stück nicht kennt, findet sich vor schlaumeierischer Gedankenverrenkung und Um-die-Ecke-Assoziiererei überhaupt nicht mehr zurecht." Die Regie sei "versessen auf Drama-Verweigerung" und erschaffe dabei "eine verwirrende, aufwändig verblasene Vertheaterung der durcheinander gewirbelten dramatischen Bruchstücke".

Bei Baumgarten, so schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (19.4.2010), verschmelze alles zu dem "einen großen Aus- und Hilferuf: und jetzt? Wie weiter (...) nach dem Abschied von den Utopien"? Seine "überaus ambitionierte, anspruchsvolle Inszenierung" begebe sich "mitten hinein ins große Dialektikgetümmel" und gehe notwendigerweise darin unter. Die Frage sei nur: "Wie scheitern?" Wer den Text "nicht intus hat, wird den Anschluss schnell verlieren". Weil hier "alle Differenzen allenfalls punktuell und temporär von Belang sind, wird nicht nur auch alles gleichrangig, sondern eben auch ununterscheidbar". Das "durchweg gute" Ensemble spiele "verrückte, hysterische, blinde Revolutionszombies". Dabei sei Angerers Robespierre auch ein "Danton mit umgekehrten Vorzeichen", Hauß und Klammer mischten Robbespierre in ihren Danton. Wo es "keine fixen Zuordnungen mehr" gibt, gebe es auch "keine Schuldigen, Verantwortlichen". Man sehe "lauter freischwebende Fragmentteilchen, Zitatbeiwerke, Diskursverweise, Szenenschnipsel", Baumgarten lege "so viele Fährten, dass keine mehr sichtbar ist. Er überdekonstruiert." Das sei "sympathisch in seinem Ernsthaftigkeitsfuror", aber "anstrengend für den Zuschauer". Fazit: "Man muss offenbar die Aufklärung (...) vor sich selbst in Schutz nehmen, um sie dem Terror zu entreißen."

Erbost über Sebastian Baumgartens Inszenierung zeigt sich auch heute noch mal (22.4.2010) die Berliner Theaterkritikerin der Frankfurter Allgemeinen. In einer Kolumne im heutigen FAZ-Feuilleton hofft sie, einen der Darsteller bald "auf den Barrikaden" wiederzusehen – "gegen einfallslose Regisseure, die ihre Protagonisten ausbeuten und blamieren, und lieber fremde Köpfe rollen lassen, als sich selbst einen zu machen".

 

 
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