Abwärts für alle

von Petra Hallmayer

München, 30. April 2010. "Wir reden, reden und reden...", erklärt Warwara irgendwann. Ein pausenlos fortplätschernder Strom aus Worten ergießt sich in den Kammerspielen, wo sich Gorkis "Sommergäste" versammeln. Sie klatschen und lästern, klagen und lamentieren, winden sich weich gebettet in ihrem Unglück. Später werden wir ihnen wiederbegegnen in der Notunterkunft für gescheiterte Existenzen.

Karin Henkel schickt in ihrem Doppelprojekt "Sommergäste/Nachtasyl" Vertreter der gehobenen Mittelschicht ins Heer der Gestrandeten. Das leuchtet durchaus ein in Zeiten, in denen die Meisten nicht mehr fernab der Rutschbahn abwärts leben, und die Gesellschaft nach unten immer durchlässiger wird.

Im Hamsterrad der Eitelkeiten, Luxussorgen, längst begrabenen Träume

Auf einer leeren schwarzen Bühne, auf der im Lauf des Abends kümmerliche Bäumlein aufragen werden, stürzen die Figuren herein, Paare, die sich in notdürftig gekitteten Beziehungen eingerichtet haben, Menschen, die nicht allein sein können und sich permanent verfehlen. Da ist die Ärztin Marja (Annette Paulmann), die soziale Verantwortung predigt, die Möchte-gern-Künstlerin Kalerija (Caroline Ebner), die über die Zumutungen der Mutterschaft jammernde Olga (Angelika Richter), der selbstgefällige, zynische Ingenieur Suslow (Wolfgang Pregler), dessen Frau (Lena Schwarz) ihn lustvoll demütigt, schamfrei betrügt, und die ehemüde Warwara (Katja Bürkle), die sich fortsehnt nach einem anderen, dem richtigen Leben.

Sie flüchten sich in Zukunftsprojekte, kreisen im Hamsterrad ihrer Eitelkeiten, Luxussorgen, Enttäuschungen und längst begrabenen Träume. Aus Umarmungen werden Umklammerungen, die Liebe ist eine Form von narzistischem Vampirismus, der keine Zurückweisung erträgt. Unerwidert schlägt jedes Eingeständnis der Zuneigung sogleich in Aggression um.

Plakatives Außenseitertum

Warwara, die in ihrer Jungmädchenschwärmerei für den Dichter Schalimow restlos ernüchtert wird, wehrt die in sie projizierten Rettungsfantasien schroff ab. Eine junge, schon von Verhärtungen gezeichnete Frau, deren Mann Bassow (Jochen Noch) mit seinem weichen Herzen prahlt, seine grenzenlose Ignoranz hinter Leutseligkeit kaschiert, eine Fremde in ihrem eigenen Haus.

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© Arno Declair

Ein wenig zu plakativ betont die Aufführung Warwaras Außenseiterrolle, die angewidert von dem Geschwätz, den Gockeleien und Scheingefechten bald den Kopf gegen die Wand gelehnt reglos verharrt, bald zusammengekauert auf dem Boden liegt.

Um sie herum fächert Henkel flott und kurzweilig einen Szenenreigen auf, den das starke Ensemble immer wieder für Glanznummern nutzt. Allein der vom Münchner Volkstheater kommende Nico Holonics verrennt sich anfangs überehrgeizig in Kaspereien und Katja Bürkles zornig-verzweifelte Warwara agiert zu steif und nuancenarm. Zwar gelingt es ihr, momentelang kindliche Verlorenheit aufscheinen zu lassen, häufig aber greift sie auf ein kleines Repertoire sich wiederholender nervöser Gesten zurück.

Realität bricht ins Wohlstandsghetto

Nach der Pause bricht plötzlich die brutale Realität in das Wohlstandsghetto ein, löst Suslow durch die Nachricht von verunglückten Arbeitern unter den sich betrinkenden Sommergästen eine Sturzflut wechselseitiger Anklagen aus, die in einer kollektiven Schlägerei münden, bei der alle von der Bühne plumpsen.

Zwischen durcheinandergepurzelten Weinschachteln finden sich die Sommergäste mit einem Male im "Nachtasyl" wieder. Jochen Noch mutiert zum profitgierigen Herbergsleiter Kostyljew, Annette Paulmann, die eben noch als moralische Idealistin die Welt verbessern wollte, verhöhnt als Satin jeden Anflug von Mitleid als Humanitätsduselei. Aus den Partytrinkern sind haltlose Säufer geworden, die sich aus den Erinnerungen an bessere Tage einen letzten Rest an Stolz ertrotzen und stumpf und gleichgültig zusehen, wie Anna (Angelika Richter) sich dem Tod entgegenhustet. Nur einer redet ihr das Sterben schön, der Menschenfischer und Trostspender Luka, der mit Lügen zu falschen Hoffnungen verführt, die den alkoholkranken Schauspieler (Paul Herwig) in den Selbstmord treiben. Walter Hess nimmt dieser in ihren Ambivalenzen am tiefsten in der russischen Literatur verwurzelten Figur alle Sentimentalitäten.

Die Regisseurin vermeidet klug pittoreske Unterschichts-Tableaux, doch zu rasch hingeworfen ist das rudimentär verknappte Geflecht der Geschichten, das kaum angerissen, abrupt abbricht. Von Gorkis "Nachtasyl" sehen wir nur mehr eine radikal verkürzte Rumpfversion. So löst sich Henkels hochambitioniertes Konzept am Ende nicht wirklich ein, stolpert die Inszenierung schließlich in einen irritierend unfertig wirkenden Schluss.

 

Sommergäste/Nachtasyl
von Maxim Gorki
Regie: Karin Henkel, Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Klaus Bruns, Sound: Mathis B. Nitschke, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Jochen Noch, Katja Bürkle, Caroline Ebner, Nico Holonics, Wolfgang Pregler, Lena Schwarz, Stephan Bissmeier, Angelika Richter, René Dumont, Paul Herwig, Annette Paulmann, Walter Hess, Oliver Mallison.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Karin Henkel im nachtkritik-Archiv. Zuletzt inszenierte sie Glaube Liebe Hoffnung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (11/2009) und Alkestis am Schauspielhaus Zürich (2/2010).

 

Kritikenrundschau

Bei Karin Henkels Gorki-Doppelabend "Sommergäste/Nachtasyl" würden "aus den lebensmüden Besitzbürgern die todgeweihten Besitzlosen", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (3.5.2010). Das könne man als "Hinweis auf die Finanzkrise" sehen oder einfach als "Gegenüberstellung der oberen und der unteren Zehntausend". Indem keine Kostüm gewechselt würden, vermeide Henkel "jede Elendsfolklore". Die Gorki-Stücke seien "energisch ausgelichtet und passend gemacht" worden, ganze Figuren und Handlungsstränge zwecks Text-Engführung gestrichen. Jedoch sollten "wiederkehrende Elemente" eine "innere Verwandtschaft herstellen, die eigentlich nicht besteht". Die Verkürzung treibe "gerade auch die Schwächen der Stücke hervor". Durch die Verbindung würden die parodistischen Plots "zusätzlich abgewertet und damit den Schauspielern jede Möglichkeit genommen, in passender Münze auf ihre Figuren herauszugeben". Statt dessen zeigten sie "gaghafte Kabinettstückchen" und kämpften teilweise "auf verlorenem Posten darum, ihre Figuren feiner zu profilieren". Der Abend bleibe "eine siamesische Kopfgeburt. Weil hier keines der Stücke ohne das andere sein kann, blockieren sie sich gegenseitig. Derart ausgebremst, setzt sich das Ensemble auf die nächstbeste herumliegende Pointe."

Thomas Meyer
von der Welt (3.5.2010) findet Henkels Kombi-Ansatz erstmal spannend. Sie übersetze "die den ganzen Abend zusammenhaltende Frage nach dem Sinn des Lebens direkt ins Existenzielle". In den eingekürzten "Sommergästen" würden "konsequent Verlustgeschäfte vorgeführt, die hier jeder menschliche Kontakt bringt". Dafür verschiebe Henkel den Schwerpunkt "von der Agitprop verbreitenden Ärztin Marja" auf die von Katja Bürkle "präzise gestaltete" Rechtsanwaltsgattin Warwara. "In ihr lässt die Regisseurin die Selbst- und Fremdbilder sämtlicher Beteiligten sich kreuzen." Das "in der ersten Hälfte glänzend aufgelegte Ensemble" präsentiere "den Existenzkampf als Leerverkauf". Es gelinge Henkel, "die unverwechselbaren Eigenarten der Personen herauszustellen", die nie zu Typen würden, "die man selbst zu kennen glaubt". Leider wolle die Regisseurin aber "mehr, nämlich offensichtlich nicht nur die am Abgrund Schwankenden vorführen, sondern auch jene, die bereits ganz unten angekommen sind". Die "Nachtasyl"-Schrumpffassung verweigere "freilich vollständig die angestrebte Fortsetzungsgeschichte" und biete nur "krampfiges Thesentheater".

Auch für Michael Schleicher vom Münchner Merkur (3.5.2010) ist die Ausgangs-Idee des Doppel-Abends durchaus "reizvoll". Schließlich könne der "Sturz vom Sommergast ins Nachtasyl" in Zeiten, "in denen nichts sicher ist, weder Job noch Eigentum noch Kapitalanlage", ein rascher sein. Und dass der Abend "so laut und dennoch nichtssagend geworden ist", könne nicht den Schauspielern angelastet werden. Henkel indes gestalte ihren Abend "noch platter und plakativer" als Gorki selbst, habe "die Charaktere zu Karikaturen degradiert, wo sie dringend ernst genommen hätten werden müssen". So werde Gorkis "flirrende Darstellung des bürgerlichen Leerlaufs" zur "Nummernrevue, die vom Publikum dankbar belacht wird". Seinen "anklagenden Zorn über die Zustände im Russland um 1900" im "Nachtasyl" gebe die Regisseurin hingegen "einer lächerlichen Wurstigkeit preis". All das mache die gut dreieinhalb Stunden "allzu erwartbar". Den Schauspielern bleibe hier nicht anderes übrig, als "ihre Rollen vor sich her" zu tragen und auszustellen – "und dennoch gelingt es einigen, nicht nur Karikaturen vorzuführen", auch wenn die "Augenblicke der Wahrhaftigkeit" selten seien.

Was Sommergäste und Nachtasylanten "über die soziale Kluft hinweg" verbinde, sei "ihre Verlorenheit in einer Welt, die sie nicht durchschauen", so Christoph Leibold für Deutschlandradio Kultur (Fazit, 30.4.2010). Diese "Gemeinsamkeit zwischen Arm und Reich" arbeite Henkel heraus, lasse die beiden Stücke allerdings "brav hintereinander" spielen, verschränke sie nicht. "Für jede Rolle im ersten Stück hat Henkel ein Pendant im zweiten gefunden. Die Verbindungen, die sie herstellt, sind verblüffend stimmig." Und trotzdem falle der "Erkenntnisgewinn dieser Zusammenschau" ziemlich gering aus. Zweimal "Menschen in existentieller Verzweiflung". Im ersten Teil mache es "noch richtig Spaß, ihnen dabei zuzusehen", "wie ein bitterer 'Sommernachtstraum' ohne Happy End" wirke das Gorki-Stück und entfalte eine "Komik der tröstlichen Sorte". Mit der "arg bedeutungsschweren Beengung der Spielraums" im zweiten Teil scheine allerdings "auch der Spielwitz der Schauspieler wie abgeschnürt". So wirke diese Hälfte "wie ein müder Abklatsch der ersten – unausgegoren, schlampig hinskizziert".

 

 

 

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