Die Jungfrau Maria trug keine Hosen

von Esther Boldt

Mainz, 15. September 2007. Inszenierungen nach erfolgreichen Filmen sind en vogue, Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" oder Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon" haben so ihren Weg auf deutsche Bühnen gefunden. Bekannte Filmstoffe sollen, so das Kalkül der Programmpolitik, ein anderes Publikum in die Theater holen. Doch der Transfer glückt nicht immer, und nicht immer macht er Sinn. Mit der Uraufführung von "Requiem" aber ist dem Staatstheater Mainz eine höchst plausible, im besten Sinne schlichte Adaption gelungen.

Auf der Berlinale 2006 hatte der Film von Hans-Christian Schmid und Drehbuchautor Bernd Lange Aufsehen erregt. Schmid greift darin einen Fall von Exorzismus auf, der 1976 in Süddeutschland stattfand und bei dem die angeblich Besessene an Erschöpfung und Unterernährung starb. Gleichzeitig war der Film der erste große Auftritt der wunderbaren Sandra Hüller, die dafür auch den Silbernen Bären erhielt.

Die Bühne ein Observatorium 

Wenn adaptieren anpassen heißt, dann haben die beiden Regisseure Deborah Epstein und Marcus Mislin ebendies getan. Auf der Bühne des Kleinen Hauses sitzt das Publikum einander gegenüber, denn auch auf der Hinterbühne ragen Zuschauerreihen in die Höh'. Dazwischen liegt wie ein breiter Laufsteg die Bühne, möbliert mit einigen Stühlen, einem Tisch in der Mitte, einem Bett samt Schreibtisch an einer Seite sowie einem Sofa an der anderen. Das reicht.

Vor ihrem Bett betet Michaela auf Knien, währenddessen marschiert das Ensemble auf, das die gesamte Zeit auf der Bühne sein wird. Wo der Film Schnitte setzt, wechseln die Ansprechpartner Michaelas, ein fliegender Wechsel von Orten und Handlungsebenen: Vom Elternhaus in der schwäbischen Alb in die Uni nach Tübingen, ins Studentenwohnheim oder in die Kirche. Gerade nicht beteiligte Schauspieler verfolgen am Rand sitzend die Ereignisse, werden wiederum zu Publikum, zu Zeugen. Ein Observatorium, auf dem es zwar einen Handlungsradius, aber von vorne herein keinen Ausweg gibt.

Beredte Füße 

Unter den gespielten Schnitten, den rasch montierten Szenenwechseln leidet ab und zu die konzentrierte, dichte Atmosphäre, die Wechsel sind mitunter etwas unpräzise, eine Entwicklung in den knappen Dialogen nicht möglich. Dass die Grundspannung bleibt, ist nicht zuletzt das Verdienst von Katharina Knap als Michaela.

Sogar die Füße der jungen Schauspielerin unter dem Schreibtisch sind beredt, wenn sie ihrem Freund Stefan (Joachim Mäder) dabei zusieht, wie er ihre Seminararbeit liest. Sie ist das schüchterne Mädchen vom Lande, das aber zu den Klängen von Rex Gildo mit ihren Studienkollegen rapide auftauen kann, ihrer Mutter ein energisches "Irgendwann muss ich mal mit meinem Leben anfangen!" ins Gesicht schleudert, demütig von der Heiligen Katharina spricht und gen Ende einen minutenlangen Tobsuchtsanfall hinlegt, dass einem angst und bange werden kann.

Aufklärung schlägt in Mystizismus um

Auf dem Rücken der Studentin werden Glaubenskriege ausgefochten. Ihre kühle, aber besitzergreifende Mutter (Andrea Quibach) wollte sie ohnehin nicht studieren lassen, denn Michaela leidet an Epilepsie. Sie hält ihre Tochter in Abhängigkeit, auch mit Hilfe ihres erzkatholischen Glaubens, dämonisiert die Stadt als Sündenpfuhl und wirft, als Michaela in Hosen nach Hause kommt, diese in den Müll: "Die heilige Jungfrau Maria hat auch keine Hosen getragen!"

Der Exorzist Robert Borchert (Florian Hänsel) umschmeichelt sie mit demonstrativer Warmherzigkeit, aber für ihn steht die Diagnose fest, ebenso wie die unabwendbare Teufelsaustreibung. Dorfpfarrer Landauer, der auf Wunsch auch Kühe tauft, würde sie lieber zum Psychiater schicken. Und ihre Professorin hält der Theologie die Psychologie entgegen und spricht von einer "partiellen Wiederverzauberung der Welt." Es stellt sich die Frage, wie aufgeklärt unsere Aufklärung ist, und was mit den ausgesparten Rändern geschieht, wenn offene Fragen und psychische Entgleisungen in Mystizismus umschlagen.

Zugleich ist "Requiem" eine scheiternde Coming-of-Age-Geschichte, in der die Ablösung vom Elternhaus nicht gelingt. Und auf der Bühne wie im Film die Geschichte einer starken und doch gebrochenen Frauenfigur, die hoch spannenden Schauspielerinnen Raum gibt, sich zu zeigen.

 

Requiem
nach dem Film von Hans-Christian Schmid und Bernd Lange
Regie: Deborah Epstein und Marcus Mislin, Bühne: Florian Barth, Kostüme: Petra Bongard.
Mit: Katharina Knap, Marcus Mislin, Andrea Quirbach, Tatjana Kästel, Joachim Mäder, Friederike Bellstedt, Thomas Marx, Florian Hänsel, Clarissa Nießner.

www.staatstheater-mainz.de

 

Kritikenrundschau 

In der FAZ (18.9.07) wirft Ursula Böhmer den Theatermachern aus Mainz vor, sie brächten den Film "Requiem" allein auf die Bühne um Schuldige zu finden. Anders als der Film in seiner Schlusseinstellung gönnten sie der Hauptfigur ihren "rätselhaften Frieden" nicht. Dabei funktioniert der Film im Theater, findet Frau Böhmer, nur das Theater im Film funktioniere nicht. Die hinzuerfundene Figur einer Professorin, die mit Bush, der Achse des Bösen, mit Eugen Drewermann und erhobenem Zeigefinger argumentiere, erkläre nichts. Aber immerhin "geht" die Hauptdarstellerin Katharina Knap "einem unter die Haut", und nicht nur "wenn sie krampft, zuckt, stiert, geifert und kreischt". 

In der Allgemeinen Zeitung Mainz (17.9.07) schreibt Jens Frederiksen es handele sich bei "Requiem", um das "fein ausgelotete Psychogramm einer Gruppe von Menschen, die durch unglückliche Zu- und Umstände aneinandergekettet" sind. Bei den Schauspielern ist von "anrührender Herzenswärme" die Rede, von "erfrischend schnoddrigem Ton", von "glaubhaft" und "nachvollziehbar". Das ist schön. Grandios spiele aber vor allen anderen die Hauptdarstellerin Katharina Knap: "(...) wenn sie am Ende in einem hilflosen Aufschrei das heimische Porzellan aus den Regalen fegt und sich brüllend zwischen Sofa und Wand verschanzt, dann steht dahinter eine Ausweglosigkeit, über der man in der Tat den Verstand verlieren kann."

 

 

 

 
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