Last-Minute-Reise zur Känguru-Farm

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 16. Mai 2010. Ein Auftragswerk. Ein Autor. Doch wo ist der Stoff? Dirk Laucke, häufig und gern gesehener Gast am Theater Osnabrück, hat dort zuletzt die Themen für "zu jung zu alt zu deutsch" noch in der niedersächsischen Stadt selbst gesucht und gefunden. Für die neue Uraufführung ist er zurück in seine alte Heimat gegangen. Nur einen Steinwurf von seiner Geburtsstadt Schkeuditz entfernt liegt das Dörfchen Kursdorf, dem der erfolgreiche Jungdramatiker nun mit "Start- und Landebahn" ein Denkmal gesetzt hat, das nun im Osnabrücker emma-Theater von Jens Poth in Szene gesetzt wurde.

Als Mitautor fungiert David Richter, der als Helfer fürs Thalia Theater Halle das Örtchen kennengelernt und sich mit Laucke zusammen die Figuren für das Stück ausgedacht hat. Doch was ist so besonders an Kursdorf? Viele Dörfer müssen Flughäfen und Autobahnen weichen oder leiden unter der Nähe zu diesen Tempeln der Mobilität. Doch Kursdorf bleibt. Die dorfeigene Webseite nennt es "eine idyllisch gelegene Ortschaft (...), sorgsam umschlossen von den beiden Start- und Landebahnen des Flughafens Leipzig-Halle, einer ICE-Strecke und dem Schkeuditzer Autobahnkreuz".

Der Kampf der Verlierer mit der Realität

Aber hier wohnen noch Menschen, wenn auch nur noch wenige, die "in einem durchschnittlichen Reisebus Platz finden". Auch wenn Laucke und Richter bei ihren Besuchen in Kursdorf keine Menschen angetroffen haben, ist ihnen doch ein packender und kurioser Text gelungen, der Figuren zeigt, die sich weigern, dem Fortschritt Platz zu machen. Da ist zunächst Darius. Ein Gepäckwagenschieber am Flughafen. Seine Frau ist mit den beiden Kindern schon längst geflüchtet. Doch er hält an seinem Haus fest. Sein Kumpel Bill träumt von einer Känguru-Farm und entführt Darius' Schwiegeroma aus dem Altenheim.

Bleibt noch Jenny. Die will trotz ihrer sechseinhalb Dioptrien Flugbegleiterin werden. Diese Figuren Verlierer zu nennen, wäre zu einfach. Schließlich kämpfen sie hart mit der Realität und weigern sich, zu unterliegen. Auch wenn ihnen auf der Bühne fast alles im Weg steht. Darius robbt sich über eine Kofferreihe zu seinem Haus in Spielzeuggröße durch. Die fast blinde Jenny stolpert über die Leisten auf dem Boden, die erst Gepäckförderband und schließlich Kegelbahn sind. Hier verliebt sich Darius in Jenny, doch Jenny reicht der erfolglose Dorfler nicht.

Chinaimbiss und Jumbojets

Der macht zwar Karriere. Aber es reicht nur bis zum kostümierten Anpreiser für Last-Minute-Reisen. Das ist der ambitionierten Stewardess definitiv zu wenig. Auch Bill wird seine Farm nicht bekommen, weil Darius zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt ist, um sich mit dem Freund auf die Selbstständigkeit einzulassen. Das alles sind Geschichten, die kein Kursdorf brauchen. Doch die ständig als Audio-Einspielung durch den Theaterraum rauschenden Flugzeuge bringen die Protagonisten immer wieder zum Schweigen und erinnern daran, wie sehr ihre Träume der Realität hinterherhinken beziehungsweise davonfliegen.

Simone Wildts Bühne ist bunt und prächtig chaotisch. Da wird mal eben ein Chinaimbiss auf einem Einkaufkorb hereingefahren und schweben Jumbojets über die Rückwand. Poth nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um die Geschichte nicht zu schwer und zu ernst werden zu lassen. Er gönnt den Figuren ihre jeweiligen Skurrilitäten, ohne sich über sie lustig zu machen. Dadurch wandelt sich Clemens Dönickes Darius vom hilflosen Loser zum verzweifelt Verliebten, von der Komödiennummer zum tragischen Helden. Diese Entwicklung mitzuverfolgen, wird an dem zweistündigen Abend nie langweilig.

Olaf Weißenberg als Bill ist ein Träumer mit Ecken und Kanten, mal romantisch, mal ausfallend aggressiv. Seine Kollegin Andrea Casabianchi zeigt Jenny als kühle Schöne und Christel Leuner ist eine Schwiegeroma, die humorvoll das Thema Demenz erkundet. Poths Inszenierung kippt nie in den Klamauk. Stattdessen schleppen seine Figuren die Tragik ihrer Existenz stets wie einen Schatten hinter sich her. Und das schonungslos. Genau wie das Ende. Denn hier wird niemand erlöst: Zwar setzt der Fluglärm wegen eines Schneesturms aus. Aber das ist ja nur vorübergehend.

 

Start- und Landebahn
von David Richter und Dirk Laucke
Uraufführung
Regie: Jens Poth, Bühne und Kostüme: Simone Wildt, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke
Mit: Clemens Dönicke, Olaf Weißenberg, Andrea Casabianchi, Christel Leuner

www.theater-osnabrueck.de

 

Mehr zu Dirk Laucke im nachtkritik.de-Lexikon und auf nachtkritik-stuecke2010.de.

 

 
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