Gärtnern mit Muße oder Der Mut resignativer Selbstbescheidung

von Andreas Wilink

Bochum, 23. September 2010. Es hat immer etwas zu bedeuten – manchmal erst im Nachhinein. Der Beginn einer Intendanz zeigt Flagge, die in Bochum schon mal gehisst wurde als strahlendes Freibeuter-Fanal. Damals, 1995, enterte Leander Haußmann das Schauspielhaus an der Königsallee in 44789 Bochum und bewies mit Tschechows "Vaterlosen", dass es möglich ist, Schaubühne und Volksbühne zu vereinen. Er kam damit Peter Zadek am nächsten, der 1972 mit Falladas "Kleiner Mann, was nun?" Volkstheater und Vaudeville zum sozialen Entertainment koppelte. Matthias Hartmann kreiste zur "Eröffnung" um sich selbst, indem er einen Star auf die Bühne stellte, der die eigene Schein-Existenz reflektierte. Elmar Goerden gipste mit Goethes "Iphigenie" die marmorne Klassik ein.

Bei Anselm Weber steigt jetzt ein Stern auf, eingekuschelt als Logo im bauchigen "b", um der Utopie und der Zukunft den Weg zu weisen. Der Bochumer Auftakt mit Voltaires philosophischer Satire holt weit aus. Er umfasst ein europäisches Projekt und beginnt doch um die Ecke: in Westfalen, das "in vielem nicht mithalten kann", wie es in der Übertragung von Paul Slangen und Olaf Kröck heißt. Indem die Aufführung konsequent eine andere Geschwindigkeit fährt (zugegeben: Man möchte öfter mal die Taste für den Schnelldurchlauf drücken) und eine andere Spielart behauptet, wird eine scharfe Zäsur und klare Markierung gesetzt. Stadttheater schaut anders aus.

Die spukenden Kobolde
Mit der Satire der Aufklärung ist es so eine Sache in der deutschen Literatur, im Vergleich zu England und Frankreich, zu Sterne und Swift, Diderot und Voltaire blieb die Gattung zurück, der politische Staatsroman ungeschrieben, die gesellschaftliche Gesamtperspektive gegen lebensunwerte Verhältnisse ausgeblendet. Als Monsieur de Voltaire seine geschichtsphilosophische Dichtung "Candide" verfasste, tat er es unter dem Eindruck zweier Katastrophen: 1755 zerrüttete das Erdbeben von Lissabon den Glauben an den Fortschritt und das Grundgute der Natur; 1756 begann der Siebenjährige Krieg als europäischer Flächenbrand. "Die beste aller möglichen Welten", die Leibniz und Pope optimistisch wahrgenommen haben wollten, erwies sich als Trugbild. Der populäre, zeitweise indizierte "Candide" des "Alten von Ferney und seiner spukenden Kobolde" (Goethe) antwortet mit einer Negativutopie, einem garstigen Märchen samt vergiftetem Happyend.

Katastrophen-Comic und Sprechoper
Paul Koek betont und hintertreibt die Botschaft durch die Vollendung der Langsamkeit. "Es dauert alles schrecklich lang" – noch so ein Zitat aus der Bochumer Fassung. Der Niederländer, dessen Revue in slow motion als holländische Variante der Marthaler-Methode gelten könnte, versteht "Candide" als Nacherzählung aus der Abgeklärtheit des Alters, indem er einen Jungspund (den Schlaks Joep van der Geest) und einen traurigen kahlen Intellektuellen (Jürgen Hartmann) zu inniger Symbiose vereint.

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Joep van der Geest und Jürgen Hartmann als die beiden Bochumer Candides © Thomas Aurin

Er inszeniert Voltaires süffigen Traktat als Moritat, als Katastrophen-Comic (mit hübschen Strichlein auf einer Projektionsfläche), als zart besaitetes Lehrstück mit Guckkastenbühne wie fürs Puppentheater samt Prospekten und stilisierten burlesken oder preziosen Figuren – und als Sprechoper.

Ein Septett begleitet nicht so sehr das Geschehen, als dass es ihm vielmehr präludierend auf die Sprünge hilft. Der Theaterkritiker sieht sich außerstande, die raffiniert aus dem Werk von Janácek schöpfende Partitur in ihrem Materialmix zu entschlüsseln, er kann sie nur bewundern. Koeks "Candide" führt Anti-Illusionstheater vor Augen, scheinbar arglos, bunt, naiv wie eine Kindergeburtstags-Vorstellung, um noch in jedem Verzögerungs-Moment und Arretierungs-Schub die Reflexion und deren spottende Spiegelung zu enthalten. Theater wie von ABC-Schützen mit echter Munition.

Candi-Man, was nun?
Der gutmütige Westfale Candide wird aus dem Schloss des Barons von Thunder ten Tronckh getrieben, nachdem er mit der Tochter des Hauses, Kunigunde (Therese Dörr), angebändelt hatte. Auf die sündige Tat folgt also die Vertreibung aus dem Paradies, auch wenn es nur ein ländlich platter Adelshof war. Der Himmel auf Erden, den ihm sein Lehrer Pangloss, der Alleswisser und Schönschwätzer, verheißt, erweist sich als Höllentrip. Die Welt wird den anerzogenen Optimismus des reinen, redlichen Candide auf die Probe stellen.

Die Regie animiert das Ensemble zu Bewegungsdrang und Leibeslust, zu eigenwilligen Raps, tänzerischen Soli, Pantomimen und phantastischer Narretei. Will unsereins sich mal einem Gefühl hingeben, wenn eine Alte (Jutta Wachowiak) von ihren Torturen in einem biografischen Blues berichtet, während das Paar Kunigunde/Candide einen selben dazu tanzt, behindert einen subversive Ironie. Alles ist fein gearbeitet, wohl durchdacht, zugleich putzig und perfide, aber bei aller Finesse trotzdem demonstrativ schlicht.

Der Garten der Manisch-Depressiven
Auf der Suche nach seiner Liebsten kommt Candide an die Enden der Erde und in abenteuerliche Situationen, die kein Zufall sein können, sondern allegorische Absicht des Verfassers. Ihm begegnen Adelswillkür, katholische Finsternisse, Krieg, Sklaverei, Laster, Missbrauch, Mord und Totschlag, er und die Seinen fallen unter bulgarische Soldaten, Piraten und bluttolle Priester. Vom verwüsteten Lissabon geht die Reise nach Südamerika und zum sagenhaften El Dorado, wo das Gold zu allgemeiner Wohlfahrt geschürft wird, zurück in die Alte Welt nach Venedig und Konstantinopel (Paris und England wurden gestrichen), bis Candide eine nunmehr häßliche Kunigunde widerwillig ehelicht.

So wie Voltaire sich im sicheren Abstand zu Paris in Ferney nahe der Schweizer Grenze niederließ, erwirbt Candide für sich und seine Begleiter ein Gehöft, um mit dem Mut resignativer Selbstbescheidung die Notwendigkeit zu erkennen: "Aber wir müssen unseren Garten bestellen". Auf Bochums Bühne lässt die wiederholte Aufforderung deren Sinnlosigkeit ahnen. Die Bewohner des Garten Edens erstarren und verdämmern manisch-depressiv.

Kein schöner Land in Sicht. Was man so für Anselm Webers Start nicht sagen wollen würde.

 

Candide oder der Optimismus
von Voltaire
Deutsch von Ulrich Bossier
Fassung von Paul Slangen und Olaf Kröck
Regie: Paul Koek, Bühne: Theun Mosk, Kostüme: Dorothee Curio, Musik: Ton van der Meer/Hans van der Meer/John van Oostrum.
Mit: Reinout Bussemaker, Therese Dörr, Jürgen Hartmann, Raiko Küster, Andreas Maier, Veronika Nickl, Roland Riebeling, Joep van der Geest, Jutta Wachowiak, Anke Zillich.

www.veenfabriek.nl
www.schauspielhausbochum.de

 

Alles zu Paul Koek auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Das fängt ja gut an!" schreibt Gudrun Nobisrath vom Online-Portal Der Westen (25. 9.2010).Paul Koek mit seinen fabelhaften Schauspielern und Musikern zeigen hier Welttheater, so die Kritikerin, einen Theaterabend, "der Schauern macht und einem nichts schenkt, auch keine Begeisterung." Dennoch hinterlasse er das klare Gefühl, "dass hier etwas Großes passiert ist. Etwas, das man nicht vergessen wird. Das dem Theater neue Wege zeigen kann, weil es Sehgewohnheiten sprengt um der Sache willen." Man müsse Voltaire nicht gelesen haben, um etwas von dem Abend zu haben. Man müsse nicht wissen, dass er sich auf den Philosophen Leibniz bezog, dessen Schlussfolgerung er in seinem Roman boshaft und geistreich geißelte. "Man muss nur hinsehen und sich fesseln lassen, auch wenn sie an der Rampe stehen und ins Publikum sprechen. Wer hat denn gesagt, dass Schauspieler die Hände ringen müssen? Dies hier ist hoch inspiriert und auf ungewöhnliche, manchmal verstörend bedächtige Weise theatralisch; es ist nicht leicht, sich darauf einzulassen. Doch wenn es gelingt, stimmt alles."

"So gibt es viel zu sehen und zu bestaunen. Und doch zieht sich das Geschehen lang dahin an diesem mehr als dreistündigen Theaterabend," schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhrnachrichten (25. 9.2010). "Was steckt nicht alles drin in dieser Inszenierung. Es ist eine Sprechoper, aber auch Karikatur oder Comic, wenn auf eine Projektionsfläche gezeichnet wird." Und: "Was purzelt nicht alles heraus aus diesem Guckkasten, dessen Sperrholzprospekte an Kindertheater erinnern." So richtig anfreunden kann sich der Kritiker trotz allem mit der Inszenierung nicht.

"Es ist eine faszinierende, eigenwillige Ästhetik, die hier entsteht, das niederländisch-deutsche Ensemble entwirft eine eigene Welt", konstatiert Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (29.9.2010). Mit Einschräbnkungen: "Den Zutritt allerdings muss sich der Zuschauer hart erarbeiten, denn die Schauspieler agieren weitgehend für sich, über die Rampe kommt wenig." Nur Jutta Wachowiak lege "einen Glanzauftritt hin als Papsttochter mit nur einer Pobacke. Einen der verrücktesten Texte dieser fantasieprallen Vorlage unterlegt sie mit Berliner Bodenständigkeit, was einen reizvollen Kontrast ergibt. Sonst fehlen den schönen Bildern und schwebenden Klängen Momente der Konzentration, des Schmerzes, des Widerstandes."

Ein "sperriges, funkelndes Stück Theater" hat Christine Dössel gesehen, wie sie in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2010) schreibt, "das völlig schräg und ungenormt, bonbonbunt und quietschvergnügt und (nur) scheinbar naiv aus den Usancen des deutschen Regietheaters herausragt." Und kommt aus dem Schwärmen über die "süffisante szenisch-musikalische Performance mit Kompositionsvariationen nach Leos Janacek" nicht mehr heraus, nennt sie "ein philosophisch-satirisches Denk- und Diskurstanzstück, ein perfides Märchen, ein so wahn- wie zauberhaftes Kinder- und Pappkulissentheater". Ergo: "Es ist ein echtes Kunst-Stück mithin, ganz eigen, eigenwillig, so noch nicht gesehen - anfangs nicht leicht zugänglich, zu viel Musik, zu lieblich, putzig, doch der ästhetische Kosmos, den Paul Koek und das Ensemble hier so selbstbewusst und spielerisch frei errichten, entwickelt nach und nach einen starken Sog"!

 

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