Wie der Teufel unter die Krämer fiel

von Ulrich Fischer

Lübeck, 17. Oktober 2010. "Doktor Faustus" ist einer von Thomas Manns großen Romanen. John von Düffel musste deshalb mächtig den Rotstift schwingen, um dieses umfangreiche Meisterwerk der Exilliteratur für die Bühne zu bearbeiten: das Herkommen von Adrian Leverkühn, dem (Anti-)Helden des Romans, dem Doktor Faustus, wird geopfert, die Kindheit, fast die ganze Jugend, die Erörterung des Kosmos und und und. Dennoch gelingt es Düffel, das Wesentliche zu bewahren – er ist eben Literaturwissenschaftler und weiß, den großen Bogen zu erhalten und auch den unverwechselbaren hohen Ton. Fast der gesamte Dialog ist wörtlich Manns Text entnommen – eine vielversprechende, höchst anspruchsvolle Vorlage für das Theater.

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Andreas Hutzel (Adrian Leverkühn), Robert Brandt (Teufel) © Thorsten Wulff

Das Desaster beginnt mit der Inszenierung. Manns umständlicher Titel: "Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von seinem Freunde" hätte Regisseur und Lübecks Schauspieldirektor Pit Holzwarth darauf bringen können, Serenus Zeitblom, Adrians Freund, am Schreibtisch zu zeigen. Lang nach Adrians Tod setzt er sich daran, die Biographie seines Freundes, eines genialen Komponisten, niederzuschreiben – er beginnt 1943 und schiebt immer wieder ein, wie der Krieg fortschreitet, der Feind immer näher kommt.

Bunker und Salon

In Lübeck sitzt Serenus aber meistens an einem Flügel und spielt mit, so dass die zwei Handlungsebenen – zu Adrians Lebzeiten vom Kaiserreich bis zum Beginn des Nationalsozialismus, dann die Jahre der Niederschrift – statt streng voneinander geschieden zu sein oft unübersichtlich ineinander übergehen. Auch Werner Brenners Simultanbühne hilft nicht bei der Orientierung, hier sind die Wohnung Adrians, ein Luftschutzbunker und ein Münchner Salon ein Ort.

Aber das sind nicht die einzigen Elemente, die das Verständnis des komplexen Romans erschweren. Viele Schauspieler übernehmen mehrere Rollen – stellen sie jetzt einen Professor dar oder Kommilitonen Adrians? Wieso trägt Ines, eine Dame der Münchner Gesellschaft, die ihren Geliebten, der ihr untreu wird, erschießt, ein kniefreies Kleid unserer Gegenwart? Die Ungeschicklichkeiten der Regie zerstören den großen Bogen, den Mann so kunstvoll errichtet und John von Düffel in seiner Adaption mit Sorgfalt bewahrt hat.

Das expressive Lachen des Tonsetzers

Es geht um den Zusammenhang von Kunst, in diesem Fall Musik, und Faschismus. Thomas Mann legt nahe, dass ein Künstler, der sich nur um das Werk kümmert und nicht an das Publikum denkt, unverantwortlich handelt – er verkauft seine Seele dem Teufel. Der Mangel an sozialer Verantwortung, der sich auch in anderen gesellschaftlichen Sphären zeigt und gegen humanistische Verantwortlichkeit durchsetzt, führte zum Nationalsozialismus und dessen Verbrechen – dieser Zusammenhang ist in Lübeck kaum mehr erahnbar.

Andreas Hutzel spielt Adrian Leverkühn expressiv. Oft wirft der Mime die Arme gen Himmel, den Kopf in den Nacken und reißt den Mund weit auf, oft lacht er. Daraus ergibt sich keine kohärente Figur, schon gar nicht ein Mann von überragender Intelligenz mit stark menschenfeindlichen Zügen. Vielleicht hätte Adrian durch seine Kompositionen charakterisiert werden können, aber Achim Gieseler (Musik) ist wenig eingefallen und schon gar nichts von den (im Wortsinn) unerhörten Erfindungen, die Thomas Mann so beredt beschreibt.

Die Ausnahme

Das ganze Ensemble wirkt überfordert – bis auf Jörn Kolpe. Er spielt unter anderem Saul Fitelberg, einen unternehmungslustigen jungen Mann, der sich Adrian als Manager andient. Saul stammt irgendwo aus dem Osten, lebt aber in Paris. Kolpe ist klug genug, seinen Monolog nicht mit stark französischem oder polnischem Akzent zu sprechen – ihm geht es um Verständlichkeit. Und er kommt bestens über die Rampe – was bei anderen oft fehlschlägt. Das Publikum dankte Kolpe mit Szenenapplaus.

Die zentrale Szene, den Teufelspakt, hat John von Düffel sorgfältig aufbereitet – Pit Holzwarth missglückt das Bild. Thomas Mann gelingt eine unheimliche Begegnung, als der Böse auftritt – in Lübeck verläppert sie, weil der Teufel von mehreren Mimen verkörpert wird, die weiße Masken tragen. Statt einer Gänsehaut erzeugt das Bild Befremden.

Es ist eine großartige Idee, in Lübeck, der Geburtsstadt Thomas Manns, wichtige Romane des Nobelpreisträgers auf die Bühne zu bringen. Aber Regie und Ensemble sind in Lübeck bei "Dr. Faustus" – mit einer ruhmvollen Ausnahme – überfordert. Das ist besonders schade, weil diese Uraufführung ein mehrere Spielzeiten übergreifendes, ambitioniertes Projekt beendet, bei dem Oper und Schauspiel zusammenarbeiten: Wagner-trifft-Mann: "Der Ring des Nibelungen" im Musiktheater, vier Romane Thomas Manns im Schauspiel.

Der Geist hat Vorrang

Scheitert der "Doktor Faustus" vielleicht so debakulös, weil Lübecks Theater unterfinanziert ist? Christian Schwandt, der Geschäftsführende Direktor, kündigt an, die Anzahl der Musiktheaterproduktionen im Großen Haus künftig zu reduzieren, "donnerstags bis sonntags" will er den Vorstellungsbetrieb intensivieren "und dafür Montag bis Mittwoch vorwiegend der Probenarbeit vorbehalten". Wer das Leporello genau liest, findet rasch heraus, wie oft das Licht im Großen Haus und in den Kammerspielen gelöscht bleibt.

Lübeck macht mit Thomas Mann Reklame. Thomas Mann seinerseits weist mit Nachdruck und guten Argumenten darauf hin, dass der Geist den Vorrang haben sollte vor dem Krämerdenken. Eine Stadt, die sich Thomas Manns würdig erweisen wollte, müsste ein Ensemble und Regisseure engagieren, die gute Bearbeitungen seiner Romane auf angemessenem Niveau auf die Bühne schaufeln können. Das ist nicht der Fall an der Trave. Lübecks Theater ist unterfinanziert.

 

Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von seinem Freunde
Bühnenfassung von John von Düffel nach dem Roman von Thomas Mann
Uraufführung
Regie: Pit Holzwarth, Ausstattung: Werner Brenner, Musik: Achim Gieseler, Puppenbau: Melanie Sowa, Mario Hohmann, Puppen-Coaching: Steffi König
Mit: Karoline Reinke, Anne Schramm, Robert Brandt, Peter Grünig, Florian Hacke, Patrick Heppt, Andreas Hutzel, Jörn Kolpe, Götz van Ooyen, Will Workman.

www.theaterluebeck.de

 

Andere Romanbearbeitungen von John von Düffel: In Düsseldorf hatten Thomas Manns Joseph und seine Brüder Premiere, Krefeld zeigte kürzlich mal wieder die landauf, landab gespielten Buddenbrooks, Cottbus den Storm'schen Schimmelreiter am Deutschen Theater Berlin inszenierte Andreas Kriegenburg Herz der Finsternis nach Joseph Conrad.

 

Zur Sache gesprochen

"Nachdem das Kartenhaus des virtuellen Kapitalismus zusammengebrochen ist, sollen jetzt die Kommunen ausbluten und die Zeche der wildgewordenen Playboys der Banken bezahlen. Hier und heute findet der Angriff auf die zentralen Institutionen dieser demokratischen Gesellschaft statt: Durchökonomisierung der Bildung in Schulen und Universitäten, verstärkte Privatisierung der Kindergärten und Krankenhäuser. In diesem Prozess der Enteignung des Menschen sollen auch die Theater in die Sphäre der Privatwirtschaft abgedrängt werden. Diesem "normalen Irrsinn" der Durchökonomisierung unserer Gesellschaft müssen wir mit einem New Deal begegnen. Der einzelne Mensch in seinem Selbstbewusstsein und als Inkarnation der Freiheit kann nur durch eine entscheidende Investition in die Erziehung, Bildung und Wissenschaft gestärkt werden. Die Theater sind ein wesentlicher Teil der Freiheits- und Demokratiebewegung in Deutschland. Sie sind vor allem ein Hort der radikalen Subjektivität. Deshalb ist es so wichtig, dass die Bürger für ihre Theater eintreten und die Politik den Mut findet, sich für die Kultur in ihrer Stadt stark zu machen."

Pit Holzwarth, Schauspieldirektor, auf der Website www.theaterluebeck.de

 

Kritikenrundschau

Noch einmal etwas genauer geht Ulrich Fischer auf die Lage des Theaters Lübeck in der taz-Nord (18.10.2010) ein.

Im Hamburger Abendblatt (19.10.2010) schreibt -itz der "Doktor Faustus" sollte dem
"ehrgeizigen, überregional beachteten 'Wagner trifft Mann'-Projekt nun die Krone aufsetzen", doch habe Holzwarth eine "wenig glückliche Hand bewiesen". Er verschachtele die verschiedenen Ebenen des ohnehin komplexen Romans miteinander und präsentiere sie auf Hans Brenners Einheitsbühne mit "vordergründigem Zauber" aus Feuer, Wasser, Masken und Marionetten, der jedoch die zähe, "vom Publikum dennoch bejubelte Aufführung" belaste und die Konzentration auf die Konflikte verspiele. Der Regisseur überblende Erzähl- und Spielszenen, was nicht zur Verständlichkeit der Geschichte beitrage. Nach der Pause gewinne sie an Klarheit, weil "Andreas Hutzel in der Titelrolle seine Exaltationen bremst". Er spiele den "kalten, extremen Außenseiter Adrian einfach falsch".

Besser, als durch John von Düffel geschehen, ließe sich der Roman vermutlich nicht dramatisieren, befindet hingegen Stefan Grund in der Welt (19.10.2010): "Andreas Hutzel in der Hauptrolle des Adrian Leverkühn ist ebenso ideal besetzt wie Götz van Ooyen als sein alter Freund, der Erzähler Serenus Zeitblom. Beide spielen begeisternd, mitreißend ihre Rolle, hervorragend unterstützt vom durchweg wunderbar aufspielenden Ensemble, aus dem noch Peter Grünigs Darstellung des Organisten Wendell Kretzschmar herausragt." Allerdings gesteht Grund auch ein: "Aus diesem Roman wird niemals ein Bühnenstück." Die Gespräche kämen über ellenlange Dialoge zwischen den beiden Hauptfiguren nicht hinaus, die Monologstrecken seien zwar beeindruckend, doch elend lang.

Torsten Philipps preist auf NDR 1 Welle Nord das "geniale Bunker-Bühnenbild von Pit Holzwarth": "Damit war die parallele Entwicklung zwischen der Hauptfigur und Nazi-Deutschland ständig präsent." Auch von Andreas Hutzel als Adrian Leverkühn zeigt er sich begeistert, der "sich förmlich die Seele aus dem Leib" spielte.

Angetan zeigt sich auch Sabine Spatzek in den Kieler Nachrichten (19.10.2010): "Kahl und grau ragt die Rückwand eines Bunkers auf. Weit oben sitzt der Erzähler Serenus Zeitblom an einem Klavier und beginnt zögernd die 'Mitteilungen' über seinen Freund (...), während sich unter ihm die ersten Figuren der Erzählung zuckend aus Angstlähmung und Wolldecken lösen. Es sind die einprägsamen und wuchtigen Bilder wie dieses gleich zu Beginn, die die dramatische Uraufführung von Doktor Faustus am Theater Lübeck zu einem vom Premierenpublikum mehrheitlich begeistert aufgenommenen Ereignis machen." Das sei zwar keine leichte Kost, aber man sehe "rundum stimmige Rollencharakterisierungen" und höre "den düsteren 'Soundtrack' zu Leverkühns Fall und dem von Nazi-Deutschland": "An der Verschränkung von beidem lässt das Stück nie einen Zweifel. Zum einen weil der Text die Frage nach dem 'Deutschsein' überproportional herausstellt, zum anderen weil die Inszenierung immer wieder bildhafte Verbindungen parat hat."


 
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