Und das Glück?

von Georg Kasch

München, 30. September 2007. Welche Farbe hat die Angst? Weiß, wie die Protagonistin in Dea Lohers Monolog "Land ohne Worte" vermutet? Oder Schwarz? Beide vielleicht. Weiß und Schwarz sind die beherrschenden Farben eines beklemmenden Doppelabends, den Andreas Kriegenburg zum Abschluss des Eröffnungswochenendes an den Münchner Kammerspielen inszenierte. In Schattierungen.

Kunst bewältigt kein Leid

Er beginnt mit Dea Lohers Text "Land ohne Worte", uraufgeführt im Werkraum. Auf der Suche nach dem wahren und absoluten Bild landet eine Malerin in Kabul. Sie begegnet Verstümmelten, Verängstigten, Verstummten. Ihre Erkenntnis: Kunst kann das menschliche Leid nicht bewältigen, nicht fassen. Betroffenheitskitsch? Dazu ist der Text zu klug, zu strukturiert. Die Künstlerin ist lediglich das Konstrukt einer Schriftstellerin, der die Worte fehlen, um das erlebte Grauen zu beschreiben und die hinter der Künstlerinnen-Maske über die Darstellbarkeit des Nichtdarstellbaren nachdenkt: "im grunde bankrotterklärung / doppelte / sich verstecken mit worten / hinter farben / als wäre es einfacher / wäre ich malerin".

Eingesperrt in eine telefonzellenartige Vitrine spricht Wiebke Puls den vertrackten, rhythmischen und wunderbar hellsichtigen Text. Als eine von Kabuls Atmosphäre Gefesselte grenzt sie sich zusätzlich ab, indem sie die Zellenscheiben mit schwarzer Farbe bestreicht. Wenn sie die Farbe mit den Händen, dem Rücken, dem Gesicht verwischt, entstehen abstrakte Muster, die sich manchmal zu Bildern formen: Eine steile Kurve wird zur Burka, in der die Malerin steckt, ihr geschwärzter Mund zu einem zahnlos-dunklen Loch – Entsprechung für ein entstelltes Mädchen, das der Text zu beschreiben versucht.

Reflexionen im Alptraumraum

Das Netz, in das Kriegenburg Lohers mehrdeutigen Monolog knüpft, ist fein gesponnen: Ein Albtraumraum ist die Zelle, ein Gedankenkonstrukt und doch realer Verhandlungsort, in den die Schriftstellerin als Künstlerin steigt, um ihre Erlebnisse retrospektiv zu verhandeln. Die schwarzen Muster erinnern als Fläche an die Bilder Mark Rothkos (der im Text zitiert wird), stehen dort schwarz auf weiß wie hilflose Hieroglyphen, die sich nicht zu Worten formen wollen.

Existent und existenziell sind hier nur die Angst und die Grundbedürfnisse: Wenn die Frau trinkt, dann wie eine Verdurstende. Lebendig sind vor allem die Stimmen, sie zischen von draußen: "aufwachen weiter schreiben". Von drinnen schickt Wiebke Puls fanatisch-konzentrierte Blicke, ihre Stimme flackert hysterisch. Eine Getriebene, die fragt: "und das glück"?

Berliner Verhältnisse: Messianischer Onanismus

Ein anderer Loher-Text, ein anderes Gefängnis: "Berliner Geschichte". Nach der Pause wird die Inszenierung von Andreas Kriegenburg, in der der Text 2000 in Hannover uraufgeführt wurde und die anschließend in Berlin und Hamburg zu sehen war, im Schauspielhaus der Kammerspiele gezeigt. Über der Vorderbühne hängt ein Kasten in Schwarz-Weiß-Schraffur, darin Stuhl, Tisch, Kaffeekanne, Tasse. Wiebke Puls, in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit zunächst porzellanfarbenem Gesicht unter blonder Kurzhaarperücke, kann hier knapp stehen. Kein Panther, als flügellahmer Vogel schleicht sie von Wand zu Wand, staksend, mit eingefallenen Zügen.

Der Mann, dessen Position sie in der dritten Person verhandelt, lebt im Erdgeschoss einer Kreuzberger Wohnung. Er sieht sich dem Terror einer anonymen Großstadt ausgesetzt, einer Verschwörung der Vermieterin, dem Lärm, seinen Nachbarn. Ein Saubermann mit zunehmenden Flecken. Ein Glaubensfanatiker voller Selbstmitleid und weinerlichem Weltekel, einer, der auf alles wichst – wortwörtlich. Seine dümmliche Rachsucht, sein messianisches Gehabe, seine manische Onaniersucht schmerzen.

Gerade weil Wiebke Puls ihren Text zuweilen so hinreißend komisch krächzt, ihren Mund kautschukartig bewegt, auch eine traurige Marionette mit Buster-Keaton-Gesicht spielt, wirken seine Ausbrüche, seine banale Gemeinheit, die Unfähigkeit, von sich selbst aufzublicken, im Kontrast noch schmerzhafter. Die Knarrencoolness – ein Fake. Die Christus-Posen – gequälte Zitate. Spricht er vom Lärm, herrscht Stille. Bis zum Finale: Da dröhnt Heavy Metal, während er endlos onaniert, sich abkämpfend, wimmernd, unerlöst.

Angst in doppelter, atemraubender Ausführung. Und das Glück? Heißt Wiebke Puls. Loher. Kriegenburg.

Land ohne Worte (UA) / Berliner Geschichte
von Dea Loher
Regie und Ausstattung: Andreas Kriegenburg. Mit: Wiebke Puls.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (2.10.2007) schreibt Egbert Tholl, dass Dea Lohers Text "Land ohne Worte" über die Unmöglichkeit, nach der Erfahrung des Krieges eine adäquate künstlerische Ausdrucksform zu finden, etwas "leicht Theoretisches inne wohnt". Aber: "In der grandiosen Verzweiflung der Wiebke Puls wird spürbar, dass Abstraktion mit den Bildern des Krieges im Kopf eine erschütternd billige Ausrede wäre, gleichzeitig aber das Grauen nicht darstellbar ist." Lob auch für Kriegenburg, der den inneren Monolog verdeutliche, er "setzt vorgefertigte Puls-Loher-Textzeilen als Gegenüber." "Berliner Geschichte" entstand schon 1999, berichtet Tholl, aber habe nichts von seiner Kraft eingebüßt, die Wucht sei niederschmetternd, und "Wiebke Puls eine Dreiviertelstunde lang die großartigste Schauspielerin der Welt".

Peter Michalzik zeigt sich in der Frankfurter Rundschau (2.10.2007) verhaltener, jedenfalls über "Land ohne Worte": "Kriegenburg, extrem erfahrener Loher-Regisseur, hat sich in diesem Text total verrannt." Vielleicht war auch eine Woche Probenzeit einfach zu kurz. Es sei bei Loher wie bei "Psychose 4.48", dem letzten und verwandten Text von Sarah Kane, schreibt er: "Wenn man ihn zu wörtlich nimmt, wird es peinlich, wenn man ihn distanziert-abstrakt angeht, kann er auch ergreifend werden. Wiebke Puls hatte in dieser Inszenierung keine Chance ... ein durchkomponierter Text macht dagegen nach wie vor deutlich, dass er nach einer genau austarierten Inszenierung verlangt."

In der Münchner tz ist Alexander Altmann (2.10.2007) begeistert, wie Wiebke Puls "im Glashaus" sitzt und mit "Worten wie mit Steinen wirft". Während sie "röhrt, zirpt, säuselt" sauge Puls "ihr Glasgefängnis von innen mit Farbe voll wie ein Action-Painter". Noch beeindruckter ist der Rezensent von "Berliner Geschichte", die der Regisseur zu "einer Ekel-Orgie frisiert". Puls sei "ein Mann", "ein armes Würstchen", der "haust, kotzt, sabbert" und "dem religiösen Wahn verfällt, der letzte Jünger Jesu zu sein". "Das sie uns auf das weite Feld solcher Ungewissheiten entführt, darin besteht die große Kunst dieser Schauspielerin."

 

Kommentar schreiben