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Wikileaks lässt grüßen

von Daniela Barth

Hamburg, 22. Januar 2011. Ein großer Abend. Ein langer, fast vierstündiger Abend. Ein verstörend ambivalenter Abend – verstörend, weil aufrührerisch, aber dabei so unaufdringlinglich (soweit man das im Theater behaupten kann). Ein Abend voller Knutschereien, Kabbeleien, mit Tränen, Blut und einem bunten, wilden, schillerschen Salat voller Intrigen. Jette Steckels "Don Carlos"-Inszenierung im Thalia Theater gerät zum Ereignis besonderer Güte und zur wunderbaren Einstimmung auf das zweiwöchige internationale Theaterfestival "Um alles in der Welt – Lessingtage", dessen Programmheft eine Vielzahl von interessanten Ein- und Ausblicken zu bieten verspricht.

© Heji Shin
© Heji Shin

Die Bühne! Florian Lösche tobt sich hier als Architekt mit mathematisch-geometrischem Faible aus: Er entwirft und realisiert ein minimalistisch wirkendes, aber gleichzeitig gigantisches dreidimensionales Pentomino: dunkle Flächen aus riesigen rechteckigen Polstern, die wie Wände einer Gummizelle anmuten. Geheime Türchen lassen sich öffnen oder ganze Flächen sind beweglich; schieb- und drehbar und offenbaren überraschend Kammern und Kabinette, in deren schlichter, schwarzer Kargheit die innerlich wie äußerlich tobenden Gefühle der Protagonisten eine besondere Wirkung erlangen. Gleichzeitig visualisieren sie, dass jeder Zug, jede Entscheidung, jeder Irrtum die Entstehung einer neuen, anderen Raumkombination birgt. Und nicht nur das: Jene völlig lautlos funktionierende Bühnenmaschinerie suggeriert zudem, dass da noch eine unsichtbare Macht sein muss, die diese Staatsmaschinerie steuert – der zu entkommen, scheint schier unmöglich.

Schiller, Posa, Assange

Es ist die Welt des von machtgierigen Intriganten angefüllten spanischen Hofstaates, die Friedrich Schiller in seinem dramatischen Gedicht "Don Carlos", das 1787 in Hamburg (!) uraufgeführt wurde, verhandelt. Hatte er wohl anfangs noch ein "Familiengemälde in fürstlichem Hause" im Sinne, wurde daraus ein Drama für zwei Helden. Während der unglücklich in seine Stiefmutter Elisabeth verliebte spanische Infant, Don Carlos (Mirco Kreibich), einzig nach der Erfüllung privaten Glücks strebt, etablierte er mit dem Marquis Posa (Jens Harzer) einen Gegenpol. Der Jugendfreund Carlos' sieht sich als "Abgeordneter der Menschheit", der selbstlos für seine politischen Ideale und Ziele eintritt – dabei aber auch vor Intrigen nicht zurückschreckt. Posa ist eine Art Dolmetscher der liberalen Aufklärungsideen, die Schiller in seinem Jahrhundert vertrat – eine mögliche Erklärung, warum diese Schiller-Inszenierung die "Lessingtage" eröffnet. Wo Lessings Nathan vom Sultan Glaubensfreiheit fordert, plädiert Schillers Posa vor König Philipp (Hans Kremer) für Gedankenfreiheit.

Sind diese Ideale heute erfüllt? Regisseurin Jette Steckel leitet quasi nahtlos über ins 21. Jahrhundert, indem sie Julian Assange und Wikileaks ins Spiel bringt. Anfangs wird ein Aufsatz Assanges auf die schwarze Mauer projiziert, später glaubt man auch in Posa, der mit seiner Plastiktüte immer irgendwie auf der Flucht zu sein scheint, den gnadenlosen Enthüller von "Staatsgeheimnissen", den "Serienkiller der Täuschungen" und "besessenen Grubenarbeiter der Wirklichkeit" zu erkennen.

Aber das geschieht irgendwie nebenbei, herrlich unaufdringlich, wie auch die wenigen Videosentenzen sehr integrativ daherkommen. Überhaupt ist diese Inszenierung mit faszinierend leichter Hand inszeniert, teilweise schön ironisch gebrochen. Alles wirkt so leger, nicht nur, dass die Figuren sich gern mal lässig an die Wände lehnen. Jette Steckel nutzt zum Großteil den Text in fünffüßigen Jamben, lässt aber zu, dass die Schauspieler den Jambus als verbalen Spielball benutzen. Das macht Freude.

Ein Carlos mit Hamletischer Seele

Überhaupt: Die Schauspieler! Mirco Kreibich gibt seinen Carlos mit der Seele des Hamlet, ohne den (Im)Puls Schillers zu verleugnen. Hans Kremer spielt die Einsamkeit des Monarchen so wundervoll kalt, und lässt es in dessen Innern doch brodeln. Lisa Hagmeister macht als Elisabeth die emotionale Fragilität und Zwiespältigkeit der Königin eindrucksvoll sichtbar. Victoria Trauttmannsdorff verleiht dem gewissenlosen, machthungrigen Beichtvater Domingo eine köstlich amüsante Note. Und Jens Harzer als Posa ist einfach: grandios. Bei ihm sitzt jedes "Ähm", jedes "Hä" und jedes "Naa" derart pointiert, sein Reichtum an Gesten und Mimik ist unglaublich verblüffend – dieser Schauspieler ist ein Ereignis für sich.

Insgesamt gelingt Jette Steckel und ihrem Team mit Schillers "Don Carlos" ein gigantisches Kabinettsstückchen, das sie zwar ins Heute hinüberhieven – sozusagen als "Zeitstück" begreifen –, aber trotzdem immer noch im Schiller'schen Grundton belassen. Vielleicht als eine Art "respektvolle Versachlichung" zu begreifen. Zeit mitnehmen. Hingehen!

 

Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Video: Annemarie Drexler, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Alicia Aumüller, Christoph Bantzer, Lisa Hagmeister, Jens Harzer, Mirco Kreibich, Hans Kremer, Matthias Leja, Victoria Trauttmansdorff, André Szymanski.

www.thalia-theater.de

 

Don-Carlos-Darsteller Mirco Kreibich hat bei Jette Steckel schon 2008 in Caligula für die Box des Deutschen Theaters Berlin die Hauptrolle gespielt. Bevor er an Joachim Lux' Hamburger Thalia Theater wechselte, spielte Kreibich außerdem den Baal in Christoph Mehlers DT-Inszenierung (April 2009). In Hamburg ist er zurzeit u.a. auch als Viola/Sebastian in Jan Bosses Was ihr wollt zu sehen.

 

Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt schreibt Klaus Witzeling (24.1.2011): Steckel setze "klar die Fronten" in ihrer "texthellen Inszenierung" und gebe ihr eine "deutliche Stoßrichtung mit Julian Assanges Polemik gegen die 'schlechten Regierungen'." Jens Harzers Posa könne "Internet-Hacker oder WikiLeaks-Journalist sein." Sein "lässig-unverschämtes Auftreten, der Charme des Hasardeurs verunsichert und fasziniert gleichermaßen Carlos, Philipp - und das Publikum." Harzer gelinge "das Meisterstück, Schillers gebundene Sprache im Ton heutig über die Rampe zu bringen und zugleich ihre dichterische Kraft und Schönheit leuchten zu lassen." Jette Steckel platziere "Anspielungen und Parallelen zum modernen Überwachungsstaat" in ihrer Inszenierung "so beiläufig wie unübersehbar". Sie entlarve im "Familiendrama aber auch die Übermacht einer sich verselbstständigenden Regierungsmaschinerie". Ihr glücke es aus dem Stück "ohne platte Aktualisierungsversuche" den gültigen Kern einer "um Freiheit und Humanität ringenden Menschheit herauszuschälen". Sie verleihe dem Werk "schillernde Gegenwärtigkeit", dank der "bisweilen atemberaubenden Präsenz der Schauspieler" halte der Abend einen "unangestrengt wirkenden Spannungsbogen über knapp vier Stunden". Rauschender Applaus.

Auf Spiegel Online (22.1.2011) schreibt Werner Theurich: Jette Steckel verleihe dem "Epos" "Leichtigkeit, ohne ihm Anspruch zu nehmen", dabei könne sie auf "tolle Hauptdarsteller" bauen. Heraus kämen so "satte und süffige dreieinhalb Stunden voll theatralischer Wucht und Wonne". Nicht alles sei "innovativ", aber vieles "sehr effizient und emotional packend". Eine "plakative Pathosverweigerung". Carlos und Marquis Posa fänden in Mirco Kreibich und Jens Harzer ein "glühendes Darstellerduo". Harzers raspele sich "mit rauem Timbre durch seine Textmengen". Zusammen mit "der Nervosität Mirco Kreibichs" ergäben sich "Pas-De-Deux von großer Ästhetik, denen man überwältigt zusehen kann". Hans Kremer setze als "rücksichtsloser Familien-Macht-Mensch" mit "cooler Härte und schneidender Konsequenz" den wunderbar befeuernden Gegensatz. Auch Theurich erklärt, wie schon Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt, die Konfrontation zwischen Posa und Philipp zum Höhepunkt des Abends. Um diese "schauspielerische Hochleistungen" würden die übrigen Rollen zu "guten, aber nur flankierenden Figuren". Die Bühne von Florian Lösche sei ein "ideales Konstrukt, das mit seiner Flexibilität und Schlüssigkeit zur Klarheit der Inszenierung entscheidend beiträgt". Frenetischer Beifall für alle Beteiligten.

"Bravourös und hochaktuell" findet Stefan Grund auf Welt Online (24.1.2011) Jette Steckels Inszenierung. Ein "exquisites Ensemble" adele die "wunderschön gesprochene und so ergreifend wie elegant erzählte" Tragödie. Das "monumentale Palastbühnenbild" von Florian Lösche zeige mit Leder gepolsterte Wände als "mächtige königliche Scheuklappen". Das "Schauspieler-Theater", das sich auf dieser Bühne abspielt, "könnte global jedes Business-Meeting und jeden Staatsempfang bereichern". Mirco Kreibich stelle durch seine Körperhaltung sofort klar: "Dieser Don Carlos ist als Kronprinz hoffnungslos überfordert." Der bleiche König Kremer sei "in jeder Faser vampiresker Herrscher". Umwerfend gelinge der Dialog zwischen ihm und Jens Harzer, der als Posa Gedankenfreiheit fordert. "Szenenapplaus". Bei diesem Posa lasse sich "leichte Unsicherheit am marottenhaften Biss auf den Daumen ablesen". Das Publikum erhebe sich nach knapp vier Stunden aus den Sitzen, dankbar "für die Aufmerksamkeit, die dieser erfüllende Schiller-Abend ihm abverlangt hat".

"Der mit 28 Jahren noch sehr jungen Regisseurin gelingt das Kunststück, dem Schillerschen Drama seine textmassige Monumentalität und seine ureigensten Klassiker-Qualitäten respektvoll zu belassen", schreibt Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 25.1.2011): "Es gibt da bei aller spielerischen Lust keine billigen Aktualisierungen, Verkürzungen, Überrumpelungen, überhaupt keine blöden Impro-Mätzchen". Dennoch wirke dieser "Don Carlos" dabei "ganz leicht, lässig und verständlich, fast beiläufig, wie ein Stück aus unserer Zeit daherkommen zu lassen". Ihr stehe dafür "ein Ensemble aus absolut großartigen Schauspielern zur Verfügung", man verlasse das Theater und wisse wieder, "warum man dieses (doch noch) liebt". Aus Posa werde hier ein "sehr heutiger Aufklärer, Denker und Aufdecker von Staatsgeheimnissen à la Assange, und zwar, ohne dass sich der fabelhafte Jens Harzer deswegen verrenken oder gar den umstrittenen Wikileaks-Helden zitieren oder imitieren müsste".

Posa trete an diesem Abend "als lässig durchironisierter Projektemacher auf. Gedankenfreiheit? Eine fixe Idee, kein Ideal", schreibt Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 25.1.2011). "Was er bei Schiller am Anfang und dann immer weniger ist, wird er in der Inszenierung von Jette Steckel erst langsam und dann immer mehr: ein idealischer Missionar für das bessere Morgen, ein feuriger Verfechter der Freiheit." Posa sei der "Mittel- und Fluchtpunkt" des Abends. Und Assange sei, so suggeriere die Inszenierung, "der Posa der Stunde. (...) Interessanter Gedanke, diese Analogie. Steckel deutet sie gottlob nur an. Auch das ist Gedankenfreiheit: den Zuschauer nicht zu einer Deutung zwingen zu wollen."

Man könne, schreibt Volker Corsten (FAZ, 26.1.2011), in diesem Posa einen seiner frühen Verwandten von Julian Assange sehen, und zwar ohne dass "der herausragende Jens Harzer" es darauf anlegt. "Das klingt auf den ersten Blick arg gegenwartsranschmeißerisch – und ist natürlich schmeichelhaft für Assange. Es hat in der Inszenierung von Jette Steckel (...) aber Sinn. Denn die Worte von Assange dienen nur als eine Art Anker". Sie richteten den Blick darauf, dass sich die entscheidenden Fragen "nicht wirklich geändert haben: Wie kann man die Welt verändern, was macht dieser Wunsch (oder sein Scheitern) aus den Menschen, was ist der Preis für die Veränderung (oder sein Scheitern), und wer will und kann den bezahlen?"

"Starke Augenblicke: ja. Aber ein mitreißender Abend wird letztlich nicht daraus. Vielleicht stand ja ein bisschen zu fett das Motto drüber: Gebt die Wahrheit frei über den Zustand der Welt – sie ist nicht mehr zu retten! Mag sein. Aber wenn alles so klar ist - woher soll der große Atem denn noch kommen: für den Aufstand, für das Theater?", fragt hingegen Michael Laages (Deutschlandfunk, 23.1.2011). Die Worte von Julian Assange zu Beginn der Inszenierung "künden vom Recht auf Wahrheit". Das möge "spekulativ im Übermaß finden, wer will", aber so sehen "viele jüngere Regie-Talente, vor Jahresfrist auch schon Roger Vontobel mit demselben Text in Dresden, tatsächlich Schillers fundamentalen Anspruch, ein freier Radikaler zu sein". Die Schwäche der Inszenierung sei der "unordentlich angerührte Zitatensalat aus allen möglichen Manierismen aus dem Mainstream der Moderne." Sie ist "stark vor allem im Augenblick, auch dank der sich doppelt drehenden Bühne", darin agiere ein "weithin starkes Ensemble".

Der "Zugriff, das Machtsystem in den Mittelpunkt zu stellen, ist einleuchtend", meint Klaus Irler (taz, 26.1.2011). Ebenso verständlich sei der Einstieg "mit einem an Kurt Cobain erinnernden Don Carlos". Alles das bilde in der Summe einen furiosen Auftakt. "Aber dann: kommt nur noch Schiller." Jette Steckel habe den Text "nach Kräften (...) gekürzt, sie hat die Satzkonstruktionen vereinfacht und ihren durchweg großartigen Schauspielern die Freiheit gelassen, auch mal ein paar heutige Sprachgesten einzubauen". Grundsätzlich aber nehme sie den Text sehr ernst und inszeniere das Pathos, das in ihm steckt. Steckel wolle "den Schiller ehren und gleichzeitig Brücken in die Gegenwart schlagen". Und das gelinge ihr auch: "Es ist eine Inszenierung, auf die sich viele Menschen werden einigen können. Was in dieser Inszenierung aber nicht steckt, das ist ein Wagnis. Es gibt ein handwerklich hohes Niveau, aber kein Abenteuer."

 

 
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