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Ende einer Kaffeefahrt

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Juni 2011. "wir äh sie", "hab, ich meine hatte" – die Figuren in Dirk Lauckes neuem Stück kommen durcheinander: mit ihrer eigenen Rolle in der Geschichte, mit Vergangenheit und Gegenwart, mit Schuld und schuldloser Verwicklung. Sie alle haben sich eingerichtet in der Opferrolle. Der Ex-IM Lennert, der heute seine singende Tochter und Schlagerfahrten managt. Marie, die Tochter, die sich genötigt fühlt, auf Gartenparties und bei Eisdielen-Eröffnungen zu singen. Martha, die Witwe eines SS-Soldaten. Sie will die Urne ihres Mannes in Glogau bestatten. Die Grottenolmforscherin Antonia, die in Stasi-Haft saß. Und der Journalist Torsten, der Enthüllung und Anklage zu seiner Berufung erklärt hat.

Sie sitzen zusammen in einem Reisebus nach Schlesien, bis es zur Katastrophe kommt. Ein Unfall. Nur diese fünf haben überlebt. Es gibt keinen Funkkontakt und keine Hilfe, dafür genügend Zeit, Geschichte aufzuarbeiten, sich auf dieser einsamen Waldböschung der eigenen Vergangenheit zu stellen.

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Dirk Lauckes Stücke sind verdichtete Realismusstudien in meist knappen Sätzen, den Menschen aus dem Alltag abgelauscht. Diesmal bekommt die Szene auch surrealistische Züge. In "Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit" gibt es neben schonungsloser politischer Analyse auch Schwebezustände, Ungeklärtes, Fragwürdiges. "wer sagt, dass wir nicht im atomtod stecken", fragt Lennert. "tot… vielleicht sind wirs ja schon", spekuliert Marie.

© Matthias Horn
Keiner will's gewesen sein! © Matthias Horn

Wunderkisten-Showeinlagen

Regisseur David Benjamin Brückel verstärkt in der von den Ruhrfestspielen und dem Staatsschauspiel Dresden koproduzierten Uraufführung diese zurückhaltenden Ansätze, allerdings zu grob. Aus der undefinierten Zwischenwelt nach dem Unfall wird auf der Bühne ein Zauberwald. Fragt einer nach Wasser, sprudelt es aus einem der grauen Quader, die Jeremias Böttcher wie Betonbäume auf der Bühne platziert hat. Journalist Torsten holt aus dem zerstörten Bus nicht nur Marthas Urne, sondern auch einen Plastikflamingo. Als Magier tritt er im Nebel aus den Niederungen des Quaderbaus. Das nimmt der Figur gleich zu Beginn jede Ernsthaftigkeit, die Schauspieler Sascha Göpel im Laufe des Abends nur schwer wieder aufbauen kann, wenn er den wütenden, schamlosen Ankläger geben muss.

Marie (Picco von Groote) hüpft und knabbert auf der Bühne wie ein Eichhörnchen, als wären nervöses Lachen, Alkohol- und Zigarettensucht der Eigenarten noch nicht genug. Und gemeinsam mit ihrem Vater bekommt sie einen Auftritt als lebende Diskokugel der Schlagermusik im bunten Scheinwerferlicht. Krude Höhlengeräusche, zusätzliche Einspieler aus dem Radio vom Verhör bis zum Stasi-Zeugenbericht und (aussagestark ausgestattete) Wunderkisten-Showeinlagen – so schwankt die Inszenierung etwas unsicher zwischen Verdeutlichung und Überzeichnung. Und nimmt dem Schwebezustand des Textes seine Brisanz, die doch auch in Unschärfe begründet ist.

Kleingeredete Tätigkeiten, keine Täter

Laucke hinterfragt politische Ideologien, erklärt mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit auch als typisches Problem der DDR. Martha verteidigt ihren Mann (oder sich selbst), indem sie sich auf eine Uniform der Windhunddivision beruft, die doch nur so aussehe wie eine SS-Uniform. Lennert redet seine IM-Tätigkeit klein ("also wenn sie jetzt darauf hinaus wollen, die DDR wäre schlimmer wie der faschismus gewesen"). Alle sind Opfer, keiner ist Täter. Selbst Journalist (Zonen-)Torsten kann die Schuldfrage nicht mit lauteren Mitteln klären. Die Katastrophenkaffeefahrt wird zur großen Geschichtsbeichte, bei der einer nach dem anderen erschöpft in die Knie geht.

Es ist dieser unsichere Ort, die fehlende Kommunikation zur Außenwelt, die jede Wahrheit, jedes Geständnis folgenlos erscheinen lässt. "die wahrheit gibt es nicht", sagt Lennert, der bei Holger Hübner ein alternder Ex-Schlagerstar unter blonder Perücke, im glitzernd-bunten Sakko (Kostüme Irène Favre de Lucascaz) und so eh kaum ernst zu nehmen ist. Ist nicht nur der Ort verfremdet, sondern sind wie in dieser Uraufführung auch die Figuren stark überdreht, verflacht die vorhandene Schwere des Textes (bei aller Leichtigkeit des Laucke'schen Dialogs). Der Text hat seine Dringlichkeit, der Abend leider weniger.

 

Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit
von Dirk Laucke
Uraufführung
Regie: David Benjamin Brückel, Bühne: Jeremias Böttcher, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz, Musik: Vredeber Albrecht, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Picco von Groote, Holger Hübner, Anna-Katharina Muck, Helga Werner, Sascha Göpel.

www.ruhrfestspiele.de
www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Weitere Nachtkritiken zu Uraufführungen der diesjährigen Ruhrfestspiele: Aufstand von Albert Ostermaier, Das Ding von Philipp Löhle, Gute Reise Auf Wiedersehen von Einar Schleef, Der große Marsch von Wolfram Lotz.

 

Kritikenrundschau

"Ein böses Endspiel, ein politisch-kantiges Update von Sartres 'Geschlossener Gesellschaft' habe Laucke da geschrieben, meint Stefan Keim in der Welt (14.6.2011). "Ein hartes, unversöhnliches, grimmiges Stück, das der junge Regisseur David Benjamin Brückel freilich zu wenig zuspitzt." Surreale Nummern lenkten vom finsteren Herz des Stückes ab. "Laucke bohrt in Seelenwunden, lässt seine Charaktere nicht entkommen, reißt ihnen die kleinen Lügen weg, mit denen sie sich selbst ertragen wollen." Das erfordere psychologisch genaues Spiel. "Manche Schauspieler bleiben an der Oberfläche kleben, zeigen die Verlogenheit ihrer Figuren, aber nichts dahinter."

Doppelte Verdrängung erzähle sich in Sachsen immer noch ganz anders und viel drängender als in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (14.6.2011). Leider sehe man der Uraufführung an, dass der Regisseur mit dem Thema wenig anfangen könne: "Man spricht hier wie beim Picknick während der Landpartie." Die westdeutschen Schauspieler spielten engagiert Politdrama, die ostdeutschen verknotete Politplauderei. "Dirk Laucke schreibt an einem Theater, das sich in gesellschaftliche Fragen einmischt, das den Zustand des Bewusstseins erforscht, das unbequem ist, ohne daraus einen Selbstzweck abzuleiten. Es braucht Aufführungen, die damit umzugehen wissen. So aber ist gar nicht zu sagen, ob dieses Stück etwas über die deutsche Bewusstseinslage 2011 erzählt, weder im Osten noch im Westen."

"Lauckes Ansichten sind anfechtbar, aber der junge Stückeschreiber macht plausibel, dass das An-den-Pranger-Stellen die Selbstverteidigung 'Ich-kann-nichts-dafür' geradezu provoziert", befindet Ulrich Fischer im Deutschlandradio Kultur (10.6.2011). Wo das Stück für mehr Einfühlsamkeit plädiere, für Verständnis und gegen die übliche Selbstgerechtigkeit, übersteige dieser komplexe Befund die künstlerischen Mittel Brückels: "Vor allem vernachlässigte er die humorvoll-unterhaltsame Dimension der tragischen Farce."


 
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