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Die Transportmasse der Erinnerungen

von Elske Brault

Oldenburg, 17. Juni 2011. Wir glauben stets, wer sein Erinnerungsvermögen verliert, dem entgleite seine Vergangenheit. Doch Henry Molaison, der wohl berühmteste Amnesie-Patient der Medizingeschichte, verliert im Jahr 1953 seine Zukunft: Ein experimentierfreudiger Arzt entfernt ihm den Hippocampus, um Henrys epileptischen Anfälle zu minimieren. Die sind nach dem Eingriff zwar weg, aber auch Henrys Fähigkeit, Erinnerungen abzuspeichern. Jenseits des Jahres 1953 kann Henry Molaison keine Erfahrungen machen, denn alle sinnlichen Eindrücke vergisst er sofort.

Der Theaterabend der britischen Gruppe Analogue am Oldenburgischen Staatstheater zeigt eindrucksvoll, was das bedeutet: Henry bleibt seinem Empfinden nach ein Leben lang 27. Da erfolgte die Operation, danach ist nichts geschehen, was in seinem Hirn einen Abdruck hinterlassen hätte. Henry kann Kreuzworträtsel lösen, er teilt mit dem Personal des Pflegeheims, in dem er seine letzten zwanzig Lebensjahre verbringt, seine Kindheitserinnerungen. Aber er erzählt die selbe Geschichte immer wieder, weil er sich nicht erinnern kann, sie erzählt zu haben.

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© Andreas J. Etter

2.401 Scheiben Gehirn

Auf der Bühne spielt Pieter Lawman den alten, Sebastien Lawson den jungen Henry. Lawman schlüpft jedoch auch in die Rolle von Henrys Vater, Lawson in die von Dr. Jacopo Annese, jenem Neurowissenschaftler, der nach Henrys Tod dessen Hirn seziert, in 2.401 Scheiben geschnitten hat. Melody Grove übernimmt sämtliche Frauenrollen, Henrys Mutter, die hübsche Nachbarstochter, die Krankenschwester im Pflegeheim: Sie wechselt einfach das Petticoatkleid oder wirft einen hellblauen Arztkittel über. Drei hervorragende Schauspieler erzählen so mühelos eine Geschichte mit wesentlich mehr Personal.

Denn natürlich fragt man sich: Wie konnte das nur passieren? Was trieb jenen Arzt mit, wie Jacopo Annese es später beschreibt, Werkzeugen aus dem Baumarkt dazu, Molaisons Schädel aufzubohren und ihm den Hippocampus, eine gallertartige Masse, wie mit einem Strohhalm auszusaugen? Analogue kontrastieren die Erzählung mit Videobildern von dem Fertigmenü, das Annese auf dem Flug zu seinem Forschungslabor in San Diego konsumiert – mit Henrys Gehirn neben sich. Während Sebastien Lawson als Annese von der Operation berichtet, zerteilen Messer und Gabel den Fertigmenübrei auf der Videoleinwand, wird schließlich geräuschvoll der Orangensaft aus dem Plastikbecher gesogen.

Nachrichten aus vergessener Zeit

Jener fatale Fehlgriff hat ein für allemal die Funktion des Hippocampus in unserem Gehirn geklärt, und auf sehr einfache Weise erklärt es die britische Theatergruppe dem Zuschauer: Der graue Gelee transportiert Eindrücke zu jenen tiefer liegenden Hirnregionen, in denen die Erinnerungen dann ordentlich in Schubladen verstaut werden. Keine Transportmasse – kein Transport – keine neuen Erinnerungen. So einfach ist das.

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Aber bei diesem einstündigen Theaterabend wird eben auch fühlbar, was es bedeutet. Wenn die Krankenschwester Henry vom Tod seiner Mutter erzählt – sie starb bereits vor elf Jahren, sagt sie –, weint er herzzerreißend. Doch es braucht wenig, ihn aufzumuntern: Die Schwester erinnert Henry einfach an eine Geschichte aus seiner Kindheit, in der Vater und Mutter eine Szene aus einem Humphrey-Bogart-Film nachstellten, und sofort lacht der Patient wieder, steckt er doch in einer freudvollen Erinnerung. Die Nachricht vom Tod der Mutter hat er vergessen wie diesen Tod selbst.

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© Andreas J. Etter

Das Bühnenbild besteht aus einer schwarzen Gazeleinwand, die in alle Richtungen beweglich ist: Sie lässt sich um die eigene Achse drehen wie eine Schwingtür oder auf Schienen vor und zurück fahren. Vor allem von diesem Effekt machen Analogue Gebrauch, soundtechnisch unterstützt von einem lauten Schnarren und Surren, das man für die Geräusche der Maschine halten kann, mit der Jacopo Annese in seinem Forschungslabor Henrys Gehirn in 2.401 Scheiben schneidet. Die wissenschaftliche Analyse fährt in Form dieser schwarzen Wand über die Darsteller hinweg, die sich dafür auf den Boden und große Requisiten wie eine Stehlampe flach legen müssen. So splittet die Wand Henrys Leben in einzelne kleine Szenen, und sie dient als Projektionsfläche für die Videobilder, mit denen mal Henrys Elternhaus, dann wieder der Flur im Pflegeheim beschworen werden.

Ein Leben lang Anfang Dreißig

Bevor die medizinische Forschung Henry Molaison zum Fall machte, war er ein Mensch mit Familie: Der Vater drängt zur Operation, weil die ständigen epileptischen Anfälle seinen Sohn hindern, ein normales Leben zu führen, einer Arbeit nachzugehen, eine Frau zu finden und Kinder zu haben. Doch nach dem Eingriff kann er nicht mal mehr Freundschaften schließen.

Die vielleicht ergreifendste Szene dieses berührenden, verstörenden und sehr lustigen Theaterabends ist jene, da Henry Molaison als alter Mann in den Spiegel blickt und auf die Frage: "Wie alt sind sie?" antwortet: "Na vielleicht so Anfang Dreißig?" Pieter Lawman als alter und Sebastien Lawson als junger Henry, durch die halb durchsichtige dunkle Leinwand getrennt, blicken einander an. So sieht Henry sich: als jungen Mann. Als der, der er war im Moment des zerstörerischen Eingriffs. Sein Spiegelbild, das gealterte Gesicht, kann er sich nicht zuordnen. "Freuen Sie sich an Ihrem Hippocampus" – mit diesen Worten entlässt der echte Jacopo Annese, eingespielt vom Tonband, die Zuschauer. O ja, das tun wir. Und wir werden nie mehr meckern, dass wir uns so alt fühlen. Denken wir, um mit Kurt Tucholsky zu sprechen, an die Alternative.


2.401 Objects
von Analogue
Regie: Analogue, Text: Hannah Barker, Liam Jarvis, Lewis Hetherington, Ausstattung: Anike Sedello, Musik: Alexander Garfath, Video: Thor Hayton, Dramaturgie: Lewis Hetherington und Jörg Vorhaben
Mit: Melody Grove, Pieter Lawman, Sebastien Lawson.

www.staatstheater.de
www.wolseytheatre.co.uk



Kritikenrundschau

"In einem fantastischen Doku-Spiel entfaltet sich die dramatische Geschichte", schreibt Regina Jerichow in der Nordwest Zeitung (20.6.2011): "schnörkellos, geradeaus, fix – in etwas mehr als einer Stunde –, nicht ohne Humor und doch anrührend." Das Leben in einer Endlosschleife sei "visuell geschickt umgesetzt von Hannah Barker, Liam Jarvis und Lewis Hetherington, die sein Leben ebenfalls in kleine Scheibchen zerschneiden und dazu eine fahr- und drehbare Wand aus schwarzem Stoff einsetzen"

 
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