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"Süh, smuck Hippolyta"

von Hartmut Krug

Hamburg, 28. August 2011. Wer das Stück kennt, versteht die Geschichte in der plattdeutschen Fassung und der unkompliziert direkten Inszenierung von Michael Bogdanov ohne weiteres, mag er auch über das eine oder andere Wort rätseln. Wenn Theseus, Herzog von Athen, in Schlegels Übersetzung das Stück mit dem Satz eröffnet: "Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitsstunde mit Eil heran …", dann heißt es in der Ohnsorgtheater-Fassung recht handfest und direkt: "Süh, smuck Hippolyta, uns Hochtietsstünn treckt fix nu ran: veer hööglich Daag, de bringt 'n nee'en Maan: doch o, mi dücht, wo traag de ool vergeiht."

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Ja, es wurde nur Platt geredet – auf der Bühne. Nicht Missingsch, dieses zwischen Platt und Hochdeutsch ausrutschende Idiom, mit dem das Ohnsorgtheater seit 1954 seine Aufführungen im Fernsehen präsentiert. Die Reden zur Eröffnung des schicken neuen Theaters im Bieberhaus aber, einem Kontorhaus von 1909 direkt neben dem Vorplatz des Hauptbahnhofs und schräg gegenüber vom Schauspielhaus, wurden auf Hochdeutsch gehalten, und in der Pause hörte man im verglasten Foyer kein einziges plattdeutsches Wort. Das Ohnsorgtheater ist ein Phänomen: während immer weniger Menschen Platt sprechen, wollen es immer noch viele im Theater hören.

Von den Großen Bleichen ins Bieberhaus

Um Zuschauerzuspruch braucht sich das (neben der Schweriner Fritz Reuter Bühne) einzige plattdeutsche Theater Deutschlands bei einer Auslastung von stets über 90 Prozent nicht zu sorgen. Gegründet von Richard Ohnsorg im Jahr 1902, residierte es seit 1936 in den Großen Bleichen, mitten im zentralen Einkaufs- und Büroareal Hamburgs. Die vorzeitige Auflösung des dortigen Mietvertrages hat sich eine Baugesellschaft mit dem Einbau des Theaters in das Bieberhaus (Baukosten: 14,5 Millionen Euro) erkauft. Und so waren alle glücklich bei der Premiere, auch der lobredende Oberbürgermeister. Das über vier Stockwerke reichende, ein kleines Studiotheater und den großen Saal für 412 Zuschauer in Parkett und Rang umfassende Theater ist ein Schmuckstück.

In dem zum Auftakt Shakespeare von Regisseur Michael Bogdanov nicht platt gemacht wurde, um dieses, nun ja, schlichte Wortspiel zu wagen. Zu erleben war eine handwerklich solide und schauspielerisch ansehnliche Inszenierung. Bogdanov inszeniert die zeitlose Liebesverwirrkomödie, ohne psychologische und gendermäßige Tiefenbohrungen zu versuchen. Zwar besitzt der Herzog einen Bodyguard mit Sonnenbrille und Pistole, die jungen Leute tragen Turnschuhe und ein Paar radelt im Athener Wald hintereinander her und voreinander weg, besondere, gar politische, Aktualisierungen gibt es jedoch nicht. Die verwirrten Streitereien der vier jungen Leute stehen im Mittelpunkt und werden sportiv, direkt und sehr komisch gegeben, von vier wunderbar gegeneinander abgesetzten Typen (Birte Kretschmer, Nils Owe Krack, Christian Richard Bauer, Andrea Gerhard).

Frisch die Sprache, gymnastisch der Sex

Hier gibt das Plattdeutsche den Figuren und der Handlung eine nie derbe Lebendigkeit – früher sagte man wohl "frisch" dazu. Die Aufführung besitzt eine darstellerische und sprachliche Selbstverständlichkeit, eine Leichtigkeit und Einfachheit des Spiels, die den Zuschauer geschickt bedient. Es wird nicht auf Poesiererei und Posiererei gesetzt. Immer kann man der Handlung folgen, klar und deutlich sind die Arrangements. Und immer gibt die nie sich verästelnde oder etwas umschreibende, sondern stets zupackend deutliche und oft witzig direkte Sprache der Aufführung ihre eigene Kraft.

© Jutta Schwöbel
von oben nach unten: Beate Kiupel als Titania und Horst Arenthold als Zettel. © Jutta Schwöbel

Schade nur, dass sich die laientheatrige Handwerkerschar um einen aufgedrehten Zettel (kraftvoll, aber nicht überzogen: Horst Arenthold) nicht sonderlich in den Vordergrund zu spielen vermag. Zwar bietet sie uns einige unterhaltsame Spielsituationen dar, wirkt dabei aber insgesamt mehr nett als komödiantisch virtuos. Die Szenen mit der Elfenkönigin Titania, im Blätterregen auf fast leerer weißer Bühne, sind von deutlichen sexuellen Anspielungen und gymnastischen Übungen bestimmt. Da will Titania Zettel unbedingt hoch kriegen und schwebt, auf dem eselsköpfigen Zettel sitzend und heftig kopulierend, zum Hochzeitsmarsch in den Himmel, um sich später mächtig erschöpft und derangiert an ihr Lager leiten zu lassen.

"De lütte Horrorladen" treckt fix nu ran

Puck ist ein selbstbewusster junger Mann (Erkki Hopf) im weißen Kapuzendress, ein Typ von heute, so unangestrengt wie die ganze Inszenierung. Was dieser fehlt, ist Härte, ist die Dunkelheit, ist die existentielle Verwirrtheit, in die die Menschen zeitweilig fallen. Aber man kann der heftig umjubelten Aufführung ob ihrer Harmlosigkeit nicht böse sein: Schales Schenkelklopf-Volkstheater, wie man es in der Vergangenheit vom Ohnsorgtheater aus dem Fernsehen gewohnt war, ist das nicht.

Ohnehin ist der Spielplan durchaus nicht von allerleichtester Kost bestimmt: In den letzten Jahren gab es nicht nur den "Faust", sondern auch "Utmustert", also Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden". Und im neuen Haus sind u.a. "Ladykillers", Feydeaus "De Floh in't Ohr", aber auch das Musical "De lütte Horrorladen" geplant. Neues Volkstheater auf Platt eben.

 

En Sommernachtsdroom
Komödie von William Shakespeare in plattdeutscher Bearbeitung von Hartmut Cyriacks, Peter Nissen und Michael Bogdanov
Regie: Michael Bogdanov, Bühne und Kostüme: Félicie Lavaulx-Vrécourt, Komposition und musikalische Leitung: Patrick James O'Connell.
Mit: Axel Stosberg, Beater Kiupel, Birte Kretschmer, Nils Owe Krack, Christian Richard Bauer, Andrea Gerhard, Erkki Hopf, Frank Grupe, Horst Arenthold, Michael Bernhard, Jasper Vogt, Till Huster, Oskar Ketelhut, Uta Stammer, Tanja Bahmani, Diana Marie Müller, Eileen Weidel.

www.ohnsorg.de



Kritikenrundschau

"Ein Sommernachtstraum" von Shakespeares "op Platt" sei "selbst für Dialektkundige ein harter Brocken", findet Stefan Grund in der Welt (30.8.2011). Und dennoch wusste das Ergebnis zu gefallen: Ein "großes Hamburg-Comeback" von Regisseur und Ex-Schauspielhausintendant Michael Bogdanov hat der Kritiker erlebt. Bogdanov holte "aus der niederdeutschen Fassung fast mehr an überbordender Komik heraus, als bei Shakespeare drinsteckt. Die Nähe des Dialekts zum Englischen beflügelte die Arbeit offenkundig." Herausgeragt hätten die Auftritte der Handwerkertruppe im Stück – "so authentisch einfältig und tumb wie mit Dialektverstärker". In der aristokratischen Figurenebene und im Reich der "Reich der personifizierten Naturgewalten-Gestalten" Oberon und Titania sei die Dialektübersetzung demgegenüber an ihre Grenzen gestoßen und driftete "ins unfreiwillig Komische". Abstriche macht der Kritiker auch bei einigen der Jazz-, Swing und Liedeinlagen.

Zwiespältig fällt auch die Einschätzung von Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (30.8.2011) aus. "Das Stück funktioniert nur teilweise in der meisterhaften, doch schwierig zu sprechenden und ebenso zu verstehenden Übersetzung ins Plattdeutsche." Regisseur Bogdanov präsentiere ausgiebig die Bühnentechnik in der neuen Spielstätte des Ohnsorgtheaters. Mit dem Auftritt der Handwerkertruppe komme "authentisches Ohnsorg-Feeling auf", wobei auch hier harte Worte "einen belämmerten Blues über den verlorenen Dukaten" abkanzeln, der als "altbacken lahmer, vor sich hin plätschernder Mix aus Dixieland, Jazz und Swing" dargeboten werde. Die Inszenierung "unterhält und überzeugt vor allem im zweiten Teil, wenn sie an Schwung durch die Hetzjagd der Verliebten und die Komik im Rüpelspiel von "Pyramus und Thisbe" gewinnt". Dennoch kann sie des Kritikers Zweifel an der Stückwahl nicht vollends ausräumen: "Warum nicht gleich ein populärer Kracher zum Auftakt im neuen Haus?"



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