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Zeit deformiert alles

von Sarah Heppekausen

Bochum, 6. Oktober 2011. Über dreieinhalb Etagen türmt sich das Haus der Schwestern bis in den Schnürboden hinauf. Das Untergeschoss ist nur zur Hälfte einsehbar. Fragmente des Bauens zieren die vielen quadratischen Zimmer, hier eine Säule, dort eine Ziegelwand. Oder Absperrband, Holzvertäfelung, Strukturtapete, Kinderschutzgitter, eine Skyline-Miniatur. Architekturzitate, die Wohnlichkeit und Fernweh andeuten, abgesicherte Enge und die luftige Illusion der unerreichbaren Großstadt.

Lautes Porzellangeschirr, stumme Körper

Paul Koek hat sich für seine "Drei Schwestern" von Theun Mosk einen perfekten Ort bauen lassen, um blockierte Kommunikation auch räumlich darzustellen. Da laufen die Gespräche nebeneinander her und übereinander hinweg wie die Sprechenden selbst. Der niederländische Regisseur, Komponist und Leiter der Leidener Veenfabriek erschließt sich Dramen über ihren Klang, ihren Rhythmus. Tschechows subtil arrangierte Dialoge sind dafür bestens geeignet, bei Koek werden sie zur vielstimmigen Haus-Musik mit einem Backgroundchor aus Treppenauf- und absteigern. Die tonangebende Instrumentalmusik entstand diesmal nach Motiven von Morton Feldmann und wird eingespielt von drei Schwestern des Klangs, an Cello, Flöten, Tasteninstrumenten und Porzellangeschirr.

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Das Haus der Drei Schwestern © Thomas Aurin

 

Ihre sprechenden Pendants treten nicht in Schwarz und Weiß auf, sondern in grellfarbenen, pompösen Glitzerkleidern. Über Trauerstimmung und Feierlaune wird zwar geredet, danach aussehen müssen die Figuren bei Koek aber nicht. Brandverdreckte Hemden sind hier reinweiß. Und während Olga davon spricht, wie sie Kleider für die Brandopfer aussortiert und dabei ins verbale Chaos verfällt, bleibt ihr Körper stumm, ihre Arme regungslos um ein Hochhaus-Modell geklammert. Sehnsucht ist Seelenangelegenheit. Die braucht nicht das passende Bild zum Satz (oder umgekehrt), sondern die entsprechende Atmosphäre. Schon in seiner Candide-Inszenierung zu Beginn der vergangenen Saison hat sich Koek als Fanatiker der Langsamkeit dem Bochumer Publikum präsentiert. Dehnung, Zeitlupe und ein Vor-sich-hin-Plätschern sind auch die Stimmungsmacher seiner "Schwestern".

Sehnsucht treppauf, treppab

Was im ersten Teil des dreieinhalbstündigen Abends noch gut als elegisch-träge Grundhaltung im Tschechowschen Sinne funktioniert, entwickelt sich nach der Pause zur zähen Durchhaltestrategie. Während sich die Figuren Gedanken über das Vergehen der Zeit machen und das Offizierskorps die Stadt verlässt, herrscht auf der Bühne gähnender Stillstand. Abschied und Tod werden ausgesessen. Nur die Zugvögel auf dem Bildschirm bewegen sich noch in Echtzeit. Aber selbst der Film läuft lediglich als Loop.

Der Takt ist melancholische Langsamkeit, eine Klangfarbe ist die Komik. Lehrerin Olga (Bettina Engelhardt), die älteste Schwester, trägt treppauf, treppab ihr Päckchen auf dem Rücken – einen Bücherstapel. Bruder Andrej (Roland Riebeling) vollführt Leiter-abhäng-Übungen, Leutnant Fedotik (Henrik Schubert) stottert und schießt mit Blumen. Gelesen wird auf dem iPad, Weltschmerz übers Handy beklagt und philosophiert im Duett.

Distanziert und realitätsfern

Die wichtigsten Haltungen und Handlungen der Hausbewohner und -besucher sind das An-der-Wand-Lehnen, Über-dem-Geländer-Hängen, Auf-dem-Boden-Liegen, Arme-in-die-Luft-Heben. In diesem Leben hat eben kaum etwas einen Sinn. So wird Desillusionierung zu Deformation. Beine hängen aus der offenen Hausfront als wären sie schon einen Schritt weiter Richtung Sehnsuchtsort Moskau unterwegs, aber sie hängen bewegungslos. Das alles ist im Spiel schön anzusehen, aber die Figuren bleiben Distanzierte, Realitätsentfernte.

Die Regie animiert das gesamte Ensemble zu Körperlichkeit. Erschlaffte, ziellos laufende oder auf der Stelle marschierende Glieder zeichnen die Seelenporträts dieser Weltleidenden. Die erdentrückte Maša (Anna Grisebach) fächert sich mit ihren fingernagellackierten Händen lebenserhaltende Luft zum Atmen zu. Und wenn Irina (Kristina-Maria Peters) am Ende auf der langen Schaukel hin- und herschwingt, ein Schwung vor und einer wieder zurück, dann war das nicht die einzige Bewegung mit Symbolkraft an diesem Abend. Eine Bewegung ohne Weiterkommen.

Drei Schwestern
von Anton Čechov Deutsch von Peter Urban
Regie: Paul Koek, Bühne: Theun Mosk, Kostüme: Dorothee Curio, Komposition: Anke Brouwer, Teodora Stepančić, Veenfabriek, Klanggestaltung: Will-Jan Pielage, Dramaturgie: Olaf Kröck, Paul Slangen.
Mit: Roland Riebeling, Nadja Robiné/Tanja Schleiff, Bettina Engelhardt, Anna Grisebach, Kristina-Maria Peters, Werner Strenger, Jürgen Hartmann, Marco Massafra, Daniel Stock, Andreas Grothgar, Henrik Schubert, Atef Vogel, Manfred Böll, Manuela Alphons, Musikerinnen: Teodora Stepančić, Annie Tångberg, Kim-José Bode.

www.schauspielhausbochum.de
www.veenfabriek.nl

Kritikenrundschau

Arnold Hohmann schreibt auf Der Westen, der Webseite der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (8.10.2011): Der niederländische Regisseur Paul Koek werde seinem Ruf als Liebhaber der Langsamkeit gerecht. Koek suche immer einen "Zusammenhang zwischen Rhythmus eines Stückes und einer dazu passenden Musik". Da es in dem Stück vorrangig um "Leerlauf und Antriebslosigkeit" gehe, sei das Sound-Design "denn auch wie befürchtet": Der Zuschauer höre über drei Stunden "eine Art dauerhaftes Hintergrundschnurren". Das Bühnenbild spiegele "allein durch die schlanke Vertikale das Verharren" wider. Und "die fehlende Kommunikation, das aneinander Vorbeireden", lasse sich durch die Aufteilung auf mehrere Zimmer "trefflich illustrieren". Die Schwestern "anfangs in leuchtende Prachtgewänder gekleidet", verkümmerten "textilmäßig immer mehr, bis am Ende nur noch ein Trio grauer Mäuse übrig" bleibe. Das jedoch halte das Interesse an den Figuren über eine solch lange Distanz nicht aufrecht. Nur einzelne Figuren würden "wirklich plastisch". Anna Grisebachs Mascha etwa, "ein laszives Geschöpf auf der Suche nach Geborgenheit". Auch bei Kristina-Maria Peters zerplatzten die "Jungmädchenträume der Irina sehr effektvoll". Und Nadja Robiné kniee sich "hingebungsvoll in die Figur der Schwägerin Natalja".

Auf RP Online, der Webseite der Rheinischen Post aus Düsseldorf (10.10.2011), schreibt Max Florian Kühlem: Anfangs scheine Paul Koeks "Ästhetik der bedachtsamen Ruhelosigkeit" zu den "Drei Schwestern" zu passen: Den vielstimmigen Text übersetze er "in ein polyphones Stimmengewirr" – die Musik an Keyboards, Cello und Flöten ergreife in Textpausen "verstärkt das Wort", mit ihr gerate das Geschehen auf der Bühne in einen "flirrenden Fluss". Eigentlich handele es sich bei dieser Inszenierung mehr um eine Theater-Installation, in der es "immer etwas zu schauen und zu horchen" gebe, man spüre der "ausweglosen Langweile der Protagonisten" gerne nach. Ärgerlich allerdings, dass Koek in der zweiten Hälfte den Text "praktisch ungekürzt behäbig-konventionell" ausspielen lasse – "bis ans trostlose Ende". Nach Moskau sehnten sich Tschechows "Drei Schwestern" – "und nach Hause wünscht sich in der zweiten Hälfte der Inszenierung auch der Zuschauer".

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