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Vollpfosten im Vollholz

von Marcus Hladek

Marburg, 5. November 2011. Helles Holz beherrscht Petra Straß' Guckkastenbühne bis ins Waschbecken links vorne, gar nicht zu reden von den Holzstufen an der linken Wand und dem hölzernen Kamin hinten, der später, rollbar, zur wilden Liebesjagd dient. Boden und Wände sind, na was?, aus Holz. Ebenso die riesige Weltkarte aus Holzkontinenten hinten, die wie das Foto des Stadthauptmanns neben einem Wallebart alle paar Minuten von der Wand purzeln werden, damit sich der Slapstick-Rhythmus so steigert, dass es die Inszenierung immer tiefer ins Chaos treibt. Man ist in der tiefsten Provinz: Alles ist schlechte Ordnung und Datscha.

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© Ramon Haindl

Aus Petersburg wird bei Intendant Matthias Faltz Moskau, und das ist und bleibt weit weg. Trotzdem brennt seiner Handvoll Provinznest-Honoratioren, die in irren Verrenkungen auftreten, alleweil die Angst vor möglicher Kontrolle durch die Zentralmacht auf den Nägeln. Da taucht er wirklich auf, der angekündigte Inkognito-Revisor – oder etwa nicht? So oder so, die Mimik unter den dick gemalten Augenbrauen ist absurd übersteigert, die "feinen" Anzüge sind übergroß, schepp geschnitten und aus dickem Filz. Nicht weit her mit der Verfeinerung.

Bunte Galerie grotesker Typen

Das Welttheater kennt falsche Zaren wie Puschkins Godunow und Schillers Demetrius, Hochstapler wie Zuckmayers Hauptmann von Köpenick, ja sogar Revisoren wie Kleists Gerichtsrat, der im "Zerbrochnen Krug" den schlechten Richter Adam bedrängt. Bei Gogol wird der Revisor selbst zum falschen Fuffziger, nur veredelt er die Untersuchten darum kein bisschen. Eine völlig korrupte und gewaltselige Büttelverschwörung tritt uns, wie 1836 den Petersburgern, gegenüber.

Matthias Faltz zeigt sie uns als Selbstbedienungs-Klüngel aus dubiosen Stützen der Gesellschaft: Sebastian Muskalla als Stadthauptmann und Macher mit Zwirbelschnauzer in tiefem Blau. Daniel Sempf als Armenspitals-Direktor und Denunziant in Weiß, mit Monokel und Tic. Ögün Derendeli als Kreisrichter in Rot; Tobias M. Walter als Schulinspektor in Aprikot. Außerdem Sven Mattke rotblond in Grün (dann Grau), der als Postdirektor jeden Brief liest, aber kein Wort unterm Nietzsche-Fliegenfänger rausbringt und aus Verlegenheit strammsteht, zuletzt das dunkelgrüne, alt-junge Duo Bobtschinski und Dobtschinski (Jürgen Helmut Keuchel, Tobias M. Walter), die als stadtbekannte Klatschbasen den Revisor in der Kneipe zu erkennen glauben. Schrill-provinziell als Matrone und als halbgeiles Girlie mit Rapunzel-Pigtails, komplettieren Uta Eisold und Gergana Muskalla die Galerie grotesker Grundfarben-Typen, die von Gier, Egoismus und Radfahrerei geprägt sind. Nuancierte Psychologie würde nur stören.

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© Ramon Haindl

System statt Volk

"Im 'Revisor' beschloß ich, alles Schlechte in Rußland auf einen Haufen zu sammeln und mit einem Mal alles zu verlachen", schrieb Gogol, als ihm schon klar wurde, dass sein kritischer Impuls im prustenden Lachen der Städter unterging. Dabei ist sein Protagonist ein urbaner Jedermann. Der Missbrauch präsentiert sich ihm auf dem Silberteller. Darum können wir Charles Toulouse als Chlestakow, diesem Petersburger Windbeutel von einem subalternen Beamten, nicht böse sein, wenn die weitaufgerissenen Augen unter der Kochtopf-Frisur sein Staunen über diese Goldgrube in ihrer Selbst-Potemkisierung spiegeln. Man schmeißt ihm Geld und Mahlzeiten, Töchter und Mütter nach. Schilda als Tiffany's zur Selbstbedienung: Wer könnte da widerstehen?

Volk kommt freilich kaum vor, dafür rückt das System ins Kenntliche und lässt nach Entsprechungen heute fahnden. Chlestakows schlauen Diener Osip spart sich Faltz völlig, Mitleid weckt gerade noch die verlassen greinende Tochter. Schon die (bei Faltz) gefolterten Kaufleute sind als radebrechende bärtige Fünfercombo mit winterlichem Tschetschenenflair, das Haar zum Fellmützenlook frisiert, bloß lächerlich.

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© Ramon Haindl

Kafkaesk? Nicht ganz

Das Spiel mit dem roten Teppich ist ein einziger Stolper-Slapstick, nicht nur auf der Stufe um Stufe abfallenden, "de-eskalierten" Treppe. Tänzelnde Auftritte zu Balkan- und Zigeuner-Rock bestechen uns. Wenn Chlebnikow und der Hauptmann in flinken Dialogen, dummen Mienen oder einem weltmännisch-ritualisierten Übersprung-Ballett aneinander vorbeireden, ist das urkomisch, genau wie die allseits verschrobene Körpersprache oder die akrobatische Liebedienerei.

Dass es bis zum großen Freeze, als Chlebnikow schon über alle Berge ist, eine Stimme im Off den echten Revisor ankündigt und alles musikalisch zum Anfang zurückkreist, bis zum Albdruck einer kafkaesken Parabel reicht, wäre zwar zuviel gesagt. Auf effektive Grotesk-Mechanismen versteht sich Faltz in diesen flotten zwei Mal vierzig Minuten jedoch bestens.

 

Der Revisor
von Nikolaj Gogol
Regie: Matthias Faltz, Bühne: Petra Straß, Kostüme: Jelena Miletić, Dramaturgie: Annelie Mattheis.
Mit: Sebastian Muskalla, Uta Eisold, Gergana Muskalla, Charles Toulouse, Daniel Sempf, Ögün Derendeli, Tobias M. Walter, Sven Mattke, Jürgen Helmut Keuchel.

theater-marburg.com

 

Andere Versionen des Gogol'schen Revisors besprach nachtkritik.de in Zürich (R: Sebastian Nübling, Oktober 2009) und Schwerin (R: Robert Schuster, Februar 2009).

 

Kritikenrundschau

Intendant Matthias Faltz setze Gogols Komödie "nicht als stille Satire in Szene, sondern als laute, temporeiche Groteske – mit völlig überzeichneten, hässlichen Typen", schreibt Uwe Badouin in der Oberhessischen Presse (7.11.2011). Die Ausstatterin Jelena Miletic bringe "den Filz, der den Kosmos der Kleinstadt wie ein Geflecht durchzieht" mit den Filzanzügen der Männer "optisch auf den Punkt". Das Ensemble dürfe "nach Herzenslust überzeichnen. Je schriller die Figuren, desto besser."

Tempo, Tempo, Tempo sei das Motto dieser witzigen Inszenierung, die von der ersten Minute an reichlich Fahrt aufnehme, schreibt Stephan Scholz im Gießener Anzeiger (14.11.2011) und lobt den "ganz feinen, subtilen Humor, der die Gogol‘sche Pointe wie den Nagel auf den Kopf trifft". Faltz und das gesamte Ensemble hätten diese Gogol‘sche Politsatire hervorragend und zeitgemäß herausgearbeitet, auch durch das Bühnenbild von Petra Straß, das einen schlicht aus Holz gestalteten Innenraum zeige. "Der Clou: Laufend fallen Bilder von den Wänden und Stufen aus der Treppe, was den durch Bestechlichkeit verursachten Zerfall der Stadt sehr schön versinnbildlicht." Scholz schließt: Das Landestheater zeige "eine pfiffige und sanft modernisierte Gogol-Inszenierung mit zahlreichen Slapstickelementen, die von der ersten Minute an richtig Spaß macht."

Dass Gogols Posse auch noch 2011 ihre Gültigkeit habe, das führe der Marburger Intendant Matthias Faltz im Theater am Schwanhof unterhaltsam vor, so Marion Schwarzmann in der Gießener Allgemeinen (13.11.2011). Faltz treibe die Farce gehörig auf die Spitze: "Alle Figuren sind trefflich überzeichnet, und der Filz hat sich schon in der Kleidung der tumben Dorfbevölkerung festgesetzt." Es folgt ein ausführliches Lob der Schauspieler - "sie alle beweisen, dass Komödie spielen harte Arbeit ist, bei der es stets auf das perfekte Timing ankommt."

 
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