altAuf dem Sofa

von Esther Slevogt

Rostock, 18. November 2011. Manchmal fragt man sich schon, wie das kommt, dass die Welt in vielen zeitgenössischen Theaterstücken so sehr der Welt gleicht, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Dass die Welt, zum Beispiel in Oliver Klucks nun am Volkstheater Rostock uraufgeführtem Stück "Über die Möglichkeiten der Punkbewegung Zur Gestaltung des Regionalen Stadtraums", meist nur noch aus einem (im vorliegenden Fall kunstledernen) Talkshow-Sofa besteht, auf dem sich allerlei Personen des öffentlichen und weniger öffentlichen Lebens zu tendenziell unerheblichen Fragen äußern. Bei jedem neuen Gast verwandelt sich das Möbelstück in Rostock kurzfristig in eine Art Schleudersitz, wird von den beiden dauerlächelnden Moderatoren in rasantem Tempo einmal von der einen Seite der von Hugo Gretler entworfenen Bühne auf die andere geschoben, und kommt jedes Mal so ruckartig zum Stillstand, dass die Gäste fast vom Sofa fliegen.

Medial versiegelt
Liegt diese, gelegentlich fast schon unheimliche Ähnlichkeit der Welt des Fernsehens mit der Welt bestimmter Formen der Gegenwartsdramatik vielleicht daran, dass auch die Dramatiker die Welt (und das Leben) im Wesentlichen nur noch aus dem Fernsehen kennen – zum Beispiel die Unterschicht aus dem sogenannten Unterschichts-TV? Die taucht jetzt auch auf bei Oliver Kluck auf, unter anderem in Form eines jungen Mädchens, das über seine flächendeckenden sexuellen Erfahrungen mit Männern in einer Kleinstadt und den Traum einer Hochzeit in Weiß schwadroniert. Und handelt es sich bei den Texten, die im Dialog mit der Welt entstehen, wie sie dem Dramatiker (und jedem anderen Zeitgenossen auch) aus den Medien entgegenschwappt, nun um Medien- oder Gesellschaftskritik? Oder bilden die Textflächen aus medialem Sprachmüll im Grunde nur einigermaßen hilflos und unreflektiert die medialen Benutzeroberflächen ab, die die Welt inzwischen immer undurchdringlicher versiegeln? Und die doch eigentlich gesprengt statt bloß abgebildet werden müssten.

Das sind Fragen, die man am Ende von Sonja Hilbergers grundsätzlich kurzweiliger Uraufführung des Oliver-Kluck-Stücks mit dem etwas irreführenden Titel hat. Die Punkbewegung kommt nur im mittleren Teil des Talkshow-Kommödchens kurz vor: Da lagern drei der Darsteller in weißen Bademänteln Austern und Champagner schlürfend auf der Rostocker Bühne. Die soll jetzt die Insel Sylt sein, und die Klischee-Luxusurlauber tauschen sich über den Sylter Aktionismus aus, die Insel aus dem Angebot für ein ermäßigtes Wochenendticket der Bundesbahn auszuschließen. Um Billigurlauber und Ausflügler fernzuhalten, wogegen offenbar Hamburger Punks samt ihren Hunden massenhaft Protest einlegten.

Der Spiegel und die Stasi
Wir treffen Stefan Aust, der gegen die Windräder rund um seinen Bauernhof kämpft und seine Medienmacht als Chef eines einflussreichen Nachtrichtenmagazins dazu missbraucht. Irgendwann sagt auch einmal ein Angler kurz etwas, der behauptet, Rudolf Augstein zu sein. Desweiteren hören wir von RAF-Terroristen, die einst in der DDR Unterschlupf fanden. Vom reißerischen Spiegel-TV, dass einst höchst unausgewogen aus den damals noch neuen Bundesländern berichtete. Zum Beispiel über einen Stasioffizier, der zumindest dahingehend positiv auf das Gemeinwesen einwirken konnte, als er bei seiner Dienststelle die Installation einer westfernsehfähigen Antenne auf dem Dach seines Plattenbau-Hochhauses erwirken konnte. Allerdings lagert doch erheblicher Staub auf den Themenkomplexen dieses Abends. Haben wir nicht längst andere Sorgen? Was soll uns Sylt in Rostock? So sehr ist Sylt wiederum auch nicht überall.

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"Über die Möglichkeiten der Punkbewegung". © Dorit Gätjen

Regisseurin Sonja Hilberger und ihre fünf Schauspieler machen das Beste draus. Der dreiteilige Texteppich wird szenisch zerlegt und komödiantisch ausgeschlachtet. Da ist die höchst intensiv agierende Lisa Flachmeyer, die zunächst als dauerlächelnde Moderatorin in Erscheinung tritt und am Ende im Fat-Suit eine Stasioffiziersfrau mit Riesenbusen mimt. Dabei verkauft sie so überzeugend schwäbische Urlaute als Sächsisch, dass man freudig feststellt: Wenn schon nicht Sylt, zumindest Marzahn ist offenbar überall. Sandra-Uma Schmitz bietet zupackende Einblicke in den Kampf um vaginale Integrität und Souveränität einer gereiften Kleinstadtschönheit und umschifft souverän sämtliche sozialpornografischen Klippen der Vorlage. Und die drei Herren Jakob Kraze, Ulrich K. Müller und Michael Ruchter zeigen mit einigem Körpereinsatz, dass man es als Charaktermaske heutzutage speziell im Fernsehen schwer hat, überzeugend als Mensch rüberzukommen. War es das, was uns Oliver Kluck sagen wollte? Öhöm.

 

Über die Möglichkeiten der Punkbewegung Zur Gestaltung des Regionalen Stadtraums (UA)
von Oliver Kluck
Inszenierung: Sonja Hilberger, Bühne: Hugo Gretler, Dramaturgie: Janny Fuchs / Jörg Hückler.
Mit: Lisa Flachmeyer, Jakob Kraze, Ulrich K. Müller, Michael Ruchter, Sandra-Uma Schmitz.

www.volkstheater-rostock.de

zeitstiftung ermoeglicht

 

 

 

Kritikenrundschau

"Die Menge der Skandale ist in den letzten Jahren proportional zur Zahl der Fernsehkanäle gewachsen, je mehr Schweinereien ans Tageslicht kommen, desto weniger nützen die Enthüllungen", schreibt Frank Schlösser in der Internetzeitung Das ist Rostock.de (19.11.2011). Das Bild, das Oliver Kluck mit seinem Theatertext entworfen habe, sei "ebenso skurril wie präzise." Zwischendurch blitzten "Sätze auf, die Oliver Kluck tatsächlich so geradeheraus gemeint haben könnte, wie sie da rüberkommen: Eben über die Enttäuschung als das wörtliche Gegenteil dessen, was der Begriff heute meint: Ent-Täuschung ist genau das, was wir brauchen." Die unterhaltsame Farce setze "auf Tempo und Timing, auf Klamauk und Albernheiten. Diese Rechnung geht auf. Nicht zuletzt wegen des genialen Bilds der Fernsehcouch auf Rollen: Dort wird die TV-Präsentation angerichtet und hin und wieder auch erschüttert."

Oliver Klucks Text besitze den "Biss aus den Traditionen der Spaß-Guerilla", schreibt Dietrich Pätzold in der Ostseezeitung (21.11.2011). Klucks Stimmenmontage wirke wie aus "dem 'wirklichen Leben' gesammelt". Der offene Text, der "die Befreiung vom traditionellen Spiel" erzwinge, werde vom Ensemble zu einem "einem knapp anderthalbstündigen burlesken Spiel" verarbeitet, wobei die Schauspieler "große Form" erreichten. Fazit: "Das Ganze ist nicht weltbewegend, aber doch flotter subversiver Nonsens: Theaterstadl der besonderen Art zur Unterhaltung rebellischer Geister und nette Irritation für bürgerliche Kunst-Konsumenten".

In seiner assoziativen Collagetechnik sei Klucks Text "selbst ein Stück Punk, anarchisch, chaotisch, wütend, nihilistisch", schreibt Christine Weber in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten (21.11.2011). Der "Text ist wild. Er reißt an, reißt auf, beantwortet nichts. Er zerrt Personen, reale Ereignisse und Ideen aus dem Zusammenhang, stellt sie in einen neuen Kontext. Damit entlarvt er sie als oberflächlich, überflüssig, hohl." Die Kritikerin würdigt eine "temporeiche und grelle Inszenierung", deren einziges Manko der inszenatorische Umgang mit der Punk-Musik sei, die "trotz Lautstärke ein recht eindimensionales Hintergrundrauschen bleibt".

 
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