altEinmal Gaudi und zurück

von Matthias Weigel

Cottbus, 28. Januar 2012. Die Familie kommt in fast keinem Theaterstück gut weg. Von Anbeginn der Theaterzeitrechnung wird innerhalb der Familie gemordet, begehrt, betrogen, verraten. Auch in der neueren Dramatik sind die familiären Grausamkeiten keinesfalls weniger geworden, sondern vielmehr ausdifferenzierter: Die psychische Gewalt kennt die virtuosesten Spielarten, von unbemerkter Unterdrückung über emotionale Verletzung bis hin zum Zwang durch Unterlassung.

Da scheint es doch fast merkwürdig, wie gut gelaunt das Staatstheater Cottbus sein "Spektakulum" begeht, bei dem dieser stets glimmende Krisenherd im Mittelpunkt steht: "FamilienBande!", so Name und Programm. Drei Inszenierungen kann jeder Besucher bei diesem "Spektakulum" sehen, wobei es zwei "Pflichtrunden" sowie eine Wahlmöglichkeit aus drei Parallelveranstaltungen gibt.

Ein Kicher-Brecht mit "Kleinbürgerhochzeit"

Zum Auftakt ein Klassiker des Familien-Abscheus: "Die Kleinbürgerhochzeit" von Bertolt Brecht. Nicht nur, dass sich hier im Laufe einer Hochzeitsfeier alle Gäste zerstreiten und verfleddern. Besonders bitter ist, dass es sich um die sehr provisorische Feier eines finanziell schwach gestellten Paars handelt – das aber keine Hilfe annehmen möchte und jegliche Probleme mit Beleuchtung und Mobiliar erfolglos zu leugnen versucht. Das Ende ist schon vielerlei ausgelegt worden: mit versuchter Hochzeitsnacht-Vergewaltigung der unwilligen Braut, mit Abgang der heimlichen (vorzeitigen!) Schwangerschaft – jedenfalls immer Richtung abwärts.

Familienbande Hochzeit MarliesKross 560 xJohanna Emil Füll und Oliver Seidel in "Kleinbürgerhochzeit" von Bertolt Brecht    © Marlies Kross

Beim inszenierenden Schauspieldirektor Mario Holetzeck geht's nur räumlich nach unten: Er wagt einen Gaudi-Brecht, eine Kicher-Kleinbürger-Haudruff-Hochzeit. Da stürzen Stühle, Betten, Tische zusammen, aber keine Welten. Der zotenreiche Anlauf mündet nicht in den Zerfall jeglicher Komik, bis die bittere, erbärmliche Wahrheit zu Tage tritt, sondern man eiert bis zur Ziellinie. Keine böse Dekonstruktion der Familien-Idylle, sondern vielmehr Destruktion des Ehebettes beim traditionellen Hochzeits-Beischlaf! Brecht als reines Lustspiel? Dafür hapert's dann doch an Tempo, Timing und Pointen-Technik.

Die Qual der Wahl

Brechtig wird es auch am Ende des langen Spektakulums nochmal, wenn die versammelte Mannschaft zum Zitate- und Lieder-Reigen auftritt: "Weill.Familie.Brecht" sind Songs über die Liebe (de facto aber eher über ihren körperlichen Vollzug). Doch vor dem Rausschmeißer stehen noch die Sandwich-Inszenierungen des Abends, unter denen man gut wählen möge. Es gibt: "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski (Regie: Peter Kupke), hier dreht gleichnamiger Workaholic-Familienvater im Alm-Urlaub durch; dann "In einem finsteren Haus", ein Missbrauchs-Stück von Neil LaBute; und schließlich "Die ganze Welt" von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott. Letzterem wohnte ich bei.

Familienbande GanzeWelt MarliesKross 560 xEin Garten-Beben in "Die ganze Welt" von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott.   © Marlies Kross

"Die ganze Welt", halb entspannt

In einem fantastischen Bild dreht zu Beginn der Inszenierung die grasbewachsene Drehbühne ihre schleichenden Kreise in den Nebelschwaden. Aus kaltem Licht ersteigen scharf konturiert weiße Gartenmöbel, ein Grill, ein weißer Baum und schließlich ein Ehepaar in Golfer-Klamotten. Amadeus Gollner und Susann Thiede entspannen sich gerade mondän vom Rest der Welt. In leisen, angenehm unverbrauchten Tönen kommen vor allem Amadeus Gollner die recht künstlichen Dialoge über die Lippen. Natürlich kann da etwas nicht stimmen, bei diesem sympathisch ruhigen Pärchen, das über alte Zeiten redet und nichts tut.

Aber jeder Anflug von Atmosphäre wird bald brutal in Stücke gehackt vom unerträglichen Nachbars-Pärchen Johanna-Julia Spitzer und Gunnar Golkowski. Schreiend und kreischend, als wären sie auf dem Brecht-Trip vom Anfang hängen geblieben, stümpern sie über die Bühne. Wenn hier der Regisseur (wieder: Mario Holetzeck) ernsthaft meint, dadurch einen Kontrast zwischen beiden Pärchen zu inszenieren, dann ist das ärgerlich wenig weit gedacht.

Großformatiges Theater-Event

Denn der Motor des Stückes ist – wie im jetzt von Polanski verfilmten "Gott des Gemetzels" – das feine Changieren der Schlechtheit der beiden Paare, die Annäherungen und Entfernungen, die Zwischenkonstellationen auf gleicher Ebene, das gegenseitige Zerren und Ziehen am psychoanalytisch gewebten Netz, bis der darunter verschnürte Gesellschaftskrebs hervorquillt. Bei Holetzeck spielen beide Paare jedoch von vornherein in komplett unterschiedlichen Dimensionen aneinander vorbei. Die Enthüllungen geraten zu Schmieren-Episoden.

Den Ärger kann man aber in der Pause wieder vergessen, wenn man durchs themengerechte Foyer schlendert. Fotoausstellungen, Fernseh-Ecken und ein Familien-Album mit Einsendungen Cottbuser Bürger machen das "Spektakulum" zu einem großformatigen Theater-Event, der die Zuschauer länger und näher ins Theater holt – im letzten Jahr übrigens zum Thema "Heimat". Für die Familie ist die Prognose an diesem Abend zwar alles andere als rosig. Für das Theater-Format "Spektakulum" allerdings schon.


FamilienBande! Ein Spektakulum
mit "Kleinbürgerhochzeit" von Bertolt Brecht, "Die ganze Welt" von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott, "Steinkes Rettung" von Oliver Bukowski, "In einem finsteren Haus" von Neil La Bute und dem Liederabend "Weill.Familie.Brecht"

Regie: Mario Holetzeck (Die Kleinbürgerhochzeit, Die ganze Welt, Weill.Familie.Brecht), Peter Kupke (Steinkes Rettung), Anniki Nugis (In einem finsteren Haus); musikalische Leitung/Einstudierung: Hans Petith (Die Kleinbürgerhochzeit, Weill.Familie.Brecht); Bühne: Gundula Martin (Die Kleinbürgerhochzeit, Steinkes Rettung, Weill.Familie.Brecht), Hans-Holger Schmidt (Die ganze Welt, In einem finsteren Haus); Kostüme: Susanne Suhr (Die Kleinbürgerhochzeit, Steinkes Rettung, Die ganze Welt, In einem finsteren Haus, Weill.Familie.Brecht), Choregraphie: Annal Lisa Canton (Die Kleinbürgerhochzeit); Kampfchoreograph: Thilo Mandel (Steinkes Rettung), Dramaturgie: Sophia Lungwitz (Weill.Familie.Brecht, In einem finsteren Haus, Die Kleinbürgerhochzeit), Bettina Jantzen (Die ganze Welt, Steinkes Rettung)

Mit: Thomas Harms, Heidrun Bartholomäus, Johanna Emil Fülle, Laura Maria Hänsel, Oliver Seidel, Oliver Breite, Sigrun Fischer, Berndt Stichler, Arndt Wille, Hans Petith (Die Kleinbürgerhochzeit)
Rolf-Jürgen Gebert, Sigrun Fischer, Johanna Emil Fülle, Oliver Seidel, Michael Becker (Steinkes Rettung)
Susann Thiede, Amadeus Gollner, Johanna-Julia Spitzer, Gunnar Golkowski (Die ganze Welt)
Laura Maria Hänsel, Arndt Wille, Roland Schroll (In einem finsteren Haus)

www.staatstheater-cottbus.de

 

Kritikenrundschau

"Hoch lebe die FamilienBande!" schreibt grundsätzlich gewogen Gabriele Gorgas in der Lausitzer Rundschau (30.1.2012). Ein Höhepunkt scheint Peter Kupkes Inszenierung von Oliver Bukowskis Stück "Steinkes Rettung" zu sein. Aber auch die Familienaufstellung von Mario Holetzeck, Hans Petith und Sophia Lungwitz "Weill.Familie.Brecht" wird sehr gelobt.

Oliver Kranz vom rbb-Kulturradio (30.1.2012) ist dem Spektakel ebenfalls grundsätzlich gewogen, vermisst offenbar jedoch ein wenig die Opulenz früherer "Zonenrandermutigungen". Auch wenn ihm die Rahmung des Spektakels mit Wohnzimmern und Sitzecken, die das ganze Haus mit einbezieht, gut gefallen hat. Seine Sicht auf Peter Kupkes Inszenierung von "Steinkes Rettung" ist weniger rosig. Besser gefällt ihm, ihres Schwungs und schrägen Witzes wegen, Mario Holetzeks Inszenierung von Brechts "Kleinbürgerhochzeit".

In der Märkischen Oderzeitung (16.2.2012) die in Frankfurt an der Oder erscheint, schreibt Uwe Stiehler: Im riesigen Familienalbum im Foyer des Theaters könne man lesen, was Familie den Besuchern bedeutet: "fast ausnahmslos Harmonie verkündende Äußerungen". Auf den Bühnen finde "genau das Gegenteil statt". Da bedeute Familie "Chaos, Psychofolter, Lüge, Gewalt" und Missbrauch. Oliver Bukowskis Stück Steinkes Rettung beginne "fast wie eine Klamotte", entwickle sich "zur Groteske" und ende als "beklemmendes Drama". Es frage, wieso Familien, die doch Sicherheit geben müssten, in Krisensituationen versagen. "Trotzdem säuft das Stück nicht in Schwermut ab", was Bukowskis markigen Sprüchen und dem "wunderbar aufgelegten Ensemble" zu verdanken sei.


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