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Was bleibt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. Februar 2012. Mangelnde Ambition ist wohl das Letzte, was man David Marton nachsagen könnte. Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein dazu, einen Theaterabend "Das wohltemperierte Klavier" zu nennen, nach jenen zwei Sammlungen von 24 Präludien und Fugen also, mit denen Johann Sebastian Bach eine Art lexikalisches Kompendium aller auf dem Klavier denk- und darstellbaren Dur- und Molltonarten vorlegte. Das WTK (wie man in Musikerkreisen abkürzend und liebevoll zu sagen pflegt) ist so etwas wie ein Heiligtum, nach einem Wort Hans von Bülows das Alte Testament der Klaviermusik.

Mit zweitem Rückgrat
Auf das theatrale Potential des "Wohltemperierten Klaviers" hätte denn auch – selbst in Zeiten, in denen gleichsam jede künstlerische Hervorbringung auf ihre Performativität hin abgeklopft wird – kaum jemand einen Pfifferling gesetzt. Und sogar Marton, dieser so wunderlich durch die Stile und Sparten mäandernde Musiktheater-Erfinder, scheint der erzählerischen Qualität des WTKs misstraut zu haben, denn er hat seiner Inszenierung mit dem 1989 erschienenen Roman seines ungarischen Landsmannes László Krasznahorkai "Melancholie des Widerstands" noch ein zweites Rückgrat eingezogen.

wohltempklavier 560 thomasaurin uDas wohltemperierte Klavier und seine Spieler © Thomas AurinWas der Ambitioniertheit des Projekts allerdings keinen Abbruch tut: Krasznahorkais Roman ist faszinierende, zugleich aber schwere Kost – ein Textgebirge aus Bandwurmsätzen, das in düsteren Farben die Vision einer in vorrevolutionärer Schockstarre vor sich hin rottenden Stadt irgendwo in Osteuropa ausmalt. Durch diese Welt stolpern ein paar kafkaesk anmutende traurige Gestalten, die dem dräuenden Zerfall aller Ordnungen nur mit dem Widerstand ihrer Melancholie begegnen können.

Dramaturgie des Zerbröselns
Eine dieser Figuren ist der Musikprofessor Eszter, der anhand der Unvollkommenheit unseres musikalischen Tonsystems der Unvollkommenheit der gesamten Welteinrichtung innewird. Er erträgt es nicht, dass man nur dann, wie Bach im WTK, in allen Tonarten musizieren kann, wenn man die natürlichen Intervallverhältnisse um ein Weniges zum Unreinen hin verändert ("temperiert" – wie der Fachbegriff lautet). Ein bizarrer Entschluss treibt Eszter dazu, Bachs "Wohltemperiertes Klavier" nur noch in reiner (und eben nicht in wohltemperierter) Stimmung zu spielen, was bei den meisten Tonarten zu groben Missklängen führt. Die Sache ist – wie man sieht – verzwickt. Nur so aber erklärt sich David Martons Kombination von Bach und Krasznahorkai, von Musik und Roman.

Wie gesagt, an Ambition fehlt es Marton nicht. Eine szenische Einlösung dieser Ambition aber sucht man nahezu vergebens. Alissa Kolbuschs Bühne vereint einige Versatzstücke eines bürgerlichen Wohnsalons, der schon bessere Zeiten gesehen hat: verschnörkelte Spiegel und Kommoden, überfüllte Bücherregale, abgewetzte Teppichläufer und natürlich der gute alte Flügel. Durch diesen Salon irren die (typmäßig übrigens recht gut getroffenen) Helden Krasznahorkais, sie diffundieren mal hierhin, mal dorthin, das Ganze folgt einer vagen Dramaturgie des Zerbröselns. Zum Bild aber gerinnt nichts.

Bürgerwelt im geschäftigen Stillstand
Die über den Abend verstreuten Romantexte setzen sich kaum zu einer nachvollziehbaren Geschichte zusammen, was nicht weiter beklagenswert wäre, wenn sich über sie wenigstens eine dichte Atmosphäre erzählte. Aber selbst, wenn die Texte so tollen Schauspielerinnen wie Jule Böwe und Bettina Stucky in den Mund gelegt sind, können sie an diesem Abend das nur Aufgesagte nicht ganz abschütteln. Einzig Ernst Stötzner als Eszter vermag sich Krasznahorkais Sprache mit seiner mittlerweile zur höchsten Perfektion entwickelten Kunst der wie beiläufig aus ihm herauströpfelnden, immer leicht nöligen Rede ganz überzustreifen. Die Bedrohung dieser etwas zu läppisch gezeichneten, im geschäftigen Stillstand verharrenden Bürgerwelt gerät ihrerseits läppisch: Ein paar grummelnde und knatternde Geräusche aus dem Off sowie ein Jack-the-Ripper-artiger Mann im Stoffmantel mit verschmiertem Lippenstift-Mund (Franz Hartwig) sind nicht eben die inspiriertesten Manifestationen des drohenden Chaos.

Was bleibt, ist die Musik. Und da wünschte man manchmal, Marton hätte den ganzen nur halbgar adoptierten Krasznahorkai-Kosmos über Bord geworfen und einfach nur mit und gegen Bach gespielt. Denn was seine Truppe mit einzelnen Präludien aus dem ersten Band des WTK veranstaltet, das ist dann doch sehr, sehr hörenswert. Immer wieder findet das Ensemble zu verblüffenden Verfremdungseffekten: Die dahinjagenden Akkordbrechungen des B-Dur-Präludiums etwa werden in einen schlichten, vierstimmig gesungenen Choral überführt, beim lastend schweren b-Moll-Präludium – ebenfalls vokal musiziert – braucht es hingegen nur die Tonsilbe "Ta", um darin eine nahezu federnde, von Jule Böwe hinreißend ironisch dirigierte Leichtigkeit zu entdecken: "Tatta-ta, Ta, Ta!"

Musikalisch top
Der Pianist Jan Czajkowski horcht ganz zu Beginn tief in das berühmte C-Dur-Präludium hinein, indem er sinnend einzelne Takte repetiert und ab und an rhythmische Stolpersteine einbaut; der famose Jazztrompeter Paul Brody und die ebenso famose Geigerin Nurit Stark verschlingen die Oberstimmen des f-Moll-Präludiums zu herrlich sehnsuchtstrunkenen Kantilenen; und die großartige Jazzsängerin Jelena Kuljic steuert immer wieder ein paar erotisch-rauchige Töne bei (und darf dann auch noch – dramaturgisch nicht so recht motiviert, trotzdem toll! – noch zwei echte Jazz-Nummern zu Gehör bringen). Zwei gute Stunden geht das so: musikalisch top, szenisch hopp. Sehr schön, sehr schade.

Zum Schluss noch ein Filmtipp: Unter dem Titel "Weckmeister Harmóniák" hat der große ungarische Regisseur Béla Tarr die "Melancholie des Widerstands" verfilmt. Mit Lars Rudolph, Hanna Schygulla und Peter Fitz als Eszter. Und, siehe da, es geht: Man kann Krasznahorkais Roman in ein anderes Medium übersetzen: Tarrs Film ist nicht weniger als ein überwältigendes Meisterwerk geworden. Trotz und wegen seiner Ambition.

Das wohltemperierte Klavier
Musiktheater nach Johann Sebastian Bach unter Verwendung des Romans"Melancholie des Widerstands" von László Krasznahorkai
Regie: David Marton, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Sarah Schittek, Musikalische Leitung: Jan Czajkowski, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Künstlerische Mitarbeit: Barbara Engelhardt, Licht: Erich Schneider.
Mit: Thorbjörn Björnsson, Jule Böwe, Niels Bormann, Paul Brody, Jan Czajkowski, Marie Goyette, Franz Hartwig, Jelena Kuljic, Nurit Stark, Ernst Stötzner, Bettina Stucky.

Koproduktion mit der MC93 Bobigny
www.schaubuehne.de

 

Alles über David Marton auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Ein in seinen Kontrasten hart gefügter, aber ungeheuer anregender Abend," schreibt Christian Jannsson im Berliner Tagesspiegel (20.12.2012. Marton konfrontiere Literatur und Musik in einer theatralischen Performance, die alle Gattungsgrenzen zu überschreiten versuche. So mache der Samstagabend in der Schaubühne auf vieles Lust. Zum Beispiel "noch einmal in Ruhe László Krasznahorkais Roman 'Die Melancholie des Widerstands' zu lesen, einen eigenen Klavierabend mit dem fabelhaften Pianisten Jan Czajkowski zu besuchen oder sich mit der streng geordneten Formenvielfalt von Bachs größtem Klavierzyklus zu beschäftigen". Marton gestaltete den Abend über weite Strecken mit leicht dekonstruierten Ausschnitten aus Bachs 'Wohltemperierten Klavier'. Musiker und Schauspieler seien, bis auf den Pianisten, Figuren des Romans zugeordnet. In seiner Komik erinnert der Abend den Kritiker manchmal an Christoph Marthalers Musiktheater, streckt sich aus seiner Sicht "in seiner philosophischen Düsternis aber zugleich nach etwas Tieferem."

Die Gehaltlosigkeit kennt in Martons Inszenierung keine Grenzen, die Irrelevanz erst recht nicht", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.2.2012) Angestrengt buchstabiere die Aufführung durch das Alphabet der Marthalerschen Ästhetik, "ohne daraus nur drei sinnvolle Sätze zu bilden". Das elfköpfige Ensemble aus Schauspielern um Bettina Stucky, Jule Böwe, Ernst Stötzner und Sängern inklusive der Violinistin Nurit Stark, dem Trompeter Paul Brody sowie dem musikalischen Leiter und Pianisten Jan Czajkowski kommt dem Eindruck der Kritikerin zufolge "über schmerzlichen Leerlauf nicht hinaus. Marton weiß weder was er noch wie er erzählen will."

"Zum Niederknien", schreibt Dirk Pilz für die Dumont-Redaktionsgemeinschaft von Frankfurter Rundschau & Berliner Zeitung (20.2.2012) über die Musik an diesem Abend. Musikalische Motive wie hingehaucht, ausgestellte Akkorde: musikalisch ist der Abend für Pilz einmal mehr "eine Offenbarung". Denn an vielen Punkten löst sich ein, was aus Sicht dieses Kritikers Martons Musiktheaterideal ist: "ein freieres Hören zu ermöglichen, in dem das vermeintlich Bekannte aufgedröselt wird, um es neu hörbar zu machen." Und doch beschreibt dies nur eine Hälfte des Eindrucks von Dirk Pilz. Die andere ist mit einem großen "Aber" überschrieben. Denn Marton habe mehr gewollt. "Mehr Gedankenschwere, mehr Großbuchstaben auch auf der Textebene." So habe er den Abend gesellschaftsphilosophisch aufgepumpt und lässt Passagen aus dem Roman "Melancholie des Widerstands" seines ungarischen Landsmannes László Krasznahorkai spielen. Doch das Hersagen des Textes wirkt auf Pilz außer außer bei Ernst Stötzner "seltsam aufgeklebt" und "herbeizitiert". Den textbasierten Szenen fehle die sinnliche Entsprechung. "Während sich die Musik in Zerfaserung übt, zerbröselt das Schauspiel."

"In diesem Stück wird viel gesungen. Bei heutigen Theaterproduktionen ist das eigentlich keine Seltenheit, erst recht nicht, wenn es sich um Musiktheater handelt. Im 'Wohltemperierten Klavier' von David Marton jedoch (...) wird von den Schauspielern vor allem 'lalala' gesungen (...)." Dieser Einstieg in die Rezension von Tim Caspar Boehme in der taz (21.2.2012) deutet auf einen kolossalen Verriss hin. Aber denkste. Nach musikgeschichtlichen Erörterungen zur Erfindung der temperierten Stimmung schreibt der Kritiker über diesen Abend und die Zerlegung der Bach'schen Präludien "in ihre Komponenten" durch Pianist Jan Czajkowski und durch die Schauspieler: "Das klingt nicht nur auf ungewohnte Weise schön, sondern ist oft genug sehr komisch, etwa wenn Niels Bormann als Polizeipräsident mit der Darstellerin Jule Böwe 'Banküberfall' spielt und diese bei gezückter Dienstwaffe auf sein Kommando Bach singen lässt."

 
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