Ein Königreich für ein Schlagzeug

von Guido Rademachers

Bochum, 22. September 2012. "Richard III." beginnt mit "Heinrich VI." Nicht so sehr, weil es um das große Schlachten ginge, den Mechanismus der Macht quer durch Shakespeares Königsdramen und das Morden unabhängig von Zeiten, Herrschaftshäusern und Individuen. Darum geht es Regisseur Roger Vontobel natürlich auch. Irgendwie. Vor allem aber geht es ihm um Psychologie. Und Richard wurde erst zum Richard im "Heinrich VI."

Gut eine Stunde ist so im Bochumer Schauspielhaus erst einmal ein anderes Stück als angekündigt zu sehen. Das gleich mit Endzeitstimmung beginnt. Roland Riebelings verstörter Heinrich zittert auf einem Sessel vor sich hin, der erhöht steht, auf einem kleinen Holzpodest, und lässt sich von Jana Schulz' Frau Königin mit spitzer, hoher Stimme anschnauzen. Geschätzte fünf Meter Tiefe besitzt sein Spielflächenkönigreich, begrenzt von einer Abschlusswand mit Holzverkleidung wie im Zuschauerraum. Aha, wir Zuschauer sind auch gemeint, wir alle sitzen in der Schaltzentrale der Macht. Irgendwie.

Das spillrig' Männchen

Bundestagspräsident Norbert Lammert, Premierenbesucher in Reihe 7, scheint das wenig zu beeindrucken. Kein Ordnungsruf, als die Saaltüren auffliegen und die Yorks mit Kniebundhosen und einem chicen "Y" auf den schwarzen Shirts den Zuschauerraum entern.

richardiii-280h arnodeclair uDer Mann vor der Holzwand: Paul Herwig als Richard III. © Arno DeclairEiner von ihnen drückt sich auffallend unauffällig am Rand herum. Ein spirrliges, manchmal etwas windschief und verloren dastehendes Männlein. Paul Herwig zeigt Richard zunächst als Beobachtenden. Dann schlägt er seinen Kopf gegen die Wand, immer wieder, um sich alle Gefühle herauszuprügeln bis auf das eine: Rache. Am Ende der ersten Runde des Blutvergießens hat er seine Lektion gelernt: Er wird dort weitermorden, wo die anderen aufhören.

An der Schießbude

Es ist so weit, "Richard III." hat begonnen. Die Bühne öffnet sich zum großen Festraum. Feierlaune bei den Yorks zum 10-jährigen Thronjubiläum, und Herwig huscht zwischen Weingläsern und Blutvergießen hin und her. Per Videohandkamera wird das in Garderobe, Gänge und Foyer ausgelagerte Mordgeschehen auf die Bühne übertragen. Herwig mutiert zum bösen Clown, der dem Gegenüber grotesk den Kopf entgegenstreckt, sich am Leiden anderer nicht genug satt sehen kann, Krokodilstränen vergießt und zwischen schmalen Lippen mit unangenehmer, eigenartig hochgetunter und angehauchter Stimme Todesurteile ausspricht. Und während die Regie immer größere Pausen einzulegen scheint, verausgabt sich Herwig beeindruckend am Schlagzeug, das neben dem für wuchtig-pathetische Dauerathmos sorgenden Musiker Keith O'Brian aufgebaut ist. Bis Jutta Wachowiaks genervte Mama den Stecker zieht und ihren Richard im feinsten Bühnensprech alter Schule belehrt, dass sie ihn nie geliebt hat. "Ein Königreich für ein Schlagzeug", möchte man ihr nachrufen, aber in Bochum ist es am Ende dann doch nur wieder das Pferd.

Richard lebt hier nicht mehr

Vontobel streift gern durch die erweiterte Bühnenzone von Musikperformance, Video und Zuschauerraum. Irgendwie. Im Kern will sein "Richard III." nichts anderes als konventionell-psychologisches Schauspielertheater sein. Bezeichnend, dass der monströse Liebesantrag über dem Sarg jetzt in aufgeräumter After-Party-Stimmung mit Weinglas in der Hand gespielt wird. Bis auf ein Schwächeln gegen Ende rattert so das inszenatorische Räderwerk einwandfrei. Und Paul Herwig dreht virtuos mit an den Rädern. Die durch das Einbeziehen des Zuschauerraums aufgestellte Behauptung, dass etwas Aktuelles, etwas das alle angeht verhandelt würde, bleibt indes leer. Riesenapplaus, aber Norbert Lammert wird im realen Zentrum der Macht keine Sondersitzung einberufen.

 

König Richard der Dritte
von William Shakespeare, in einer Fassung von Roger Vontobel und Thomas Laue, basierend auf den Dramen Heinrich VI. und Richard III., aus dem Englischen von A. W. Schlegel und Wolf Graf Baudissin
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Tina Kloempken, Musik: Keith O´Brien, Video: Stephan Komitsch, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Jutta Wachowiak, Werner Strenger, Felix Rech, Florian Lange, Paul Herwig, Jaron Oberhaus. Leon Tenholt-Bakas, Ann-Kathrin Gruber, Hanna Behrendt, Jolande Uhl, Charlotte Behr, Roland Riebeling, Frieder Hartmann, Moritz Zimmer, Jana Schulz, Dimitrij Schaad, Therese Dörr, Matthias Eberle, Jakob Schmidt, Moritz Zimmer, Frieder Hartmann, Michael Schütz, Martin Horn, Jürgen Hartmann, Klaus Weiss, Xenia Snagowski, Dimitrij Schaad, Werner Strenger, Keith O´Brien.
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Ein klug gekürzter, dennoch vierstündiger Theaterabend mit hervorragenden Schauspielern", resümiert Stefan Keim in der Welt (24.9.2012). Roger Vontobel liebe "die großen Bögen", und er interessiere bei dieser Kombination zweier Shakespeare-Stücke "für psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen". Paul Herwig als Richard sei "kein Dämon, der aus dem Nichts über das unschuldige England kommt, sondern ein Produkt dieser Gesellschaft." Jana Schulz, "die Amazone unter den Schauspielerinnen", verkörpere Margaret mit messerscharfen Sätzen und körperlicher Wucht." Und die "hinreißende" Jutta Wachowiak als Richards Mutter spiele "eine kluge Frau, die das Grauen erkennt und nichts verhindern kann. Wie sie mühsam die Kontrolle über die wilden Wellen von Wut und Verzweiflung bewahrt und am Schluss den Mutterfluch auf Richard mit schmerzhafter Klarheit spricht, ist ganz großes Theater."

"Das Bochumer Schauspiel hat mal wieder was zum Vorzeigen", freut sich Arnold Hohmann auf dem Online-Zeitungsportal Der Westen (24.9.2012). In manchen Momenten erinnere Vontobels "bildersatte Inszenierung an modernes Gangstertum und an Bandenkriege, wo Auftragskiller den Rest besorgen". Natürlich bleibe Richard "selbst hier das menschliche Ungeheuer, das die eigene Ehefrau ebenso abschlachten lässt wie Bruder und unschuldige Kinder. Aber das Böse in ihm wird bei Vontobels Ansatz erklärbarer, Richard bleibt nicht mehr unfassbar, das Drama wächst so über das reine Leichenzählen weit hinaus."

Vontobel weite gern den dramaturgischen Blick, um entwicklungsgeschichtliche Zusammenhänge zu verdeutlichen, erläutert Sarah Heppekausen in der Frankfurter Rundschau (25.9.2012). Durch das Hinzufügen von Szenen aus Heinrich VI. schärfe Vontobel aber nicht nur das Bild Richards, sondern vor allem das der Nebenfigur Königin Margarets: "Bei Vontobel-Protagonistin Jana Schulz wird sie zur ohrfeigenden Furie, die sich wie eine Penthesilea in die Schlacht stürzt." Und zwar als Gegenpart Richards: "Ebenso gierig, ebenso besessen vom Thron. Macht ist nicht nur Männersache. Margaret ist es, die am Ende Richard stürzen wird, kein Richmond." Vontobel zeichne so "durchdachte Figuren, die eine Geschichte haben. Zeigt deren echte Gefühlsausbrüche in Nahaufnahme auf Video, weil die im öffentlichen Raum der Bühne unter eine Maske gehören."

Die fast vierstündige Aufführung haue ganz schön auf den Putz, schreibt Andreas Rossmann in der FAZ (26.9.2012). "Lärmende Auftritte durchs Parkett und im Rang; Handkameras, mit denen die Greuel in Großaufnahmen auf die Wände projiziert werden; und die Musik des Gitarristen Keith O'Brien dröhnt bis an die Schmerzgrenze." Die szenischen Aktualisierungen, die düstere Machtkämpfe und bundesdeutsche Nachkriegszeit auf die Bühne von Magda Willi holen, sichern einen abwechslungsreichen Erzählfluss, eine schlüssige Lesart ergeben sie jedoch nicht, so der Rezensent. 

Diese Interpretation des "weltgrößten Schergen" sei "leider klüger gedacht als gemacht", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2012). Paul Herwig "lässt nämlich nicht den intelligenten Dialektiker, sondern den impulsiven Yuppie raushängen", die "Köpfe rollen, doch die Dimensionen des Abschlachtens gehen in Textkürzungen und beiläufigen Videos verloren. Wer die Rosenkriege nicht gut kennt, blickt am Ende kaum mehr durch." Der Abend konzentriere sich eher auf die "Familiensaga" als auf das "Psychogramm", und schaffe im Mittelteil auch einen "packenden Politkrimi". Doch: "All die wütenden Auf- und Abtritte der Clans durch die Seitentüren, das Zerren am Thron und ein abgeschlagener Kopf im Plastikbeutel bauschen den Konflikt aber effekthascherisch auf, statt ihn zu analysieren."

 
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