Das große Leid der kleinen Leute

von Guido Rademachers

Köln, 5. April 2013. Orange ist das aktionistische Großmaul unter den Farben. Es verspricht das Glück des Augenblicks. In seiner "Farbenlehre" notierte Goethe: "Das angenehme heitre Gefühl, das uns das Rotgelbe noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie." Die 1970er Jahre sind das Jahrzehnt des Orangen. Man könnte auch sagen: der aggressiven Schönfärberei.

Jenseits des Selbstverständlichen

Radiowecker, Wählscheibentelefone, Tischlampen, Kaffeeautomaten – alles in Orange. Der Gerätepark eines Siebziger-Jahre-Haushaltes hat in der Ecke einer riesigen, die gesamte Bühnenbreite überspannenden Regalwand Platz gefunden. Daneben, in jeweils zu kleinen Minibühnen ausgebauten Segmenten, starren Schauspieler auf Plastikstühlen, vor Fototapeten oder unter eingefärbten Hängelampen vor sich hin. Hineingestopft in Unterröcke, Pullunder und gemusterte Socken. Herausgerissen aus allem Selbstverständlichen.

Rheinpr2 560 SandraThen uLeben im Regal © Sandra Then

Das Schauspiel Köln hat einen Text von Karl Otto Mühl – inzwischen 90 Jahre alt und bei der Premiere unter den Zuschauern – hervorgeholt. "Rheinpromenade" wurde vor vierzig Jahren uraufgeführt, etliche Male nachgespielt, im Radio gesendet und (mit Rudolf Platte) verfilmt. Anschließend geriet das Stück in Vergessenheit. Gezeigt wird nun ein Mix aus der "offiziellen" im Rotbuch Verlag veröffentlichen Version und der Ursprungsfassung von 1972. Dort mäanderte noch die Handlung um den Schlosser Fritz Kumetat, der – auf die achtzig zugehend – eine Beziehung zu der über 50 Jahre jüngeren Marta sucht, mit zahlreichen Nebenfiguren unbekümmert vor sich hin, um dann theaterpraktikabel auf 27 prägnante Kurzszenen zurechtgestutzt zu werden. Dem damaligen Ideal einer politischen Zuspitzung, der angepeilten Fortsetzung des kritischen Volksstücks à la Kroetz entsprach das besser.

Die Kölner Fassung nun behält im Wesentlichen den strigenteren Handlungsverlauf bei, greift allerdings wieder auf psychologische Ausführungen des unveröffentlichten Originals zurück. Die Figuren werden komplexer. Der scharfe politische Gestus verliert sich. Das der Intention nach auf den knappsten Punkt gebrachte große Leid der kleinen Leut wird wieder ausgemalt.

Aufblitzende Verlorenheit

Die Inszenierung von Nora Bussenius verstärkt die Tendenz zum grundlegend Psychologischen. Gleich am Anfang flackert eine Sequenz mit schwarz-weißen Erinnerungsbildern auf. Eine Diashow im Schnelldurchgang. Martin Reinke (Jahrgang 1956) als Fritz Kumetat steht stumm ein deutlich älteres Alter Ego zur Seite und bestätigt den Satz, dass man sich immer jünger fühlt, als man tatsächlich ist. Auch Kumetats verstorbene Frau ist anwesend. Hoch oben hängt sie mit Stuhl im Regal und strickt einen (natürlich orangen) Wollschal.

Bussenius macht so aus den realistisch-knappen Alltagsdialogen von Mühl den verkappten Monolog eines sterbenden alten Mannes. Reinke schiebt wahlweise sich oder sein Double in die Szenen, sieht sich selbst auf diese Weise zu, tigert mit schwerem, müdem Schritt auf und ab. In den Augen blitzt die Verlorenheit, das Entsetzen darüber, diese quietschbunt angemalte Welt nicht mehr fassen zu können. In seiner alten, verdreckten Schlossermontur ist er selbst ein Relikt. Eine Art Beckmann, der seine Heimat nicht mehr versteht, mit mächtigem Körper, Haare auf den Schultern, voll Kraft noch, aber dabei immer schon die Vergeblichkeit spürend. "Alles klar", sagt er, als seine tote Frau (mit Hilfe von Hubpodium und drei Technikern) den Weg nach unten vor die Regalwand gefunden hat und sich endgültig von ihm verabschiedet. Es ist der Versuch eines augenzwinkernden Scherzes, Reinkes Stimme kippt nach oben, dann versucht er es großherzig-väterlich. Das dritte und letzte "Alles klar" fällt tonlos ins Leere.

Der entfremdete Blick

Die anderen Schauspieler benutzen demgegenüber eher einen dickeren Pinsel. So wie Michael Weber mit herunterhängenden Mundwinkeln ein desillusioniertes Phlegma von Schwiegersohn abgibt, grenzt es schon an Karikatur. Einmal rafft er sich zur Minischreirevolte auf, um sich dann endgültig hinter Bücherstapeln zu verschanzen. Birgit Walter als Nervenbündeltochter Kläre weiß nicht, wohin mit sich und ihren Händen, Armen und Beinen, kann schließlich nur noch weinen, und Kumetats junge Angebetete Marta unterstreicht den Hinweis, dass sie in nervenärztlicher Behandlung war, mit kurzen, harsch herausgebellten Gesprächsbeiträgen.

Wirklich auf Augenhöhe begegnen sich Fritz Kumetat und die anderen nicht mehr. In Mühls Text ist das anders, und vielleicht liegt es an dieser Verschiebung, dem Herauslösen aus der konkreten Dialogsituation, der Dauerpräsenz des Todes, dass der Abend mit gut zwei Stunden auch seine Längen haben mag. Seine ganze Bedeutung erschießt sich allerdings erst im Kontext des Kölner Spielplans, der nicht nur die Internationalisierung zum Thema macht, sondern auch das Regionale, nicht nur den fremden Blick vorstellt, sondern auch den entfremdeten zeigt.

 

Rheinpromenade
von Karl Otto Mühl
Regie: Nora Bussenius, Bühne und Kostüme: Sebastian Ellrich, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Martin Reinke, Birgit Walter, Michael Weber, Marina Frenk, Lissy Wegler / Rosa Wilms-Posen, Helga Kersting, Hartmut Misgeld.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.schauspielkoeln.de

 


Kritikenrundschau

Mit "mit großartigen Darstellern und gutem Gefühl für Tempo" habe Nora Bussenius Karl Otto Mühls Stück auf die Bühne gebracht, schreibt Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (8.4.2013). Es rieche "nach Missbrauch zwischen Vater und Tochter, nach Nazi-Schuld und erotischen Sehnsüchten. Immer wieder blinkt 'Sex' in Leuchtbuchstaben auf. Plakativ ist hier dennoch nichts, die Schwere des Alterns, die Sehnsucht nach Nähe, die Sprachlosigkeit in der Familie – das alles schwingt gekonnt inszeniert durch den Raum."

Bussenius' Ansatz beweise Umsicht und Stilbewusstsein, so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.4.2013): "Vom Blockabsatz bis zum Lockenwickler, von der Erkennungsmelodie der 'Tagesschau' bis zu 'Seasons in the Sun' von Terry Jacks reichen die Mittel, das Drama seiner Entstehungszeit an- und einzupassen." Allerdings verrate der "Aufwand, den sie mit Doppelbesetzung, Bühnenbild und Zeitkolorit treibt", auch ein Misstrauen gegenüber dem Text. Spannender "und mit den Schauspielern auch möglich gewesen" wäre es, die Probe darauf zu machen, "was an der Beziehung des ungleichen Paares heute anstößig sein und vielleicht auch abstoßen könnte".

Regisseurin Nora Bussenius ist in den 80ern geboren, sie interessiert sich weniger für die zeitgeschichtliche Dimension des Stoffs, als für dessen Themen, die auch noch die unseren sind, so Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (8.4.2013). Anfangs erscheine ihre Inszenierung etwas langatmig, "doch nach und nach leuchtet einem das triste Leben in Orange ein." Martin Reinke als Vater Fritz könne zu Tränen rühren, ohne seine Figur als reines Opfer zu denunzieren, Birgit Walter als Tochter Kläre laufe als Klageweib zu großer Form auf. 

Bussenius tunke den scharf skizzierten Kleinbürgerbilderbogen "glücklicherweise nicht in Bratkartoffel-Realismus", sondern ziehe mit der Doppelbesetzung des Fritz Kumetat geschickt eine surreale Ebene ein, findet Hartmut Wilmes im Bonner General-Anzeiger (9.4.2013). Intelligent lasse die junge Regisseurin "den manchmal an Horváth erinnernden Szenenreigen zwischen deftiger Komödie und Requiem schillern".

Diese "wirklich gelungene Inszenierung" ist aus Sicht von Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (10.4.2013) beides zugleich: "eine nostalgische Zeitreise und eine ästhetische Generalüberholung des Stücks." Besonders "der wunderbare Kunstgriff" der Aufspaltung der Hauptfigur trägt aus Sicht des Kritikers viel zur Austreibung des fernsehspielhaften Wohnküchenrealismus' aus dem Stück bei.

 
Kommentar schreiben