Ein Depp zum Liebhaben

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 18. April 2013. Das bislang erfolgreichste Stück des 1974 geborenen russischen Dramatikers Alexander Moltschanow heißt schlicht und schön: "Mörder". Uraufgeführt wurde es 2009 beim Moskauer Festival für junge Dramatik, 2011 präsentierte die Berliner Schaubühne es in einer szenischen Lesung, und im vergangenen Jahr war es bei der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" in Wiesbaden in der Inszenierung des Moskauer Theaters der jungen Generation zu erleben, wo es prompt den Publikumspreis gewann. Und das nicht von ungefähr: Das kurze Stück besticht allein schon mit seiner cleveren Bauweise, die alle Gedanken und Erinnerungen der Figuren sowie die Regieanweisungen zu Dialogen und Monologen formt. Das führt dazu, dass die Figuren ihre Geschichte erzählen, während sie das Drama erleben. Vergangenheit und Gegenwart werden eins, und Imagination und Reflektion treten in Konkurrenz.

Satirische Verzerrung
Ein Kniff, eine Besonderheit, die in Mainz jetzt nur noch am Rande auffällt. Dort hat sich Philipp Löhle, der auch bzw. vielmehr ein Dramatiker ist, das Stück jetzt vorgenommen –  und eine ungestüme Parodie inszeniert. Dabei ist der Text derart verhackstückt worden, dass er seinem Original nur noch ähnelt. Sein Witz ist hin, der Sinn ein anderer. Dabei wäre es doch gerade bei der deutschsprachigen Erstaufführung schön gewesen, den Autor einfach mal beim Wort zu nehmen. Dann würde uns die Hauptfigur Andrej womöglich als ein entfernter Bekannter von Raskolnikow auflauern, ein Büchermensch, der zum Mörder werden soll und sich mit Gedanken plagt, zu denen andere nicht in der Lage sind.

moerder1 552 bettina mueller hSchrille Mainzer Mörderinnen und Mörder © Bettina Müller

In Felix Mühlens satirischer Darstellung schrumpft er zum debilen Allerweltsproleten in Trainingsanzug und weißen Socken, der sein Kreuz um den Hals trägt wie einen x-beliebigen Anhänger. Kein großer Naiver wie bei Moltschanow, sondern ein kleiner haspelnder Schwachkopf mit der Hand am Schwanz, der jedem seiner Sätze ein illiterates "Ja!?" nachschickt. Ein Depp zum Liebhaben. Felix Mühlen spielt ihn auf Pointe und vermittelt wenig vom halbstarken Traumtänzer Andrej, der die Liebe nicht kennt und den neuen russischen Weg auch nicht.

Atemloses Happy End
Ein bisschen Ernsthaftigkeit wäre schön und schlicht angemessen gewesen. So aber erleben wir drei Russen am Rande des Nervenzusammenbruchs, die in Klischees schaumbaden und zum Gotterbarmen brüllen und schreien. Die fleischliche Oksana der Lisa Mies tritt dabei als nuttenschicke junge Frau in Erscheinung, die gerne Kaugummiblasen knallt, Schlüpfer zeigt und nur an die Liebe glaubt, wenn sie auf ihr liegt. Dabei raucht, stöckelt und kreischt sie die meiste Zeit raumgreifend und nicht wahnsinnig originell in der Gegend herum. Gemeinsam mit Andrej soll sie für ihren Ganoven Seka (Zlatko Maltar) Geld eintreiben. Sollte das nicht funktionieren, muss Andrej zum Mörder werden. Ihr Roadtrip führt sie indes erst zu Andrejs Mutter und schließlich in ein atemloses Happy End. Zlatko Maltar übernimmt dabei nicht nur den sagenhaften Russenverschnitt Seka, sondern auch die Rolle der Mutter, die bei ihm als dickes Hexen-Mütterchen, in der linken Hand einen Fisch, in der rechten ein Hackebeil, mit Kopftuch und Haaren auf den Zähnen daherkommt.

Nicht viel mehr als eine Stunde schrillt die Schnodder-Show, die mal auf Horror, mal auf Teeniekomödie macht, vor uns auf und ab. Dabei wartet sie durchaus mit dem einen oder anderen charmanten Moment auf; etwa wenn Oksana und Andrej im Bus sitzen und die Dinge, die am Fenster vorbeiziehen, lautmalen bis sie nur noch "Baum, Baum, Baum" vibrieren oder wenn sie sich im Schlafsack erotisch in die Quere kommen. Der lange Rest gleicht einem hitzig vorgetragenen Jux: Zu flach, um wahr zu sein.

Mörder (DEA)
von Alexander Moltschanow
Aus dem Russischen von Manuela Lachmann
Regie: Philipp Löhle, Ausstattung: Judith Oswald, Dramaturgie: David Schliesing.
Mit: Felix Mühlen, Lisa Mies und Zlatko Maltar.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de


Kritikenrundschau

"Die Moskauer Aufführung, die letztes Jahr beim Festival 'Neue Stücke aus Europa' in Wiesbaden gezeigt wurde, war fast pures Erzähltheater auf engstem Raum", erinnert sich Stefan Keim im Deutschlandradio Fazit (18.4.2013). Philipp Löhle inszeniere nun mehr Aktion, meide aber Verdoppelungen des ohnehin Gesagten. Oder er nutze sie für ironische Pointen. "Selten gelingt es Profischauspielern so überzeugend, die stockende, stammelnde Sprechweise redeungeübter junger Leute zu treffen wie Felix Mühlen als Andrej." Auch Lisa Mies als Oksana demonstriere überzeugend, dass auch ein Staatstheaterensemble Typen von der Straße verkörpern kann, ohne peinlich zu wirken. Auch wenn die Aufführung mehr Witz als Emotion, mehr Tempo als Tiefsinn vermittele, löse sie doch ein mulmiges Gefühl aus. "Das Lebensgefühl aus dem Russland der Jelzin-Zeit wirkt – so wie Alexander Moltschanow es erzählt – überraschend nah."

 
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