Time to say Goodbye

von Christian Baron

Jena, 18. April 2013. Auf die naheliegenden Ideen kommt man selten. Da fristen zwei prominente Texte jahrzehntelang nebeneinander ein Dasein, ohne dass jemand ihre Verbindungen offenlegt; der eine – Shakespeares "Titus Andronicus" – als unreifes Splatterspektakel abgetan, der andere – Kafkas "Brief an den Vater" – als tiefenpsychologischer Schlüssel zum Werk des Prager Dichters gefeiert. Beide literarische Zeugnisse ihrer Epoche, in ihrer Behandlung (Shakespeare explizit-blutig und Kafka reflektiert-neurotisch) unterschiedlich, in ihrer Thematisierung des Vater-Sohn-Konfliktes aber vereint. Ein reichlich diffiziles Verhältnis, weshalb allein schon Christopher Rüpings Versuch, daraus eine stimmige Inszenierung zu kreieren, Anerkennung verdient.

Und ihm ist mit seinem Ensemble die kurzweilige Umsetzung eines stimmigen Aufführungskonzepts gelungen. Einleuchtend zeigt sich hier, wie beide Texte zusammenpassen: Zu Kafkas sprachlich brillant herumdrucksendem Hadern liefert Shakespeares jugendlich-sprunghafte Horrorshow die adäquaten Bilder. Vereint mit Heiner Müllers derber Bearbeitung ("Titus Fall of Rome – Ein Shakespearekommentar") und den eingestreuten Berichten der Schauspieler über eigene Vaterkonflikte entsteht ein wohldosiertes Panorama auf vier Zeitebenen: 1594, 1919, 1984, 2013.

In der Arena der Geschichte
In Shakespeares Vorlage wird gemetzelt, was das Zeug hält. Dreh- und Angelpunkt ist die Vergewaltigung eines jungen Mädchens durch zwei Unholde, die ihrem Opfer die Zunge abschneiden und beide Hände abhacken, damit es sie nicht verraten kann. Bevor das Verbrechen aufgeklärt wird, müssen noch zahllose Köpfe, Hände und Gliedmaßen dran glauben, bis am Ende auch die letzten überlebenden Hauptfiguren abgeschlachtet darniedersinken. Im Zentrum aber steht der oberste römische Feldherr Titus Andronicus, seines Zeichens leiblicher Vater der Geschändeten, der zur Erhaltung seiner Ehre nicht davor zurückschreckt, seine Tochter an den Kaiser von Rom zu verscherbeln und seinen eigenen Sohn kaltblütig zu erstechen.

titus-13 560 joachim dette uSchlucken müssen in einem Vater-Kind-Konflikt beide Seiten – nicht nur Äpfel © Joachim Dette

Das Jenaer Bühnenbild ist eine Stahltribühnen-Arena im Hufeisenformat. In der Mitte agiert die Vaterfigur in römischer Kampfmontur. Von der Tribühne plärren die Söhne und Töchter im Duktus des mit seinem furchteinflößenden, jedoch fast nie körperlich gewalttätigen Vater ringenden Kafka ihren seelischen Schmerz herunter. Die eigentliche Titus-Geschichte wird dagegen überwiegend statisch nacherzählt mit einer ironischen Melange aus Sendung mit der Maus, Montagsmaler und Wahlfach Darstellendes Spiel der 8. Klasse, geremixt mit prätentiös-dämonischen Klängen à la Guido Knopp und der unsäglichen Schmonzette "Time To Say Goodbye".

Heiner Müllers Regietheaterrezept
titus-6 hoch 280 joachim dette uDer kleine Vater als Feldherr, der große Sohn in Unterhose © Joachim Dette Womit der blutrünstige Inhalt des "Titus" freilich zur bloßen Metapher abgekanzelt wird. Ein Spiel mit der Distanz, das Rüping genüsslich auf die Spitze treibt, indem er Müllers Lesart vollständig entpolitisiert. Mit dem "Neger" Aaron nämlich streicht er die wichtigste Nebenfigur heraus. Während dieser im Original noch als Sklave des Kaisers und leiser Bösewicht angelegt ist, interpretiert Müller ihn als Versinnbildlichung der "Dritten Welt", die als revolutionäres Subjekt gegen die sie unterdrückende "Erste Welt" aufbegehrt  ("Der Neger ist sein eigner Regisseur, er zieht den Vorhang, schreibt den Plot, souffliert").

Da sich die Inszenierung auf Müller bezieht, haben wir es hier also mit einem Etikettenschwindel zu tun. Einerseits. Andererseits war es Müller selbst, der 1987 in einem Interview von den Regisseuren seiner Stücke verlangte, sie sollten "das Geschriebene als Assoziationsmittel benutzen, als eine Art Supernova, zu der sie sich etwas einfallen lassen". Und nichts anderes tut Rüping, indem er Kafkas nie abgeschickten Brief (der im Stücktitel in Versalien speziell hervorgehoben wird) und die eigenen Väter der Akteure auf Pappkartons abgebildet ins Rampenlicht zerrt und mehrere ganz persönliche Geschichten erzählt.

Psychische statt physischer Gewalt
Wie die Schauspieler, ständig die Rollen und Geschlechter wechselnd, durch rasche Übergänge vom Ironischen ins Ungehobelte und wieder zurück ein rasantes Event aufs Parkett zaubern und dabei das Herrschaftsverhältnis zwischen Vater und Kind als immerwährender Konflikt zwischen Gesellschaft und Individuum performativ verabsolutieren, ist große Unterhaltung. Trotz aller Heimeligkeit – so viel Texttreue muss dann doch sein – sterben am Ende alle Protagonisten. Nicht jedoch mit dem Schwert, sondern mit einem zärtlichen Kuss werden sie, ganz in der Jetztzeit der tabuisierten physischen und der umso reger angewandten psychischen Gewalt, zu Tode geliebt.

Vom Ende her gedacht, wird Rüpings bitterböses Generationendrama damit vollends zum zeitlosen Porträt bürgerlicher Mitteklassefamilien: Auf allen vier Ebenen hat man es mit dominanten, doch heiß geliebten Vätern zu tun, die bemüht sind, ihren Kindern neben bescheidenem materiellen Wohlstand auch das in die jeweilige Zeit passende "Beste" zukommen zu lassen – und damit scheitern müssen.

Titus Andronikus - BRIEF AN DEN VATER
nach William Shakespeare, Franz Kafka und Heiner Müller
Regie und Textbearbeitung: Christopher Rüping, Dramaturgie: Jonas Zipf, Bühne/Kostüme: Veronika Bleffert, Benjamin Schönecker, Musik: Christoph Hart.
Mit: Johanna Berger, Benjamin Mährlein, Lena Vogt, Yves Wüthrich, Matthias Zera.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Ensemble und sein Regisseur probieren ihre Mittel", so beschreibt Henryk Goldberg den Abend in der Thüringer Allgemeinen (20.4.2013). Mit Kafka habe das wenig zu tun. Die beiden Texte berührten sich kaum wirklich, die Konzeption des Vater-Sohn-Konfliktes sei eine Konstruktion. "Aber die Inszenierung funktioniert wirklich." Und zwar "heiter und ernsthaft in einem". Nur eben, dass Shakespeare nicht die Bilder zu Kafka liefere: nur zu sich selbst. "Schade, dass sie nicht nur den 'Titus Andronicus' inszeniert haben mit ihren Mitteln, das hätte einen großartigen Abend abgeben können. So wurde es ein guter."

Rüping und Zipf haben "einen tollen Text erarbeitet und Schauspieler gefunden, die dieses ambivalente Gemenge auf den Punkt spielen", findet Angelika Bohn in der Ostthüringischen Zeitung (20.4.2013). "Der stetige Wechsel ist hochspannend und dicht und wirkt doch leicht und spielerisch, wie ein Work in progress." Rüping betone mit der Splatterkomponente das Absurd-Groteske der Andronicus-Geschichte, "doch ganz als barbarische Vergangenheit abhaken lässt sich nichts. Auch das entwickelt diese gescheite und genaue Inszenierung."

 

 
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