Kein Sex im Nest

von Cornelia Fiedler

Landshut, 26. April 2013. "The Village Bike", dieser für Nicht-Muttersprachler harmlos klingende Stücktitel bedeutet mehr als nur "Dorffahrrad". Als Beleidigung verwendet heißt "village bike" so etwas wie "Dorfmatratze", beschreibt also eine Frau, die angeblich jeden ran lässt. Und schon sind wir mitten im Diskurs über sexuelle Freiheiten und darüber, wer die Macht hat, diese zuzugestehen oder zu verweigern.

Die oft als feministisch bezeichnete junge britische Dramatikerin Penelope Skinner entwickelt rund um diese Fragestellung einen Plot, der ganz offensiv auf Unterhaltung setzt und eher nebenbei ein paar bittere Erkenntnisse liefert. Anatol Preissler hat die deutsche Erstaufführung des Publikumserfolgs aus London unter dem Titel "Freihändig (The Village Bike)" am Landestheater Niederbayern inszeniert – einem Zusammenschluss der Theater Landshut, Straubing und Passau, der ein ungewohnt breites Programm an Musik- und Sprechtheater für alle drei Häuser ermöglicht.

You can't always get what you want

Mit ihrer Schwangerschaft und dem Umzug aufs Land findet sich die junge Lehrerin Becky, gespielt von Katharina Elisabeth Kram, unerwartet in einer speziellen Form der Pärchenhölle wieder. Ein süßes Kinder-Mobile mit Tierfiguren, das sich zu leisen Glockenspielklängen von "You Can't Always Get What You Want" dreht, wird bei Preissler zum tragikomischen Symbol dafür: Beckys Mann John nämlich, bei Tobias Ulrich bis zur Schmerzgrenze fürsorglich, konzentriert sich plötzlich voll und ganz auf Nestbau, Elternratgeber und ethisch korrektes Einkaufen. Er verweigert aber den Sex – während Becky unstillbare Lust entwickelt.

freihaendig2 560 peter litvai uSoll sie was mit dem Klempner anfangen? Katharina Elisabeth Kram als sexuell frustrierte Becky. © Peter Litvai

Alle Verführungsversuche scheitern, und so bietet sich der vergleichsweise weltmännische Dorf-Casanova Oliver als Erfüllungsgehilfe für die zunehmend härteren erotischen Phantasien Beckys an. Eigentlich hat er ihr nur ein gebrauchtes Fahrrad verkauft, doch nun wird dieses im doppelten Sinn zur Fluchtmöglichkeit aus der häuslichen Enge, deutlich versinnbildlicht im verschachtelten Cottage-Bühnenbild von Karel Spanhak, das ebenso hübsch wie erdrückend ist.

Prollig, charmant, brutal

Penelope Skinner setzt auf fernsehtaugliche Unterhaltung, auf komische Zuspitzung, frivole Freud'sche Versprecher und sinnfällige Missverständnisse. Sie hat "The Village Bike" auf Einladung des Young Writers' Programme am Londoner Royal Court Theatre, einer der wichtigsten britischen Bühnen für zeitgenössische Dramatik, geschrieben. Skinner überzeichnet ihre Figuren, ohne sie jedoch auf banale Typen festzulegen.

Entsprechend erlaubt auch die Landshuter Inszenierung, die nah am Text bleibt, Uneindeutigkeiten, etwa bei Oliver, den die Mischung aus Charme und abschätziger Prolligkeit für Becky so attraktiv macht. Jochen Decker spielt ihn von Anfang an mit unterschwelliger Brutalität, und es wird zunehmend unklar, was erotisches Rollen- und was reales Machtspiel ist. Einmal, als die Leichtigkeit der Affäre längst verflogen ist, sitzen beide steif nebeneinander auf der Couch. Becky starrt zu Boden, ringt um Worte für das, was sie fühlt. Da hebt der sonst so harte Oliver langsam die Hand, will ihren gebeugten Rücken streicheln, stockt aber rechtzeitig, lässt sie zurück aufs orangegemusterte Velours sinken: Trost wäre fehl am Platz, jede Zärtlichkeiten fatal, so sind die Regeln.

freihaendig3 560 peter litvai uJohn (Tobias Ulrich) und Becky (Katharina Elisabeth Kram) in der Pärchenhölle. © Peter Litvai

Wie Tierchen am Mobile

"The Village Bike" ist als Boulevard-Stück mit soft-provokanten Freizügigkeiten angelegt und wirkt stellenweise notwendig banal. Doch am Ende steht da unversehens das Porträt einer Gesellschaft, in der keiner zum anderen findet, keiner bekommt, was er braucht, keiner bereit ist, etwas zu geben oder auch nur zuzuhören. Wie die Tierchen am Mobile kreisen alle Beteiligten, von den drei Hauptfiguren bis hin zu Klatschtante Jenny (Antonia Reidel) und Klempner Mike (Reinhard Peer), nur um sich selbst. Becky wird brutal in die starren Grenzen der Moral zurückgestoßen, die unbeeindruckt von der angeblichen sexuellen Revolution vor allem für Frauen fortbestehen.

Ganz am Ende bricht Preisslers Inszenierung plötzlich mit der Linie der Autorin, endet mit einem seltsam aufgesetzten tribunalartigen Eklat. Das wirkt letztlich schwächer, als Skinners eigenartig ungeschliffener Schluss. Denn bei ihr wird jedes kathartische Moment verweigert, verspricht das verlogene familiäre Weiterleben die eigentliche Qual.

 

Freihändig (The Village Bike)
von Penelope Skinner, Deutsch von Friederike Engel
Regie: Anatol Preissler, Ausstattung: Karel Spanhak, Video: Florian Rödl, Dramaturgie: Dana Dessau.
Mit: Katharina Elisabeth Kram, Tobias Ulrich, Jochen Decker, Antonia Reidel, Reinhard Peer.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.landestheater-niederbayern.de

 

Der Regisseur Anatol Preissler arbeitete mit Ausstatter Karel Spanhak auch schon für die Inszenierung von Ingrid Lausunds Stück Bandscheibenvorfall zusammen, das im Dezember 2012 am Theater Trier herauskam.


Kritikenrundschau

"Freihändig" könne man "als Boulevardkomödie mit Tiefgang bezeichnen", sagt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (29.4.2013). Die Autorin Penelope Skinner, "das feministische Sprachrohr ihrer Generation", denke "über weibliche Identität, Rollenbilder und sexuelle Macht nach, allerdings nicht mehr in den feministischen Kategorien der ersten Generation". Die Landshuter Inszenierung in der Regie von Anatol Preissler "ist unterhaltsam und humorvoll, arbeitet aber auch den beklemmenden Subtext jenseits von einfachen Gut-Böse-Zuschreibungen heraus."

Von zurückhaltenden Publikumsreaktionen berichtet Katrin Filler in der Landshuter Zeitung (29.4.2013), was gleichwohl nicht an Schauspiel, Regie und Bühnenbild gelegen habe. "Aber das Stück über sexuelle Hörigkeit ist eher statisch und sicher nicht jedermanns Sache." Die Beobachtung der Dorfgemeinschaft, die Regisseur Anatol Preissler vorgeschwebt habe, "gingen schlicht in dem großen Thema Sex unter". Nebenaspekte würden in dem Stück kaum durchkommen, denn hier ist "alles, jeder harmlose Satz, sexuell aufgeladen, weil Protagonistin Becky vor unerfüllter Begierde beinahe platzt. Katharina Elisabeth Kram spiele diese Becky "großartig".

Über das "lausige Stück" und eine Uraufführung, die sich "zur Farce auswächst" (was gleichwohl nicht am Ensemble liege), berichtet Christian Blümel im Landshuter Wochenblatt (2.5.2013). Die "Bettgeschichten" der Protagonistin würden für zwei Folgen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" reichen. "Oder für ein windiges Softpornostreifchen. Was sie auf der Bühne des Stadttheaters verloren haben. Bleibt mir verborgen."

Auch Michaela Schabel ist in Landshut aktuell (2.5.2013) nicht überzeugt von diesem Abend und der "recht banalen boulevardesk stilisierten Ehekrise zwischen Hormonschwankungen und Ökofanatismus, in der, abgesehen von den gekonnt dargestellten Sexszenen, vieles sehr plakativ, pathetisch aufgesetzt wirkt". Das Problem liege "zum einen an dem flachen Text, dessen Pointen und Sprachwitz in der deutschen Übersetzung (Frederike Engel) wenig zur Wirkung kommen, noch mehr an der Eindimensionalität der Figuren und simplen Dreiecksgeschichte."

Es sei kein Wunder, schließlich sei nicht nur in Hochsprache über Sex gesprochen worden, dass Zuschauer in der Pause gegangen seien, schreibt Edith Rabenstein in der Passauer Neuen Presse (13.5.2013). Konflikte und Fragen des konventionell gebauten Stückes bestächen. Bemerkenswert die "sehr detaillierte Personenregie" von Anatol Preißler und die "bestechende Darstellungskraft" der Schauspieler, an erster Stelle die "wunderbare" Katharina Elisabeth Kram, "hoch nervös in ihrem Begehren". Insgesamt haben eine Autorin und die Inszenierung "den Punkt getroffen".

Fritz Greiler schreibt in der Passauer Woche (15.5.2013): Wenig Lust schienen die Passauer auf das Stück zu haben - halb leere Ränge. Was schade sei, denn die Darsteller zeigten sich "in bester Spiellaune", "besser noch": sie "ließen vergessen, dass sie Rollen spielten". In Form eines "doch sehr unterhaltsamen Theaterstücks" werde verdeutlicht, dass es "kein typisch Mann und Frau gibt", und dass "auch Frauen dasselbe Recht auf sexuelle Erfüllung und Freiheit haben wie die Männer". Sie Inszenierung sei "kompakt", der Regisseur dränge seine Darsteller nicht "zu übertrieben obszöner Effekthascherei".

 

 
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