Vom Tanz der Paranoia

von Anne Peter

Berlin, 14. Dezember 2007. Purer Zufall, sagt die Schaubühne. Purer Zufall, dass sich sowohl Haus- und Autorregisseur Falk Richter als auch Stamm-Choreographin Constanza Macras dem Phänomen der so genannten Gated Community, der behütet eingepferchten Mittelstands-Wohnsiedlung annehmen. Purer Zufall, das suggeriert natürlich: da ist was dran, an diesem Thema.

Die Gated Community als Metapher eines angstbesetzten Ersteweltlebens. Purer Zufall? Schade eigentlich. Sonst könnte man es der Schaubühne wirklich hoch anrechnen, dass sie am eigenen Haus ein derartiges Experiment anzettelt und die verschiedenen Theaterformen so direkt den Vergleich miteinander antreten lässt: auf der einen Seite das spiegelblank unterkühlte Richter-Arrangement, dort die schmutzig bunte Macras-Mischung. "Im Ausnahmezustand" heißt das Anfang November uraufgeführte Drama bei Richter (wir haben berichtet), Macras nennt ihre Tanzstückentwicklung nach einer argentinischen Variante des bewachten Wohnens schlicht "Brickland", eine Variante, für die vor Ort recherchiert und gefilmt wurde.

Verkorkste Siedlungsfreaks
Der erste Versuch behandelt das Thema und seine Figuren, diese bürgerlichen Subjekte mit ihren Abstiegsängsten, mit identifikatorischem Ernst und versucht, deren zerrüttete Wohlstands-Seelen anzubohren, was mehr oder minder auf eine psychologische Spielweise in realistischem Wohnzimmer-Setting hinausläuft. Im Laufe der Richter'schen Ehekrisendialoge kommt man schließlich dahinter, dass diese Community-Einwohner innen drin ganz schön kaputt sein müssen.

Macras hingegen überspringt mit ihrem Dorky Park-Ensemble die Einfühlung in die privilegierten Problemhaber einfach und landet schnurstracks im wüsten Aufs-Korn-Nehmen der verkorksten Siedlungsfreaks, die sich zwischen einem Gartenplateau inklusive weißem Kitschbrunnen links und hoch gezogener Mauerschanze mit dahinterliegenden Wohnräumen rechts ihre vermeintlich heile Welt eingerichtet haben.

Gleich zu Beginn stolpert die neu zur Gruppe gestoßene Ana Mondini zu ohrenbetäubendem Schlagzeug immer wieder aus ihrer bemühten Schickeria-Haltung heraus in unkontrollierte Zuck- und Ruck-Bewegungen, nach denen stets die Haare wieder glatt gestrichen und die Schritte betont lässig gesetzt werden müssen. Bis zum nächsten abgehackten Ausbrechen des Körpers, den die Paranoia packt.

Vom Golf zum Sex und wieder zurück
Was Bibiana Beglau und Bruno Cathomas bei Falk Richter erst allmählich hochspielen, wird hier mit dem ersten Tanzsolo sofort skizziert. Gern erzählt die aus Buenos Aires stammende Choreographin, ihr größtes Kindheitstrauma sei der Verlust des familieneigenen Swimmingpools gewesen.

Diese Selbstironie ist als Grundhaltung vieler ihrer Arbeiten spürbar und wird auch von den Tänzern verlangt. Meisterin darin ist Jill Emerson, die hier wie eh und je blondbezopft mit Strahlelächeln das American Girl gibt, herrlich selbstmitleidig herumlamentiert, während sie nebenbei ein paar Mittänzer mit dem vor Langeweile geschwungenen Golfschläger ummäht.

Überhaupt treibt man in dieser Community so einiges, um das gleichmäßig auf Vorgartengröße getrimmte Leben kreativ und sexy zu gestalten: man treibt Sport oder man treibt es miteinander, was bei Macras mitunter in einer kollektiv beckenbewegten Möbel-Masturbationsszene ausarten kann. Man besingt die Vorzüge der Ehe und intoniert orgelunterlegt das Hochzeitsmenu, spielt Badminton, lernt Afro-Tanz, richtet eine Müll-Party, Eigentümerversammlungen und unzählige Barbecues aus.

Wobei die Grillhandschuhe auch schon mal Feuer fangen oder vom Rost ein Rauch aufsteigt, aus dem man den unguten Zusammenhang zwischen Waldabholzung und Sojamilch-Produktion orakelt, die vornehmlich dazu dient, irgendwelchen Globalisierungsgegnern den Kaffee aufzuhellen. Zwischendurch tyrannisiert man seine natürlich unterbezahlten und natürlich ausländischen Hausangestellten, die sich auf ihre Art wehren – herrlich wütend rappt die Koreanerin Hyoung-Min Kim Asiaten-Klischees durch.

Das Sprudeln der Ersatzhandlungen
Macras konzentriert sich vor allem auf die bei Richter nur angedeuteten Ersatzhandlungen, mit denen man sich das selbst erschwerte Leben wieder aufpeppen will. Alles Auswüchse der Middle-Class-Angst, die die Gemeinschaft mit aberwitzigen Überlebensregeln überzieht, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollen und im Innern doch genau das Gegenteil provozieren. Der Lebenshunger entlädt sich angesichts der umhegten Künstlichkeit im Exzess.

So wird reichlich Raum für typisch Macras’sches Chaos geschaffen, in dem die szenischen Ideen – nicht immer gegen den Verdacht des beliebig werdenden Anlasses gefeit – nur so sprudeln, für wirbelnde Gruppentanz- und schmetternde Gesangseinlagen sorgen, bei denen die alles gebenden Allround-Performer von einem famosen Musiker-Trio (Claus Erbskorn, Almut Lustig, Ulf Pankoke) unterstützt werden, denen eine Schubert-Melodie durchaus zum Schlager geraten kann.

Nach Falk Richters grau gelackter Fassadenbröckelung, die als düstere Zukunftsvision mit Beklemmungspotential daherkam, legt Constanza Macras nun also eine denkbar farbenfrohere Version der Gated Community nach. Und da guckt man ziemlich gern über die Mauer.

 

Brickland
Regie und Choreographie: Constanza Macras, Bühne: Christof Hetzer, Kostüme: Gilvan Coelho de Oliveira, Musik: Claus Erbskorn, Almut Lustig, Ulf Pankoke.
Mit: Knut Berger, Nir De-Volff, Jill Emerson, Jared Gradinger, Hyoung-Min Kim, Ronni Maciel, Ana Mondini, Angela Schubot, Gail Sharrol Skrela.

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Ehe sie auf Constanza Macras' Abend zu sprechen kommt, lässt es sich Christine Wahl auf Spiegel online (15.12.2007) nicht nehmen, Falk Richters Inszenierung "Im Ausnahmezustand" nochmals zu schmähen: Er schon habe "restlos unser aller Ahnung bestätigt, dass hinter der großbürgerlichen Fassade der pure Kleingeist auf der Nobelsitzgruppe hockt: Abstiegsangst, Konkurrenzdruck, Ehefrust, Sozialneid, Boshaftigkeit". Bei der "bekennenden Eklektikerin und dem selbst ernannten MTV-Junkie" Macras sei nun "Ähnliches" zu erfahren. Die Inszenierung zeige einen "Edelknast", und wer da rein wolle, müsse "ziemlich bescheuert" sein. "Ernst zu nehmende Therapeuten würden der gesamten Einwohnerschaft eine Gruppentherapie gegen Reinlichkeitszwang sowie mindestens drei Monate Produktionsschichtbetrieb gegen den Sinnverlust verordnen." Das lasse die Inszenierung "ziemlich witzig" ausschauen, wenn Macras aber "doch mal ein bisschen ernst werden will, wirkt es eher peinlich". Sonst werde sich zwar "schön ruppig an den Kragen gegangen", und es bestehe "kein Zweifel", dass die Akteure "auch im Schlüpfer sehr gut aussehen"; das aber wusste Frau Wahl "alles schon" vorher.

In der Schaubühne, schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (16.12.2007), setze man sich beherzt gegen "Idyllenterror" zur Wehr. Weshalb es am Ende des Abends wohl überhaupt keine "Menschheitskrise" gebe, die nicht mal aufs Tapet gebracht worden sei. Handgreiflicher als Falk Richter ginge Macras das Thema Gated Communities an, "rabiate crashtests" lieferten sich ihre Darsteller. Sie wolle in "Brickland" "Klassen-, Rassen- und Geschlechtergrenzen attackieren", dazu müssten sich die Akteure "in wilden Keilereien verausgaben oder sonst wie die Sau rauslassen". Mittlerweile beherrschten die "Tänzer mit der stählernen Konstitution von Stuntmen und Stuntgirls alles – von der Autoaggression über Schlamm-Catchen bis zur sexuellen Nötigung." Doch bei diesem "Rundumschlag" bleibe die Satire "auf der Strecke".

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (16.12.2007) schreibt Katharina Eulenburg, Macras habe "eine ganz und gar allgemeine Anklage auf die Bühne gehievt", in der "beinah klassisch gewordenen Verkleidung von trashigem Tanztheater und mit allen erwartbaren Zutaten"."Brickland" sei von allem "nur ein bisschen": bisschen Tanz, bisschen Theater, bisschen Film und ein bisschen Musikpotpourri. Allein die Filmsequenzen besäßen "Form". Auf der Bühne herrsche "zu viel Gleichzeitigkeit" aber "zu wenig Stringenz". Es bleibe "Abbild", dem jene "Genauigkeit fehlt, ohne die eine ernstzunehmende Kritik an sozialen Zuständen nicht funktioniert". Doch obschon einem die zwei Stunden lang würden, bliebe am Ende "eine unbestimmte Unruhe", die "nicht nur durch diese Art des Tanztheaters in einem geweckt wurde, sondern durch das, was auch im Abziehbild noch an die Welt erinnert".

Laut Michaela Schlagenwerth (Berliner Zeitung, 17.12.2007) sei es nicht so, "dass Constanza Macras, die schon immer wild Pop und Trash sowie U- und E-Kultur durcheinander zu schütteln pflegt, diesmal besonders laut und penetrant und schmutzig wäre". Vielmehr habe sie ihre "Mittel erweitert". Und so gebe es "auch witzige, ganz und gar auf den Punkt gebrachte Szenen". Dennoch sei es "irgendwie das gleiche Credo wie in jedem Macras-Stück. Aber da, wo es früher überraschend war und konfrontativ und brutal nervig, weil es nicht anders ging, ist vieles längst in bloße Form übergegangen". Vielleicht sollte Macras, empfiehlt die Kritikerin, "einfach mal ein Stück riskieren, in dem Wünsche mehr sind als bloß etwas Abgefucktes, das nur in Kaputtheit enden darf". In einer Szene fällt aber ihr ein, "dass Theater ja so sein kann, so wach, so großartig bei sich". Aber in der Regel machten alle "nur tapfer ihren Job".

Arnd Wesemann schreibt, ach was schreibt, singt in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2007) eine beseelte Hymne auf "diese grandiose Truppe namens Dorky Park" und ihre neueste Produktion. Eine Kostprobe: "Brickland ist eine Tragödie. Sie findet keinen Schuldigen an der Gewalt, die mitten im geschützten Luxus ausbricht, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, beim braven Federballspiel, bei der Insassenversammlung, die demokratisch die Schrittgeschwindigkeit zum Schutze der Kinder beschließt … Jeder Korrekte stakst um die Verbote wie um Landminen herum. Um sich anzupassen, erleidet man mit jeder neuen Vorschrift in diesem gleichwohl auf Deutschland gemünzten Lagerleben eine Verletzung. Die Tänzersippe haut sie sich als schallende Ohrfeigen um die Ohren. Da steckt weit mehr Wut drin, als im erstaunten Gelächter des Publikums widerhallt."

 
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