Arg, ärger, Argos

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. Dezember 2007. Schuld wäscht sich so leicht nicht ab. Da braucht es mehr als das sonnabendliche Vollbad. Sieben Badewannen stehen im Breitwandformat der Bühne (Robert Schweer) des Düsseldorfer Schauspielhauses. Sieben ältere Herren, durch Pelzmützen am bloßen Leib als Kolchose-Mitglieder oder zumindest sozialistisch determiniert ausgewiesen, tun singend mit beim Aufbau einer besseren Zukunft.

Das Gesellschaftsmodell Argos jedoch, per Lautsprecherstimme in der horriblen Genealogie seines Königshauses wiederholt dargelegt, muss zunächst seine Vergangenheit bewältigen. Das will nicht gelingen, macht uns Lars-Ole Walburg weis, wenn am Ende seiner "Orestie" dem frei gesprochenen Muttermörder Orest neuerlich ideologisch kontaminierte Sanges-Töne ans Ohr dringen.

Scheitern indes kann auch die Inszenierung für sich beanspruchen, und zwar derart stupend, dass sie sich wie die Karikatur von Regietheater ausnimmt, und in ihrer formalen Aufdringlichkeit und intellektuellen Schlichtheit bei großspuriger Schlaubergerei ihresgleichen sucht.

Unsere griechischen Brüder und Schwestern
Auf kurz oder lang, die Theater kommen um die griechische Tragödie nicht herum. Ob blutiger Schlachthof, Ethno-Kitsch oder Kolportage, ob ironische Brechung des hohen Tons an den trivialen Klangräumen unserer Daily Soaps oder unerbittlich gestrenger Redemarathon: Alles ist möglich und so oder ähnlich zu betrachten. Mama Medea, die hybriden Perser, die ausgeflippten Bakchen, Ödipus' Sippe und im Besondern die Familienbande der Atriden, die erst der Olymp entwirrt – stehen sie uns nicht in gewisser Weise näher als Goethes klassische Iphigenie?

Wir stehen in Abhängigkeitsverhältnissen, sei es von den Göttern Griechenlands, von der Fremdbestimmung und Einsicht, nicht Herr im eigenen Haus oder bloß Schaltfunktion im biochemischen Prozess zu sein. Und außerdem, der Himmel ist leer, der Mensch allein – "Die Fliegen" summen um den vaterlosen Gesellen Orest. Der Sohn hat den Mord an Agamemnon gerächt, der seinerseits für ein Vergehen getötet wurde. Dem griechischen Sieg über Troja opferte er die Tochter Iphigenie, was seine Gattin Klytämnestra ihm nicht verzieh. Bei seiner Rückkehr erschlug sie ihn gemeinschaftlich mit dem Geliebten und Nebenbuhler Äghist.

Postsozialistische Maskerade
In vergangenen Jahren haben Wolfgang Engel, Andreas Kriegenburg, Volker Lösch, Karin Neuhäuser, Stefan Pucher, Michael Thalheimer Aischylos' Atriden-Saga erzählt. Nun begibt sich also Walburg an die Arbeit am Mythos. Er formt weniger, als dass er performt. Nachdem er Grillparzers "Medea" 2005 in Basel zur Asylantin im Kampf der Kulturen modernisierte, maskiert er in Düsseldorf Argos als irgendwie postsozialistisch realistischen Überwachungsstaat.

Was aber weiter keine Konsequenzen hat, weil die archaischen Muster – oder was man hier dafür hält – in jaulendem Singsang und blutiger Metzgerei ebenfalls wirksam werden und ganz nebenbei solche alberne Sudelei und Balgerei eine Verhöhnung des Düsseldorfer Gosch-"Macbeth" darstellt. Dies nicht genug, ist die Aufführung überpudert von einem melodramatisch, sentimental aufgemotzten, musikalisch und videotechnisch penetrant begleiteten Deko-Stil, in dem ohnehin keine Figur zur Kenntlichkeit gelangt.

Ohne Worte
Der männliche Chor trägt die Kleider der Trümmerfrauen und intoniert scheppernd "Wir sind das Volk"; Klytämnestra rauscht als pompöse Madame daher wie von der "Bambi"-Verleihung; der Bote hängt ab als suizidales Kriegsopfer; Kassandra zuckt auf hohen Pumps (offenbar der aktuell-antike Sklavinnen-Chic); Elektra macht sich dadurch bemerkbar, dass sie gegen das öffentliche Rauchverbot opponiert; Äghist outet sich als Grabscher und fordert als böser Schleicher ein "Ministerium für Heimatschutz"; Orest sieht aus wie ein griechischer Schlagersänger, der zwischendurch mal eine "Led Zeppelin"-Nummer riskiert; der Areopag funktioniert als Medien-Demokratie mit Athene (Silvia Fenz von schlichter Vornehmheit) in Moderatoren-Rolle wie aus Guido Knopps ZDF-Geschichtskursen. All die fruchtlosen Regie-Einfälle aufzulisten, verbietet nicht nur die Ökonomie, sondern auch der Geschmack und die Einsicht in die Vergeblichkeit dieser Anstrengung.

  

Die Orestie
des Aischylos
Deutsch von Walter Jens
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Kathrin Krumbein, Musik: Tomek Kolczynski, Video: Stefan Bischoff.
Mit: Philine Bührer, Andrea Casabianchi, Silvia Fenz, Nadine Geyersbach, Christoph Müller, Christiane Roßbach, Markus Scheumann, Tanja Schleiff, Götz Schulte, Pierre Siegenthaler, Simin Soraya, Katja Stockhausen, Hans-Jochen Wagner.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Von der "fundamentalen Ohnmacht des Menschen, seinem unausweichlichen zugleich Täter- und Opfersein", die Dorothee Krings von der Rheinischen Post (17.12.2007) in der "Orestie" verhandelt wissen will, sei bei Lars-Ole Walburg "wenig zu spüren. Indem er Klytaimnestra und deren Geliebten zu Despoten eines Spitzelstaats macht, nimmt er ihnen jeden positiven Zug, der den späteren Mord an den beiden erst tragisch erscheinen ließe." So müsse sich der Zuschauer "nicht mit zwiespältigen Empfindungen quälen, die Sympathien sind allzu klar verteilt". Zudem schwanke die Inszenierung "auf eigentümliche Weise zwischen groß bebildertem Pathos und Parodie". Längen habe der Abend zwar nicht, "aber auch weniger Tiefe, als dieser gewaltige Antikenstoff verdient".

Michael-Georg Müller bemerkt in der Neuen Rhein Zeitung (17.12.2007), dass Lars-Ole Warburg in seiner "Orestie"-Inszenierung "auf die Kraft der Bilder und Unterhaltung" setze. Psychologische Tiefe dagegen erhielten die Figuren nur selten. Langeweile komme zwar keine auf, allerdings werde "der Weg vom Prinzip ‚Auge um Auge’ in die moderne Zivilisation" dann auch "eher oberflächlich und in Klischees nachgezeichnet". Dabei beginne es "vielversprechend mit dem Chor der alten Männer, die aus sieben Badewannen steigen und die blutrauschende Familientragödie kommentieren". Diese würden aber bald "von den Albernheiten der Regie verdrängt". 

In der FAZ (19.12.2007) nimmt Andreas Rossmann kein Blatt vor den Mund: "Baden geht Lars-Ole Walburgs Verwässerung der 'Orestie' von Anfang an." Der Umgang mit dem Stoff würde "Geschichte wie einen Kostümfundus plündern." Assoziation dient nur "als Krücke der Beliebigkeit". Anything goes, "aber nichts auf Robert Schweers Bühne geht tief genug, um dem antiken Drama eine halbwegs verbindliche Lesart abzugewinnen." Nicht nur, dass die "hereinstöckelnde Elektra" erst mal "Werbesprüche gegen das Rauchverbot mosert", Orest kehrt im "offenen Halbstarkenhemd und mit Altrockermähne aus der Fremde zurück", und "die Eumeniden sind knackige Mädels in kurzen Leibchen, die sich die Gesichter mit Blut einschmieren." Rossmann hält in seiner Doppelbesprechung Oliver Reeses Carver-Abend zumindest für diskutabel, Walburgs "Orestie" aber sei ein "Debakel: Rauchzeichen eines Theaters, das sich in der Dauerkrise einrichtet."

 

 

 
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