Die Farbe der Revolution

von Stephanie Drees

Hannover, 19. Juni 2013. In der Aufführungspraxis von Tschechows "Iwanow" gibt es die Tradition der gepflegten Tee-Melancholie. Gemeinschaftlich um den Samowar sitzend lässt es sich gut depressiv sein – so wurde das Selbstmitleid des verarmten Landadels schon von manchem Regisseur illustriert.

Inmitten des ganzen Intellektuellen-Elends: Nikolaj Alexejewitsch Iwanow, Mitglied der Behörde für Bauernangelegenheiten und eine wandelnde Charakterbaracke. Moralisch desorientiert, ziellos und verschuldet fristet der einst wohlhabende Mann ein Leben in der Warteschleife. Auf Sascha, die junge Tochter der wohlhabenden Familie Lebedew, hat er ein Auge geworfen. Die ihm Angetraute Anna lässt er in ihrer tödlichen Krankheit langsam vor sich hin siechen: Krebs ist die Diagnose auf der hannoverschen Bühne, wo mit "Iwanow" das internationale Festival "Theaterformen" eröffnet wird.

iwanow1 560 mani lotfizadeh uHassan Madjooni als Lethargiker Iwanow auf dem Sofa. © Mani Lotfizadeh

Irgendwann irgendetwas ganz anderes

Dort sitzt ein Mann mit dicht behaarten Unterschenkeln und resigniertem Blick auf dem heimischen Sofa, eingehüllt in eine Karodecke. Hinter ihm hängt die patente und von Leben und Ehe gleichermaßen desillusionierte Ehefrau die blütenweißen Bettlaken auf – fein säuberlich, eins nach dem anderen. Doch dieser Moment liegt jenseits von Unschuld und Neubeginn.

Auf den Ohren trägt der Hausherr Kopfhörer, sie lassen ihn wie Mickey Mouse mit Antriebsschwäche aussehen. Mit seinem Walkman macht er einen Englischkurs, aus dem Off kommen die Lektionen. Die Sprache muss man können, schließlich könnte man ja irgendwann irgendetwas ganz anders machen. Auswandern zum Beispiel. Doch allein die Sitzposition macht klar: Der in sich versunkene Lethargieberg Iwanow wird sich nirgendwo hin bewegen.

Dieser Iwanow, wie ihn die Inszenierung der iranischen "Mehr Theatre Group" präsentiert, ringt nicht mal mit einer Fassung. Er ist lebendige Stagnation. Der Antiheld ist hier nicht nur die Hauptfigur, er ist vielmehr ein Statement – das Sinnbild einer gesellschaftlichen Diagnose.

Der Wille zum Ernstmachen

Festivalleiterin Anja Dirks hat mit der Auswahl dieser Inszenierung eine ebenso mutige wie gute Entscheidung getroffen. Schon zur Eröffnung des Festivals wird damit der Wille zum Ernstmachen deutlich, und das immanente Versprechen der Theaterformen, politische Realitäten ästhetisch zu verhandeln, geht an diesem Abend auf wundersame Weise auf. Die Analyse des Regisseurs Amir Reza Koohestani fällt für sein Land, den Iran, gleichermaßen klar und bitter aus. Seht: Das sind die Menschen, das ist ihr Leben nach dem Versuch des Aufbegehrens. Gezeichnet von den Mühen des Protestes.

Als 2009 Bürger wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs auf die Straßen gingen, strahlte das eine große Hoffnung aus. Die Geschehnisse im Iran wurden als Anstoß für eine ganze Emanzipationsbewegung im Nahen Osten gedeutet. Mahmud Ahmadinedschad ist nun nicht mehr im Amt. Doch er hat ein Land hinterlassen, in dem Existenzsorgen, politische Resignation und Zukunftsangst den Willen zum Aufbegehren erstickt haben. Das ist Koohestanis These – Fleisch geworden in Iwanow. Um dieses Zentrum herum bewegen sich alle Figuren in ihrer ureigenen Egozentrik und tratschen zwischen Partysofa und Sterbebett. Auf der Handlungsebene passiert nicht viel. So können die Figuren wie ziellose Flipperkugeln umeinander herum irren und sich dabei in ihren ganz eigenen Privatismen verlieren. Geld, Ehre, Liebe, Geschäft.

iwanow2 560 mani lotfizadeh u© Mani Lotfizadeh

Facebook, Twitter, Jetztzeit

Koohestanis "Iwanow" bezieht sich einerseits auf eine klar bestimmbare Jetztzeit. Da gibt es Facebook, gibt es Twitter, der Gossip, den die Familie Lebedew auf dem Partysofa von sich gibt, findet auch in den sozialen Netzwerken dieser Zeit seinen Nachhall. Über die Geschichten zu Iwanows Bauchtattoos wird in einem sehr modernen Duktus gelästert. Gleichzeitig spielt diese Inszenierung aber auch in einer eigenen, verinnerlichten Welt. Die Seelenzustände der Figuren sind die eigentliche Kulisse der Inszenierung.

Tschechows Vorlage wird hier als eine Art Matrix benutzt, in der die Menschen ab und an den inneren Vorgang lüften. Allen voran ist da Hassan Madjooni als titelgebender Antiheld. Selten hat man gesehen, wie ein Schauspieler über eine Negativ-Spannung des Körpers so viel zu erzählen vermag, wie Präsenz ohne Mimik funktionieren kann. Durch diese schillernde Lethargie wird auch das Spiel der Anderen größer. Vor allem das selbstbestimmte Handeln der Sascha, die bei Koohestani die Zukunftsunfähigkeit ihres Geliebten als Handlungsanweisung sieht.

In Verbindung mit dem klugen Lichtkonzept steht am Ende dieses iranischen "Iwanow" die potentielle politische Aufforderung. Die junge Geliebte ist hinfort, beharrte Beine liegen über dem Rand des geräumigen Ehebettes. Dann taucht eine Projektion die Schlafstätte in grünes Licht. Grün wie die Farbe der Revolution.

 

Iwanow
nach Anton Tschechow
Deutsche Übersetzung von Angela Tschorsnig und Kourosh Betsarkis
Text und Regie: Amir Reza Koohestani, Bühnenbild: Amir Hossein Ghodsi, Amir Reza Koohestani, Musik: Hooshyar Khayam, Sound und Design: Kave Abedin, Kostüme: Negar Nemati, Video: Hessam Nourani.
Mit: Vahid Aghapour, Ali Bagheri, Reza Behboodi, Saeid Changizian, Fatemeh Fakhraee, Mohammad Reza Hosseinzadeh, Negar Javaherian, Fatemeh Kamran, Hassan Madjooni, Mahin Sadri.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterformen.de

 

Kritikenschau

"Dieser eher leise gesprochene, schön bebilderte, nie aufdringlich erscheinende 'Iwanow' wirkt wie eine Theatermomentaufnahme aus einem stagnierenden Land", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Zeitung (21.6.2013). Besonders Hassan Madjooni in der Titelrolle sei großartig: "So wenig Elan und so viel Ausdruck – das muss man erst mal hinkriegen."

Wortreich werde hier über und aneinander vorbeigeredet, schreibt Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (21.6.2013). "Weil die Darsteller das auf Persisch tun, lenken die Übertitel oft von ihrem durchaus gekonnten, klassisch-realistischen Spiel ab." Hassan Madjooni besitze "als Iwanow trotz schlaffer Schultern und tonloser Stimme eine starke Präsenz; sein Welt- und Selbstekel kommt glaubhaft rüber."

"Ein Erlebnis, Iraner so Tschechow spielen zu sehen, im Kammerstück auf Sofa und Bett parlierend und palavernd, als seien sie zu Hause", beschreibt Evelyn Beyer in der Neuen Presse (21.6.2013) begeistert den Abend. "Keinerlei Bühnenduktus, hochlebendig, bannend vor allem im zweiten Teil." Lichtwechsel, Wäscheleinen und Leuchtbänder zauberten große Bühnenbilder, man erlebe Iwanows "lästerndes, feilschendes Umfeld, versteht seinen Widerwillen und möchte ihn doch ob seiner Untätigkeit schütteln. Eine düstere
Situationsanalyse, die keineswegs nur auf den Iran zutrifft".

Kommentar schreiben