Wund vor Liebe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. August 2013. "Ich will zu Hause sein. Ich will eine Haftpflichtversicherung und Urlaub in Spanien. Ich will ein Reihenhaus, eine Frau und zwei Kinder. Ich will Müsli am Morgen, Abendbrot und eine Katze." Janik (Sven Schelker) steht am Bühnenrand und ruft seine gesamte Heimwehsehnsucht in den Raum. Er ist haltlos wie ein kleines Kind und weint. Er ist am Ende. Am Ende seiner Reise ins Erwachsenwerden am Ende seiner Reise nach Istanbul. Gemeinsam mit seinem Freund Samuel hatte er sie unternommen. Nach dem Abi, auf zu den Ufern des Bosporus.

Zwei ungleiche Freunde auf dem Weg nach Istanbul

Über die Freundschaft zwischen Samuel und Janik hat Finn-Ole Henrich ein Buch geschrieben. "Räuberhände" heißt es und ist – nach dem Erzählband "die taschen voll wasser" – der erste, 2007 erschienene Roman des jungen Hamburger Autors: berührend, spannend, schmerzhaft und – in Hamburg – Abi-relevant.

Anne Lenk hat "Räuberhände" am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße zur Uraufführung gebracht. Enorm leichthändig ist ihr Zugriff, freundlich, den Figuren zugewandt erzählt sie deren Geschichte. Da fällt kein einzelner Satz bedeutungsschwer ins Gewicht, da sind alle Gesten gleichberechtigt, wirken alle Handlungen unbedacht und spontan, sind alle Wendungen möglich. Da gleicht das Geschichtenerzählen einer lockeren Bewegung, Zeitsprünge inklusive und allem Schwermut zum Trotz.

raeuberhaende2 560 krafft angerer hRaus aus der bürgerlichen Idylle: Sven Schelker als Janik © Krafft Angerer

Denn die Geschichte um die beiden Abiturienten Janik und Samuel (Patrick Bartsch) ist nicht (nur) die einer gut gelaunten Jungsfreundschaft. Es ist (auch) die einer intensiven Beziehung, voller Vertrauen, Nähe und Abhängigkeit. Voller Distanz, Brüche und Enttäuschungen. Da ist zum einen Janik, der brave Junge aus gutem Hause, ganz "wundgestreichelt vor Liebe", zum anderen Samuel, Mutter Alkoholikerin, Vater unbekannt. In Istanbul wollen sie ein Café eröffnen oder einen Imbiss oder Maiskolben verkaufen. Und sie wollen Samuels Vater finden, der vielleicht Türke ist.

"Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein"

Natürlich verfolgen sie ihre Pläne nicht besonders konsequent. Stattdessen umstreifen sie immer wieder den schäbigen Wohnwagen (Bühne: Judith Oswald), der mal das orientalische East Sight Hostel, mal die heimische Schrebergartenlaube darstellt. Rastlos wie junge Hunde, mal hungrig, mal betrunken, mal ausgeschlafen suchen sie nach Zielen, mehr noch nach Identität. Sie entdecken das Leben, reden über Frauen, Liebe und Verantwortung. Sie brüllen sich an, hinterfragen ihre Eltern, träumen von der Zukunft und stellen ihre eigene, symbiotische Freundschaft auf eine harte Probe. Denn vor ihrer Abreise gab es diesen einen Moment, diesen einen verhängnisvollen Fehler ...

Mit wenigen Mitteln, gelegentlich großformatigen Stadteindrücken aus Istanbul, einer berührenden Sandra Flubacher in der Mutterdoppelrolle und einem in seiner Dynamik und seinen Brüchen fast unberechenbaren Schauspielerpaar Schelker-Bartsch schafft Anne Lenk einen faszinierenden, tieftraurigen Abend. Die überall lauernde Verzweiflung blitzt regelmäßig an die Oberfläche. Mal durch den brüllend lauten Münchner-Freiheit-Hit "Ohne dich (schlaf ich heut Nacht nicht ein)", meist durch die grandiosen, oft unvermittelt agierenden Schauspieler. Kleine Gesten, Haltungen und Unwägbarkeiten. Authentisch, erschütternd und nah.


Räuberhände
nach dem Roman von Finn-Ole Heinrich
in einer Bearbeitung von Michael Müller
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Eva Martin.
Mit: Patrick Bartsch, Sven Schelker, Sandra Flubacher.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de


Ein weiterer Road-Trip zweier ungleicher Jungs gefällig? Die Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, uraufgeführt in Dresden, wird derzeit landauf, landab gespielt, so auch am Gostner Hoftheater Nürnberg.


Kritikenrundschau

"Was man hier zu sehen bekommt, ist Theater für junge Zuschauer, lebensecht, gefühlsstark und authentisch", lobt Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (19.8.2013) die Premiere, die vom Publikum "lange bejubelt" wurde. "Die beiden Hauptcharaktere bringen alles mit, was man braucht, um gut zu unterhalten, Fragen zu stellen, Lösungen zu suchen und die inneren und äußeren Kämpfe ihrer Entwicklung wahrhaftig werden zu lassen." Sven Schelker als Janik und Patrick Bartsch als Samuel spielten die beiden Protagonisten "sehr nah am Leben mit 'Alter'-Sprüchen, Tanzeinlagen und viel Nachdenklichkeit über ihre großen Sehnsüchte und kleinen Lügen." Für den Aufbruch der Jugendlichen ins Leben habe Regisseurin Anne Lenk "schöne Bilder gefunden. Wenn es nach Istanbul geht, steigen beide aufs Dach des Wohnwagens und breiten die Arme aus. Wenn sie in den Wohnwagen klettern, filmt eine Kamera das Innere, sieht ihre Bedrängnis, ihre flüchtigen Sehnsüchte, ihre Nähe."

Ein "starkes Stück" würdigt auch die mit KAM gezeichnete Kurzbesprechung in der Hamburger Morgenpost (20.8.2013). In Zeitsprüngen werde es klug aufgebaut. Regisseurin Anne Lenk mixe dabei "einen unwiderstehlichen Cocktail aus Witz, Charme und Traurigkeit".

 

 
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