Postmortale Realitätsverweigerung

von Cornelia Fiedler

München, 15. Oktober 2013. So perfekt – und so tot: Gerade mal eine Minute lang durfte Jay Gatsby ganz von sich eingenommen mit einem schimmernden Luftballon in der Hand aus dem Dunkel ins Licht schlendern. Dabei plauderte er seinen Gewinner-Tagesablauf herunter, vom Training am Morgen über Geschäftstermine bis hin zu den legendären Partys ... Dann ein Knall – und Gatsby fällt, wie auch die winzigen Fetzen des Ballons, zu Boden. Kann einer so etwas akzeptieren, der sich selbst so konsequent erfunden und optimiert hat wie Gatsby? Selbstverständlich nicht! Aus der Idee einer postmortalen Realitätsverweigerung durch Gatsby entwickeln Regisseur Abdullah Kenan Karaca und die Dramaturgin Katja Friedrich die Dynamik ihrer Adaption des American-Dream-Romans von F. Scott Fitzgerald.

gatsby 280h danieldelang uJakob Geßner als Nick © Daniel Delan

Denken an Daisy

Gerade frisch gestorben geht Max Wagner als sehr jugendlicher, selbst dem Tod gegenüber ignoranter Gatsby seinem einzigen Freund Nick bereits wieder tierisch auf die Nerven: Nick, bei Jakob Geßner ein grundguter, etwas ländlicher Schlacks, solle nur ja keinen Anruf verpassen, es könnte ja Daisy sein. Ach, Daisy! Um diese Frau kreist alles Tun, alles Wollen des jungen Aufsteigers mit der gerüchteumwaberten Vergangenheit, wie ein überkandidelter Planet um einen unerreichbaren Stern.

Daisy ruft vorerst nicht an. So ist Zeit, das Vorangegangene in ungeheuer schnell und präzis getakteten Kurzepisoden durchzuspielen. Der Ort dafür ist ein nach allen Seiten hin offener Quader, nur die Kanten sind mittels Neonröhren angedeutet, als hätte sie Yvonne Kalles mal eben mit einem Leuchtstift in der kleinen Spielstätte am Volkstheater skizziert. In der Mitte hängt eine quadratische Multifunktions-Schaukel.

Hier schreibt man das Jahr 1922, auch an den Klamotten ersichtlich, und Nick zieht aus dem Mittleren Westen nach New York um Börsenmakler zu werden. Er trifft seine entfernte Verwandte Daisy wieder, die den prolligen Millionär Tom geheiratet hat – Constanze Wächter und Pascal Fligg als hysterisch gutgelauntes Glamourpaar mit kleinen Fehlern. Bei ihnen lernt er die kühle Profi-Golferin Jordan aka Lenja Schultze kennen und ein bisschen lieben. Unerwartet erhält Nick die Einladung zu einer High-Society-Party seines Nachbarn, des legendären Neureichen Jay Gatsby.

"Trauma oder kein Trauma?"

Das erste Zusammentreffen von Nick und Gatsby wird zu einem Schlagabtausch, der prototypisch ist für Karacas unvoreingenommenes, spielerisches Hantieren mit starken Bildern, denen er aber nie die Zeit lässt, sich allzu bedeutungsschwer im Raum breitzumachen: Die jungen Männer, Kriegskameraden des Ersten Weltkriegs, beginnen, ohne sich weiter vorzustellen, ein spielerisch aggressives Kräftemessen und Abchecken des Gegenübers: "Ostfront oder Westfront?", fragt Gatsby, "Ostfront!" antworten beide, springen nach einem kurzen Blick zum Gestänge über ihren Köpfen nach oben und begleiten die folgenden angestrengt herausgebellten Fragen und Antworten mit Klimmzügen: "Luftwaffe oder Grabenkrieg? Grabenkrieg! Phosgen oder Chlorgas? Chlorgas!" Erst bei "Trauma oder kein Trauma?" lassen sich beide zu Boden fallen, darüber spricht man nicht.

gatsby 560 danieldelang uLenja Schultze, Jakob Geßner, Max Wagner, Constanze Wächter, Pascal Fligg © Daniel DelangEs ist Karacas zweite Arbeit am Volkstheater. Das Regiedebüt des 24-Jährigen, der nach Assistenzen in München nun in Hamburg Regie studiert, war 2012 "Arabboy". Die Inszenierung wurde als Überraschungserfolg zum Nachwuchsfestival Radikal Jung 2013 eingeladen. Karaca und sein Team setzen auf Spielfreude, überraschende Situationskomik, Hochgeschwindigkeit und ein bisschen flapsige Gesellschafts-, vielleicht sogar Kapitalismuskritik. Was Jay Gatsby alles in Bewegung setzt, um seine ewige Traumfrau Daisy zurückzuerobern, bringen sie in 80 Minuten über die Bühne – definitiv ein unterhaltsames Klassikerformat für ein junges Publikum.

Schöne, reiche Menschenfresser

Stellenweise wird die Inszenierung überdeutlich, da fehlt vielleicht noch das Vertrauen in die Aussagekraft der eigenen Regiemittel: Etwa wenn der gar nicht mehr so tapsige Nick zu einer finalen Abrechnung ansetzt, nachdem die Egomanie und Beschränktheit der versammelten Snobs zwei Todesopfer gekostet hat: "Eure Welt ist nach außen hin immer so glatt, schön, strahlend, glücklich, freundlich und elegant, es riecht nach Orchideen, aber innen ist sie verfault", wettert er – zu der Erkenntnis wären wir vielleicht auch ohne Erklärung gekommen. Gut, Tom, Daisy und Jordan halten die Predigt für einen Scherz und prusten los. Dass ihnen dabei aber wie Vampiren blutiger Schmodder, Überreste von Opfer Nummer 1, aus dem Mund quillt, ist ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl.

Gatsby dagegen bleibt, das macht das zwischenweltliche Ende der Inszenierung klar, auch als Toter naiv uneinsichtig: Dass die Frau, für die er den reichen Lebemann Gatsby erst erschaffen hat, dass Daisy all seine Hoffnungen, seine Projektionen nicht einlösen wird, das kann und darf nicht sein. Und dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann? Also bitte, das wäre doch gelacht!

 

Der große Gatsby
nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald
Bühnenfassung Abdullah Kenan Karaca und Katja Friedrich
Regie: Abdullah Kenan Karaca, Bühne und Kostüme: Yvonne Kalles, Dramaturgie: Katja Friedrich.
Mit: Constanze Wächter, Lenja Schultze, Max Wagner, Jakob Geßner, Pascal Fligg. Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Mehr zu Der große Gatsby: ein viel gespieltes Stück in den letzten drei Jahren, obwohl ja eigentlich gar kein Stück, sondern ein Roman. In Frankfurt, im November 2011, ließ Christopher Rüping "Gatsby"  aus dem Jazz Age funkeln; in Bonn, bei Matthias Fontheim, blieb im Dezember 2011 nur ein Gerüst von Fitzgerals Roman über; in Hamburg arbeitete Regisseur Markus Heinzelmann im Januar 2012 mit der Autorin Rebeka Kricheldorf die Fassung aus; und im März 2013 inszenierte Andreas Dörings den Stoff am Jungen Theater in Göttingen

 

Kritikenrundschau

 "Wie schon bei 'Arabboy' braucht Karaca nicht viel, um den Roman zu erzählen", berichtet Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (17.10.2013). Neben der Bühne und den Kostümen seien "der große, klare, schöne Rest" die Schauspieler selbst. "Vielleicht ist die Aufführung kein Kunstwerk im weiterführenden Sinn, aber sie ist die ungemein klare, spannende Vergegenwärtigung eines Romans, dessen Geschichte vom Scheitern des Idealismus in einer kalten, desinteressierten Welt auch viel mit unserer Gegenwart zu tun hat, sei dieser Idealismus auch nur einer des eigenen Herzens und dessen Nöte."

Abdullah Kenan Karaca reduziere seine Inszenierung klug auf die Schauspieler, so Michael Schleicher im Münchner Merkur (17.10.2013), "und verzichtet zudem auf die Rolle des Erzählers: In diesen knapp neunzig Minuten wird die Geschichte ausschließlich in Dialogen verhandelt." Auf dem Bühnenpodest, das beidseitig von Zuschauern begrenzt wird, sehe man die skelettierte Handlung des Romans. "Das bringt zwar Dynamik in den unterhaltsamen Abend, aber auch heftige Zeit- und Ortswechsel, die Karaca so abrupt und bewusst inszeniert, wie sie eben sind."

Der "verdichtete, nur 80-minütige Abend mit dem dynamisch jungen Ensemble hat Witz, Eleganz und Schwung", findet Adrian Prechtl in der Abendzeitung (17.10.2013). "Karaca hat sich mit seiner Dramaturgin Katja Friedrich bei der Dramatisierung des Romans oft witzige Freiheiten genommen, ohne zu verwitzeln." Bei aller Plakativität seien es viele Regieeinfälle, die der Inszenierung Geist geben, 2so wenn Gatsby mit Daisy tanzt und sie vom Boden hebt, dass sie wie eine Puppe umhergeschoben wird. Und nach einem tödlichen Autounfall-Knall dinnieren die Reichen und Schönen kanibalisch kalt das Fleisch des armen Opfers." Dass der erschossene Gatsby aufersteht und mit Nick noch einmal bei Null anfangen könne, sei allerdings eine überflüssige, erfundene Schluss–Pointe.

 
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