Kein Aufschrei

von Jens Fischer

Oldenburg, 13. November 2013. Thema: Abschiebung. Als Ungemütlichkeitsmonster bezeichnen Süßigkeiten- und Softdrinkautomat plus metallische Sitzbankreihen auf Nikolaus Frinkes Bühne eine charmefreie Abflughalle. Die so in ihrer kargen Schönheit relativ unverstellte Exerzierhalle Oldenburgs wird durch geschickte Lichtwechsel auch zur schäbig finsteren Baracke oder zum edelsanierten Backstein-Loft. Die Trennlinie zweier Welten, ihre Reißkante ist der Spielort der im Gegenschnitt präsentierten Handlung, die das Zwangsrückkehrerelend im Kosovo und die Komfortzone deutscher Bildungsbürgerlichkeit parallelisiert.

Weil wir da nicht herkommen

Eben noch gingen Elvira, Tochter einer Roma-Familie, und Bruno, Sohn eines deutschen Piloten, in dieselbe Klasse: einig im Gefühl der ersten großen Liebe. Jetzt tobt Bruno gegen den Liebesobjektentzug durch die rigide Abschiebepolitik. Elviras Familie floh einst vor den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien und erhielt den Status "Duldung", sprich "ausgesetzte Abschiebung". Jetzt sei die Region sicher, behaupten Politiker. Also werden "aufenthaltbeendende Maßnahmen" eingeleitet. "Das sind die Regeln."

DeportationCast3 hoch AndreasJ.Etter uGroße Liebe, auseinandergerissen: Denis
Larischund Kristina Gorjanowa.
© Andreas J. Etter
Gegen deren Folgen tobt Elvira nun im Kosovo: "Warum sind wir hier?" "Weil wir da nicht herkommen", versucht der Vater zu erklären. "Irgendein beschissener Gott hat deine Vorfahren halt hier hingeschissen. Und Scheiße bringen sie immer wieder dahin, wo sie hingehört." Nun hat alles wieder seine Ordnung und die Existenz der Grenzen ihren Sinn zurück. Im aufklärerischen Sturm und Drang der Pubertät finden Elvira und Bruno aber alles in empörender Unordnung und heillos sinnfrei.

Ausgespuckt von der Festung Europa

Diesen Konflikt bestens recherchiert, differenziert aufbereitet und multiperspektivisch dramatisiert hat Björn Bicker in "Deportation Cast". Dem Deutschen Jugendtheaterpreis, den er dafür 2012 erhielt, folgen immer neue Inszenierungen, da das Thema an traurig brisanter Aktualität seit der Uraufführung 2011 nichts eingebüßt hat. Der Wallgraben der Festung Europa, das Mittelmeer, ist weiterhin ein Massengrab. Und wer vor Krieg, Hunger, Armut Verfolgung flüchtet und über die Insel Lampedusa lebend nach Deutschland gelangt, wird bald retour fliegen.

Bickers Heldin Elvira durchleidet ein exemplarisches Schicksal. Denn Roma sind nicht nur in Deutschland eine stigmatisierte, relativ machtlose Minderheit. Auch im Kosovo haben sie mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen und kaum eine Chance auf Arbeit und Integration. Dorthin abgeschoben zu werden – für Elvira der Super-GAU. Fast alle ihrer 16 Lebensjahre verbrachte sie in Deutschland, hatte Freunde, Bildung, Zukunftsperspektiven, nun lebt sie vom Müllsammeln und der Prostitution. In einem Land, das sie nicht kennt, in dem sie unerwünscht ist und dessen Sprache sie nicht beherrscht.

Dazu collagiert Bicker Aussagen diverser Funktionäre des "Rückkehrmanagements". Die den juristisch einwandfreien, exakt geregelten Verwaltungsvorgang "Abschiebung" organisierende Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde tritt auf, auch der für die "Heimreise"-Gesundheit verantwortliche Polizeiarzt, ein irgendwie engagierter Anwalt und die resignierte Idealistin einer Hilfsorganisation. Alle haben nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten, alle wissen wie sie sich selbst belügen, um moralisch sauber dazustehen.

Frage der Mitverantwortung

In Oldenburg wird daraus kein Aufschrei, der Widerstand zu provozieren geeignet wäre. Alles ist ja schlimm genug, so dass Brit Bartkowiak das Stück nicht zusätzlich mit Emotionen auflädt, sondern auf eine stille, betont nüchterne Umsetzung setzt – vielleicht auch, um sich von vorschnellen Lösungen und Schuldzuweisungen zu distanzieren. Und mal grundsätzlich die Frage der Mitverantwortung an alle Figuren und die Zuschauer zu stellen. Reizvoll. Allerdings müssen die vier Darsteller (aus dem ansonsten immer so famos spielfreudigen Ensemble) ein Dutzend Rollen in immer gleich beschaulichem Tempo derart unterspielen und in Haltungen ausstellen, dass sie meist nur einsam voneinander entfernt den Text abarbeiten, anstatt ihn miteinander auszumalen.
DeportationCast1 560 AndreasJ.Etter uUngemütlichkeitsmonster in charmefreier Abflughalle – Nikolaus Frinkes Bühne.
© Andreas J. Etter

Durchs inszenatorische Herunterdimmen legt sich eine Mattigkeit auf den Abend, die ihn schnell lau, oberflächlich wirken lässt. Andererseits werden akustische Ausrufezeichen addiert: mal Spannung behauptende, mal melodramatisch wallende Klänge. Was aber auch nicht nervenzerrend oder tränendrückend balsamisch funktionieren, sondern desillusionierendes Theatermittel sein soll. Bartkowiak lässt das Stück also nicht ans Publikum heran, sondern stellt – um Sachlichkeit bemüht – die widersprüchlichen Aspekte des Themas aus. Man versteht – und fröstelt.

 

Deportation Cast
von Björn Bicker
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne und Kostüme: Nikolaus Frinke, Musik: Thies Mynther, Dramaturgie: Catharina Hartmann.
Mit: Thomas Birklein, Caroline Nagel, Denis Larisch, Kristina Gorjanowa.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de

 


Kritikenrundschau

Für Simone Wiegand von der Nordwest-Zeitung (15.11.2013) "lohnt sich" der Besuch in der Oldenburger Exerzierhalle. Bicker habe für seinen Text "gut recherchiert". Das "brillant agierende Ensemble" leiste mit schnellen Rollenwechseln "harte, erschöpfende Arbeit", wobei die Kritikerin fragt, ob die Regisseurin mit klareren Rollenzuweisungen es "den Zuschauern hätte leichter machen können, in die Handlung hineinzukommen". Der Abend verlange dem Publikum einiges ab. "Es kann sich der Realität gängiger Abschiebepraxis von Roma-Familien nicht entziehen. Das ist gut."

Auch für Nina Baucke von der Kreiszeitung (15.11.2013) sorgen die schnellen Szenenwechsel und die Mehrfachbesetzungen dafür, "dass es dauert, um die verschiedenen Schauplätze und Charaktere ein-, beziehungsweise zuzuordnen." Allerdings helfe die Beleuchtung und die Schauspieler schafften es, "ihren Charakteren Konturen zu verleihen". Verständnisprobleme macht die Kritikerin an der Figur Egzon fest: Diese "Figur des stummen Epileptikers kommentiert in Monologen ihre Welt: Warum er das auch noch nach seinem Tod tut und auch die weitere Handlung in Deutschland um Bruno und seinen Vater observiert – diese Erklärung bleiben Regisseurin und Autor dem Publikum schuldig."

 
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