Die reinste Drecksarbeit

von Jan Fischer

Hannover, 16. Januar 2014. Menschen, das weiß man ja, entwickeln sich irgendwann immer zum Problem. Das Problem, das weiß man vielleicht nicht so, ist allerdings, dass man selbst selbstverständlich nie das Problem ist. Sofort, als in "Kaspar Häuser Meer" drei Jugendamtsmitarbeiterinnen in ihrer Teeküche auf die Bühne gerollt werden, ist klar, dass das irgendwie der Grundkonflikt ist, um den es gehen wird: Wer oder was hier eigentlich das Problem ist.

kaspar3 560 isabel machado rios uAktenschleudertum im Jugendamt. © Isabel Machado Rios

Als Problemkandidaten wären da erst einmal: Die drei Jugendamtsmitarbeiterinnen selbst, am Schauspiel Hannover mit gehöriger Überdrehtheit gespielt von Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra und Elisabeth Hoppe, die viel zu meckern haben über beispielsweise den Kollegen Björn, der schon so lange krankgeschrieben ist, dass sie seine Fälle unter sich aufteilen müssen. Dann sind da die Fälle, die sie bearbeiten, die sowieso schon viel zu viele sind. Und diese Leute, die nicht einfach so mit den Jugendamt kooperieren wollen. Die Kürzungen. Die Kolleginnen. Der Chef. Die Work-Life-Balance. Das alles. Die drei stehen zwischen all Ihren Akten, die auf Europaletten gestapelt sind und diskutieren ihre Welt aus. Nur über sich selbst reden sie nie. Die eigenen Probleme sind tabu.

Das Papier bewältigen

Das große Problem ist dann aber auch: Die Sprache als solche. Autorin Felicia Zeller hat für "Kaspar Häuser Meer" Recherche im Jugendamt betrieben, und bedient sich für ihr Stück an der Amtssprache – und der Sprache im Amt. Diese Sprache hat sie soweit runtergerockt, bis weder Emotionen noch komplette Sätze übrig bleiben, nur eine einzige Kaskade aus endlos um sich selbst rotierender Sprache, die keinen Anfang kennt und auch kein Ende. Und selten Verben, an denen man sich orientieren könnte.

Die drei Figuren bewegen sich also durch ein Labyrinth aus aktenbefüllten Europaletten und verblosen Sätzen. Und irgendwo dahinter lauern sie, die Problemfälle, die schwierigen Familien, aber bis dahin dringen die drei Jugendamtsmitarbeiterinnen nie so ganz vor – es geht nicht um die Familien, es geht darum, das Papier zu bewältigen. Irgendetwas anzufangen mit dieser ganzen Sprache, die auf sie einstürmt. Die irgendwie auch etwas zu tun hat mit Kindern, denen es schlecht geht.

Amt à la Kafka

Zeller behandelt ihre vorgefundene Sprache wie eine Assemblage aus zusammengesammelten Objekten: Sie stutzt radikal daran herum und versucht, zum Kern der Sache vorzudringen, zu der Frage, wo in dieser Amtsmaschinerie eigentlich genau der Fehler liegt. In Heike Marianne Götzes Inszenierung stolpern die Schauspielerinnen – im besten Sinne des Wortes – orientierungslos durch die Sprachkaskaden, auf der Suche nach irgendeiner sinnvollen Aktion. Eine beginnt zu trinken. Eine begibt sich in die innere Kündigung. Eine ist überkorrekt.

kaspar1 560 isabel machado rios uBewaffnet mit Megaphon und Schießgewehr: die drei Damen vom Amt. © Isabel Machado Rios

Alles in allem ergibt sich daraus eine eigene Absurdität, die sich ein bisschen an den menschenunwürdigen Ämtern Kafkas orientiert. Doch Götze zeigt das Innere dieser kafkaesken Maschinerie keineswegs nur tragisch, sondern überraschend lustig. Sehr lustig sogar. Meistens sind das Witze von der Sorte "Kenne ich auch". Diese endlose Zettelwirtschaft im Büro. Die eigenartigen Unterhaltungen in der Teeküche. Die zaghaft-brutale Kritik an Kollegen.

Man trägt zerrupfte, olivfarbene Röcke zu gemusterten Satinblusen unter Bob-mit-Pony-Perücken – ein Hauch von Military zu stilisierter Biederkeit. Die drei Damen sprechen ihre Texte sehr überzeugt, aber eher überzeugt von sich als von dem, was sie sagen. Immer sind sie dabei in einer Art suspendierter Bewegung, die bisweilen explodiert. Einmal wühlen sie eine Akte aus dem Stiefmütterchen-Beet, das auf der Bühne zwischen dem Papierwust angerichtet ist – ihr Schreibtischjob ist die reinste Drecksarbeit. Am Ende werden alle Akten dort hineingeschleudert, Staub zu Erde. Dazu läuft Franz Ferdinands This Fire: "This fire is out of control / I'm going to burn this city".

Systemische Fehler

So liegt unter der Komik in "Kaspar Häuser Meer" dann eben auch die Tragik der Sache: Dass all diese Sprache, all diese verstümmelte Diskussion, all diese Verben, die nie ausgeprochen werden, all diese Verantwortung, die niemand übernehmen kann, dieser ganze Workload unvorhersehbare Konsequenzen haben können – und irgendwo passieren Fehler, die letztendlich nur dem System zugeschrieben werden können.

Trotzdem verzweifeln am Ende die drei Jugendamtsmitarbeiterinnnen an sich selbst – und greifen zum Gewehr. Nebel wallt durch die Szene, als befände man sich im Kriegsgebiet. Einen Ausweg gibt es nicht, ob sie jetzt mit Megaphon und Feuerwehr eine Tür aufbrechen oder nicht. Die Absurdität und auch grausame Realität solch systemischer Fehler bringt Zellers Stück ebenso wie Götzes Inszenierung hervorragend auf den Punkt. Menschen entwickeln sich irgendwann immer zum Problem. Vor allem, wenn mehrere von ihnen aufeinander treffen und keiner was zu sagen hat.

 

Kasper Häuser Meer
von Felicia Zeller
Regie: Heike Marianne Götze, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Heike Marianne Götze, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Ludwig Haugk.
Mit: Lisa Natalie Arnold, Susana Fernandes Genebra, Elisabeth Hoppe.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

 

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Kritikenrundschau

Zellers "großartiges Wortkunstwerk" wird von Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (18.1.2014) ausgiebig gewürdigt. Für die "Plattheit" der Regie hat der Kritiker dagegen wenig übrig. In den Aktionen würde nur bebildert und körperlich wiederholt, was der Text längst vermittelt habe. "Aber so geht es eben zu im zeitgenössischen Regietheater, das am liebsten wohl Tanztheater wäre. Das Wort gilt hier wenig, wahr ist nur, was die Körper sprechen. Leider haben die hier nichts zu sagen, was über die Vorlage hinausginge."

Mehr kann Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (18.1.2014) der Inszenierung und ihrem "Aktionismus" abgewinnen. Die Darstellerinnen "errichten in Irrsinnstempo eine Mauer des Schwafelns". In der "Sprachlosigkeit" gehe "das Menschliche vor die Hunde"; kaum erträgliche Szenen, die "schnell wieder ins Groteske" kippten, hat der Kritiker gesehen. "Wenn diesem bewegenden Stück, das ohne echte Handlung zwischen den Szenen springt, eines vorzuwerfen ist, dann diese schwer verdaulichen Wechsel."

 

 
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