Lackel und Charakterschweine

von Andreas Wilink

Köln, 21. Februar 2014. Eingefasst von zwei Sonetten, Nummer 147 und 106, wäre als Tonart des Abends zu erwarten gewesen: Shakespeare in Moll. Aber Antonio, ihr Sänger, kann sich gegen das allgemeine Dur nicht durchsetzen – gegen die jungen Leuten und Liebespaare nicht, und auch nicht gegen den Regisseur. Belmont macht Bachmann mehr Spaß, als der Rialto Kummer. Die Frohnatur will kein Spielverderber sein. Darin kommt er dem traurigen Antonio nahe. Die Liebeskomödie, begleitet von einer Combo mit Klavier, Marimba, Geige und Schlagwerk, übertönt das doppelte Außenseiter-Drama, und animiert mit allerlei Schlagergesang und klampfendem Geplärre zu der einstmals aus dem ZDF bekannten Frage: "Erkennen Sie die Melodie"?

Während sich Antonio (Gerrit Jansen) – der die Wange seines Bassanio tätschelt, dessen Haar zaust, als sei er ein Schoßhündchen, und ihn kurz vor seinem erwarteten Fleischestod heftig und nicht unerwidert küsst – während sich dieser Antonia also melancholisch dahinlagert wie Jacques in "Wie es Euch gefällt", umspielen ihn modische, in ihrer billigen Trivialität recht unangenehme Lackel.

kaufmannvonvenedig4 560 thomas aurin uKarneval in Venedig oder Das Leben ist schön? © Thomas Aurin

Auch Bassanio (Simon Kirsch) ist so ein Ragazzo, wie aus der italienischen Eisdiele ums Eck. Erst recht der mampfende Lorenzo, die bübischen Zwillings-Laffen Solanio & Salerio, die als gelenkige Comedy-Clowns umherzwitschern, und nicht minder der blöd grinsende Gratiano. Die Dame Portia ist diesen Herren ebenbürtig: eine künstliche Plinker-Fee-Blondine im Tutu. Dass man ihr (Yvon Jansen) die juristische Finesse vor Gericht nicht zutraut, die sie dann aber doch glänzend als Garconne absolviert, bietet die größte Überraschung des mit drei Stunden sich arg dehnenden Abends.

Unterwelthumor im Bauch von Venedig

Die Bühne (Thomas Deißigacker) im Kölner Depot 1 hat sich angehoben und bildet einen breiten, raumlangen Laufsteg, seitlich flankiert von Kleiderstangen und der Staffage der gerade aus dem Spiel genommenen Figuren. Unter der Ebene auf Stelzen liegt die Subkultur, gewissermaßen als Bauch von Venedig, wo der derbe Witz rumort und schließlich als platter Scherz entweicht. In diese Bachmann'sche Humor-Unterwelt gehört die Entführung der plötzlich in Wehrmachtsuniform gekleideten Jessica (eine dumme Geschmacklosigkeit) durch jiddelnde, mit Shalom grüßende Vermummte, mit denen Vater Shylock sich noch schnell für ein Liedchen fraternisiert. Hier unten fährt auch Shylocks Freund Tubal herein, der sich geriert als Katzenkraulender James-Bond-Bösewicht im Rollstuhl.

Auf beide Etagen wiederum verteilt sich die gesanglich kommentierte Brautwerbung um Portia und die Kästchenwahl als karnevalistische Nackt-Revue – ein bisschen "Eyes Wide Shut", ein bisschen "Casanova" und sehr viel mehr RAI-Fernsehshow. Wozu wiederum das Berlusconi-Foto passt, das die silberne Schatulle enthält. Parterre schließlich findet das Tribunal statt, begleitet von einer sinnfreien Mummel-Murmel-Masse in weißen Rollis unter Vorsitz des Dogen, den Martin Reinke hinschnarrt, als würde er seine eigenen Manierismen karikieren.

kaufmannvonvenedig1 560 thomas aurin uIn der Mitte: Antonio (Gerrit Jansen) im Pelz  © Thomas Aurin

"Der Kaufmann von Venedig" ist ein Stück über Geld und Glück. Über Recht und Gerechtigkeit. Ist ein Stück über Liebe und Hass. Und eines über Jude und Christ. Und es ist ein Stück über Freundschaft und verbotene Liebe ("desire is death") – unter Männern. Stefan Bachmann lässt nichts davon aus, ohne es doch zu erfüllen. Nichts Ganzes. Nur Einfälle.

kaufmannvonvenedig2 280h thomas aurin uBruno Cathomas ist Shylock © Thomas AurinSolidarität der Außenseiter?

Was tun mit Shylock? Und was anfangen mit seinem Erzfeind Antonio? Bachmann mogelt sich durch. Auftritt Shylock in modisch aufgeputzter Kaftan-Tracht, in gemäßigt radebrechender Zunge und einer dezent dem Klischee entliehenen Körpersprache. Bruno Cathomas kann spielen. Fragt sich nur, was? Das sanfte Monstrum vielleicht. Den großen Monolog über Jude und Christ ("Wenn Du mich stichst, blute ich nicht...") nimmt er zunächst ganz leicht, um dann dreimalig "Rache" hervorzugeifern, als fühle er in sich den Fritz Kortner erwachen. Später wetzt er splatterartig das Fleischermesser, bindet sich die Metzgerschürze um und gibt den Unhold.

Zuvor noch hatten sich er und Antonio, der vom depressiven Intellektuellen hinter dunkler Sonnenbrille und umlegt von einem Fuchspelzkragen ob seines vermuteten Geschäfts-Bankrotts zum jämmerlichen Säufer mutiert, geprügelt wie die Kesselflicker. Zwei grölende, kreischende, sich bespuckende irre Viecher, deren vergiftete Ideologie nur Ausdruck ihrer Charakterschweinerei wäre. Es gibt keine Solidarität der Außenseiter: Der Fall Heinrich Heine – August von Platen steht für viele.

Das wäre immerhin eine skeptische Regie-Haltung, zu der passen könnte, wie Portias Gnadenappell, begleitet von evangelischem Orgelklang, verpufft. Selbst wenn es so wäre, Bachmann verscherzt und veralbert gleich wieder die ernsthafte Auseinandersetzung, so dass am Ende selbst noch Antonios Einsamkeit des Homosexuellen an der Rampe als Attitüde der Inszenierung erscheinen muss.

 

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
übersetzt von Klaus Reichert
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Sven Kaiser, Licht: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Johannes Benecke, Bruno Cathomas, Yuri Englert, Gerrit Jansen, Yvon Jansen, Simon Kirsch, Thomas Müller, Sabine Orléans, Philipp Plessmann, Jörg Ratjen, Martin Reinke, Julia Riedler, Charlotte Sprenger, Jakob Leo Stark.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr lesen? In seinem letzten, unvollendet gebliebenem Buch präsentiert Ivan Nagel eine luzide Lektüre von "Der Kaufmann von Venedig" als Shakespeares Doppelspiel.


Kritikenrundschau

Von "vielen guten Einfällen" des Regisseurs Bachmann an diesem Abend berichtet Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (24.2.2014). "Manchmal verirrt sich Bachmanns Ideenreichtum freilich ins Kulinarische." Die theaterwissenschaftlichen Fußnoten des Dieners Gobbo etwa leuchten dem Kritiker nicht ein bzw. werden als bloß "locker" wirkend eingestuft. "Bei den Hauptrollen schwankt Bachmann eher zwischen versöhnlicher Komödie und Rachetragödie, als dass er beides zu verbinden weiß." Die sorgsam alle Polarität (verschlagen/sympathisch) meidende Gestaltung des Shylock durch Bruno Cathomas sei gleichwohl "Grund genug für den Theaterbesuch". Fazit zum Finale: "Etwas böser wäre besser. Trotzdem, Bachmann ist ein sehenswerter, mitreißender 'Kaufmann' gelungen."

Bachmann inszeniere den "Kaufmann" in Köln als "Plädoyer gegen Ausgrenzung", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (24.2.2014). Auch er hebt die Darstellung des Shylock durch Bruno Cathomas hervor: Wenn "Cathomas am Ende die Stimme bricht und er von der Bühne kriecht, stockt dem Zuschauer der Atem". Bachmann setze auf "sanfte Töne", Sabine Orléans und Martin Reinke steuerten "witzige Akzente" bei. Der geschickte Umgang mit dem Bühnenraum wird gewürdigt. Fazit: "Bühnenmagie und große Gefühle – so funktioniert ein kluger Theaterabend."

"Keine Angst vor dem Antisemitismusverdacht" hätten sich das Regieteam und Shylock-Darsteller Bruno Cathomas "offenbar gedacht" und so brächten sie den Shylock "in die Nähe der Karikatur", berichtet Nicole Strecker auf WDR 5 (21.2.2014). Das sei "ein bisschen politisch unkorrekt", aber im Ganzen doch "entschärft", weil in Bachmanns Inszenierung „ohnehin alle Männer Scheusale, mit denen sich die Frauen nur aus Mangel an erotischen Alternativen abgeben". So wenig wie Shakespeares Helden könne "Bachmann das Stück ernst nehmen". Er inszeniere die "Tragikomödie als Nummernrevue, bei der die Schauspieler keine komplexen Charaktere entwickeln müssen, sondern sich quasi von Showszene zu Showszene arbeiten". Mit "ironischer Collage-Ästhetik" drücke sich Bachmann vor den "Abgründen des Stücks", auch wenn er einige zeitgemäße Fassetten in den Figuren finde und gelegentlich über die Mechanismen von Rassismus und Ressentiment nachdenke.

Im Laufe des Abends verkommt das Stück aus Sicht von Andreas Rossmann von der FAZ (25.2.2014) "von der kritischen Komödie zur gefälligen Comedy", was für den Kritiker heißt: "Konfettiregen, Wortgeklingel, Musical-Nummern. Abgenutzte Attraktionen. Olle Klamotten." Auch der zentrale Konflikt des Stück zwischen zwei Außenseiten bleibe rein äußerlich. Wo Verbohrtheit und Verblendung herrschen, fallen Rossmann zufolge in Köln Shylock und Antonio "raufend, geifernd, spuckend und 'Rache!' brüllend übereinander her. Was ideologisch aufgeladen und verfestigt ist, entlädt sich in persönlichen Animositäten. Der Konflikt wird verkleinert."

Nach und nach verschwinde in Bachmanns "wohltemperierter Inszenierung" die "Tragödie im Strudel des Komödiantischen", schreibt Hans-Christoph Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung (25.2.2014). Was, so Zimmermann, wohl "als Nebeneinander von Antisemitismus und Amüsement geplant war", verkümmere zur Nummernfolge, "die jede Dramatik mit dem Zucker des Witzes versüsst". Das findet der Kritiker insofern schade, "als Bruno Cathomas einen durchaus überzeugenden Shylock gibt – leichtfüssig trotz massiger Präsenz". Sein Gleichheitsplädoyer spreche er "ganz zart ins Publikum, nur um dann in einem 'Rache'-Fortissimo zu enden. Doch solche Drohungen bleiben Schall und Rauch."

"Stefan Bachmann hübscht das Drama zum Musical (vielleicht sollte man auch sagen: Grusical?) auf, setzt in der Aufführung immer mal wieder schön-schräge Ironiezeichen und sagt damit aber auch, dass er sich um den Kern des Dramas nicht wirklich kümmern mag", befindet Karin Fischer im Deutschlandfunk (23.2.2014). Dafür werde viel Energie auf die skurrilen Nebenfiguren verwendet. Der größte Hit bei dieser "Oberflächen-Politur" aber sei das Bühnenbild von Thomas Dreissigacker, "ein helles schmales Podest, das luftig wie ein Laufsteg über die ganze Breite der Halle gesetzt ist und gleichzeitig als venezianische Brücke fungiert, von der man urinieren oder unter der man seinen Rache-Gefühlen freien Lauf lassen kann". Bruno Cathomas als Shylock ("das Problem dieser Figur ist, dass sie zu wuchtig und echt und zu wenig Karikatur ist, um zum spielerischen Ansatz der Aufführung zu passen") rette das Stück, lege aber auch die Schwäche der Inszenierung bloß, "die vor Einfällen wimmelt, aber keine Haltung einnimmt".

Bachmann "mag es sinnenfroh und erzählfreudig", so Alexander Haas in der tageszeitung (26.2.2014). "Er spielt die ganze Komödie und verwendet überall dasselbe Maß an inszenatorischer Energie. Ihm gerät alles gut. Aber nichts wirklich überraschend oder gar überwältigend." Bachmann habe sich zu sehr in die romantische Liebeskomödie verguckt. "So sieht man an diesem Abend ziemlich viel Musical, Kitsch und Co inklusive."

"Die erste Inszenierung eines großen Klassikers durch den Hausherren ist nun schon eine Bewährungsprobe. Sie darf, trotz eines gelegentlichen Klamauküberschusses, als bestanden gelten", schreibt Matthias Heine in der Welt (22.2.2014). Dass das Ganze im Karneval spielt, habe seinen Sinn: "Sehr viele Figuren in dem Drama nehmen einmal eine andere Identität an, verkleiden sich." Ansonsten sei alles "wie immer", heißt: wie schon oft gesehen.

In der Süddeutschen Zeitung (27.2.2014) schreibt Martin Krumbholz: "Dass der 'Kaufmann' grob antisemitische Züge trägt, liegt auf der Hand." Bachmann mache bei diesem "problematischen, heutzutage eigentlich unmöglichen Stück" nichts ganz falsch. Doch durch all den Klamauk wirkten ernste Momente "wie Fremdkörper, irritierende Momente in einem allzu bunten, lustig drapierten Paket". Shakespeare habe mit dem Stück einen echten Publikumsknüller servieren wollen. "Stefan Bachmann macht im Kölner Karneval, diesem Exzess des Katholizismus, das Zweitbeste daraus."

 
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