Welt hinter Monitoren

von Tim Schomacker

Hamburg, 21. März 2014. Wie applaudiert man einem Monitor? Selbst wenn darauf einer zu sehen ist, der sich verbeugt? Ganz am Ende – nachdem dreißig Figuren (auf dreißig Monitoren) gemeinsam ein Abschiedslied angestimmt haben, unisono zum ersten Mal an diesem Abend (und kurz vor besagter Verbeugung) – zieht die Kamera ein wenig zurück. Und gibt das jeweilige Interieur als Filmset zu erkennen. Interieurs mit Tapeten und Nippes und Flipcharts und edlem Mobiliar, in denen eine gute Stunde lang Menschen gesessen haben. Und erzählten.

Architekturen des Aushandelns

Vielleicht hätte es diesen Hinweis, dass das alles nur gemacht ist, gar nicht gebraucht. Denn mit jeder Geschichte, die man (Aug in Aug einzeln mit einem oder einer Erzähler/in) hörte, wurde klarer, dass es um die Frage geht, wie echt alles überhaupt ist. Die Geschichte vom Inder mittleren Alters, den seine Cousins für tot erklären lassen, um an sein Erbteil zu kommen. Die Geschichte vom kleinwüchsigen Torero, der es leid ist, gefragt zu werden, ob er gegen kleine Stiere kämpft. Oder die Geschichte vom Wiener Staatsopernorchester, das unter alliiertem Beschuss Wagners "Götterdämmerung" probt. Das Unbehagen, nicht zu wissen, wie man jetzt applaudieren soll (und ob überhaupt), hätte sich am Ende wohl auch so eingestellt.

Perhaps2 560 MarcDomage uKomm und erzähl mir was!   © Marc Domage

Also von vorn. Wir betreten einen Raum, das Licht ist wenig. Ein sehr großer, ovaler Tisch gibt die Form vor von dem Ding, das da in der Mitte steht. Entfernt erinnert die Szenerie an Architekturen des Aushandelns: UN-Sicherheitsrat, Koalitionsverhandlungen. Außen befinden sich dreißig Monitore, auf der Innenseite des Holzgebildes dreißig Drehstühle. Auf den Monitoren ist die ebenfalls hölzerne Stuhllehne des jeweiligen Drehstuhls zu sehen. Das Oval ist mit rotem Wachstuch überdacht, über jedem Platz hängt eine Glühbirne, die warmes, gedämpftes Licht produziert. Irgendwann werden die Besucher/innen hineingebeten ins zuvor rundum geschlossene Oval. Auf jeden Gast kommt ein Drehstuhl, auf jeden Drehstuhl ein Monitor, auf jeden Monitor ein/e Erzähler/in. Auf dem Monitor ist nun ein Sprecher in einem Interieur zu sehen. In meinem Fall ist es der Torero. In vollem Ornat vor blumigem Wandbehang. Am Ende von Teil eins bekommt jede/r einen Umschlag, auf dem der weitere Parcours verzeichnet ist. (In meinem Fall die Drehstühle 9, 7, 29, 4 und 20).

Von Bildrand zu Bildrand

Dem flämischen Duo BERLIN, das mit "Perhaps all the Dragons" den dritten Teil eines Werkzyklus mit videogestützten Tisch-Gesprächen ("Horror Vacui") zeigt, sei es, informiert ein nonchalantes (dabei aber sehr selbstbewusstes) Gespräch im Programmheft, herzlich egal, ob das nun Performance oder Theater oder Film ist. Auch das ist programmatisch, siehe Schlussapplaus oben. Selbstverständlich ist das alles wahnsinnig akkurat gebaut und eingerichtet. Ergibt die Vielstimmigkeit zunächst eher eine Geräuschkulisse, aus der man die eine Erzählung heraushört, beginnen die Monitorbilder nach und nach, sich aufeinander zu beziehen. Hier und da ein Zwiegespräch von Bildrand zu Bildrand, gelegentlich ein Ruf, der die anderen verstummen und hinüberschauen lässt, auch eine angesungene Arie aus "Carmen" (die die meisten anderen mit einem vor sich hin gesungenen, gleichmäßig rhythmischen "Padamtamtam" quittieren). Bis im vierten Bild alle dreißig dieselbe Geschichte erzählen – wenn auch in je eigenen Worten. Was hübsche Echo-Effekte erzielt.

Perhaps1 560 MarcDomage uWo sitzen wir? Vor Spiegeln oder Monitoren? Im Studio oder in einer Theatergarderobe?
© Marc Domage

Hier sind von allen dreißig Monitoren Varianten jener Theorie zu sehen und zu hören, der zufolge jeder Mensch über durchschnittlich nur sechs Vermittler-Personen mit jedem Menschen auf der Welt bekannt ist. Klar denkt man dann darüber nach, über wie viele und welche Ecken man mit dem, der am Nebenmonitor sitzt, bekannt sein könnte. Aber auch nur für einen Moment.

"Ich bin das einzige, was er anschaut!"

Denn dann geht es erstens zum nächsten Drehstuhl. Und man fragt sich zweitens, worauf dieser Abend überhaupt hinausläuft – außer auf die Frage, ob das technisch alles machbar ist. Die Konsequenz, mit der, sagen wir: der Filmemacher Harun Farocki irgendwann von der Leinwand in den Kunstraum wechselte (weil man da nämlich mehrkanalig projizieren und so ganz neue Frage-, Betrachtungs- und Zwischenräume herstellen kann), diesen Sog der Notwendigkeit entwickelt "Perhaps all the Dragons" nicht. Zu sauber ist das alles, zu wenig brüchig. Es zwingt einen zu wenig, sich entscheiden oder dazu verhalten zu müssen. Denn der Kanal vom Erzählenden zum Zuhörenden bleibt eine Einbahnstraße.

Die bereitet gelegentlich durchaus Vergnügen. Etwa wenn man beginnt, Mimik, Sprechrhythmus, Sprachmelodie der einzelnen Figuren zu vergleichen. Oder wenn das Erzählte sich mit der Situation kurzschließt, in der man sich just befindet: "Ich bin das Einzige, was er anschaut", sagt der Torero über seinen ersten Stier. "Ich war vom Weinkeller einer Gastwirtschaft aus mit allen Orchesterteilen über Feldtelefon verbunden", sagt der Staatsopern-Dirigent über Wien 1945. Wie weiland Alejandro González Iñarritús Film "Babel" verhakt sich das leise multilinguale und vielstimmige Spektakel "Perhaps all the Dragons" aber in seiner eigenen Kunstfertigkeit – und vergisst darüber viel Potential einer solchen Versuchsanordnung.

 

Perhaps all the Dragons (DEA)
von BERLIN
Produktion, Konzept, Regie: Bert Baele, Yves Degryse, Musik: Peter van Laerhoven, Text: Kirsten Rosendaal, Bert Baele, Yves Degryse, Kamera: Geert de Vleesschauwer, Szenograpie: Manu Siebens, Dramaturgie: Natalie Schrauwen, Ausstattung: Jessica Ridderhof, Natalie Schrauwen, Manu Siebens, Robrecht Ghesquière, Bregt Janssens, Koen Ghesquière.
Mit: Nirman Arora, Derek Blyth, Vladimir Bondarev, Par Butler, Philippe Capelle, Suneet Chhabra, Roger Christmann, Luci Comincioli, Christina Davidsen, Adela Efendieva, Laura Fierens, Robrecht Ghesquière, Brecht Ghijselinck, Sergey Glushkov, Shizuka Hariu, Geert-Jan Jansen, Jonas Jonsson, Matsumoto Kazushi, Shlomi Kirchely, Kurt Lannoye, Andrew Mugisha, Wim Mäkel, Nico Mäkel, Walter Müller, Ramesh Parekh, François Pierron, Romik Rai, Tamas Sandor, Rinat Shaham, Andrei Tarasov, Juan Albeiro Serrato Torres, Bob Turner, Hilde Verhelst, Regina Vilaça, Patryk Wezowski.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Stg schreibt im Hamburger Abendblatt (24.3.2014) über sein/ihr persönliches Premierenerlebnis: Zuerst habe "ein Russe von seinem fotografischen Gedächtnis" erzählt. "Dann eine englische Mezzosopranistin davon, was es bedeutet, seit 13 Jahren die Carmen zu singen." Es sei ein "französischer Bürgermeister" gefolgt, der ein Dorf bei Verdun verwaltet, "das seit langem keine Einwohner mehr hat". Ihm ein Professor aus Israel, der das "Kleine-Welt-Phänomen" vorgestellt und in Bezug zu mathematischen Gesetzen gesetzt habe. "Abschließend erzählte ein Inder, wie er für tot erklärt wurde und es ihm gelang, 18 Jahre später unter die Lebenden zurückzukehren." Wer Gefallen an solchen Geschichten finde oder die Kunstform Performance in einer völlig ungefährlichen Variante kennenlernen möchte, "hat hier Gelegenheit".

 
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