Kloster ohne Segen

von Andreas Schnell

Oldenburg, 19. Juni 2014. Nein, auf Kloster Blankenburg am Stadtrand Oldenburgs liegt wahrlich kein Segen. Im 13. Jahrhundert erbaut, diente das Dominikanerinnenkloster seit dem 16. Jahrhundert als Verwahrungsort für Arme, Waisen, Kranke, Arbeitslose, Prostituierte, psychisch Kranke und Asylbewerber. Heute steht das Anwesen zum Verkauf – eine gute Gelegenheit, dachte Matthias Grön, Dramaturg beim Oldenburger Staatstheater, die Geschichte dieses Orts endlich theatral aufzuarbeiten. Doch aus einer Aufführung vor Ort wurde nichts, der Eigentümer wechselte seine Meinung und wollte kein Theater mehr in seiner Immobilie, weshalb "Blankenburg" nun im Probenzentrum des Staatstheaters Uraufführung feiern musste.

Drinnen und Draußen

Was dort zu sehen ist, leidet noch erheblich unter Phantomschmerzen: Zwar ist allerlei Gerät aufgestellt, das an die Blankenburg erinnert, Krankenbetten und Rollstühle, Kirchengestühl, ein Miniaturmodell des Klosters, projizierte Impressionen aus Blankenburg. Aber das macht nur umso mehr bewusst, dass die werkgruppe2, die "Blankenburg" mit dem Staatstheater produziert hat, den Blick hinter die so lange undurchdringlichen Mauern doch gerade ermöglichen wollte. So wiederum wird ironischerweise die Ausgrenzung des Publikums aus "Blankenburg" für die Dauer der Aufführung erneut vollzogen, so wie jahrhundertelang unzählige Insassen darin von der Gesellschaft hermetisch ausgegrenzt wurden.

blankenburg 560a andreasj.etter uThomas Lichtenstein und Caroline Nagel mit Puppen und Blankenburg-Modell © Andreas Jetter

Systematischer Irrsinn

Durchaus vielversprechend fängt das Stück an: Behutsam werden wir in die Szenerie geführt, Vogelgezwitscher aus Kopfhörern im Ohr, ein Teil der Zuschauer wird von jungen Mädchen, die später traumverloren im Chor singen, bei der Hand genommen und stumm zu alltäglichen Gegenständen geführt: ein Schlüsselbund, ein Federschmuck, eine Wäscheklammer. Überbleibsel, deren Bedeutung uns im Laufe des Abends Zeitzeugenberichte näher bringen.

Da erzählen die Kinder von Blankenburg-Angestellten, ein Patient, ein Pfleger, ein Arzt und ein Flüchtling vom Leben in Blankenburg – vorgetragen werden ihre Geschichten von Schauspielern, die dabei teilweise, vielleicht um noch ein wenig Distanz zu erzeugen, lebensgroße Puppen spielen. In Blankenburg wäre man nun durch die Gebäude und über das Anwesen spaziert, hätte den Ort gespürt. Im Probenzentrum bleibt nur ein wenig Interaktion zwischen Schauspielern und Publikum.

Drinnen und Draußen

Die meiste Zeit wird durchaus konventionell gespielt, und das entwickelt nur mit Mühe erzählerischen Sog. Erst gegen Ende behauptet sich das kleine Ensemble gegen die Laborsituation, vor allem Thomas Lichtenstein als etwas schlicht gestrickter Pfleger H., der in schönstem Norddeutsch stets von "Pazi-enten" spricht. Die Trennung zwischen Aufpassern und Patienten, zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Irrsinn und Normalität erweist sich dabei durchaus als porös. Und ein bisschen immerhin auch die zwischen Bühne und Publikum: Das sitzt auf Blankenburg-Mobiliar, einige Zuschauer werden zwischendurch in Abführstühle gesetzt und in einer Reihe aufgestellt.

In einer der intensivsten Szenen spielt das sechsköpfige Ensemble gar komplett verrückt, streift mit irrlichternder Anmut durch den Saal, ganz nah an uns heran, streckt die Hand nach uns aus, die wir ja zweifellos nicht in dieses Blankenburg gehören. Oder doch? Denn was (oder wer) produziert eigentlich regelmäßig, wenn nicht systematisch, diese dysfunktionalen Menschen, derer sich die Gesellschaft immer wieder zu entledigen sucht? Könnte es nicht doch jeden treffen, theoretisch wenigstens?

Fluch über Blankenburg?

Und wer würde nicht spätestens dann verrückt, steckte er oder sie erst in solch einer Einrichtung? Psychopharmaka, die vor allem verabreicht werden, um die personell chronisch unterbesetzte Anstalt am Laufen zu halten, Abführtage, an denen – zweimal in der Woche – die Patienten auf Abführstühlen fixiert werden, nachdem sie, ob notwendig oder nicht, ein entsprechendes Mittel bekommen hatten (vielleicht ist es an manchen Stellen ja doch ganz gut, dass es diese Distanz zwischen Erzählung und Ort per Probebühne gibt). Insofern wirft "Blankenburg" wichtige Fragen auf, die weniger die Zukunft eines einstigen Klosters im Oldenburgischen betreffen – vor allem nämlich die, warum es Orte so ähnlich wie diesen bis heute gibt. Bloß als Theater funktioniert das leider nur eingeschränkt: Je mehr wir von Blankenburg erfahren, desto mehr fehlt die Präsenz des Ortes. Vielleicht liegt auf diesem Blankenburg ja doch ein Fluch.

Blankenburg
von Werkgruppe2
Regie: Julia Roesler, Bühne: Thomas Rump, Kostüme. Dorthea Hoffmann, Musik & Audio: Insa Rudolph, Video: Isabel Robson, Recherche und Textfassung: Julia Roesler, Silke Merzhäuser, Dramaturgie: Silke Merzhäuser, Matthias Grön.
Mit: Franziska Schubert, Caroline Nagel, Imme Beccard, Henner Momann, Thomas Lichtenstein, Eike Jon Arens.
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de

 

 

Kritikenrundschau

Auf kreiszeitung.de, dem Online-Portal, der in Theaterdingen sehr regen Syker Kreiszeitung (21.6.2014) schreibt Johannes Bruggaier, das Problem des Abends sei, dass er nicht in Blankenburg selbst, wo "die Mauern sprechen könnten" stattfinden könne, sondern in einem nüchternen Probenzentrum, wo das Sprechen "der Mensch übernehmen" müsse. Ergebnis: "spröder Geschichtsunterricht im "stets bemühten", "gerade deshalb monotonen Schulreferatssingsang". Man fühle sich "wie im Heimatkundekurs der Volkshochschule". Die Veranstaltung sei "ästhetisch unbefriedigend, trotzdem notwendig", denn immerhin rücke sie die "dunkle Geschichte des Klosters Blankenburg ins öffentliche Bewusstsein".

Auf NWZ.online, dem Online-Portal der Nordwest Zeitung (21.6.2014) schreibt Regina Jerichow, das ungewöhnliche Theaterprojekt "Blankenburg", die werkgruppe2 nenne es selbst eine "Reportage auf der Bühne", zerre eine "verdrängte Geschichte ans Licht zerrt", informiere und unterhalte obendrein bestens. Die Frage bleibe, "weshalb da vorher nie jemand hingeschaut hat". Was man jetzt aber "unbedingt!" tun solle.

 

 
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