Sternstunde kluger Unterhaltungskunst

von Matthias Schmidt

Jena, 8. Januar 2020. Am Eingang gibt es einen Ouzo. Wer jemals auf einem Kreuzfahrtschiff war, weiß, wozu der da ist. Das kann heiter werden. Drei als Griechen verkleidete Touristen-Belustiger begrüßen mit einstudiert exaltierter Freundlichkeit das Volk an Bord. Ein Schiffs-Horn dröhnt, Durchsagen avisieren eine international vorgeschriebene Seenotrettungsübung – man könnte fast glauben, die engen Treppen hoch in den Saal des Theaterhauses führten tatsächlich auf ein Schiff.

Falafel mit Senfsoße

von Michael Laages

Jena, 5. Juli 2019. Einmal im Jahr, wenn das Theaterhaus Teil vom "Kulturarena"-Festival in Jena ist, rückt das Publikum raus unter den freien Himmel, auf eine Tribüne auf dem Theatervorplatz. So auch am Ende dieser ersten selbstverantworteten Saison des niederländischen Wunderbaum-Kollektivs. Und Wunderbaum zeigt auch hier, was es in Jena will und was es kann.

Sag mal "Plattenbau"

von Kornelius Friz

Jena, 13. Dezember 2018. Die Dialektfalle umschiffen sie auf Schwäbisch. Die Zonen-Elke in den Schimmeljeans bläst ihre Vorurteile mit süddeutsch weichen Konsonanten hinaus. Und die sind auch schnell zusammengefasst: Schiller und Goethe, der Thüringer Wald, der NSU, Klöße und Bratwurst. Das Besteck, mit dem das Kollektiv Wunderbaum unter der Leitung von Walter Bart das Eigene, das Heimische zerlegt, ist nicht besonders feingliedrig. Es ist aber durchaus geeignet, um ein touristisch-klischeehaftes Abziehbild des Landes mit thüringischen Realitäten abzugleichen und dabei das Eine dem Anderen zärtlich unterzuheben.

Unterm Rad

von Henryk Goldberg

Jena, 25. Oktober 2018. Sie heißt Anna, Anna Schmidt. Und sie ist der Star des Abends. Anna ist 16 Jahre alt, sie hat ein verkürztes linkes Bein und sie versteht keine Ironie. Man sieht das und man hört es auch. Sie ist der Intro-Auftritt des Abends, der wiederum Intro einer Ära sein will. Und sie vor allen ist es, die das Versprechen des Titels einlöst. Denn "Jena macht es selbst" ist ein charmanter Schwindel. Wunderbaum macht es selbst.

Das Mythos-Dings

von Christian Rakow

Jena, 13. Oktober 2017. Vor Bowling-Abenden in Jena ist unbedingt zu warnen! Da begibt sich im Eröffnungsfilmchen dieses Bühnenvergnügens eine Gruppe junger Menschen in eine verrauchte Lokalität, die ebenso gut an der Saale wie an der Route 66 stehen könnte. Und eigentlich wollen sie nur ein wenig kegeln. Aber die Trefferanzeige streikt, aufblinkt: "Prometheus".

Die Welt und die Wahrheit, die Kunst und die Wahrheit

von Matthias Schmidt

Jena, 13. Januar 2017. Ein Projekt war angezeigt. Mit hohen Ambitionen. Von gesellschaftlicher Relevanz. Philosophisch tiefgehend. Auf der Suche nach der Utopie, der wahren Alternative, der linken, selbstredend. Ein intellektuelles Aufbäumen gegen die, die plump vorgeben, eine zu sein.

Die Philosophie der Küche

von Henryk Goldberg

Jena, 13. Oktober 2016. Es ist düster, sehr, sehr düster. Bäume, dunkle Streifen im Raum, Lichtre-flexe, die, das Dunkel so recht ins Licht zu setzen, den Raum durchflirren. Kann gut sein, dies ist der Ort eines sehr, sehr unfröhlichen Sommernachtstraumes, in dem niemand nichts weiß oder kann oder darf. Es ist aber, so stellt die Frau fest, die das Dunkel nun mit einer Lampe erkundet, nur die Küche. Kann sein, dass sie deshalb den Mann, der ihr seine Liebe erklärt, Hundescheiße schenkt, mit Schleife und Geschenkpapier. Kann aber auch sein, dass Martin Crimp den Tag davor in einen Haufen getreten war.

Gestorben wird hässlich

von Tobias Krone

Jena, 5. Mai 2016. Was Sterben ist, was Krieg unmittelbar mit der menschlichen Physis anstellt, in seinen Detonationen – diese Frage ist unserer Gegenwart post Afghanistan wieder nah. Und so fesselt schon der Botenbericht in der ersten Szene dieses Dramas: Das ganze Trauma der Gefechtssituation durchzuckt den Körper von Klara Pfeiffer, wenn sie vom siegreichen Helden Macbeth Kunde bringt. Und am Ende ihrer Schlachtenerzählung stirbt die Botin (Pfeiffer wird noch mehrfach an diesem Abend auch in anderen Nebenrollen Sterbeszenen haben, die sie stets in vortrefflicher Authentizität meistert).

Ich will einen großen Knall!

von Michael Isenberg

Jena, 28. Januar 2016. Und schon wieder ein Theaterstück über Pegida! Steckt mehr dahinter als platter Willen zur Aktualität (FAZ über "Maß für Maß" von Tilmann Köhler), fahrlässiger Analogiebildung (nachtkritik.de über "Der schwarze Obelisk" von Marco Štorman) und vor Ratlosigkeit ausbleibender Analyse (nachtkritik.de über "Fear" von Falk Richter)? Geht es hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema oder doch nur um ein Anreichern eines hinlänglich bekannten Stoffes mit ein bisschen montäglicher "Grusel-Peepshow" (DIE ZEIT)?

Der eindimensionale Prinz

von Frauke Adrians

Jena, 5. Februar 2015. Ohne Hamlet wird der "Hamlet" nichts. Anders gesagt: Eine Fehlbesetzung in der Titelrolle, und der Theaterabend ist fast schon gelaufen. Diese Erkenntnis hat bereits viele Regisseure ereilt, und auch den Gebrüdern Schönecker bleibt sie am Theaterhaus Jena nicht erspart. Ihr Hauptdarsteller füllt die Rolle nicht aus; und Moritz Schöneckers Inszenierung rappelt recht tönern in der übergroßen Hamlet-Hülle.

Tango zu dritt

von Frauke Adrians

Jena, 12. November 2014. Sie sind zwei von denen, die auszogen, ihr Glück zu machen: die Brüder Ivan, 30, und Oleg, 25. Jetzt kampieren sie auf einer aufgegebenen Baustelle im reichen Westen, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Aussicht auf einen Job. Bis die Ärztin Petra, 40, sie aufstöbert. Was folgt, ist ein ungutes Dreiecksverhältnis, zusammengehalten von Abhängigkeit, Berechnung, Lügen, Schuldgefühlen, Missgunst und Gier. Zu besichtigen auf der Unterbühne des Theaterhauses Jena.

Schoiße nochmal!

von Christian Baron

Jena, 10. Juli 2014. So durchgeknallt, wie Benjamin Mährlein die Titelfigur darbietet, hätte sich wohl auch der Autor seinen Protagonisten vorgestellt: Vater Ubu, 1896 von Alfred Jarry entworfen als zutiefst vulgärer Fettsack, der alle negativen Eigenschaften in sich vereint, die einem Menschen nur zugeschrieben werden können. Benjamin Mährlein ist kaum zu erkennen in einem überdimensionierten Fatsuit, mit langen, fettigen Haaren. Sein begeistertes Spiel trägt Moritz Schöneckers Inszenierung von der ersten Minute an, in der er sich, noch Hauptmann der Dragoner und militärischer Berater von König Wenzeslas, mit irrem Blick von Mutter Ubu (Johanna Berger) überreden lässt, den amtierenden König zu massakrieren, um sich selbst auf den Thron zu putschen.

 

Der Kampf um die Kreditkarte

von Christian Baron

Jena, 24. Januar 2014. Dieses verdammte phallokratische System. Bringt eine Macho-Welt hervor, die den Frauen im Weg steht. Soviel ist klar in Moritz Schöneckers Inszenierung des auf Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" basierenden "Nora (Dollhouse)". Rebecca Gilman verlegt die Handlung in das Chicago des Jahres 2004. Nora (Lena Vogt) und Terry Helmer (Matthias Zera) sind ein junges Ehepaar, das in dem wohlhabenden Stadtteil Lincoln Park lebt. Sie ist dreifache Mutter und shoppingsüchtiges Heimchen am Herd ohne Karrieredrang, er erfolgreicher Bankangestellter mit winkender Beförderung und ostentativem Drang zur paternalistischen Gängelung seiner Gattin.

Die Ironie-Terroristen

von Christian Baron

Jena, 24. Oktober 2013. Drollig sieht er aus, der im urbayerischen Kostüm steckende Yves (Yves Wüthrich), wie er betont unbeholfen einen Unbekannten homoerotisch antanzt. Derweil vergnügen sich seine Kolleginnen auf der Fete wahlweise in ausgeleierter Disney-Mütze oder glitzerbuntem Top und schreien und zappeln und feiern ihren Alltagsfrust wochenendlich heraus. Man grölt Schlager-Songs mit einer ironischen Distanz, die zeigen soll, dass man zwar, wie etwa Mathias (Mathias Znidarec), in einem Shirt mit "Bauer sucht Frau"-Aufdruck auf der hippen Bad-Taste-Party erscheint, aber zu Hause stets Adorno statt Lustigem Taschenbuch liest.

Russisch mit Akzent

von Hartmut Krug

Jena, 11. Juli 2013. Der Kampfplatz zwischen Gut und Böse, auf dem in Bulgakows Roman um den Sinn der moralischen Existenz des Menschen gerungen wird, ist auf der breiten Spielfläche vor dem Theaterhaus Jena von Verkaufsstellen begrenzt. Zwar prangt von einer Projektionswand ein Zwiebelturm-Kirchenensemble, doch die Verkaufswerbungen, Öffnungszeiten auf Deutsch, aber auch kyrillische Buchstaben und das internationale "Sale"-Schild zeigen, dass es in der Bulgakow-Version des jungen Regieduos Moritz Schönecker/Johanna Wehner nicht mehr nur um das alte stalinistische Russland geht. Sondern um die Vorstellungen und Bilder, die wir uns von ihm machen.

Varieté mit Verflixtheiten

von Christian Baron

Jena, 30. Mai 2013. Eva Braun spricht diesen bösen Satz mit der engelsreinen Virginität eines Chormädchens: "Das ist mein Freund Alfred. Der kann Black Face, da liegt ihr am Boden!" Theaterpolizist Schott setzt ein moralinsaures Claudia-Roth-Gesicht auf und zeigt sich ganz und gar nicht begeistert: "Black Face … Das ist irgendwie rassistisch". "Wir werden Schwierigkeiten mit der politischen Verflixtheit bekommen", pflichtet ihm Varieté-Betreiber Meyer energisch bei, wobei er jedoch flugs wieder zu seinem Geschäftssinn zurückfindet: "Andererseits brauchen wir Geld". Eine Szene, exemplarisch für diesen bizarren Abend; der Blick in die Zuschauerreihen nämlich offenbart, dass einige herzhaft lachen, während andere die Pointen mit steinerner Miene hinnehmen.

Time to say Goodbye

von Christian Baron

Jena, 18. April 2013. Auf die naheliegenden Ideen kommt man selten. Da fristen zwei prominente Texte jahrzehntelang nebeneinander ein Dasein, ohne dass jemand ihre Verbindungen offenlegt; der eine – Shakespeares "Titus Andronicus" – als unreifes Splatterspektakel abgetan, der andere – Kafkas "Brief an den Vater" – als tiefenpsychologischer Schlüssel zum Werk des Prager Dichters gefeiert. Beide literarische Zeugnisse ihrer Epoche, in ihrer Behandlung (Shakespeare explizit-blutig und Kafka reflektiert-neurotisch) unterschiedlich, in ihrer Thematisierung des Vater-Sohn-Konfliktes aber vereint. Ein reichlich diffiziles Verhältnis, weshalb allein schon Christopher Rüpings Versuch, daraus eine stimmige Inszenierung zu kreieren, Anerkennung verdient.

Hysterie in Formvollendung

von Ralph Gambihler

Jena, 1. November 2012. Wenn es die Mutter gar nicht mehr aushält, wenn sie emotional überkocht in ihrem Elend, was an diesem Abend am Theaterhaus Jena mehr als einmal passiert, flieht sie an den Wort-Enden in Belcanto. Die Stimme flattert dann opernhaft auf. Kurz und scharf ist dieses Vibrato der Verzweiflung, das aber sogleich wieder gefriert, weil der nächste unerfreuliche Satz ansteht und mit hysterischer Mütterlichkeit herausgeschleudert werden will.

Im Leichensack ins Paradies

von Christian Baron

Jena, 26. Oktober 2012. Von zahlreichen Inszenierungen der Stücke Samuel Becketts ist überliefert, dass weite Teile des Publikums bereits zur Pause das Theater schon wieder verließen. Wie gut, dass es in der neunzigminütigen Uraufführung von Prem Kavis und Alexej Schipenkos "Ich bedanke mich für alles" keine Pause gibt, denn das in Jena dargebotene Spektakel ist eine besonders abstruse Demonstration des absurden Theaters. Das wiederum vermag kaum zu überraschen, hat das Theaterhaus doch seine gerade eröffnete Spielzeit mit dem Motto "Die Zeit wird kommen" überschrieben – eine Anlehnung an den Maya-Kalender, der den diesmal wirklich absolut endgültigen Weltuntergang auf den 21. Dezember 2012 datiert.

altDer Mensch und sein Monster

von Christian Baron

Jena, 12. Juli 2012. Es ist vorbei. Zunächst verhaltener Applaus schwillt an und kulminiert schließlich in stehenden Ovationen für die Akteure, denen der Kraftakt einer mehr als zweistündigen Freiluft-Aufführung von Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" gelungen ist. Das gesamte Ensemble des Theaterhauses Jena und gut sechzig Statisten haben den Theatervorplatz dafür in eine bunte Freakshow verwandelt.

altEs ist Deutschland hier

von Christian Baron

Jena, 29. März 2012. Viele Theater in Deutschland scheuen die direkte Verbindung der Hochkultur mit der Soziokultur. Zu Unrecht, denn was dabei im besten Sinne Produktives herauskommen kann, zeigt nun das Theaterhaus Jena in dem von Claudia Grehn federführend entwickelten Rechercheprojekt "My heart will go on", das in Kooperation mit der Flüchtlingshilfeorganisation "The Voice" amüsant und fesselnd zugleich die Schicksale einzelner in Thüringen (noch) geduldeter Flüchtlinge zu einer stimmigen Story zusammenführt.

Donald Duck im atomaren Endlager

von Christian Baron

Jena, 14. März 2012. Kann Komik ernsthafte Inhalte vermitteln? Wer das turbulente Treiben auf der Großen Bühne des Theaterhauses Jena in Niklaus Helblings als "radioaktive Roadshow" apostrophierter Inszenierung mit dem Titel "Fall Out Girl" erlebt, kann gar nicht anders, als diese Frage heftig zu bejahen. Mit allerlei Songs, diversen Videos und reichlich verqueren Stories im Gepäck zieht die titelgebende Heldin (Antonia Labs) hier durchs Thüringer Land. In Ihrem Schlepptau befindet sich stets der abgehalfterte Comichändler Bartleby (Johannes Geißer).

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Im Rausch der Verzweiflung

von Christian Baron

Jena, 8. Februar 2012. Wer sich ohne Vorwissen über Leben und Werk Thomas Braschs auf dieses Experiment einlässt, wird wohl stellenweise ein anderes Stück sehen. "Ich komme aus meiner Haut. Sieben Tage Doppelmord" erschließt sich dem uninformierten Zuschauer wahrscheinlich schwer – oder zumindest anders. Jungregisseur Roman Schmitz unternimmt an der Unterbühne des Theaterhauses Jena zusammen mit Hannah Speicher (Textauswahl) und Jonas Zipf (Dramaturgie) gar nicht erst den Versuch, dieser Aneinanderreihung von Texten aus der Feder und dem Archiv des 2001 verstorbenen Literaten und Filmemachers Thomas Brasch einen Spannungsbogen oder eine selbsterklärende Verständlichkeit zu verleihen. Was man durchaus kritisch sehen kann. Einerseits.

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Teufel aus der Tonne

von Ralph Gambihler

Jena, 24. November 2011. Das Theaterhaus Jena liegt, wie könnte es anders sein, im Schillergässchen 1, nur wenige Meter von Schillers Gartenhaus entfernt. Den Kotau in diese Richtung spart sich die neue Mannschaft am Theaterhaus Jena aber - und kommt gleich mit Goethes "Faust" zur Sache, so dass es ein wenig so aussieht, als habe die frisch angetretene, im Durchschnitt 28 Jahre junge Mannschaft unter dem neuen künstlerischen Leiter Moritz Schönecker die Weimarer Klassik schon mit der ersten Premiere abgehakt. Andererseits hatte das in Nachwendezeiten vor 20 Jahren gegründete Theaterhaus, das mit unkonventionellen Konzepten zu einem der interessantesten und kreativsten Häuser in Ostdeutschland wurde, bislang ein durchaus entspanntes Verhältnis zur Weimarer Klassik. Warum sollte sich das nun ändern?

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Die Komik des Verschwindens

von Tobias Prüwer

Jena, 3. März 2011. Hotels sind Transitorte. Wenn sie auch nicht ganz so zugig und ungemütlich wie Bahnhofshallen oder Flughäfenterminals anmuten, so bleiben sie Durchgangsstationen, in denen man sich nicht heimelig einrichten mag. Einen passenden Ort also stellt das Hotel dar, um nach dem Zuhausesein zu fragen in einer Zeit, der nachgesagt wird, man müsse permanent räumlich wie charakterlich unterwegs sein, um zu bestehen.