Ich will einen großen Knall!

von Michael Isenberg

Jena, 28. Januar 2016. Und schon wieder ein Theaterstück über Pegida! Steckt mehr dahinter als platter Willen zur Aktualität (FAZ über "Maß für Maß" von Tilmann Köhler), fahrlässiger Analogiebildung (nachtkritik.de über "Der schwarze Obelisk" von Marco Štorman) und vor Ratlosigkeit ausbleibender Analyse (nachtkritik.de über "Fear" von Falk Richter)? Geht es hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema oder doch nur um ein Anreichern eines hinlänglich bekannten Stoffes mit ein bisschen montäglicher "Grusel-Peepshow" (DIE ZEIT)?

Der eindimensionale Prinz

von Frauke Adrians

Jena, 5. Februar 2015. Ohne Hamlet wird der "Hamlet" nichts. Anders gesagt: Eine Fehlbesetzung in der Titelrolle, und der Theaterabend ist fast schon gelaufen. Diese Erkenntnis hat bereits viele Regisseure ereilt, und auch den Gebrüdern Schönecker bleibt sie am Theaterhaus Jena nicht erspart. Ihr Hauptdarsteller füllt die Rolle nicht aus; und Moritz Schöneckers Inszenierung rappelt recht tönern in der übergroßen Hamlet-Hülle.

Tango zu dritt

von Frauke Adrians

Jena, 12. November 2014. Sie sind zwei von denen, die auszogen, ihr Glück zu machen: die Brüder Ivan, 30, und Oleg, 25. Jetzt kampieren sie auf einer aufgegebenen Baustelle im reichen Westen, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Aussicht auf einen Job. Bis die Ärztin Petra, 40, sie aufstöbert. Was folgt, ist ein ungutes Dreiecksverhältnis, zusammengehalten von Abhängigkeit, Berechnung, Lügen, Schuldgefühlen, Missgunst und Gier. Zu besichtigen auf der Unterbühne des Theaterhauses Jena.

Schoiße nochmal!

von Christian Baron

Jena, 10. Juli 2014. So durchgeknallt, wie Benjamin Mährlein die Titelfigur darbietet, hätte sich wohl auch der Autor seinen Protagonisten vorgestellt: Vater Ubu, 1896 von Alfred Jarry entworfen als zutiefst vulgärer Fettsack, der alle negativen Eigenschaften in sich vereint, die einem Menschen nur zugeschrieben werden können. Benjamin Mährlein ist kaum zu erkennen in einem überdimensionierten Fatsuit, mit langen, fettigen Haaren. Sein begeistertes Spiel trägt Moritz Schöneckers Inszenierung von der ersten Minute an, in der er sich, noch Hauptmann der Dragoner und militärischer Berater von König Wenzeslas, mit irrem Blick von Mutter Ubu (Johanna Berger) überreden lässt, den amtierenden König zu massakrieren, um sich selbst auf den Thron zu putschen.

 

Der Kampf um die Kreditkarte

von Christian Baron

Jena, 24. Januar 2014. Dieses verdammte phallokratische System. Bringt eine Macho-Welt hervor, die den Frauen im Weg steht. Soviel ist klar in Moritz Schöneckers Inszenierung des auf Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" basierenden "Nora (Dollhouse)". Rebecca Gilman verlegt die Handlung in das Chicago des Jahres 2004. Nora (Lena Vogt) und Terry Helmer (Matthias Zera) sind ein junges Ehepaar, das in dem wohlhabenden Stadtteil Lincoln Park lebt. Sie ist dreifache Mutter und shoppingsüchtiges Heimchen am Herd ohne Karrieredrang, er erfolgreicher Bankangestellter mit winkender Beförderung und ostentativem Drang zur paternalistischen Gängelung seiner Gattin.

Die Ironie-Terroristen

von Christian Baron

Jena, 24. Oktober 2013. Drollig sieht er aus, der im urbayerischen Kostüm steckende Yves (Yves Wüthrich), wie er betont unbeholfen einen Unbekannten homoerotisch antanzt. Derweil vergnügen sich seine Kolleginnen auf der Fete wahlweise in ausgeleierter Disney-Mütze oder glitzerbuntem Top und schreien und zappeln und feiern ihren Alltagsfrust wochenendlich heraus. Man grölt Schlager-Songs mit einer ironischen Distanz, die zeigen soll, dass man zwar, wie etwa Mathias (Mathias Znidarec), in einem Shirt mit "Bauer sucht Frau"-Aufdruck auf der hippen Bad-Taste-Party erscheint, aber zu Hause stets Adorno statt Lustigem Taschenbuch liest.

Russisch mit Akzent

von Hartmut Krug

Jena, 11. Juli 2013. Der Kampfplatz zwischen Gut und Böse, auf dem in Bulgakows Roman um den Sinn der moralischen Existenz des Menschen gerungen wird, ist auf der breiten Spielfläche vor dem Theaterhaus Jena von Verkaufsstellen begrenzt. Zwar prangt von einer Projektionswand ein Zwiebelturm-Kirchenensemble, doch die Verkaufswerbungen, Öffnungszeiten auf Deutsch, aber auch kyrillische Buchstaben und das internationale "Sale"-Schild zeigen, dass es in der Bulgakow-Version des jungen Regieduos Moritz Schönecker/Johanna Wehner nicht mehr nur um das alte stalinistische Russland geht. Sondern um die Vorstellungen und Bilder, die wir uns von ihm machen.